Dienstag, 23. Mai 2017

Esoterik und Intelligenz: Ein "Pöbler" sinniert


Eine durch und durch esoterische Glosse

Bei spektrum.de habe ich vor einigen Tagen einen interessanten Text zu einem wissenschaftlich leider noch nicht abschließend geklärten Thema gelesen, in dem es heißt:

Sind Menschen mit höherem Intellekt tendenziell eher Atheisten? Mit dieser Hypothese haben sich Forscher und Denker schon von der Antike bis ins Internetzeitalter herumgeschlagen, und so stehen Edward Dutton vom Ulster Institute for Social Research und Dimitri Van der Linden von der Erasmus-Universität Rotterdam in guter Tradition: Die beiden Sozialwissenschaftler veröffentlichten jetzt in "Evolutionary Psychological Science" ihrer neuen Versuch, Erklärungen für die negative Korrelation von Religiosität und Intelligenz zu finden, die immer wieder in historischen Aufzeichnungen auftaucht und durch allerlei Erhebungen gestützt wird.

Beim Lesen dieses witzigen, empfehlenswerten Textes musste ich unwillkürlich an meine besten Freunde aus der Eso-Filterblase von "Jenseits der Realität" denken, die unentwegt weitere Indizien für diese sehr alte These nachliefern. Wer dort gelegentlich mal hineinschaut und all die meist unkommentierten Verlinkungen oder gar Übernahmen aus anderen Quellen – seien es nun esoterische oder politische – außen vor lässt, kann schnell erkennen, dass intelligente Menschen eher selten esoterischen Wahnvorstellungen anhängen. Eine dieser Ausnahmen ist Herr Plattfuß, der sich aus mir unbekannten Gründen devot in den Dienst dieser Betgeschwister gestellt hat – wobei ich mir angesichts seiner gruseligen "Ausflügen in die Poesie", die einem Literaturwissenschaftler regelmäßig fiese nekromantische Geschwüre im Gehirn bescheren, nicht ganz sicher bin, ob hier die Intelligenz oder doch bloß die literarische Kompetenz vorgetäuscht ist. Aber das mag einjede/r selbst entscheiden.

Ein besonders herausragendes Beispiel für die im Raum stehende These ist indes Roland Faulfuß, dessen Texte sich zuweilen so lesen, als sei beispielsweise ein für jeden erkennbar denkbefreiter Mensch wie Lapuente endlich seinem "Schicksal" [sic!] gefolgt und in ein SPD-Kloster gegangen, um dem sozialdemokratischen, verrottenden Spaghettimonster demütig zu huldigen. Faulfuß (nomen est omen) befindet sich schon längst in einem solchen intelligenzfeindlichen Hort der Dumpfheit, und er entblödet sich nicht, Kritiker inzwischen gar als "Pöbelblogger" zu bezeichnen (einen Direktlink zum Kommentar gibt's bei den Esos nicht). Das lässt tief blicken – auch wenn es wohl kaum (intelligente) Menschen gibt, die in eine solche schauderliche Grube blicken möchten.

Der Aberglaube gehört zum Wesen des Menschen und flüchtet sich, wenn man ihn ganz und gar zu verdrängen denkt, in die wunderlichsten Ecken und Winkel, von wo er auf einmal, wenn er einigermaßen sicher zu sein glaubt, wieder hervortritt.

(Johann Wolfgang von Goethe, aus: "Wilhelm Meisters Wanderjahre", 1807/29)

Nun kann man trefflich darüber streiten, ob der offenbar nicht ganz so intelligente Faulfuß mit diesem liebevollen Begriff des "Pöbelbloggers" schlicht "das Pöbeln" oder vielleicht doch eher "den Pöbel" gemeint haben mag – ich weiß also nicht, ob ich aus seiner Sicht ein "pöbelnder Blogger" oder doch bloß ein Teil des "bloggenden Pöbels" bin, oder ob er diesen, äh, kleinen Unterschied gar nicht macht bzw. versteht. Daher werde ich einfach weiter "pöbeln" und mich parallel dem "plebs" zugehörig fühlen, während im stumpfsinnigen Eso-Kuckucks-Land unbeirrt ganz munter weiter an der evolutionären Ausrottung der Intelligenz gearbeitet wird.

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Die treusorgende Glucke


"Und sie breitete ihre Fittiche schützend über sie."

(Zeichnung von Max Radler [1904-1971], in: "Der Simpl", Nr. 8 vom Juli 1946)

Samstag, 20. Mai 2017

Song des Tages: The Dragonborn Comes




(Jeremy Soule: "The Dragonborn Comes", aus dem Soundtrack zu dem Spiel "The Elder Scrolls V: Skyrim", 2011; Coverversion des Swedish Radio Symphony Orchestra, Gesang: Sabina Zweiacker, 2016)

Our hero, our hero claims a warrior's heart
I tell you, I tell you, the Dragonborn comes
With a voice wielding power of the ancient nord art
Believe, believe, the Dragonborn comes

It's an end to the evil, of all Skyrim's foes
Beware, beware, the Dragonborn comes
For the darkness has passed and the legend yet grows
You'll know, you'll know the Dragonborn's come.

Dovahkiin, dovahkiin
naal ok zin los vahriin
wah dein vokul mahfaeraak ahst vaal!
Ahrk fin norok paal graan
fod nust hon zindro zaan
dovahkiin, fah hin kogaan mu draal!


A battle, a battle brought on Dragonwing
Not far, not far, the Dragonborn comes
And all will be measured, both coward and King
I know, I know, the Dragonborn comes


Donnerstag, 18. Mai 2017

Hartz-Terror: Ich bin ein Krimineller


Ich bin ein Krimineller. Das jedenfalls legt mir der jüngste Bescheid des "Jobcenters" nahe, das dafür zuständig ist, meinen viel zu geringen Arbeitslohn aufzustocken, damit ich von der erwirtschafteten Summe auch "leben" kann. Konkret geht es hierum:



Diese Passage bedeutet, dass die Behörde im Dezember 2016 offensichtlich einen Fehler gemacht und sich trotz der vorgelegten Unterlagen bei der Berechnung des "Aufstockungsbetrages" verrechnet hat. Das kann ja mal vorkommen. Nun ist dies nach staatlicher Auffassung aber selbstredend kein Behördenfehler, sondern ein kriminelles Verhalten des bösen Charlie, der den Rechenfehler böswillig und in eindeutig krimineller, eigennütziger Art und Weise nicht unverzüglich "gemeldet" hat.

Das kafkaeske Schreiben umfasst inklusive des "neuen" Bescheides und eines "Anhörungsbogens", den man ansonsten eigentlich nur aus dem Strafrecht kennt, insgesamt 15 (in Worten: fünfzehn) Seiten. Nun darf man sich gerne ausmalen, wieviel die Erstellung (Arbeitszeit der beteiligten "Sachbearbeiter"), der Ausdruck und der Versand dieser 15 Seiten wohl gekostet haben mag – die Folgekosten berücksichtige ich lieber gar nicht. Ich komme da auch bei einer kurzen Überlegung auf einen Betrag, der deutlich über 42,60 € liegt – aber das ist in einem bizarren Land wie Kapitalistan völlig unerheblich, denn hier geht es in sozialen Fragen nicht um "Kostenersparnisse", sondern um ein möglichst asoziales, menschenfeindliches Verhalten, um betroffene Menschen einzuschüchtern, zu schikanieren, zu verarmen und zu kriminalisieren. Entsprechend endet das behördliche Schreiben auch nicht mehr mit der – sogar in Jobcenter-Kreisen – ansonsten üblichen Floskel "Mit freundlichen Grüßen", sondern nur noch mit dem Hinweis "Im Auftrag".

Nun darf ich mich also darauf einstellen, zukünftig mit 7,10 € weniger im Monat auskommen und einmalig einen Abzug von 42,60 € verkraften zu müssen. Was sich für einen halbwegs gut verdienenden Menschen vielleicht wie eine Lappalie anhört, ist für einen "grundgesicherten" Menschen ein großes, existenzielles Problem, denn hier zählt jeder Cent. Wenn man in der Mitte des Monats im Supermarkt steht und abwägt, ob man sich den Blumenkohl, der momentan fast doppelt so teuer ist wie noch vor einem Jahr, leisten sollte, wird das Problem deutlich sichtbar.

Selbstverständlich sind für diese faschistoiden Entwicklungen in erster Linie Gerhard Schröder und seine BandenkumpanInnen von der SPD und den Grünen verantwortlich. Man sollte aber nicht vergessen, dass auch zuvor den Ärmsten stets die strengste staatliche Gewalt ins Gesicht geschmettert wurde und das auch heute nach wie vor der Fall ist, während Steuerbetrüger aus der "Elite" weiterhin als "Sünder" verharmlost und "notleidende" Banken mit Milliarden "gerettet" werden und generell den Superreichen das Geld, das dem Rest der Bevölkerung erbarmungslos aus dem blutigen Fleisch geschnitten wird, überbordend in den Anus geschoben wird. Die Gangart wurde von den "Genossen" deutlich verschärft (und es ist hier kein Ende abzusehen), die Richtung aber war stets dieselbe. Wer sich von der CDU, FDP oder gar der AfD [*glucks*] Linderung erhofft, gehört in die geschlossene Psychiatrie.

Nun bin ich also ein Verbrecher. Ich möchte lieber gar nicht wissen, ob ich vom LKA schon überwacht werde – es ist ja gar nicht auszudenken, welche maßlosen materiellen Schäden ich der Bunten Republik Deutschland zufügen könnte, wenn ich auch weiterhin meinen kriminellen Beschäftigungen nachginge und den Steuerzahler um horrende 7,10 € monatlich betröge, ohne es zu wissen. Wäre Kafka seinerzeit nicht krankheitsbedingt gestorben, würde er heute wohl freiwillig von jeder sich anbietenden Brücke springen, um dem sich ausweitenden Irrsinn zu entkommen. – Ich folge ähnlichen Gedanken.

P.S.: Wie man in einem auf Textbausteinen basierten System, in das man als Anwender nur wenige Worte einfügen muss, dennoch so viele Rechtschreibfehler unterbringen kann, wird wohl das Geheimnis der "Jobcenter-Experten" bleiben.

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Putting A Propagandist Under Arrest



(Gemälde von Ilja Jefimowitsch Repin [1844-1930] aus den Jahren 1880/92, Öl auf Leinwand, Tretjakow-Galerie, Moskau, Russland)

Zitat des Tages: Der Große Bär


In unvorstellbarer Größe erstrahlt
das Sternbild des Großen Bären
als Zeichen göttlicher Allgewalt
herab aus unendlichen Sphären.

"O Großer Bär", sprach ich grüblerisch,
"wie groß man Dich auch erfunden,
einen zehnmal größeren Bären als Dich
hat man uns aufgebunden."

(Walter Bemmer [1913-19??]: "Der Große Bär", in: "Der Simpl", Nr. 9 vom Juni 1947)

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(www.dravenstales.ch)

Mittwoch, 17. Mai 2017

Kampfpanzer vom Trödelmarkt


Bei meiner täglichen Nachrichtenlektüre stoße ich unentwegt auf bizarre Meldungen, die aus einem höllengleichen Paralleluniversum stammen müssen. Vor einigen Tagen war das wieder einmal der Fall, als ich bei n-tv diesen Bericht entdeckte, in dem es heißt:

Die Bundeswehr soll auf Weisung aus dem Verteidigungsministerium die Zahl ihrer Kampfpanzer in den kommenden Jahren um ein Drittel aufstocken. Um dieses Ziel zu erreichen, kauft das Bundesamt für Ausrüstung der Bundeswehr nun vom Hersteller alte [gebrauchte, Anm.d.Kap.] Panzer und noch brauchbare Fahrgestelle auf.

Einerseits war mir bislang gar nicht bekannt, dass es in Deutschland eine kafkaeske Behörde namens "Bundesamt für Ausrüstung der Bundeswehr" gibt, die zudem gegenüber dem Kriegsministerium weisungsgebunden ist – man lernt doch nie aus in diesem Orwell'schen Dschungel der Abscheulichkeiten. Wer "arbeitet" denn dort und inwiefern sind Rüstungskonzerne involviert? Andererseits fragte ich mich beim Lesen, wofür in des Teufels Namen diese – laut Grundgesetz einzig zur Verteidigung bestimmte – Armee Kampfpanzer [sic!] benötigt? Steht "der Russe" schon vor den Toren Berlins oder hat im Westen gar die französische Streitmacht unbemerkt den Rhein überquert? Droht eine belgische Invasion oder hat "uns" Österreich den Krieg erklärt? Was soll der Quatsch? Was will die Bundeswehr mit Kampfpanzern?

Zudem wirft der wie immer extrem oberflächliche und lückenhafte Bericht eine Menge weiterer Fragen auf: Wieso werden "gebrauchte" Panzer (für schlappe 760 Millionen Euro Steuergelder) gekauft und sodann (für einen unbekannten bzw. schlichtweg nicht genannten Betrag) "aufgerüstet"? Ist das tatsächlich "billiger" als die Anschaffung von "Neuware"? Zu welchen Bedingungen hat der Rüstungskonzern Krauss-Maffei Wegmann (KMW) seinerzeit die Panzer von der Bundeswehr "zurückgenommen" und weshalb befinden die alten Karren sich auch nach Jahrzehnten immer noch (oder wieder?) in dessen Besitz?

Man weiß so wenig. – Die profitgeilen Asozialen von KMW dürften indes erneut die Champagnerkorken knallen lassen, denn die sprudelnden Gewinne aus dem Füllhorn der Steuerkasse sind damit einmal mehr garantiert. Mordinstrumente in einem Mördersystem machen's möglich – Halleluja!

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Der müde Tod


"Auch ich bin für ruhigere Zeiten!"

(Zeichnung von Otto Nückel [1888-1955], in: "Der Simpl", Nr. 2 vom Januar 1947)

Dienstag, 16. Mai 2017

Drogen oder Gewalt: Schlips-Borg vs. Arbeitslose


Australien ist weit entfernt. Und doch bietet auch dieses kapitalistisch verseuchte Land immer mal wieder Beispiele an, wie man ganz besonders asoziale, menschenfeindliche Politik machen kann, die über das übliche Maß der faschistischen Perversion noch hinausgeht – die Schlips-Borg der hiesigen Katastrophenverwaltung nehmen das sicher sehr wohlwollend und begierig lernend zur Kenntnis. Bei n-tv war kürzlich zu lesen:

Wer staatliche Zuwendungen bekommt, soll sie nicht in Drogen investieren. Deswegen starten die Behörden in Australien ein Pilotprojekt: Wer sich arbeitslos meldet, muss zum Drogentest. Wenn der Test positiv ist, gibt es nur noch bargeldlose Unterstützung.

Das muss man sich, wie so oft im finsteren Kapitalistan, auf der Zunge zergehen lassen. Wer am Boden liegt, bekommt nun auch in Australien erst einmal einen deftigen Tritt mit Schmackes in die Fresse, während zugekokste Banker und Politiker, die genau diese Vorgehensweise beschlossen haben, weiterhin das Geschick der Welt bestimmen. Ich brülle mir lachend die Seele aus dem Hals, wenn ich so einen abgrundtief menschenfeindlichen Bockmist lesen muss.

Zunächst ist natürlich zu fragen, ob zwangsverarmte Menschen, die kaum genug Geld haben, um sich halbwegs gesund zu ernähren, überproportional auch Konsumenten von teuren Drogen sind. Ich denke, dass allein die Logik hier schon weiterhilft und dem geneigten Leser nahelegt, dass Sozialhilfeempfänger – ganz im Gegensatz zu Bankstern und Politkrimininellen – eher weniger Geld für teure Drogen zur Verfügung haben. Die Asozialität dieser Denkweise wird also sofort offensichtlich.

Gleichzeitig wird hier ein generelles Phänomen in den Fokus gerückt: Es ist keine neue Erkenntnis, dass der Rausch ein essenzielles Faktum fast jeder menschlichen Gemeinschaft ist – sei es nun eine abgeschottete Gruppe indigener Menschen in Südostasien oder eine Kleinstadt in Irland oder Westfalen. Nach kapitalistischer Unlogik wird das "Recht auf Rausch" von der Obrigkeit aber nur jenen zugestanden, die über entsprechend viel Geld verfügen – allen anderen wird es rigoros verwehrt.

Wieso kommt eigentlich niemand auf die Idee, nach Drogentests in Banker- und Politikerkreisen zu fragen? Und was sollte "schlimm" daran sein, wenn beispielsweise ein Arbeitsloser, der keine Perspektive in diesem System und entsprechend keine kapitalistische Zukunft mehr besitzt, anstelle von Bohnen und Kartoffeln gelegentlich mal eine "funny cigarette" raucht, um das triste, gruselige Dasein etwas zu versüßen? Ich persönlich leiste mir das nicht – aber ich kann jeden verstehen, der das anders handhabt.

Aber wir befinden uns nicht im Paradies, sondern in Deutschland – und hier wird wie gewohnt nicht das Beste, sondern das Allerschlimmste in die Tat umgesetzt: Australien ist in diesem Fall ein guter Wegweiser der korrupten Bande, für die arbeitslose, arme, kranke und alte Menschen ein auszumerzendes, unproduktives Gräuel sind. Im Text heißt es dazu:

Das Projekt solle Menschen helfen, die bestmögliche Chance auf einen Arbeitsplatz zu erhalten, betonte Sozialminister Christian Porter. Es gehe um eine Verhaltensänderung.

An diesem Punkt muss ich mich entscheiden, ob ich mir voller Wonne 10 Liter Aldi-Schnaps in den Schädel schütte (ich trinke nie Schnaps) oder doch lieber die verantwortlichen Schlips-Borg – langsam und genüßlich – ermorde. Eine Verhaltensänderung dürfen solche Leute aber durchaus erwarten: Ich bin Pazifist und verabscheue Gewalt in jeder Form – hier stoße ich allerdings an meine Grenzen. Die Wahl zwischen Drogen und Gewalt ist in diesen untergehenden, verfaulenden Zeiten wahrlich nicht einfach.

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Das Haus des Henkers


(Zeichnung von Otto Nückel [1888-1955], in: "Der Simpl", Nr. 15 vom Dezember 1946)

Samstag, 13. Mai 2017

Wahlzirkus: Wenn der Irrsinn zweimal klingelt


Das Wahltheater nimmt immer groteskere Ausmaße an. Die zwangsgebührenfinanzierte Propagandapresse überschlägt sich in den Bemühungen, dem bedeutungslosen Zirkus einen staatstragenden Wert zu verpassen. Angesichts der bevorstehenden, völlig redundanten Landtagswahl in NRW kennt der Irrsinn kein Grenzen mehr. Exemplarisch möchte ich auf diesen hirntötenden Text vom WDR hinweisen, der vom Autor Sebastian Döring oder irgendwelchen zugekoksten PraktikantInnen mit dem sagenhaften Titel versehen wurde: "Wenn das Volk nicht herrschen will".

Ich erspare mir und allen Mitlesenden Zitate aus diesem Dokument des Wahnsinns – wer das lesen möchte und über ein stählernes Nervenkostüm verfügt, mag den obigen Link anklicken; alle anderen sollten das tunlichst vermeiden. Ich bin mir ziemlich sicher, dass Döring selber nicht an den Schmonzes glaubt, den er da in die Welt posaunt – so dumm dürfte sogar ein Lapuente nicht sein (obwohl ich in dieser Hinsicht doch eher unentschlossen bin). Oder gibt es abgesehen von irgendwelchen Hohlbirnen, die CDU, SPD, Grüne, FDP, AfD oder die Linkspartei wählen, noch zusätzliche Deppen, die allen Ernstes glauben, dass die "Parteiendemokratie" die "Herrschaft des Volkes" bedeute? Ich vermag mir eine solche intellektuelle Obszönität nicht auszumalen.

Da wage ich gar nicht mehr die Frage zu stellen, ob es überhaupt erstrebenswert ist, dass irgendeine Partei oder politische Gruppe den Rest der Bevölkerung "beherrscht". In der kapitalistischen Propaganda taucht diese ketzerische Frage natürlich nicht auf, denn selbstredend muss es in diesem System (sehr wenige) Herrschende und (sehr viele) Beherrschte samt willfährig leckenden Stiefelknechten geben. Das ist eine der Grundvoraussetzungen, damit Ausbeutung im großen Stil widerspruchs- und widerstandslos funktioniert.

Es ist doch offensichtlich, dass es völlig unerheblich ist, wie die "Wahl" am morgigen Sonntag ausgeht: Ob nun die asoziale SPD oder die unchristliche, noch asozialere CDU "gewinnt" und dabei von kriegsgeilen Grünen, kapitallechzenden "Liberalen", jogginghosenverpissten Deutschnationalen oder korrumpierten "Realos" der Linkspartei gestützt wird, ist ebenso wichtig wie die Frage nach der Farbe des Merkel'schen Hosenanzugs oder gar – man will das wirklich, wirklich nicht wissen – ihrer Unterwäsche. Das Ergebnis wäre stets dasselbe. Dennoch wird nach wie vor ein dümmliches Geschrei darum veranstaltet, als ginge morgen die Welt unter.

Selbstverständlich geht die Welt in der Tat viel schneller unter als sie es müsste – das liegt aber nicht am Ausgang des lächerlichen Wahltheaters, sondern am Kapitalismus.

Ich möchte auf den WDR-Text gar nicht weiter eingehen, da er sich selbst ad absurdum führt. Dennoch frage ich mich, welche Menschen diesen Stuss eigentlich noch glauben (sollen), der da munter verbreitet wird? Wie kann ein halbwegs denkfähiger Mensch auf den absonderlichen Gedanken kommen, ein Nichtwähler sei nicht an der "Herrschaft des Volkes" oder, besser formuliert, an humanistischen Prinzipien, die den Superreichen an den Kragen, an die Kasse und an die widerwärtigen Privilegien gehen, interessiert? Ich kann mir das nicht anders erklären, als dass hier ganz bewusst schäbige Propaganda betrieben wird. Mit strohgleicher Dummheit allein ist das jedenfalls nicht mehr nachvollziehbar.

Und trotzdem wird es am Sonntag wieder Sondersendungen und "Elefantenrunden" geben, in denen die beteiligten "Gewinner" und "Verlierer" der kapitalistischen Einheitspartei ihren schaurigen Sprachmüll in die Welt entlassen können, während sich an der katastrophalen Entwicklung – unter tatkräftiger, aktiver und stetiger Mithilfe eben jener korrupter Bande – einmal mehr nicht eine Nuance ändern wird.

Die Irrsinn klingelt sich tot.

Anmerkung am Rande: Ich bin meiner "Bürgerpflicht" natürlich nachgekommen und habe wild entschlossen eine linke Kleinstpartei gewählt – mit dem erfreulichen Wissen, dass ich genausogut auch einen stinkenden Kackhaufen im Garten hinterlassen haben könnte. Das wäre indes nicht anders gewesen, wenn ich mein Kreuz stattdessen bei einer Partei gemacht hätte, welche die ominöse Fünf-Prozent-Hürde voraussichtlicht meistern wird – es ist also, wie gewollt in diesem System, gehopst wie gesprungen. Der Kackhaufen bleibt – und stört niemanden.

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Die Wiederkehr der Gleichen


"Das neue Ministerium?! Die Physiognomien kommen mir alle so bekannt vor."

(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 14 vom 02.07.1928)

Song des Tages: Heaven's a Lie




(Lacuna Coil: "Heaven's a Lie", aus dem Album "Comalies", 2002)

Oh no,
Here it is again.
I need to know
When I will fall in decay.

Something wrong
With every plan of my life.
I didn't really realize that you've been here.

Dolefully desired,
Destiny a lie.

Set me free,
Your heaven's a lie.
Set me free with your love,
Set me free.

Oh no,
Here it is again.
I need to know
When did I choose to betray you?

Something wrong
With all the plans in my life.
I didn't realize that you've been here.


Donnerstag, 11. Mai 2017

Zitat des Tages: Kurt Schmidt, statt einer Ballade


Der Mann, von dem im weiteren Verlauf
die Rede ist, hieß Schmidt (Kurt Schm., komplett).
Er stand, nur sonntags nicht, früh 6 Uhr auf
und ging allabendlich Punkt 8 zu Bett.

10 Stunden lag er stumm und ohne Blick.
4 Stunden brauchte er für Fahrt und Essen.
9 Stunden stand er in der Glasfabrik.
1 Stündchen blieb für höhere Interessen.

Nur sonn- und feiertags schlief er sich satt.
Danach rasierte er sich, bis es brannte.
Dann tanzte er. In Sälen vor der Stadt.
Und fremde Fräuleins wurden rasch Bekannte.

Am Montag fing die nächste Strophe an.
Und war doch immerzu dasselbe Lied!
Ein Jahr starb ab. Ein andres Jahr begann.
Und was auch kam, nie kam ein Unterschied.

Um diese Zeit war Schmidt noch gut verpackt.
Er träumte nachts manchmal von fernen Ländern.
Um diese Zeit hielt Schmidt noch halbwegs Takt.
Und dachte: Morgen kann sich alles ändern.

Da schnitt er sich den Daumen von der Hand.
Ein Fräulein Brandt gebar ihm einen Sohn.
Das Kind ging ein. Trotz Pflege auf dem Land.
(Schmidt hatte 40 Mark als Wochenlohn.)

Die Zeit marschierte wie ein Grenadier.
In gleichem Schritt und Tritt. Und Schmidt lief mit.
Die Zeit verging. Und Schmidt verging mit ihr.
Er merkte eines Tages, dass er litt.

Er merkte, dass er nicht alleine stand.
Und dass er doch allein stand, bei Gefahren.
Und auf dem Globus, sah er, lag kein Land,
in dem die Schmidts nicht in der Mehrzahl waren.

So war's. Er hatte sich bis jetzt geirrt.
So war's, und es stand fest, dass es so blieb.
Und er begriff, dass es nie anders wird.
Und was er hoffte, rann ihm durch ein Sieb.

Der Mensch war auch bloß eine Art Gemüse,
das sich und dadurch andere ernährt.
Die Seele saß nicht in der Zirbeldrüse.
Falls sie vorhanden war, war sie nichts wert.

9 Stunden stand Schmidt schwitzend im Betrieb.
4 Stunden fuhr und aß er, müd und dumm.
10 Stunden lag er, ohne Blick und stumm.
Und in dem Stündchen, das ihm übrigblieb,
brachte er sich um.

(Erich Kästner [1899-1974]: "Kurt Schmidt, statt einer Ballade", in: "Ein Mann gibt Auskunft. Gedichte", mit Zeichnungen von Erich Ohser alias e.o. plauen, Deutsche Verlags-Anstalt 1930)


Mittwoch, 10. Mai 2017

Der redundante Einwurf (4): Mit I-Phone und Botox im Supermarkt


Eine (selbst erlebte) Gastglosse des Altautonomen

Ich stehe mit meiner Freundin und einem halbgefüllten Einkaufswagen im Supermarkt an der Kasse. Ein Teil unserer Waren liegt bereits auf dem Band. Vor uns hat eine ca. 45 Jahre alte Frau, groß, stabil, normal gekleidet, bereits die Bankkarte in der Hand, um zu bezahlen. Im Eingangsbereich hören wir zwei Hunde ohrenbetäubend und aggressiv bellen. Der freundliche Security-Typ, der sich an den Wochenenden hier immer die Beine in den Bauch stehen muss, lockert schon mal das Waffenholster (Gas, Schreckschuss?). Aufgeschreckte Markt-Mitarbeiterinnen laufen in Richtung Eingang.

Die Frau vor uns ruft ständig in den Hintergrund der Warenregalkulisse: "I-Phone!", "I-Phone, wo bist Du?" und "I-Phone, komm hier!" (nicht her). Dann rennt sie zum Ausgang, kommt aber wenige Sekunden danach wieder an die Kasse zurück. Offenbar handelt es sich bei einem der kläffenden Köter um ihren. Beide sind angeleint und – wie ich vermute – in einen Konflikt geraten, den sie mit zunehmender Lautstärke verbal ausfechten.

Inzwischen kommt auch "I-Phone" aus den Gängen des Waren-Labyrinths auf seine Mutter zugelaufen: Es ist ein ca. 4-jähriger Junge mit zwei Plastikautos in der Hand. Die hat er aus ihrer Verpackung geschält und in Unkenntnis des Straftatbestandes des Ladendiebstahls am Alarmscanner vorbeigeschmuggelt. Denn der Strichcode war weg.

Die Mutter fordert ihn auf, doch mal nach "Botox" zu schauen und ihn zu beruhigen. "I-Phone" schmollt und weigert sich nonverbal, worauf ihn seine Mutter wortlos in einen leeren Einkaufswagen stopft. Der Security-Mann kommt und fragt die Frau, ob es sich bei dem Kampfhund draußen um ihren Hund handele. Sie: "Ja, es ist ein Staffordshire Terrier, der will nur spielen." (Vermutlich Killerspiele.) Außerdem sei er noch "ein Welpe". – Der Sicherheitsmann darauf: "Na ja, so groß wie Ihr Welpe ist auch ein ausgewachsener Labrador."

Beim Verlassen des Ladens sehe ich "Botox": Ein Anabolikaschwein mit spitz kupierten Stehohren und Rattenschwanz, dessen Muskelpakete von der (gebotoxten?) Haut so eben noch zusammengehalten werden. Auf ihn kann ich als Spielkameraden gerne verzichten.

Während die Rufe nach der Öffnung einer zweiten Kasse jetzt durch die Filiale bis nach draußen dröhnen, frage ich meine germanistisch gebildete Freundin im Flüsterton: "Lassen die Standesämter denn jetzt auch solche Namen wie 'I-Phone' in den Personenstandsregistern zu? Ich hab' so etwas noch nie gehört." – Sie: "Menno, der heißt Taifun und ich kenne mehrere Kinder, die so heißen."

Kurz stelle ich mir vor, wie der kleine Ladendieb später mal im Alter von 18 Jahren mit 120 kg Lebendgewicht auf andere Jugendliche trifft und sich mit den Worten "Hey, ich bin der Taifun!" vorstellt, während ein Mädchen ihm schallend lachend antwortet: "Jep, und ich bin die Tsunami!"

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Unterhaltung



(Zeichnung von Markus von Gosen [1913-2004], in: "Der Simpl", Nr. 8 vom Juli 1946)

Montag, 8. Mai 2017

Naidoo, das Schlossgespenst


Als Musikwissenschaftler ist es ja meine "Pflicht", mich auch zum jüngsten, umstrittenen Erguss der "Söhne Mannheims" zu äußern. Aus musikalischer Sicht lässt sich hier konstatieren, dass die Drei-Akkorde-Harmonik dieser Schlagertruppe auch diesmal hochprofessionelll produziert worden ist: Hier gibt es also im Helene-Fischer-Universum nichts weiter auszusetzen.

Der Musikexperte Tom Wellbrock von den "Neulandsozialdemokraten", der Naidoos Erguss richtig klasse findet, merkt an:

Im Netz lassen sich unter den ach so aufgeklärten Naidoo-Kritikern immer wieder Stimmen finden (und zwar nicht zu knapp), die das Wissen über die musikalische Qualität Naidoos gebunkert haben. Die weisen dann gerne und lautstark darauf hin, dass es ja eh alles scheiße ist, was Naidoo produziert. Subjektiv betrachtet ist das völlig in Ordnung, denn man muss den Burschen nun wirklich nicht mögen, auch seine Musik nicht. Das allerdings mit einem objektiven Anstrich zu versehen – und das passiert regelmäßig – grenzt an Debilität. Denn als Musiker nehme ich selbstbewusst in Anspruch, zu erkennen, ob Musik handwerklich gut gemacht ist. Und das ist die Musik von Xavier Naidoo. Deshalb muss man sie nicht mögen, aber zu behaupten, die musikalische Qualität sei Müll, ist ein Zeichen von bis in den Himmel reichender Inkompetenz. Ich vermute, neun von 10 der Leute, die meinen, Naidoo sei ein schlechter Musiker, sind selbst keine.

Ich wüsste nun gern, wie Herr Wellbrock einen "Musiker" definiert. Ist es jemand, der während der Grundschulzeit mal Blockflötenunterricht hatte? Oder reicht es schon aus, um bei Naidoo zu bleiben, wenn man wimmernde Töne in ein Mikrophon absondern kann? – Xavier Naidoo ist kein "Musiker", sondern ein "Sänger" (ich bezeichne ihn eher als "Heuler"), der meines Wissens kein Musikinstrument – nicht einmal die Blockflöte – beherrscht und entsprechend auch keine "Kompositionen" vorweisen kann – da ist ihm selbst ein Udo Jürgens um Meilen voraus.

Die Wellbrock'sche Debilität muss man wohl beim Verfasser selbst suchen, denn sogar Heinos musikalische Inkompetenz kann nicht heranreichen an diesen Triumph der intellektuellen Belanglosigkeit. Dabei ist Naidoo, wie gesagt, noch nicht einmal verantwortlich für diesen Schlager-Müll, denn er besitzt ja keinerlei musikalische Fähigkeit. Ich weiß nicht, wer diesen Schlagersong "komponiert" hat, aber ich weiß, dass Naidoo allenfalls für den Text zur Rechenschaft gezogen werden kann.

Es ist nur eine Randnotiz, dass Wellbrock sich vollkommen lächerlich macht, wenn er in diesem Zusammenhang von "handwerklich" gut gemachter Musik redet, während er doch nur professionell produzierte, geklonte Meterware aus der profitorientierten Discounterhölle meint. Nach dieser Logik ist sogar jeder Song der Wildecker Herzbuben "handgemachte" Musik", während jede progressive Band in ihrem Garagenübungsraum mangels perfekter Soundqualität unverzüglich aus seinem "Ranking" ausscheidet. Mein Gehirn explodiert schon jetzt – leise und unmerklich.



Kommen wir also zum Text – dem einzigen Bestandteil des in Rede stehenden Songs, an dem Xavier Naidoo einen erkennbaren, urheberrechtlichen Anteil hat bzw. haben kann. Wellbrock zitiert ihn in Gänze und findet ihn vollkommen in Ordnung. Mir fällt dazu allerdings nur eine Analogie ein: Dieser infantile Sermon könnte auch wortgleich in einer antikommunistischen Show von Alex Jones oder Ken Jebsen gebetet werden – denn hier werden weder die Verursacher, noch die Nutznießer des kapitalistischen Systems benannt, sondern lediglich diffuse Ressentiments "besorgter Bürger" bedient. Und diese fußen ganz offensichtlich auf menschenfeindlichen Ansichten aus pegidiotischen AfD- und NPD-Kreisen. Äußert sich Naidoo hier kapitalismuskritisch oder merkt er an, dass Superreiche enteignet werden müssen, um ein Überleben der Menschheit zu ermöglichen? Gibt es überhaupt irgendwelche antikapitalistischen Hinweise? Nein? Oh, welch ein Wunder! – Es ist geradezu erschreckend, mit welch einer bestürzenden, geradezu dümmlichen Zustimmmung das gruselige Kommentariat bei den "Neulandsozialdemokraten" diesen furchtbaren Schmonzes bejubelt – frei nach dem Kindergarten-Motto: "Wenn die Lügenpresse es verreißt, muss es also gut sein".

Ich führe die "Neulandsozialdemokraten" nur noch wegen Wellbrock in der Linkliste (über Roberto "Berufsverbote" Lapuente müssen wir nun wirklich nicht mehr diskutieren) – aber inzwischen bin ich auch hier eher skeptisch. – Herr Wellbrock, meinen Sie als "Musiker" das wirklich ernst oder darf ich Sie doch bitte "titaniclike" verstehen?

Ich bin vollkommen ratlos und erbreche mich mit Schmackes in die "Arbeitermütze", die Naidoo so gerne trägt. Wohl bekomm's!

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(der-postillon.com, Fotos von Shutterstock)

Song des Tages: Shadowplay




(Fish: "Shadowplay", aus dem Album "Internal Exile. A Collection of a Boy's Own Stories", 1991)

Hunched foetal in the corner of my soul
My fingernails are bleeding from climbing up the wall
This time you really hurt me right down to the core
And I'm desperately trying to find a reason to forgive you for it all


I saw your life as a shadowplay
In a trance I was held by the shadowplay
In the spell of the shadowplay
From Celtic illumination
I see the Celtic illumination
The Celtic

I never realized just how far we'd gone
I turned around and all that I saw was distance
Through an anger that burned everytime
That someone mentioned your name
I should have noticed, should have read the signs
We could have talked it out if there was a problem
It wasn't obvious then
But then it isn't really obvious now

I saw your life as a shadowplay
In a trance I was held by the shadowplay
In the spell of the shadowplay
From Celtic illumination
I see the Celtic illumination
The Celtic

I could have changed, I could have settled down
I could have been whatever you wanted me to be
If you gave me the chance
But it seems that it's too late for that now
I thought I knew you thought we had it made
I'd thought it out, thought I had the answers
After all is said and done
The only thing I really know is your name

I sit and wait for the shadowplay
Let me in into the world of the shadowplay
I'll follow you to the shadowplay
Through Celtic illumination
Give me the Celtic illumination
Illumination

If I'd only had the patience, if I'd only had the time
If I'd only known the moment when you'd chosen to decide
If I'd only ever listened, if you'd only ever asked
If I'd known it was important, if I'd known it wouldn't last
Run to the magic of - the magic of the shadowplay ...

Maybe if I'd noticed, maybe if I'd tried
Maybe if I'd worked at it, it never would have died
Maybe I was selfish, maybe I was blind
Maybe I was in the wrong and you were in the right
Run to the magic of - the magic of the shadowplay ...

Could I have been a better man, was I really all to blame?
Was it me that was the problem, was it me that dealt the pain?
Did you never mean to hurt me, did you only try to show
That you really, truly loved me, that together we're alone?
Run to the magic of - the magic of the shadowplay ...

I see my life as a shadowplay
All around is the magic of shadowplay
In the world of the shadowplay is where I belong
Where all that I feared - is how it is and will be
All that was hidden - now you will see
All I could dream - you'll find now is real
All I could touch - now you can feel
And the light that I follow is where the madness will end
Illumination, illumination ...

Shine on, shine on, shine on.



Anmerkung: Dieser inzwischen 26 Jahre alte Song ist eine vortreffliche Allegorie auf unsere heutige Zeit. Es dürfte uns allen bekannt vorkommen, dass der Autor das "lyrische Ich" im Song zwar diffus erkennen lässt: "And the light that I follow is where the madness will end", während es dennoch weiterhin irrsinnig und verzweifelt nach "Illumination" und "Shine on" ruft. Der Endsieg wird weiter verkündet, selbst wenn der Untergang schon nicht mehr zaghaft, sondern brutal polternd an die Türe pocht bzw. diese längst zerschmettert hat und zähnebleckend im Flur steht.

Freitag, 5. Mai 2017

Das Ende der Solidarität: "Unterm Strich zähl' ICH"


Ich erinnere mich noch gut (und äußerst ungern) an die Zeit, als eine gute Freundin Anfang der 90er Jahre in den Fängen der Osho-Sekte (vormals Bhagwan) feststeckte und ich verzweifelt darum bemüht war, sie aus diesem esoterischen, furchtbaren und zerstörerischen Sumpf wieder hinauszubegleiten. Damals begegnete mir zuerst die auch heute in solchen Kreisen übliche Geisteshaltung, die u.a. in einem Sinnspruch wie diesem zum Ausdruck kommt: "Wenn jeder nur an sich selber denkt, ist doch an alle gedacht!"

Diese zutiefst egoistische Weltsicht ist heute allerdings auch jenseits ominöser Sektenkreise weit verbreitet und muss sogar als kapitalistischer Gesellschaftskonsens angesehen werden, der – gerade auch von den Massenmedien – stetig befeuert und proklamiert wird. Eine perfide Reklamebotschaft wie "Unterm Strich zähl' ich" ist symptomatisch für diesen krankhaften Zustand.

So verwundert es nicht weiter, dass inzwischen selbst mit diesem ekelhaften Prinzip Geschäfte gemacht werden. Offensichtlich gehört das menschenfeindliche Prinzip "Jeder ist sich selbst der Nächste" längst auch zur grausigen "deutschen Leitkultur", wie sie nicht nur Thomas "die Misere" in die Welt erbricht.

Vor kurzem war auf Zeit Online ein Text zu lesen, der dies auf erschreckende Weise illustriert. Unter dem Titel "Eine Tupperparty für Apokalyptiker" berichtet die Autorin Friederike Oertel dort:

Benjamin fährt mit einem Fluchtrucksack U-Bahn, hortet zu Hause Wasserkanister und ein Notradio. Er trainiert für Katastrophen und verdient damit sogar Geld. Warum? / (...) Es ist eine Tupperparty für Apokalyptiker: Viel Theorie, keine Praxis, Teilnahmegebühr 60 Euro und die Gadgets können direkt im Anschluss bei ihm bestellt werden. Fünfzehn Leute sind gekommen: Eine Anwältin ist im Internet auf den Kurs gestoßen. Sie hat den Thriller Blackout gelesen, in dem der österreichische Schriftsteller Marc Elsberg die Folgen eines europaweiten Stromausfalls beschreibt. Nun will sie wissen, was zu tun ist, wenn das Ende naht. Ein Teilnehmer Mitte 30 sucht die extreme Naturerfahrung, ein Pärchen spürt eine diffuse Bedrohung, fühlt sich vom Staat im Stich gelassen und will die Vorsorge nun selbst in die Hand nehmen. Eine ältere Dame in rosa Tweedblazer mustert ein Pulver, aus dem man Omelett zubereiten kann und erkundigt sich nach dem Preis. Eine Monatsration mit getrocknetem Gemüse, Pumpernickel und Vollmilchpulver kostet 279 Euro. Die Rettung in postapokalyptischen Zeiten hat ihren Preis.

Die Lektüre lohnt sich. Anhand dieses Beispiels wird deutlich, welchen Stellenwert der pure Egoismus – im Zweifel stets auch auf Kosten anderer, möglicherweise völlig unbeteiligter Personen – im Weltbild des "modernen Menschen", der im Kapitalismus leben muss, inzwischen einnimmt. Das kommt in Sätzen wie diesen zum Ausdruck: "Auch ein Fluchtrucksack ist gepackt. Darin: robuste Kleidung, Seile, Messer, eine Machete – die braucht er, falls er sich den Weg freikämpfen muss." – Hier wird nicht einmal mehr ansatzweise die Möglichkeit angedacht, dass Menschen im Falle einer tatsächlichen Katastrophe apokalyptischen Ausmaßes vielleicht doch besser überleben können, wenn sie gemeinschaftlich handeln und sich gegenseitig helfen, anstatt auf einzelkämpferischen Egoismus zu setzen. Die Filmindustrie der vergangenen Jahrzehnte hat hier freilich ebenso fleißig an der rückhaltlosen Auflösung jedweder Solidarität mitgestrickt wie die Politik und die politischen Medien.

Jemand wie der im Text vorgestellte Benjamin mag in diesem Szenario vielleicht nur eine "Geschäftsidee" sehen, mit deren Hilfe er auf relativ einfache Weise persönlichen Profit generieren kann – die beteiligten Firmen tun das jedoch in jedem Fall. Dennoch ist hier eine Tendenz klar erkennbar, die das kapitalistische Prinzip des "The winner takes it all" (das logischerweise impliziert, dass die überwiegende Mehrheit der "loser" nichts bekommt und somit – in diesem Szenario – schlicht krepiert) zu einem perversen "Gesetz" erhöht, welches noch weit hinter die Steinzeit zurückfällt.

Benjamin hat allerdings auch nichts dagegen, wenn die Katastrophe ausbleibt: Im Anschluss an seinen Kurs können sich die Teilnehmer für ein Survival-Training im Wald anmelden. Auf dem Programm stehen Feuer machen, Wasser filtern, Nahrungssuche, das Schlachten eines Kaninchens – Pfadfinden für Erwachsene. Solange die Apokalypse ausbleibt, ist Preppen für ihn vor allem ein gutes Geschäft.

Ein Sinnbild für diese gruselige Geisteshaltung ist der zum Sterben zurückgelassene, bis zur Nacktheit ausgeplünderte, frierende und weinende alte Mann im Ausnahmefilm "The Road", an dem auch die beiden "Helden" dieser Geschichte achtlos und unsolidarisch vorübergehen und ihn damit dem sicheren Tod überlassen. Dieser großartige Film, den ich trotz mancher Widersprüchlichkeiten nur wiederholt empfehlen kann, weil er nicht irgendeinen Idealzustand, sondern das heute wahrscheinlichste Szenario des kapitalistischen, egoistisch motivierten Unterganges auf die Leinwand bringt, in dem es selbstredend kein hollywoodtypisches Happy End gibt, zeigt das Dilemma sehr gut auf. – Ich höre schon die Einwände: Wenn es doch so wahrscheinlich ist, dass kapitalistisch (a-)sozialisierte Menschen sich im Fall der Fälle so schrecklich verhalten, wieso soll dann die Vorbereitung darauf falsch sein?

Dem halte ich entgegen: Wer sich menschenfeindlich verhält, wird stets auch nur Menschenfeindlichkeit erfahren. Es ist dringend an der Zeit, die Solidarität neu zu entdecken und dem kapitalistischen Terror des Eigennutzes endlich wieder den Stinkefinger zu zeigen. Und das müssten insbesondere junge Menschen, die anders ticken als Benjamin, tun. Nur – wo sind sie?

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"Bedaure, ich bin im Verein gegen Bettelei!"

(Lithographie von Honoré Daumier [1808-1879] aus dem Jahr 1844, aus der Serie "Les philantropes du jour"; unbekannter Verbleib)

Mittwoch, 3. Mai 2017

Zynismus 4.0: Tolle Tipps für Zwangsverarmte


Die Systempresse wird nicht müde, den kapitalistischen Terror schönzureden. Gelegentlich kommen dabei auch wahre Stilblüten heraus, wie beispielsweise dieser Text aus der Redaktion von n-tv, in dem RentnerInnen, die im kapitalistischen Glitzerparadies aus unerfindlichen, aber selbstverständlich stets eigenverantwortlichen Gründen in bitterer Armut vor sich hin vegetieren, "nützliche Tipps" präsentiert werden, wie sie trotz der mageren Rente dennoch ein gut funktionierendes Rädchen im Konsumterror bleiben können:

Nicht selten müssen ältere Menschen jeden Cent zweimal umdrehen. Vielen ist das unangenehm und sie ziehen sich zurück. Dabei kann es helfen, offen mit dem Thema umzugehen. Zum Beispiel gibt es auf Nachfrage oft Rabatte für Senioren.

Das muss man sich, wie so oft in dieser Zeit, auf der Zunge zergehen lassen: Hier wird einmal mehr nicht mehr nach den Ursachen für Altersarmut gefragt – diese wird einfach als gleichsam gottgegeben vorausgesetzt – und erst recht wird dieser grausige Zustand nicht mehr kritisiert oder gar skandalisiert. Die Armut ist einfach da, und anstatt etwas dagegen zu tun, empfiehlt man den Betroffenen lieber (ich fasse das mal zusammen):

  1. Man solle lernen, über die eigene Armut zu sprechen und selbstbewusst damit umzugehen. – Das tut so weh, dass ich mir ganz selbstbewusst einen Schraubenzieher ins Knie stechen will.
  2. Man solle ein Haushaltsbuch führen – denn bekanntermaßen können Arme mit Geld nicht umgehen (sonst wären sie nach kapitalistischer Unlogik ja nicht arm) und müssen daher schriftlich festhalten, dass sie zu wenig zum Leben haben.
  3. Man solle Geschenke für die buckelige Verwandtschaft und Freunde lieber "selber machen", anstatt sie zu kaufen. So lasse sich eine Menge Geld einsparen. – Mein Schädel ist spätestens an dieser Stelle geplatzt wie ein prall mit Wasser gefüllter Luftballon, den jemand vom Eiffelturm heruntergeworfen hat.
  4. Man solle sich Bücher leihen, anstatt sie zu kaufen. – Ich frage mich, welche Bücher hier wohl gemeint sind – denn philosophische, politische, literarisch hochwertige und vor allem aktuelle Werke können damit nicht abgedeckt sein, denn die gibt es in den immer weniger werdenden öffentlichen Bibliotheken, die zudem nur BewohnerInnen größerer Städte noch zugänglich sind, kaum noch. Wer Utta Danella lesen möchte, kann diesem Ratschlag freilich folgen.
  5. Es gibt "Rabatte" für Senioren, wenn es um die Freizeitgestaltung – Schwimmbäder, Zoo, Theater etc. – geht. Die nimmt freilich kein Rentner in Anspruch, egal ob er arm ist oder nicht, sondern er muss erst von der Propagandapresse darauf hingewiesen werden, sonst merkt es niemand. Die "Bildungsrepublik" lässt grüßen.
  6. Man solle seinen Hausrat durchsuchen und alles, was nicht mehr "benötigt" wird, auf Flohmärkten verkaufen. Das ist der vielleicht kreativste und perverseste Vorschlag von allen, denn wer braucht schon das dumme Gemälde an der Wand, das man einst von den lieben Eltern geerbt hat oder den antiken Tisch aus besseren Zeiten, der mindestens 100 Euro im Verkauf bringt? Schließlich kann man sich auch die BLÖD-"Zeitung" an die Wand hängen und an einem Sperrmüllbrett, das auf leeren Sprudelkästen liegt, ebenso komfortabel sitzen und das kärgliche Mahl einnehmen.

Ich weiß nicht, was ich widerlicher finde: Die kritikfreie Selbstverständlichkeit, mit der heute über Altersarmut mitten im "besten aller möglichen Systeme" gesprochen wird, oder doch eher die Impertinenz und tiefschwarzpädagogische Art und Weise, in der hier nutzlose und zynische Tipps zum Besten gegeben werden. Wer von der so genannten "Grundsicherung" leben muss – egal ob als Rentner oder als junger Mensch – kann sich weder ein aktuelles Buch, noch einen Theater-, Opern- oder Konzertbesuch leisten; gesellschaftliche, kulturelle und soziale Teilhabe findet schlichtweg nicht mehr statt. Die existenziellen Fragen dieser Millionen von Menschen in Deutschland drehen sich darum, was es nächste Woche zu essen gibt, wie die nächste Stromrechnung bezahlt werden soll, woher eine warme Winterjacke bezogen werden kann oder was um alles in der Welt geschehen soll, wenn die Brille, die man so dringend benötigt, zerbricht – um nur wenige Beispiele von so vielen zu nennen.

Dies sind die grandiosen Erfolge des kapitalistischen Terrors, der uns dennoch weiterhin brav und stur erzählt, "uns" gehe es so gut wie nie zuvor. Wer wählt doch gleich CDU, SPD, Grüne, FDP, AfD oder die Linkspartei? Ach, genau die Opfer dieser Politik? Ja, brat mir doch einer eine(n) Storch!

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Wiedergutmachung


"Alle durch die Nürnberger Gesetze Geschädigten erhalten 1 kg Erbsen. Papier ist mitzubringen."

(Zeichnung von K.H. Böcher [1902-19??], in: "Der Simpl", Nr. 9 vom August 1946)

Sonntag, 30. April 2017

Zitat zum "Tag der Arbeit"


Ich möchte [...] in vollem Ernst erklären, dass in der heutigen Welt sehr viel Unheil entsteht aus dem Glauben an den überragenden Wert der Arbeit an sich, und dass der Weg zu Glück und Wohlfahrt in einer organisierten Arbeitseinschränkung zu sehen ist. [...] Hätte man nach Kriegsende die wissenschaftliche Organisation, die geschaffen worden war, um die Menschen für die Front und die Rüstungsarbeiten freizustellen, beibehalten und die Arbeitszeit auf vier Stunden herabgesetzt, dann wäre alles gut und schön gewesen. Statt dessen wurde das alte Chaos wiederhergestellt; diejenigen, deren Leistungen gefragt waren, mussten viele Stunden arbeiten, und der Rest durfte unbeschäftigt bleiben und verhungern. Warum? [...]

Der Gedanke, dass die Unbemittelten [Besitzlosen, Anm.d.Kap.] eigentlich auch Freizeit und Muße haben sollten, hat die Reichen stets empört. Zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts war ein fünfzehnstündiger Arbeitstag für den Mann das Normale; Kinder arbeiteten zuweilen ebenso lange und sehr häufig zwölf Stunden täglich. [...] Ich höre noch eine alte Herzogin sagen: "Was wollen denn die Habenichtse mit Freizeit anfangen? Arbeiten sollen sie!" So offen äußern sich die Leute heute nicht mehr, aber die Gesinnung ist noch die gleiche geblieben und hat weitgehend unsere chaotische Wirtschaftslage verschuldet. [...]

Guten Mutes zu sein, ist die sittliche Eigenschaft, deren die Welt vor allem und am meisten bedarf und Gutmütigkeit ist das Ergebnis von Wohlbehagen und Sicherheit, nicht von anstrengendem Lebenskampf. Mit den modernen Produktionsmethoden ist die Möglichkeit gegeben, dass alle Menschen behaglich und sicher leben können; wir haben es statt dessen vorgezogen, dass sich manche überanstrengen und die andern verhungern. Bisher sind wir noch immer so energiegeladen arbeitsam wie zur Zeit, da es noch keine Maschinen gab; das war sehr töricht von uns, aber sollten wir nicht auch irgendwann einmal gescheit werden?

(Auszüge aus: Bertrand Russell [1872-1970]: "Lob des Müßiggangs", London 1935)