Donnerstag, 23. November 2017

Hartz-Terror: Menschenfreunde im Amt


Es ist ja ein alter Hut, dass in den Amtsstuben der "Jobcenter" ausschließlich Menschenfreunde hocken, denen es einzig um das Wohl ihrer mit hartnäckiger, kafkaesker Impertinenz als "Kunden" bezeichneten Opfer geht. Ein weiterer "Einzelfall" von Millionen war kürzlich wieder einmal beim WDR nachzulesen:

Der 50-jährige Michael H. aus Dortmund nennt sich selbst "Gelegenheits-Schnorrer". Immer wenn das Geld knapp wird, sitzt er in der Fußgängerzone und bittet um eine kleine Spende. Vor kurzem ist das dem Jobcenter Dortmund aufgefallen, das nun seine monatlichen Bezüge um 90 Euro gekürzt hat.

Man kann hier klar und deutlich die warmherzigen Fürsorgeabsichten des betreffenden Amtsschimmels erkennen, der Herrn H. sanft davor bewahren möchte, einen gefährlichen Dagobert-Duck-ähnlichen Geldspeicher anzulegen, in dem er womöglich ertrinken oder von herabfallenden Goldbrocken erschlagen werden könnte. Ich schlage vor, dieser/diesem vorbildlichen SachbearbeiterIn das Bundesverdienstkreuz am braunen Bande zu verleihen – feierlich überreicht vom Bundespräsidenten und Hartz-Terror-Co-Architekten Frank-Walter Steinmeier (SPD *glucks*) im Adolf-Eichmann-Haus in Berlin.

Ein weiteres Beispiel dieser "Einzelfälle" habe ich gerade kürzlich (zum in verschiedenen Varianten wiederholten Male) selbst erlebt: Da schwadronierte ein junger, sich seiner kleinen Macht offenkundig sehr bewusste Schreibtischhengst in epischer Breite darüber, dass es "heutzutage" eben auch Akademikern "zumutbar" sei, in "Heimarbeit Kugelschreiber zusammenzubauen" – und fand das offensichtlich völlig normal und nicht einmal im Ansatz überdenkenswert. Er weiß wohl nicht, dass es erst 80 Jahre her ist, seit schon einmal auch Rechtsanwälte, Ingenieure, Schriftsteller, Wissenschaftler, Ärzte und Professoren zuerst in die Arbeitslosigkeit, danach zur unentgeltlichen Straßenreinigung (mit Zahnbürsten), dann zum Steinekloppen und -schleppen in KZ-Steinbrüche und letztlich zum Entsorgen von Leichen und deren Überresten in Krematorien "geschickt" wurden.

Aber auch heutige Amtsschimmel hätten ja schließlich "keine Wahl" und "müssten" so überaus menschenfreundlich handeln, ebenso wie Eichmann und seine NazikollegInnen das vor 80 Jahren auch hätten tun "müssen", so hört man es immer wieder an den Stammtischen und im braunen Blätterwald des Systems raunen. Da kann, um beim ersten Beispiel zu bleiben, das Jobcenter Dortmund gar nichts machen: Wenn irgendein Behördenscherge den verarmten Mann einmal oder gelegentlich beim Betteln "beobachtet", muss er eben Meldung bei der Obrigkeit machen; und wenn eine entsprechende Denunziation aus der Bevölkerung eingeht, muss dieser "Information" ebenfalls nachgegangen werden. Da kennt der deutsche Amtsschimmel kein Pardon: Wat mutt, dat mutt! Und schon knallt der Stempel – heute in Form eines vorformulierten, ebenso schnell abrufbaren Sanktionsbescheides inklusive zehn Seiten Juristenkauderwelsches – aufs Papier.

Letztlich tun sie alle nur ihre Pflicht, und sie gehen nach Dienstsschluss beruhigt nach Hause – wohl wissend, dem "Gemeinwohl" einen treuen Dienst geleistet zu haben. Die Gründe, weshalb der bettelnde Mann sich derartig erniedrigt und in der Fußgängerzone – also für jedermann sichtbar – bettelt, interessieren da nicht. Es ist völlig irrelevant, ob er eine Stromrechnung bezahlen muss, um weiterhin in den Genuss von Elektrizität in seiner ärmlichen Behausung zu kommen; ob er ein Medikament, eine Brille oder Zahnersatz bezahlen muss; ob er eine Bahnfahrt zu seinem kranken Sohn nach München bezahlen muss; oder ob er einfach mal wieder ins Kino oder Konzert gehen oder etwas anderes als den ewig gleichen Billigfraß aus dem Discounter oder von der "Tafel" verspeisen will: Dem deutschen Amtsschimmel ist das egal – muss das egal sein, denn sonst könnte das wiehernde Vieh ja zu einem selbst denkenden Menschen heranreifen. Und so etwas Obszönes ist in Kapitalistan nicht nur unerwünscht, sondern strikt verboten.

Deutschland ist eben, wie wir nach hundertfacher Wiederholung endlich wissen, ein menschenfreundliches Land Paradies, in dem "wir" gut und gerne leben; Polizisten sind "Freunde und Helfer"; Soldaten sind "Bürger in Uniform", die "unserer" Verteidigung und dem Katastrophenschutz dienen; und Arbeitslose, Kranke, Alte und Behinderte sind "Kunden" der Ämter, und sie sind natürlich – wir leben schließlich im Kapitalismus – "Könige". Nein, nicht einmal Kafka hätte sich so viel verotteten, lächerlichen Gehirnmassenauswurf, wie er Tag für Tag wie selbstverständlich in diese verkommene Welt geschleudert wird, ausmalen können.


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Der Stilllebenmaler


"Die Äpfel kann ich hinten anbeißen, man sieht ja ohnehin nur die vordere Seite."

(Zeichnung von Ladislaus Kmoch [1897-1971], in "Simplicissimus", Heft 29 vom 12.10.1921)

Montag, 20. November 2017

Zitat des Tages: Geht es dir ebenso?


Du hast dir die Finger einer Hand in den Mund gesteckt, presst ein Würgen in die Kehle zurück. / Nicht schreien! Nein! Den Leib in schwere Ketten legen, damit das Zittern unterdrückt wird. Einen Eimer über den Kopf stülpen, der außen bemalt ist mit einem zufriedenstellenden, ruhebewahrenden Gesicht. Den Anflug eines Lächelns bitte: sanft, stoisch und förmlich! Der Zwang, falsch wie bisher bis zum Ende leben zu müssen, macht nicht halt, dauert über den letzten Augenblick hinaus. Wir tanzen durch die Zimmer, die Türen sind uns im Weg, wir stürzen an die Fenster, manchmal begegnen wir uns, lächeln tapfer mit blutiggebissenen Zungen; aufrecht stehn Leichen vor den Häusern, die Straßen liegen im Schweigen, nur ab und zu kriecht noch ein erschöpfter Amokläufer vorbei, sich tödliche Verletzungen zufügend, Wunden, in denen Sternnebel zu schwären scheinen, während wir uns rütteln und uns befehlen, bitte nicht zu weinen und trotzdem immer wieder unvermutet aufheulen, als ginge uns ein Riss durch Kopf und Leib. Ein Beben umhüllt unsre Herzen. Vielleicht, meinst du, hätten wir einen Mörder, einen Henker dingen sollen, der uns einen vorstellbaren Tod gegeben hätte ... Sie schenken uns ein paar Sekunden ... Wir sind noch immer am Leben ... Dunkle Geräusche. Die Luft zerfällt in ätzende Tropfen. Wir legen uns nieder, hacken uns die Pulsadern auf, reiben unsere Geschlechtsteile, lachend und schreiend vor Angst. Die Erde dreht sich entgegengesetzt. Etwas anderes spüren wir nicht.

(Ludwig Fels [*1946], aus der Kurzgeschichte "12 Uhr", in: Wolfgang Fienhold / Harald Braem (Hg.): "Die letzten 48 Stunden. Science Fiction-Erzählungen vom Weltuntergang", Heyne 1983)


Samstag, 18. November 2017

Freitag, 17. November 2017

Religiöse Fundamentalisten, der pure Zufall und der Eigennutz


Wohl jeder hat schon einmal etwas von den "Kreationisten" gehört – jener fundamental-christlichen Sekte, die insbesondere in den USA aus den Reihen der "Evangelikalen" hervorgegangen ist und die inzwischen auch in anderen "westlichen", also kapitalistischen Ländern – einschließlich Deutschland – immer mehr Anhänger findet. In jenen Kreisen glaubt man brav an das "Wort Gottes", wie es in der Bibel steht – jeweils basierend auf der bevorzugten Übersetzung der Rückübersetzung der Übersetzung des längst verschollenen Urtextes. Wenn in jenem "Buch der Bücher" also zu lesen ist, dass "Gott die Welt in sieben Tagen schuf", dann glauben Kreationisten dies, während die Evolutionstheorie Teufelszeug für diese Gläubigen darstellt. So weit, so lächerlich und irgendwie lustig.

Weniger bekannt ist allerdings, dass es eine ebenfalls zunehmende Anzahl von Menschen gibt, die ohne den konkreten Bezug auf eine bestimmte Religion oder deren "göttliche" Schriften ebenfalls die "These" des "Intelligent Design" vertreten, die im Grunde dasselbe verkündet. Vince Ebert hat dazu kürzlich eine amüsante Glosse bei spektrum.de veröffentlicht, aus der ich zitiere:

Betrachtet man die Idee allerdings etwas genauer, so treten viele Widersprüche auf. Wenn uns angeblich tatsächlich ein kluger, allmächtiger Designer erschaffen hat, warum hat er dann so etwas Unnötiges wie den Blinddarm entwickelt? Gut, vielleicht war er Chirurg … / Wenn man sich etwas intensiver im menschlichen Körper umschaut, muss man ohnehin an einem intelligenten Designer zweifeln. Das linke Ohr ist mit der rechten Hirnhälfte verbunden, Luft- und Speiseröhre sind gekreuzt, die Abwasserleitung läuft direkt durch das Vergnügungsviertel. Kein Bauleiter würde so eine Butze abnehmen. Intelligenter Schöpfer hin oder her – Innenarchitektur ist mit Sicherheit nicht seine Stärke.

Die Lektüre macht durchaus Spaß. Selbstverständlich muss man diesem semi-religiösen Irrsinn aber noch auf ganz andere Weise begegnen, beispielsweise indem man fragt, was dem "intelligenten Designer" denn wohl an Darmwinden durch den Kopf gegangen sein mag, als er das irdische Prinzip des Fressens und Gefressenwerdens "geschaffen" hat. Wie intelligent ist es, dass beispielsweise manche Fische millionenfachen Nachwuchs in die Welt setzen (müssen), von dem der allergrößte Teil allerdings von anderen Lebewesen aufgefressen wird, so dass nur eine vergleichsweise geringe Anzahl der "Kinder" der Arterhaltung dient? Beispiele wie dieses gibt es tausendfach in der Natur. Ein "intelligenter Schöpfer", der sich so etwas ausdenkt und umsetzt, muss wohl ein pathologischer Sadist, ein Geisteskranker oder ein Kapitalist (okay, das ist ein Synonym für beides) sein.

Derlei Einwände berühren wahre Gläubige jedoch nicht – weshalb die Frage gestattet sein muss, ob eine solche bescheuerte "These" wie das "Intelligent Design" tatsächlich die Ursache oder nicht doch vielmehr ein nachgeschobenes, allzu konstruiertes "Bekräftigungsargument" des auch vorher schon vorhandenen Aberglaubens darstellt. Wie so oft, findet man auch dazu eine passende Antwort bei den esoterischen Glaubensspinnern von "Jenseits der Realität" (Klicken und Lesen auf eigene Gefahr!):

Monika H., Heilerin mit eigener Praxis, erzählt in diesem Auszug aus ihrem Buch "Sei still meine [sic!] Herz, die Bäume beten", wie man im Sinne des Weisen Lao Tse Vertrauen vermehren kann.

Wer sollte einer selbsternannten Heilerin [sic!] – mit "eigener Praxis" gar, ähnlich einer Kardiologin –, die Bäume beten hört und "Gebetsheilung" anpreist, auch widersprechen? Nein, das verbietet sich strikt – man darf psychisch Kranke nicht an den Pranger stellen. Es sei denn, sie sind gar nicht psychisch krank, sondern verfolgen heimlich ganz andere – in diesem Segment meist sehr eigennützige, nämlich schnöde finanzielle – Interessen.


(Die Karte "9 Scheiben: Gewinn" aus dem "Röhrig-Tarot")

Dazu noch einmal Vince Ebert:

Würde die Naturgeschichte noch einmal ablaufen, so verliefe sie vollkommen anders. Genau das ist wahrscheinlich der Grund, weshalb die Evolutionstheorie bei christlichen Fundamentalisten so unbeliebt ist. Weil sie zeigt, dass der pure Zufall zu unserer Existenz führte.

Ich sollte mir endlich überlegen, ob ich nicht auch auf das Business "Esoterik" umsattele: Damit lässt sich im Gegensatz zu linken Blogpostings offenkundig richtig viel Geld verdienen, ohne tatsächlich arbeiten oder denken zu müssen. Wieso in des Spaghettimonsters Namen habe ich bloß immer diese vielen Skrupel, die andere gar nicht zu kennen scheinen?!? Ich besitze schließlich mehr als 40 Tarotkarten-Sets aus drei Jahrhunderten, die ich vor Jahren mal aus wissenschaftlicher Tollheit angeschafft habe (kein Scherz), weil ich mich mit dem literarischen Thema "Humbug, der seit Jahrhunderten immer wieder neu aufgelegt wird" beschäftigt habe und nach passenden Illustrationen für diese Arbeit suchte – und dort natürlich reichlich fündig wurde.

Ich biete also ab sofort Tarot-Sessions an: Für nur 873,99 Euro pro angefangener Stunde zzgl. Mehrwertsteuer lege ich Euch die Karten Eurer Wahl und sage Eure Heilung voraus! Wer bucht zuerst? Monika H., möchtest Du beginnen? Die ersten zehn BucherInnen bezahlen nur 647,39 Euro! Ihr spart euch reich – entdeckt Eure Heilung!

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Der letzte Halt


"Ich glaube nicht mehr an Gott, ich glaube nicht mehr an die Menschen – und jetzt wollen Sie mir auch noch die Karten verekeln!"

(Zeichnung von Olaf Gulbransson [1873-1958], in "Simplicissimus", Heft 44 vom 31.01.1923)

Mittwoch, 15. November 2017

Die Habgier der Reichen und die kapitalistische Presse


Was jeder bereits gewusst hat, lässt sich nun aufgrund der "Paradise Papers" ve­ri­fi­zie­ren: Das kapitalistische System ist ein "Elite"-System, das sich einzig um die Belange der Superreichen dreht. Diese Erkenntnis kann nun nur geistig Benachteiligte überraschen – und dennoch bleiben die kapitalistischen Medien ihrer Aufgabe treu und berichten brav, wie die Herrschaft es von ihnen verlangt. Ganz abgesehen davon, dass die Bezeichnung "Paradise Papers" bereits zynisch ohne Ende ist – richtigerweise müssten diese Dokumente "Hell Papers" heißen –, bewies n-tv vor einer Woche, wo der freiheitlich-demokratische Hase in Kapitalistan langzulaufen hat.

Neben durchaus korrekten Anmerkungen verwest dieser Artikel durch einen fetten Abschnitt über – ja, man kann sich das kaum vorstellen, aber es ist leider so – den "bösen Russen" vor sich hin. Ich zitiere aus dieser Gedankenfäule hier nicht, da soll sich einjede/r selbst die Hirnrinde beim Lesen verbrennen. Ich frage mich schon lange nicht mehr, wieso in deutschen Qualitätsmedien eigentlich nicht von deutschen, amerikanischen, französischen, belgischen und sonstigen Oligarchen die Rede ist, sondern stets nur von russischen; oder weshalb ausgerechnet das russische Episödchen aus den "Hell Papers" so zentral und ausladend aufbereitet und sogar mit einer eigenen Abschnittsüberschrift ("Spuren nach Russland") herausgehoben wird. Die Antwort liegt ja für alle sichtbar auf der Hand.

Nach wie vor werde ich wohl bis hinein ins Grab nicht verstehen, wieso jemand, der schon hunderte oder gar tausende von Millionen Euro oder Dollar "besitzt" ("ergaunert hat" wäre der passendere Ausdruck), sich dennoch wie von Sinnen darum bemüht, diese absurde, geradezu groteske Summe nicht nur stetig zu vermehren, sondern auch noch außer Landes zu schaffen, damit der Staat auch ja keine Portokassenbeträge vom Profit (nicht von der eigentlichen Summe!) abzieht. Das ist nicht nur absurd, sondern grob pathologisch: Solche Menschen gehören dringend in fachärztliche Behandlung.

Dasselbe gilt freilich für die begleitenden politischen Marionetten: Es ist kein Zufall, dass derlei Machenschaften in Kapitalistan legal sind und – darauf verwette ich meinen Hintern – auch weiterhin legal bleiben. Nach ein paar mehr oder weniger "anklagenden" Berichten in der Systempresse wird man wieder zum Tagesgeschäft übergehen. An den kriminellen Strukturen wird sich nichts ändern, und auch die "Steueroasen", die eigentlich "Steuerhöllen" heißen müssten, werden wie gehabt weitermachen. Wir kennen das Prinzip bereits aus der "Finanzkrise": Es wurde viel geschrieben und noch mehr lamentiert – verändert hat sich am Casinobetrieb und seinen "gesetzlichen Rahmenbedingungen" aber trotzdem nichts (ich wiederhole: NICHTS). Stattdessen darf beispielsweise die griechische Bevölkerung die Zeche für die Superreichen zahlen. Was bedeuten denn schon Obdachlose, Hungernde, Kranke und Alte ohne Krankenversicherung, zunehmende Suizide oder steigende Kindersterblichkeit für die Herren und Damen des Kapitals? Sie nennen es, sofern sie keine erklärten Faschisten sind, vermutlich "Kolleteralschäden" und trinken ein weiteres Glas Champagner, anstatt über ihre eigene Widerwärtigkeit zu reflektieren. Und die Journaille applaudiert brav, konsumiert Lachsschnittchen am Katzentisch und bietet willfährig Nebenschauplätze an.

Der totale Irrsinn ist zur Normalität geworden.

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Entfettung


"Hier haben Sie eine Mark – und nun verraten Sie mir aber auch, wie Sie es angefangen haben, so schlank zu werden!"

(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 21 vom 24.08.1925)

Montag, 13. November 2017

CDU und AfD: Lügireuter und der braune Haufen


Es war ja abzusehen, dass es nicht lange dauern wird, bis sich die kapitalistische CDU und die kapitalistische AfD ihrer reichen Herrschaften besinnen, zu deren Stiefelleckzwecken sie existieren. Dass es allerdings so schnell gehen könnte, habe sogar ich oller Schwarz- bzw. Braunmaler nicht für möglich gehalten. In der FR war vor zwei Wochen zu lesen:

Die CDU in der erzgebirgischen Universitätsstadt Freiberg fordert laut und deutlich den Rücktritt von Parteichefin und Bundeskanzlerin Angela Merkel. Außerdem, so der örtliche Vorsitzende und Baubürgermeister Holger Reuter, solle die sächsische CDU ernsthaft über Bündnisse mit der AfD nachdenken: "Wenn sich die AfD stabilisiert und zu einer Politik kommt, die dem Bürger auch wirklich Wege zeigt, wie es besser werden kann, dann halte ich persönlich auch eine Koalition mit der AfD für möglich", sagte er dem MDR.

Lügireuter und der braune Haufen

Das sitzt – und sollte nun auch dem letzten merkbefreiten "Protestwähler" deutlich die Augen öffnen, mit was für korrupten Abziehbildern sie sich da eingelassen haben. Leider wirkt das "sollte" nicht so, wie es müsste, denn noch immer liegt die AfD in der "Wählergunst" an derselben Stelle. Das legt aus meiner Sicht die Vermutung nahe, dass es sich bei diesen WählerInnen mehrheitlich gerade nicht um "ProtestlerInnen" handelt, sondern um schnöde RassistInnen und NationalistInnen, die einen ausländerfeindlichen Kurs in der Politik selbst dann gut finden, wenn sie dafür weniger Gehalt, weniger Rente, weniger Arbeitslosengeld und einige aus den Fugen quellende, überlaufende Geldspeicher einer kleinen, kriminellen "Elite" bekommen (um nur wenige Beispiele zu nennen). Mit Dummheit allein lässt sich das jedenfalls – aus meiner Sicht – längst nicht mehr erklären.

Man vergleiche diese Ungeheuerlichkeit der sächsischen CDU nur einmal mit der medialen Hinrichtungskampagne gegen Frau Ypsilanti (SPD), als diese es vor Jahren wagte, nach einer Landtagswahl über ein Bündnis mit der Linkspartei nachzudenken. Das Szenario wird nicht erst rückblickend umso lächerlicher, wenn man bedenkt, dass auch eine damalige Koalition von SPD und Linkspartei nichts anderes getan hätte als die Mafia-KollegInnen aus der CDU, FDP und den Grünen. Wer hier noch immer nicht im kristallklaren "Wasser der Erleuchtung" schwimmt und endlich bemerkt, auf welch üblem Rechtskurs mitten hinein in die Latrine der NPD sich die Politik und "freien Medien" befinden, dem ist wahrlich nicht mehr zu helfen. – Genauso verhält es sich heute bezüglich der AfD: Mir hat beispielsweise noch niemand nachvollziehbar den Unterschied zwischen den politischen Zielen der AfD und jenen der CSU erklären können. Falls sich jemand dazu berufen fühlt: Ich bin ganz und gar Ohr!

"We love to verarsch you"

Dasselbe gilt freilich auch für die übrigen kapitalistischen Blockparteien, die sich einzig durch die Balkenfarbe in den Diagrammen der Kuhmedien und den vielfältigen rhetorischen Popanz, nicht aber durch ernstzunehmende Inhalte voneinander unterscheiden. Ich bin sehr gespannt (*gähn*), wie schnell statt "Jamaika" nun die "Schwafaschampel" (CDU/CSU, AfD, FDP) ins Rennen um den schnellsten Weg in den Abgrund geht und wie lange es dauert, bis SPD, Linkspartei und Grüne den längst aufgestellten Turborekord im Umfallen und rechtsspurigen Überholen der Menschenfeinde noch einmal übertrumpfen werden.

Eine Lanze für Merkel

Angesichts des vorgelegten Tempos aus Sachsen kann es sich hier nur um wenige Monate handeln, falls die Bleierne abgesägt wird. Insofern sollte man heute schon überaus dankbar sein, wenn das Merkelmonster trotzdem weiterhin am vermeintlichen Chefsessel klebt wie zähflüssiger, übelriechender, brauner Darmausfluss. Nichts, was da nachzufolgen gedenkt, könnte auch nur ein bisschen weniger furchtbar sein als diese Sockenpuppe der kapitalistischen Mafia aus der Uckermark.

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Charlie im Augenblick des Versuchs, eine Lanze zu brechen.

Samstag, 11. November 2017

Zitat des Tages: Die Turmuhren


Gleichmäßig drängen sich die Zacken
der harten Räder in die Lücken,
um jede Stunde fest zu packen,
zu martern und sie tot zu drücken.
Und werfen die erwürgte Stunde
hinunter auf die harten Gassen,
wie satte Katzen aus dem Schlunde
zerbissne Mäuse fallen lassen.

(Gottfried Kölwel [1889-1958]: "Die Turmuhren", in: "Gesänge gegen den Tod", Kurt Wolff 1914)


Freitag, 10. November 2017

Musik des Tages: Starless




Sundown dazzling day
Gold through my eyes
But my eyes turned within
Only see
Starless and bible black

Ice-blue silver sky
Fades into grey
To a grey hope that all yearns
To be
Starless and bible black

Old friend charity
Cruel twisted smile
And the smile signals emptiness
For me
Starless and bible black

(King Crimson: "Starless", aus dem Live-Album "Radical Action to Unseat the Hold of Monkey Mind", 2016; Original aus dem Album "Red", 1974)


Donnerstag, 9. November 2017

Als die Synagogen brannten


Die Novemberpogrome 1938

Fast 80 Jahre sind vergangen seit den Novemberpogromen 1938. Sie sind eine der zentralen Wegmarken des Völkermords. Während die Juden in Deutschland seit der Machtübernahme bereits systematisch ausgegrenzt und ausgeplündert wurden, so zeigte sich in der sogenannten Kristallnacht offen das mörderische Gesicht der Hitlerdiktatur.

Am 9. und 10. November 1938 brannten in ganz Deutschland rund 400 Synagogen, SA-Männer verwüsteten 7.000 jüdische Geschäfte. Über neunzig Menschen wurden vom Mob ermordet, etwa 600 begingen Selbstmord. Mehr als 26.000 Männer wurden - angeblich zu ihrem eigenen Schutz - in Konzentrationslager verschleppt und dort misshandelt. Spontane Aktionen aufgebrachter Bürger seien es gewesen, behaupteten die Nazis, als sich ein Proteststurm im Ausland erhob, tatsächlich war es der Höhepunkt einer staatlich gelenkten Welle antisemitischer Gewalt in Deutschland.

Autor und Regisseur Michael Kloft hat für seine Dokumentation kaum bekanntes Material und Fotos gefunden und er hat Zeitzeugen befragt, die heute noch die damaligen schrecklichen Ereignisse vor Augen haben.



("Als die Synagogen brannten", Dokumentation von Michael Kloft, NDR 2008)

Siehe dazu auch: "Die letzten Zeugen".

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(Titelseite des Nazi-Hetzblattes "Der Stürmer. Deutsches Wochenblatt zum Kampfe um die Wahrheit", hg.v. Julius Streicher, Nr. 48 vom Dezember 1938)

Mittwoch, 8. November 2017

Die "bürgerliche Mitte": Von Ratten und Menschen


In der jüngsten Ausgabe der Satiresendung "Die Anstalt" haben die Kabarettisten Max Uthoff, Claus von Wagner und ihre Mitstreiterinnen sehr hübsch herausgearbeitet, wie der neoliberale Umbau der Welt seit 1947 gezielt und geplant von diversen LobbyistInnen und entsprechenden, für diesen Zweck gegründeten und miteinander vernetzten "Think Tanks" durchgezogen wurde. Leider wird auch dort das Wort "Kapitalismus" strikt vermieden, so dass wieder einmal die – möglicherweise gar nicht beabsichtigte – Illusion kolportiert wird, es könne im Gegensatz zum bösen, neoliberalen Kapitalismus auch einen "guten" Kapitalismus geben. Das ist freilich absurder Blödsinn.

Was diese schäbige, zerstörerische und zutiefst infantile Ideologie, die längst religiöse, fundamentalistische Züge angenommen hat, mit vielen Menschen anrichtet, ist indes allerorten zu beobachten. Ein weiteres von so vielen Beispielen las ich kürzlich in einer Kolumne von Mely Kiyak bei Zeit Online. Dort heißt es zum Thema Obdachlosigkeit in Berlin unter anderem:

Der grüne Berlin-Mitte-Bürgermeister Stephan von Dassel ließ mit großem Tamtam und flankiert von Interviews verlauten, dass "50 besonders aggressive" osteuropäische Obdachlose den Tiergarten verdrecken würden. Er forderte Abschiebungen nach Polen. (...) / "Die Ratten kann man nur bekämpfen, wenn die Menschen weg sind", sagte die Pressesprecherin des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg. Sie ließ eine "Räumung aus hygienischen Gründen" anordnen. (...) / Gern wäre man dabei gewesen, wenn zwei Sozialarbeiter die Menschen darauf hinwiesen, dass sie sich in einem Wärmebus einen Becher Tee abholen dürfen, derweil ihre Zelte und Matratzen und ihr letztes Hab und Gut vor ihren Augen auf den Müll wanderten. Worauf sie wohl in den kommenden Nächten schliefen? Auf nassem Laub?

So sind sie, die kapitalistisch verdorbenen Menschen – und dies ist exakt die perverse Welt, die sich Kapitalisten ("Neoliberale") herbeiträumen und die sie in weiten Teilen längst erreicht haben. Da fällt einem "Grünen" die abgrundtiefe Menschenfeindlichkeit, die er ausposaunt, gar nicht mehr auf; und für den angeschlossenen Partei- und Behördenapparat ist es offenbar eine Selbstverständlichkeit, eine wie auch immer postulierte "Rattenplage" mit – in diesem Fall etwa 50 – obdachlosen Menschen in Zusammenhang zu bringen, was an sich schon grotesk ist, und in der Folge nicht etwa diesen Menschen zu helfen, indem man ihnen beispielsweise schlicht Wohnraum anbietet, sondern sie stattdessen polizeilich vertreiben lässt.

Aus allen diesen Worten und Taten brüllt uns der Faschismus entgegen – und zwar unverhohlen und ganz ohne pseudodemokratische Maske. Man sieht: Die AfD wird gar nicht gebraucht – die Drecksarbeit der menschenfeindlichen Umsetzung der kapitalistischen Zerstörung erledigen die Parteien der "bürgerlichen Mitte" auch ganz ohne die Hilfe der offen Rechtsradikalen. Das obige Beispiel ist nur das Schneeflöckchen auf der Spitze des Eisberges.

Es führt wohl kein Weg daran vorbei endlich anzuerkennen, dass die "bürgerliche Mitte" Deutschlands mittlerweile wieder Hakenkreuzarmbinden trägt, auch wenn sie dies reflexartig sehr erbost von sich weist. Mir wird speiübel, wenn ich mir vorstelle, wohin das führen kann – bzw. zwangsläufig führen muss.

Montag, 6. November 2017

Kapitalistan: "Alles wird immer besser, Deutschland geht es blendend"


Über das folgende Thema habe ich mich schon oft ausgelassen – und ich bin wahrlich nicht der einzige: Auch der Kollege Wellbrock von den "Neulandsozialdemokraten" hat das jüngst wieder einmal getan, auch wenn seine Betrachtung – wie gewohnt – im dort üblichen "Klein-Klein" der marktwirtschaftlichen Beleuchtung steckenbleibt und den Tellerrand nicht sucht – und ihn ergo auch nicht findet bzw. gar nicht finden will.

n-tv erzählt uns das Märchen vom "Lieben Wolf und den süßen Geißlein" nun zum 1058. Mal:

Arbeitslosigkeit in Europa sinkt weiter / Die Arbeitslosenquote im Euroraum ist im September auf den niedrigsten Stand seit Januar 2009 gefallen. Im September lag die Quote bei 8,9 Prozent, wie das Statistikamt Eurostat in Luxemburg mitteilte. In absoluten Zahlen fiel die Arbeitslosigkeit im September zum Vormonat um 96.000 und gegenüber dem Vorjahresmonat um 1,463 Millionen.

Selbstverständlich wird auch in dieser (von der dpa kopierten) "Pressemitteilung" nichts über Hintergründe, über frisierte Zahlen und geschönte Statistiken berichtet – das könnte einen Teil der Bevölkerung schließlich verunsichern. Die minimalistischen, albernen Pseudodifferenzierungen, die im Text vorkommen, lassen das Ergebnis noch viel skurriler erscheinen: Jedem denkenden Menschen muss klar sein, dass in einem von Banken und der EU bis aufs Blut ausgepressten Staat wie Griechenland die Arbeitslosigkeit besonders hoch ist – und dennoch entblödet man sich nicht, sogar hier von einer relativen "Verbesserung" zu schwadronieren.

Es wird gelogen, dass sich die Balken nicht mehr nur biegen, sondern gleich reihenweise krachend den Geist aufgeben. Und trotzdem wiederholt die Kuhpresse den giftigen Sermon immer und immer wieder, als hinge ihr Leben davon ab. Was im hiesigen Haifischbecken vielleicht auch gar nicht so falsch ist.

Eines darf auch in dieser knappen Form – es handelt sich gerade mal um drei kurze Absätze – aber niemals fehlen, und das ist der ewig wiederkehrende Hinweis, dass "Deutschland besonders gut" dastehe. Im Teaser zu diesem absurden, semireligiösen Minitext war auf der Übersichtsseite bei n-tv gar zu lesen, "Deutschland" ginge es "blendend". Das ist schließlich das Wichtigste, nicht wahr, liebe Presse? – Selbstverständlich ist auch das dumm und dreist gelogen – die entsprechenden Zahlen sind (noch weitaus umfassender als Wellbrock das in seinem allzu engen Text darstellt) fingiert und zurechtgebogen – aber das interessiert die Vasallen der Herrschaft nicht weiter. Schließlich soll das kapitalistische Donnerross ja weiterhin stöhnend in den Abgrund schnaufen, während die Superreichen sich fortwährend die längst überquellenden Taschen füllen, denn das ist das alleinige Ziel der ganzen Veranstaltung, die "System" genannt wird.

Es ist, als hätte irgendwer den JournalistInnen, die diesen lächerlichen Betrug, für den sie seinerzeit selbst in der DDR schallend ausgelacht worden wären, wie von Sinnen immer wieder verbreiten, denselben Quirl auf den geöffneten Schädel geschnallt, der schon seit Jahrzehnten die Gehirne der PolitikerInnen der kapitalistischen Einheitspartei (KED) in grauen, zähflüssigen und willfährigen Schleim verwandelt. Bislang liefen die Geräte auf Stufe III – bald wird die Energie aber sicherlich auf Stufe IV erhöht: Da kann es dann schon einmal vorkommen, dass auch etwas übelriechender, unschöner Brei über den Rand nach draußen schwappt. Die Skala ist jedoch noch nicht ausgereizt, so dass wir uns auf noch viel üblere Sauereien – nicht bloß bezüglich der schleimigen Verunreinigungen – freuen können.

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Derweil in Kapitalistan



(Illustration aus dem "Offenbarungsbuch" der Zeugen Jehovas, der offensichtlichen Blaupause für den kapitalistischen Kuhjournalismus)

Samstag, 4. November 2017

Überwachung: "Ich weiß, was Du letzten Mittwoch getan hast"


Gestern habe ich mal wieder die "Vorzüge des Internet" genossen. Ich habe demnächst einen Termin wahrzunehmen und werde diesen aufgrund gesundheitlicher Gründe (Verletzung des rechten Fußes) voraussichtlich nicht mit dem PKW wahrnehmen können. Deshalb habe ich – zum allerersten Male – die Internetseiten des hiesigen "Verkehrsverbundes", wie sich hier der öffentliche Personennahverkehr schimpft, aufgerufen und dort nach einer entsprechenden Verbindung gesucht.

Da ich keine entsprechenden Pläne der Bus- und Bahnlinien, die irgendwie sinnvoll benutzbar sind, gefunden habe (oder schlicht zu blöd war, sie zu finden), habe ich die "Verbindungssuche" genutzt. Dabei habe ich, um mir zunächst einen groben Überblick zu verschaffen, zentrale Haltestellen am Ausgangs- und Zielort ausgesucht – also so etwas wie "Hamburg Hauptbahnhof nach Berlin Mitte" anstatt "Hamburg-Altona, Kleinkleckersdorfer Straße nach Berlin-Zehlendorf, Provinzgasse".

Das Suchergebnis hatte es in sich: Die "Verbindungssuche" listete daraufhin – neben den angeforderten Ergebnissen – eine ganze Reihe Haltestellen auf (inklusive "Gehminuten"!!!), die näher an meiner Wohnung liegen als die zentrale Stelle, die ich eingegeben hatte. Und die Angaben waren fatalerweise korrekt.

Woher zur Hölle "weiß" diese Software, wo genau ich wohne – und wer in des Teufels Namen hat ihr das "verraten"? Ich achte ja nun seit eh und je darauf, dass ich keinerlei persönliche Angaben öffentlich ins Netz stelle, ich benutze ein VPN und achte peinlich darauf, dass ich stets eine "sichere" Internetverbindung ("https") habe, wenn ich Online-Banking betreibe oder – was nur extrem selten, also ein- bis zweimal im Jahr vorkommt – einen Online-Einkauf tätige.

Offensichtlich ist das alles vergeblich. Google & Co. wissen, wo ich wohne und wahrscheinlich auch, wie ich heiße, welche sexuellen Vorlieben ich habe und ob ich mir regelmäßig die Intimbehaarung entferne oder Katzenvideos anschaue. Ich finde das nicht nur gruselig, sondern geradezu alarmierend. Ich bin offensichtlich viel zu naiv und ein wunderbar einfaches Opfer für Datensammler und Überwacher. Fachleute werden mich nun gewiss auslachen, zumal ich ja ausgerechnet via Google ("blogspot" gehört dazu) dieses Blog betreibe. Ihr habt ja recht. Dennoch erklärt das nicht das geschilderte surreale Erlebnis, denn auch "blogspot" kennt keine persönlichen Daten von mir – jedenfalls keine, die ich ihnen freiwillig und offen gegeben habe.

Auch für Stadtpläne benutze ich niemals Google Maps, sondern immer nur Openstreetmap.org – aber trotzdem bekomme ich dort, wenn ich nach vielen Monaten mal wieder auf die Seite zugreife, stets die zuletzt angezeigte Karte zu sehen – obwohl ich regelmäßig alle Cookies lösche. Wie kann das denn sein? Ich bin wohl wirklich zu naiv und habe schlichtweg keine Ahnung, mit welchen Tricks da inzwischen gearbeitet wird.

Wenn mir der örtliche "Verkehrsverbund" die "Gehminuten" zur nächsten Bus- oder Bahnhaltestelle ausrechnet, ohne dass ich angegeben habe, wo ich wohne, haben wir ein Riesenproblem, das sich nicht mehr aus der Welt schaffen lässt. Und Orwell kotzt in seinen Sarg, während die kapitalistische Bande glückselig jauchzt.


Musik des Tages: Sinfonie Nr. 3 in c-moll




  1. Lento. Divin, grandiose – Luttes. Allegro mysterieux, tragique
  2. Voluptés. Lento, sublime
  3. Jeu Divin. Allegro, avec une joie éclatante

(Alexander Nikolajewitsch Skrjabin [1872-1915]: "Sinfonie Nr. 3 in c-moll", "Le divin poème", Op. 43 aus den Jahren 1902/04; Orquesta Sinfónica de Galicia, Leitung: Dima Slobodeniouk, 2014)


Donnerstag, 2. November 2017

Wenn der "Falsche" das "Richtige" fordert


Der Kapitalismus im Zwiespalt der Propaganda

Eigentlich ist das ja ein alter Hut: Neoliberale Apologeten – also schnöde Kapitalisten – sehnen sich bar jeder Logik nach einem "schlanken Staat", der die Handlungen der Konzerne auf dem "Markt" möglichst gar nicht "reguliert", der die Steuern für "Leistungsträger", also die profitierenden, meist arbeitslosen Reichen möglichst gegen null senkt und der tunlichst sämtliche Sozialleistungen für die große Mehrheit der Bevölkerung einstellt, damit diese "animiert" werden, "Eigenvorsorge" zu betreiben, sofern sie es denn können. So weit, so altbekannt und widerwärtig.

Trotzdem ist dieses menschenfeindliche Konstrukt nicht aus der Welt zu schaffen. Die hiesigen Blockparteien des Kapitals forcieren und zementieren es nach wie vor – was in den Massenmedien allerdings eher selten thematisiert oder gar kritisiert, geschweige denn journalistisch hinterleuchtet wird – allenfalls Jubelhymnen auf die "Reformen" und deren "Erfolge" sind dort regelmäßig zu lesen. Nun hat jedoch ein erklärter Popanz-Gegner der westlichen Demokratiesimulation, Donald Trump, ganz ähnliche Pläne auf den Tisch gelegt, die ansonsten jedem transatlantischen Wirtschaftsredakteur von FAZ, Spiegel, Zeit & Co. die Freudentränen in die Augen trieben – und schon heulen die Heuchler auf und veröffentlichen "Brandtexte" wie exemplarisch diesen (Zeit Online):

Der Bundesstaat [Kansas] wollte zur Blaupause für das Ideal einer konservativen Steuerpolitik werden: ein extrem schlanker Staat, der den Bürgern und der Wirtschaft möglichst wenig Steuern abverlangt. / 2012 hatten die Konservativen in Kansas unter Führung von Gouverneur Sam Brownback [Nomen est omen, Anm.d.Kap.] das Steuergesetz angepasst. Das Ziel: Mittelständische Unternehmen, Selbständige und Landwirte sollten gestützt und so die Wirtschaft angekurbelt werden. Die Pläne der Steuerrevolutionäre sahen vor, die Einkommenssteuer schrittweise auf Null zu senken. Außerdem sollten Firmen mit bestimmten Rechtsformen – etwa Limited Liability Companies (LLC) – komplett von der Einkommenssteuer befreit werden. Das Ganze, erklärte ein zuversichtlicher Brownback, sei ein "Experiment in Echtzeit".

Das Experiment ging nach hinten los. Innerhalb eines Jahres sanken die Steuereinnahmen in Kansas um acht Prozent oder rund 700 Millionen Dollar. Was die Sache noch schlimmer machte: Die Abgeordneten hatten es versäumt, die Staatsausgaben zu senken. Weil es plötzlich an den nötigen Mitteln fehlte, sah sich der republikanische Gouverneur gezwungen, Schulprogramme zurückzufahren, Reparaturen an Highways zu verschieben und Sozialleistungen zu kürzen. / Der Aufschwung, den sich die Republikaner von ihrer Steuerpolitik erhofften hatten, blieb zudem aus. Das Wachstum im Privatsektor war in der Folge sogar niedriger als der Landesdurchschnitt.

Paradiesische Zustände in Kapitalistan

Wer hätte denn auch mit einem so desaströsen Ergebnis rechnen können? Es ist doch nun seit so langer Zeit vielfach belegt, dass Steuersenkungen für Reiche, Privatisierungen und "Deregulierungen" des "Marktes" allenthalben zu paradiesischen Zuständen für die gesamte Bevölkerung geführt haben. Gerade Deutschland ist ein gutes Beispiel dafür: Dank der Demontage des Sozialstaates und der Etablierung des Hartz-Terrors haben "wir" nun eine immer reicher werdende Bevölkerung, kaum noch Arbeitslose, keine Armut mehr und überhaupt geht es allen Menschen prächtig. Die Privatisierungen im Bereich der Krankenhäuser und Pflegeheime haben dafür gesorgt, dass Patientinnen immer besser versorgt, dass die Beschäftigten besser bezahlt werden und richtig tolle Arbeitsbedingungen erhalten haben. Die Abschaffung der Vermögenssteuer hat für hunderttausende neue Arbeitsplätze und massig Investitionen gesorgt – "wir" haben schließlich eine Elbphilharmonie, einen fast fertigen Superflughafen und einen zumindest angedachten Untertage-Bahnhof. Was soll man sich denn sonst noch wünschen? Und auch die privatisierte Post (inklusive der Telekom) ist ein einziges Erfolgsfanal, das für Kunden, Beschäftigte und die Infrastruktur ein glorreicher Segen war – um nur ganz wenige Beispiele von so vielen zu nennen.

Die Vertreibung aus dem Paradies

Aber wenn jemand wie der erklärte "Feind der Demokratie", Donald Trump, nun trotz der bekannten desaströsen Folgen dasselbe für die USA ankündigt, was nun wahrlich niemanden überraschen kann, meldet sich die deutsche Journaille plötzlich kritisch zu Wort und findet das befremdlich. Ernsthaft? Merken diese Genies von Kuhjournalisten denn wirklich nicht, wie kafkaesk diese Story ist – oder wollen sie ihre LeserInnen einfach nur verarschen und für dumm verkaufen? Kommt von den gutbezahlten Damen- und Herrschaften denn tatsächlich niemand auf die Idee, dass sinkende Steuereinnahmen, demontierte Sozialsysteme, ein überquellender, obszöner Reichtum der selbsternannten "Elite" und letzten Endes ein weitgehend handlungsunfähiger Staat nicht die Folge "politischer Fehler", sondern exakt die gewünschten Ergebnisse sein könnten, zumal diese infantile Farce nun schon seit mehreren Dekaden andauert? Oder glauben diese schreibenden Stricher und Huren allen Ernstes, dass da mehrheitlich Leute in den politischen Räuberhöhlen hocken, die es auch nach 20 Jahren noch nicht fertigbringen, eins und eins zusammenzuzählen?

Hätte sie doch bloß jemand gewarnt

Ich weiß allmählich wirklich nicht mehr, wen ich verabscheuungswürdiger finde: Die korrupte Bande in den Blockparteien, die willfährigen, die Korruption begleitenden KuhjournalistInnen oder die profitierenden Arschlöcher, die sich wie Dagobert Duck tagtäglich in ihren erbärmlichen Geldspeichern im nackten Wahnsinn ihrer unersättlichen Habgier suhlen, obwohl sie wissen, dass sie nicht nur in gestohlenem Gold, sondern erst recht in millionenfachen Massengräbern schwimmen.

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"Tja – große Gewinne erfordern kleine Opfer!"

(Zeichnung von Karl Arnold [1883-1953], in "Simplicissimus", Heft 7 vom 12.05.1920)