Mittwoch, 31. August 2016

Song des Tages: Downfall




(Exodus: "Downfall", aus dem Album "Exhibit B: The Human Condition", 2010)

A crumbling empire
Where angels fear to tread
Into the ruins of a civilization
A society ripped to shreds
No semblance of order
Into the world which I abjure
Where the bloody blade is forged
Am I the cause of the cure?

Our destiny is soon revealed
Battle strewn, no way to heal
We spread the wings of failure
For the world's last goodnight:
Downfall!
In the flames of the burning lands
Who claims to have the upper hand?
Bonfire of the vanities and spite

Like Sodom and Gomorrah
Forsaken and alone
Look how the mighty all have fallen
We reap what we have sown
When all the marble palaces
Are blackened, sacked and burned
Will we understand man's ignorance
Through all the lessons learned?

Fall! Fall! Fall!
Downfall!

So quick to claim the credit due
Yet no-one takes the blame
Like Nero played his violin
While watching Rome in flames
Implosion of our nations through
Decisions of its kings
Downfall of our creation
It's the end of everything



Anmerkung: Es hätte wohl kein passenderer Ort für das Video zum Song gewählt werden können als ein us-amerikanischer Gerichtssaal.

Dienstag, 30. August 2016

Notstand – die letzte linke Utopie


Ein Gastbeitrag von Matthias Eberling

Nie haben die Massen nach Wahrheit gedürstet. Von den Tatsachen, die ihnen missfallen, wenden sie sich ab und ziehen es vor, den Irrtum zu vergöttern, wenn er sie zu verführen vermag. Wer sie zu täuschen versteht, wird leicht ihr Herr, wer sie aufzuklären sucht, stets ihr Opfer.

(Gustave Le Bon)

Wenn wir die Sache mal zu Ende denken, kann uns doch nichts Besseres passieren als ein Notstand. Ein richtiger Notstand, die Versorgung mit Energie, Wasser und Nahrungsmittel bricht zusammen. Keiner kommt mehr zur Arbeit. Die Medien fallen komplett aus. Seien wir froh um jedes privatisierte Wasserwerk, das marode wird, weil die profitgeilen Neubesitzer keinen Cent in die Erhaltung investieren.

Was passiert, wenn das filigrane Netzwerk der Versorgung zusammenbricht? Die Armen haben nix. Sie werden verhungern. Nein, ganz im Gegenteil. Ihre große Zeit ist endlich gekommen. Sie werden um ihr Überleben kämpfen. Wenn irgendetwas den Sturm auf die Paläste auslösen wird, dann ist es ein Notstand. "Not kennt kein Gebot", wissen die kleinen Leute seit tausenden von Jahren.

Dann wird das durchtrainierte (vormals fette) Bonzenschwein aus seinem SUV gezogen, dann wird nicht mehr gebettelt, dann wird geplündert. Die leeren Supermärkte werden brennen (gut, sie werden nicht ganz leer sein, der Ständer mit dem Manager-Magazin und das Regal mit dem alkoholfreien Bier bleiben unangetastet), die Villen, die Polizeistationen, die Sportwagen.

Wir können uns nur wünschen, dass die Ordnung zusammenbricht. Es ist die letzte Chance, die wir haben. Dann sind alle Bankkonten auf null, denn Geld spielt keine Rolle mehr. Die angehäuften Millionen und Milliarden der Reichen lösen sich in blauen Dunst auf. Deswegen wird auch keine Security mehr auf diese Leute aufpassen, die Bodyguards müssen sich um ihre Familien und sich selbst kümmern.

In Merkels Führerbunker brennt die Notbeleuchtung, aber niemand hört mehr, was die lobotomierten Volksvertreter noch zu sagen haben. Das Leben findet wieder auf der Straße statt. Du weißt genau, wem du trauen kannst und wem nicht. Leuten aus den Medien oder von der Polizei kannst du nicht trauen, aber deinen Freunden, deinen Nachbarn und deiner Familie. Und dazu brauchen wir noch nicht mal eine linke Theorieverschwörung.

See You at the barricades ...

---

Dieser Text wurde zuerst im Blog des Kiezschreibers veröffentlicht und erscheint hier mit freundlicher Genehmigung des Verfassers.


(Barrikade der Pariser Kommune, 1871)

Montag, 29. August 2016

Die "linke" Jugend: Das Ruder fest in der Hand


Vor einigen Tagen war bei Zeit Online wieder einer jener Texte zu lesen, die mir regelmäßig die Hutschnur platzen und den Blutdruck in bedenkliche Höhen schnellen lassen. Unter dem Titel "Ohnmacht ist genau das richtige Wort" berichtet dort eine Studentin von ihrer "linken Sozialisation", beschreibt allerlei durchaus sinnvolle und wichtige Stationen sowie Irritationen und kommt sodann zu dem hanebüchenen Schluss:

Und ich? Möchte mich nicht beklagen. Ich bin zwar eine Frau, aber ich habe Glück: Ich bin weiß und deutsch. Studentin. Ich kann mich nicht beschweren über das Leben, das ich führe. / Denn ich, die weiße, gebildete Europäerin, bin eine von denen, die das Ruder in der Hand haben. Wir haben die Kraft und die Möglichkeiten, unsere Welt besser zu machen.

Einen solchen Irrsinn, den man sich allenfalls in durchsoffenen Nächten bei den aktenkoffertragenden Jungliberalen oder an grölend-nationalistischen AfD-Stammtischen ausdenken kann, muss man als Leser erst einmal verdauen, bevor allmählich zunächst die Ernüchterung und sodann das Entsetzen einsetzen. Wenn das auch nur annähernd repräsentativ sein sollte für die "linke Jugend" in unserer kapitalistischen Höllenwelt, ist es tatsächlich an der Zeit, Adieu zu sagen.

Solange "gebildete" Menschen wie diese Dame nicht endlich wieder (!) erkennen, dass sie weder "das Ruder", noch sonst irgendetwas, das den Lauf dieses kapitalistischen Systemes maßgeblich beeinflussen könnte, in der Hand haben, kann und wird es keinerlei Verbesserungen für alle Menschen geben. Wenn das "linke Bewusstsein" schon an solch banalen Erkenntnissen scheitert, kann daraus nur genau das werden, was die Dame detailliert beschreibt: Ein hochnotpeinliches Herumdoktern an Symptomen im individuellen Einflussbereich, das - wie schon vor hundert Jahren ausführlichst beschrieben - genau nichts ändert. Und die Dame nennt diesen persönlichen Aktionismus auch noch "Kampf" - sie hat wohl lediglich vergessen, die Konkretisierung "gegen Windmühlen" hinzuzufügen.

Mit Bio-Hanseln, Gender-Aposteln, veganen PriesterInnen und ähnlichen Nebenschauplatzbewohnern (Lapuente, Sasse, Berger, Faulfuß etc.) ist selbstverständlich kein Systemwechsel möglich - der Mühsam'sche "Lampenputzer" lässt freundlich grüßen.

So etwas kommt dabei heraus, wenn ein bewusst verkrüppeltes Bildungssystem in einer bis in die Haarspitzen kapitalisierten Horrorwelt Menschen ins Leben schickt, die sich groteskerweise für "gebildet" halten. Jene Menschen sind dabei noch die letzten, denen man Vorhaltungen machen kann, denn sie wissen es schlicht nicht besser - wer das kritische Lernen und selbstständige Denken nicht beigebracht und vor allem vorgelebt bekommt, ist zunächst eher ein Opfer des Systems. Dieser jugendliche "Opferschutz" endet jedoch ab einem gewissen Alter.

Ob man tatsächlich darauf hoffen darf, dass diese schlecht ausgebildete, sich "am Ruder" wähnende neue Generation vielleicht doch irgendwann mehrheitlich erkennt, dass sie aufs Glatteis geführt wurde - bevor das Eis erneut bricht? Ich persönlich habe da arge, sehr berechtigte Zweifel.

Sozialpolitik ist der verzweifelte Entschluss, an einem Krebskranken eine Hühneraugenoperation vorzunehmen.

(Karl Kraus, in: Aphorismen, 1909)

---

Die Armen und das Geld
oder: Andrang vor dem Büro der Staatslotterie



(Aquarell von Vincent van Gogh [1853-1890] aus dem Jahr 1882, Van Gogh Museum Amsterdam, Niederlande)

Samstag, 27. August 2016

Plattes von Platta (1): Grundsicherung


Ab heute möchte ich in unregelmäßigen Abständen auf besonders hanebüchene Auswürfe des "Agnostikers" [*lol*] Holdger Platta hinweisen, der auf der gruseligen, sektiererischen Eso-Plattform "Jenseits der Realität" immer wieder beweist, dass er dem dümmlichen, mittelalterlichen Unsinn von Opa Wecker und dem Schwarzmagier Faulfuß stets noch einen Schritt voraus ist.

Beginnen möchte ich diese erbauliche Reihe mit einem Kommentar, den der Ritter auf dem weißen skelettierten Eso-Pferd zu seinem eigenen dümmlichen Beitrag "Notbevorratung: Pech für Hartz IV-Betroffene!" aus der verwesenden Hirngruft entlassen hat:

Ich bin allen Ernstes der Meinung, daß wir alle den absurd-verlogenen Begriff "Grundsicherung", erfunden von den Hartz-IV-Ideologen, austauschen sollten gegen den richtigen, gegen den einzig wahren Begriff, nämlich gegen den einzig zutreffenden Begriff: "Abgrundsicherung"!

Hier haben wir es nun schwarz auf weiß: Die tatsächlich von kapitalistischen, menschenfeindlichen Schergen ersonnene "Grundsicherung" ist also aus Eso-Sicht bloß eine "Abgrundsicherung" - und dies ist natürlich der "einzig wahre Begriff" für diese faschistoide Farce. Ich habe mich beim Lesen vor Lachen dermaßen verschluckt, dass Herr Platta froh sein darf, demnächst nicht wegen Beihilfe zum Mord angeklagt zu werden: Ich konnte die Kotze doch noch rechtzeitig ausspucken.

Ich stelle diesem intellektuellen Blödsinn aus dem Dunstkreis der religiösen Spinner meine eigene Definition entgegen: Der Hartz-Terror hat mit dem Begriff "Sicherung" nichts, aber auch gar nichts zu tun, da die erbärmlichen Zahlungen jederzeit gekürzt oder ganz verweigert werden dürfen. Es handelt sich um nichts anderes als um ein willkürliches Almosen, das nichts "sichert", dafür aber Millionen von Menschen in die Unsicherheit stürzt und für Betroffene voll umfänglich und jederzeit existenzbedrohend ist.

Die lächerliche Aktion, die als Anlass für Plattas populistisches Posting dient, kommentiere ich nicht weiter - der Mann ist intelligent genug, dass er selber weiß, welchen propagandistischen, völlig haltlosen Bockmist er da verzapft hat. Der Begriff "Abgrundsicherung" ist aber ein hehrer Kandidat für den goldenen Schwachsinn mit Lorbeerkranz am neoliberalen Band des Jahres - sponsored by McKinsey.

Es ist mir nicht bekannt, ob Herr Platta sein Gehirn nicht benutzt oder wirklich solchen inhumanen Gedanken nachhängt und auf "Teufel (Faulfuß) komm raus" aktionistischen Blödsinn produziert, um die kritikfreie Gefolgschaft der esoterischen Sektierer seiner Filterblase zum Applaus zu animieren. - Er wird uns hier aber gewiss nicht darüber aufklären, sondern mich allenfalls persönlich oder anwaltlich auffordern, die unten stehende Zeichnung zu entfernen. Schadenersatzforderungen traue ich ihm nicht zu - aber wer weiß. Oder besitzt der Mann am Ende doch einen rudimentären Humor? - Nein, das kann nicht sein.

---



(Zeichnung von Holdger Platta; Text vom Heiligen Geist, der mich des Nachts besuchte und intellektuell schwängerte, während er unaufhörlich "Hosianna", "Halleluja" und "Abgrundsicherung" sang. Ich bin unschuldig und hatte noch nie Sex.)

Buchempfehlung: Spielzeit


Das Buch, das ich heute empfehlen möchte, habe ich seinerzeit in einer einzigen Nacht verschlungen und mich trotzdem noch lange danach mit der Thematik beschäftigen müssen: Der Roman "Spielzeit" von Norbert Stöbe dürfte heute indes kaum jemandem mehr bekannt sein, da er das Schicksal so vieler unter dem Label der Science Fiction veröffentlichen Werke teilt und in der Vergessenheit versunken ist. - Ich zitiere, wie gewohnt, der Einfachheit halber aus dem Klappentext:

"Reinhold Buntlaub, mit Vorbereitungen für eine Segeltour beschäftigt, findet sich unversehens in einer fremden Welt wieder. Wie kam er hierher? Wie wurde das bewirkt? Und von wem? Und wer ist das merkwürdige Wesen in seiner Nähe, das sich Xirtsch nennt?

Xirtsch scheint sich dieselben Fragen zu stellen. Eines ist sicher: Sie müssen überleben. Und das schaffen sie nur gemeinsam - welches Schicksal auch immer sie auf diesen wilden Planeten verschleppt hat. Überleben: Nahrung und Schutz suchen - und Orientierung. Irgendeine Bedeutung muss sich in diesem Ereignis verbergen, eine vertrackte Aufgabe, die es zu lösen gilt. Bald entdecken sie, dass sie nicht allein sind. Andere Wesen durchstreifen den Planeten ebenfalls.

Die Erksel sind eine hochtechnisierte Spezies. Fünf von ihnen haben sich zum SPIEL zusammengefunden. Sie spielen um Zeit, das kostbarste Gut. Sie spielen mit 'Figuren' - Lebewesen niedrigerer Intelligenz. Wie werden diese 'Figuren' sich verhalten, bewegen, entwickeln? Das gilt es abzuschätzen und vorauszuberechnen. Beim SPIEL kann man bluffen, betrügen, verlieren und gewinnen. Und man kann davon besessen werden."

Dieses Szenario ist seitdem in vielerlei Hinsicht von Hollywood und inzwischen auch der Computerspieleindustrie aufgegriffen worden - allerdings zumeist in einer nur rudimentären, stark trivialisierten Form, in der es vornehmlich um alberne Kämpfe geht, welche die völlig unvorbereitet in eine neue Situation geworfenen Protagonisten zu absolvieren haben. Eines die übelsten Beispiele ist der Hollywood-Schinken "Predator"; ein etwas ausgewogeneres, aber immer noch - in Relation zum Buch - eindimensionales Exempel der Film "Cube".

Stöbes Roman ist hundertfach facettenreicher und tiefgehender als diese Adaptionen und befindet sich weit fernab alles Trivialen. Wie in "ernsthafter" Science Fiction üblich, geht es auch hier letzten Endes nicht um irgendeinen fernen Planeten und fremde Wesen, sondern um ganz konkrete Themen und Probleme unserer aktuellen Gegenwart - was mir schon damals, als ich das Buch zum ersten Mal gelesen hatte, schnell klar war, obwohl ich seinerzeit noch über herzlich wenig Hintergrundwissen - nicht nur bezüglich der Literatur im Allgemeinen und der Science Fiction im Speziellen - verfügte.

Ein kurzer Textauszug mag das verdeutlichen. Gegen Ende des fesselnden Romans, als sich die Auflösungserscheinungen des (selbstverständlich kapitalistischen) "Spieles" der "Erksel" für den Protagonisten längst bemerkbar machen, heißt es:

Der Raum war etwa so abstrakt wie das Leben nach dem Tod. Eigentlich war er gar nicht vorhanden, und die Vorstellung fiel schwer, dass es ihn jemals wieder geben würde, so wie früher. Aber vielleicht stimmte das nicht, und es gab eher zuviel Raum, zuviel schwarzgefüllte Weite, zuviel Nichts.

Dieses Zitat ist nicht repräsentativ für das gesamte Werk, das sich in weiten Teilen sehr flüssig und leicht lesen lässt, macht aber deutlich, dass hinter dem Offensichtlichen - und zwar an jeder auch noch so oberflächlich wirkenden Stelle - etwas Tieferes zu finden ist, sofern der Leser denn gewillt oder in der Lage ist, sich dem zu öffnen. Dies ist im Übrigen eine der vielen Faszinationen, die Science-Fiction-Literatur schon immer auf mich ausgeübt hat: Das "Übersetzen" des Gelesenen in die Gegenwart des Rezipienten, wie das beispielsweise auch bei expressionistischer Literatur der Fall ist.

"Spielzeit" war eines der vielen Bücher, die meinen Entschluss, mich neben der Musik auch der Literaturwissenschaft zu verschreiben, vor 30 Jahren zementiert haben.



(Norbert Stöbe [*1953]: "Spielzeit", Heyne 1986)

Mittwoch, 24. August 2016

Song des Tages: The Carnival Is Over




(Dead Can Dance: "The Carnival Is Over", aus dem Album "Into The Labyrinth", 1993)

Outside the storm clouds gathering
Move silently along the dusty boulevard
Where flowers turning crane their fragile necks
So they can in turn reach up and kiss the sky

They're driven by a strange desire
Unseen by the human eye
Someone's calling

I remember when you held my hand
In the park we would play
When the circus came to town

Outside the circus gathering
Move silently along the rain swept boulevard
The procession moved on, the shouting is over
The fabulous freaks are leaving town

They're driven by a strange desire
Unseen by the human eye
Someone's calling

The carnival is over.

"We sat and watched
As the moon rose
For the very first time."



Dienstag, 23. August 2016

Blackout


Über die Suggestion vom Überleben im Katastrophen- oder Kriegsfalle durch Bevorratungs-Propaganda der Bundesregierung

Ein Gastbeitrag des Altautonomen

Am Mittwoch, dem 24.08.2016 wird die Bundesregierung in Gestalt des Innenministers Thomas de Maiziere der Öffentlichkeit ein Konzept vorstellen, nach dem die Bevölkerung im Notfall sich selber ausreichend für mindestens 10 Tage mit Lebensmitteln, Wasser, Energie (Taschenlampen) und Bargeld versorgen soll. Als größte Gefahr für die Existenz der Bundesrepublik wird nach den bisherigen Medienberichten die Bedrohung der Infrastruktur durch Computerviren und Sabotage, eventuell verbunden mit Massenvernichtungswaffen gesehen.

Diese Nachricht erzeugt spontane Ängste, Panik und Spekulationen. Wird Russland angegriffen? Wird Russland "freie" Länder angreifen? Soll die hiesige Bevölkerung so auf einen bevorstehenden Krieg vorbereitet werden? Dabei ist meines Erachtens das Szenario eines großräumigen Stromausfalls durch eine Cyberattacke das Naheliegendste (man erinnere sich beispielsweise an Stuxnet!). Als Ursachen für einen lange andauernden und überregionalen Stromausfall kommen aber auch technisches und menschliches Versagen, Epidemien, Pandemien oder Extremwetterereignisse infrage. Vielfach wird erwartet, dass künftig die Ausfallwahrscheinlichkeit größer wird, unter anderem deshalb, weil die Gefahr terroristischer Angriffe und klimabedingter Extremwetterereignisse als Ursachen eines Netzzusammenbruchs zunehmen werden.

Die von Elektrizität abhängige Infrastruktur hat sich inzwischen derart komplex und störanfällig entwickelt, dass ganze Heere von Technikern permanent damit beschäftigt sind, neue Lücken in den Sicherheitskonzepten zu schließen. Unser Stromnetz ist aus vielen kleinen Einheiten aufgebaut, die alle genau aufeinander abgestimmt arbeiten. Greift eine Schadsoftware an einem Knotenpunkt an, könnte sie einen großen Teil des Netzes lahmlegen. Die Gesellschaft und ihr Versorgungs-, Gesundheits- und Verkehrssystem würde unverzüglich kollabieren. Kühlketten würden unterbrochen, Supermarktkassen, Geldautomaten und Tanksäulen würden nicht mehr funktionieren, Tiermastbetriebe, Busse und Bahnen, Operationssäle und der Flugverkehr müssten den Betrieb einstellen. Telefonie und Internet, Ampeln und Schranken lägen lahm.

Im Bereich der Wasserversorgung wird elektrische Energie in der Wasserförderung, -aufbereitung und -verteilung benötigt. Besonders kritisch für die Gewährleistung der jeweiligen Funktion sind elektrisch betriebene Pumpen. Fallen diese aus, ist die Grundwasserförderung nicht mehr möglich und die Gewinnung von Wasser aus Oberflächengewässern zumindest stark beeinträchtigt.

Dies sind nur ein paar Beispiele, dass mit der Bevorratung von Lebensmitteln und Wasser ein soziales Chaos und Barbarei nicht verhindert werden können. Dafür treten derartige Ausfälle erfahrungsgemäß viel zu abrupt und massiv auf. Ausführlichere Folgen eines Blackouts können beispielsweise hier [pdf] nachgelesen werden.

---

Anmerkung des Altautonomen: In dem gleichnamigen Roman von Marc Elsberg werden die katastrophalen Folgen eines "Blackouts" sehr einleuchtend beschrieben: Halb Europa ist wochenlang dank eines Hackerangriffs von Cyberpiraten ohne Strom.


Montag, 22. August 2016

Realitätsflucht (34): Hard To Be A God


Das Action-Rollenspiel, um das es in der heutigen Realitätsflucht geht, stammt vom russischen Entwicklerstudio Akella, wurde 2008 veröffentlicht und basiert auf dem gleichnamigen Science-Fiction-Roman der russischen Gebrüder Arkadi und Boris Strugazki: "Hard To Be A God". Das Spiel stand viele Jahre unbeachtet in meinem hintersten Regal - ich habe es vor Jahren mal für einen Euro auf irgendeinem Grabbeltisch gefunden und es mitgenommen, weil ich den besagten, sehr guten Roman kannte. Danach habe ich die DVD vergessen.



Nun ist sie mir vor einigen Monaten beim Aufräumen und Ausmisten wieder in die Hände gefallen, und ich dachte, es sei wohl an der Zeit, das Spiel, das trotz des lächerlichen Preises in einer edlen Metallbox (daher der etwas merkwürdige Scan des Covers) vertrieben wurde, einfach mal auszuprobieren. Vorab sei gesagt, dass es nicht zwingend notwendig ist, den Roman zu kennen, wenn man das Spiel spielen möchte - allerdings erleichtert die Kenntnis des Buches das Verstehen mancher Dialoge und insbesondere Witze doch sehr.

Zur Handlung will ich nicht viel verraten, denn die hat es in sich (die Geschichte ist in einer Zeit angesiedelt, die nach den im Roman beschriebenen Ereignissen beginnt): Grob gesagt schlüpft man in die Rolle eines Einwohners des Planeten Arkanar, dessen humanoide Bevölkerung sich auf dem Entwicklungsstand des irdischen Mittelalters befindet. Dass hier vieles nicht so ist, wie es zunächst scheint, wird schon relativ schnell klar - ich denke, dass auch der Titel des Spieles schon genug Hinweise liefert, so dass ich zu diesem Thema nichts weiter verraten möchte. - Es bleibt aber festzuhalten, dass "Hard To Be A God" eines der ganz wenigen Rollenspiele ist, die mit einer überaus tiefgründigen, überraschenden und aufgrund der literarischen Vorlage äußerst durchdachten Geschichte aufwarten. Wer in "Gothic", "Skyrim" oder "The Witcher" stets verzweifelt auf der Suche nach einer Story war, wird hier im reichlichen Überfluss belohnt und - ich kann das nicht anders formulieren - zutiefst beglückt.

Auch dieses Spiel benutzt den sogenannten "Third-Person-Modus", der aus Rollenspielen dieser Art wohlbekannt ist. Die "Schulterkamera" folgt dem Helden in mittels Mausrad frei wählbarer Entfernung - wobei hier gleich das erste zu erwähnende Ärgernis wartet, denn der Blickwinkel lässt sich nicht frei einstellen, so dass es - zunächst - keine "Weitsicht" in diesem Spiel gibt. Das lässt sich aber ändern - dazu später mehr. Es handelt sich - ebenfalls zunächst - nicht um eine offene Welt, sondern um verschiedene Areale, die im Verlauf der Geschichte nach und nach freigeschaltet werden und die man nach etwa der Hälfte des - sehr umfangreichen! - Spieles dann doch jederzeit erneut besuchen kann.

Wie in solchen Spielen üblich, gibt es eine Hauptquest, die man verfolgen muss, um weiterzukommen, sowie eine ganze Reihe optionaler Nebenquests, die man erhalten kann, indem man ein Gebiet durchsucht und mit den Bewohnern redet. Es lohnt sich natürlich sehr, alle diese Nebenquests ebenfalls auszuführen - nicht nur des Spielspaßes wegen, sondern auch wegen der teilweise erheblichen Erfahrungspunkte, die man dafür bekommt und die man - wie gewohnt - in verschiedene Fähig- und Fertigkeiten investieren kann, um den Helden "fortzubilden".

Das Spiel ist in der deutschsprachigen Szene weitestgehend ignoriert worden - und die wenigen Rezensionen, die es dazu gibt, sind allesamt so abstrus ausgefallen, dass ich mich beim Lesen immer wieder gefragt habe, ob die Autoren tatsächlich dasselbe Spiel gespielt haben. Ein besonders krasses Beispiel ist dieser Bericht von 4players.de, in dem der Schreiberling sich gar dazu versteigt, das Spiel ins Genre des "Hack'n'Slay" einzuordnen. Das ist indes so absurd, dass mir dazu nichts Sinnvolles einfällt. Welches Rollenspiel besteht denn nicht zu einem recht erheblichen Teil daraus, mittels Nah- und/oder Fernkampf irgendwelche Gegner auszuschalten? Auch die übrigen Bemerkungen aus diesem "Test", beispielsweise bezüglich der angeblichen Schwierigkeit und "Hakeligkeit" der Kämpfe, kann ich nicht ansatzweise nachvollziehen. Nichts davon stimmt - das Spiel ist nicht schwieriger als "Sykrim" oder "Two Worlds II" und die Kämpfe sind ebenfalls nicht großartig unterschiedlich.

Trotzdem gibt es auch aus meiner Sicht Kritikpunkte, die erwähnenswert sind. Da sind beispielsweise einige kleine und ein paar wenige größere Bugs, die manchmal lustig, manchmal nervig und in wenigen Fällen auch so erheblich sind, dass man ohne die Eingabe eines Cheats gar nicht mehr weiterspielen kann. Meines Wissens gibt es keinen Patch dafür - ich habe jedenfalls in einer vertrauenswürdigen Quelle keinen gefunden. Ich führe im Anhang noch aus, wie man das selber sehr leicht beheben kann. Auch die verfügbare Bildschirmauflösung und die Position der Kamera gehören zu diesen Kritikpunkten. Es gibt im Spiel einige Längen, die vermeidbar gewesen wären, wenn die Entwickler die Gebiete sowie die Gegner etwas abwechslungsreicher gestaltet hätten.

Die Musik ist durchweg unaufdringlich und passend, die englische Sprachausgabe (mit optional angezeigten deutschen Untertiteln, die allerdings zuweilen fehlerhaft sind) ist äußerst professionell und spielt - ähnlich wie in "Amalur" - augenzwinkernd mit dem britischen und amerikanischen Akzent, und die Grafik ist dem Jahr 2008 durchaus angemessen. Auf meinem Win7/64-System läuft das Spiel vollkommen problemlos und ohne jeden Absturz.

"Hard To Be A God" ist ein wirklicher Geheimtipp für all jene, die neben den üblichen Erkundungen einer solchen Welt zu Fuß oder auf dem Rücken eines Pferdes sowie den unvermeidlichen Kämpfen auch eine tiefsinnige Geschichte suchen. Dass diese auch gleich eine mögliche Antwort darauf liefert, wieso sich eine intelligente Spezies ab einem gewissen Zeitpunkt nicht mehr weiterentwickelt, sondern auf dem barbarischen Status quo der Gegenwart verbleibt, ist da nur ein kleines Bonbon: Parallelen mit unserer heutigen Zeit sind hier - wer die literarischen Werke der Strugazki-Brüder kennt, weiß das - gewiss nicht zufällig. Es dürfte nicht überraschen, dass Religionskritik - um nicht zu sagen: eine permanente Verächtlichmachung alles Religiösen - ein Zentralpunkt dieser wundervollen Geschichte ist. Ein Herr Faulfuß sähe hier schon den Teufel auf dem Altar tanzen, wenn er wüsste, dass man im Rahmen einer Nebenquest einem Priester helfen soll, der Beim Poker leider sein Gewand verzockt hat und sich seither weigert, weiterhin Predigten in der Kirche zum Besten zu geben. - Ich habe ihm auf meine ganz eigene "Charlie-Art" geholfen ... ;-)

Ich habe dieses Spiel sehr genossen! Selten war eine unverhoffte Flucht ins Unbekannte angenehmer als diese.



---

Anhang

  1. In meinem Spieldurchlauf kam es an zwei Stellen vor, dass mir unsichtbare Türen oder Hindernisse den Weg versperrten. Das lässt sich folgendermaßen beheben:

    In der Datei "HardToBeGod.ini", die man im Programmordner im Unterverzeichnis "TBB" findet, sowie in der Datei "local.ini" im Unterverzeichnis "Profiles" muss die folgende Zeile eingefügt bzw. entsprechend modifiziert werden, um die "Konsole" aktivierbar zu machen: g_console 1.

    Danach lässt sich im Spiel eben jene Konsole durch Drücken der "^"-Taste aktivieren. Dort gibt man dann zu Deaktivierung unsichtbarer Hindernisse den Befehl no_script 1 ein und bestätigt das mit der Enter-Taste. Wenn man fertig ist, sollte man das tunlichst wieder aktivieren, indem man no_script 0 eingibt.

  2. Die Bildschirmauflösung lässt sich ebenfalls in diesen beiden Dateien ändern. Die für mein System passenden Parameter g_width 1920 und g_height 1200 funktionieren problemlos.

  3. Die Kameraposition und das nähere Heranzoomen lassen sich hier ebenfalls einstellen, indem man die vorhandenen Einträge in den beiden Dateien wie folgt ändert bzw. hinzufügt: camera_angle_min 5 und camera_distance_min 3.

Diese Werte sind nur Vorschläge - da kann jeder selbst experimentieren; zudem lassen sich hier eine Menge weiterer Details verändern, wie beispielsweise die Schnelligkeit der ablaufenden Spielzeit, das Wetter, einige grafische Elemente u.v.m. In jedem Fall gilt aber wie immer: Bevor irgendwelche Veränderungen an diesen Dateien vorgenommen werden, sollte man Sicherheitskopien der Dateien anlegen, um im Fall der Fälle den ursprünglichen Zustand wieder herstellen zu können. - Sämtliche Befehle lassen sich auch über die Konsole eingeben, sind dann aber nur temporär gültig - nämlich bis man ein neues Gebiet betritt oder einen Spielstand lädt.

Samstag, 20. August 2016

Die dramatische Wende


Ich bin kein Naturwissenschaftler. Dennoch stelle ich immer wieder eine angsterfüllte Gänsehaut bei mir fest, wenn ich wieder einmal Berichte über die Entwicklungen gerade in der Gentechnik lese. Aktuell war das wieder einmal bei n-tv der Fall, wo zu lesen war:

Noch nie war ein Eingriff ins Erbgut so einfach wie heute. Mit dem Wunderwerkzeug für Gene namens Crispr-Cas lässt sich Erbmaterial auf viele Arten verändern. Seit vier Jahren erobert es die Labore. "Der Menschheit steht wahrscheinlich eine dramatische Wende bevor", sagt Peter Dabrock, Vorsitzender des Deutschen Ethikrats.

Worum geht es hier also? Der kleine Text klärt die Lesenden natürlich nicht auf, vermittelt aber immerhin ein paar wenige Informationsbröckchen, weshalb die Lektüre empfohlen ist. Besonders herausheben möchte ich diese Passagen:

Ein US-Forscher stellte 2014 ein Viruskonstrukt vor, mit dem nach Inhalation über eine Crispr-Sequenz Mäuse mit Lungenkrebs geschaffen wurden. Nicht nur der Crispr-Pionierin Doudna soll es eiskalt den Rücken heruntergelaufen sein: Beim kleinsten Fehler könnte ein solches Crispr-Molekül auch in der menschlichen Lunge wirken. Immer wieder warnten Doudna und Charpentier vor einem blauäugigen Vorpreschen, mahnten an, das System erst einmal grundlegend zu erforschen - mit mäßigem Erfolg. Und Dabrock bemerkt: Potenziell gefährliche Manipulationen von Erregern seien bisher nur in bestens ausgestatteten Labors möglich gewesen. "Dort bleibt ein Supervirus auch wirklich im Hochsicherheitstrakt." Mit Crispr werde das anders, weil die Technik keiner komplexen Ausstattung bedürfe. "Der Schutz vor missbräuchlicher Anwendung scheint mir derzeit der ethisch relevanteste Bereich und die wichtigste Sicherheitsfrage zu sein." [...]

Doch die Technik geht noch weiter: Im vergangenen Jahr verlautbarte ein Team aus Guangzhou (China), Dutzende in einer Fruchtbarkeitsklinik aussortierte Embryonen manipuliert zu haben. Der Genaustausch per Crispr war nur bei einigen Zellhäufchen erfolgreich - aber das weltweite Entsetzen gigantisch. Die Schreckensvision eines im Labor gezüchteten Menschen wirkte näher denn je. "Solche Versuche halte ich für extrem problematisch", sagt Puchta. / Goldgräberstimmung auf der einen Seite, die Angst vor einer geöffneten Büchse der Pandora auf der anderen: Welchen Weg Crispr-Cas nimmt, wird sich erst in Jahren zeigen.

Soweit der Text von n-tv. Was gestern noch Science Fiction war, ist heute längst Realität und befindet sich nicht mehr im diskursiven, sondern im experimentellen, angewandten Bereich der Wissenschaft - was der verlinkte Text, wenn auch vermutlich unfreiwillig, sehr schön illustriert, wenn von "Goldgräberstimmung" gefaselt wird: Denn das bedeutet nichts anderes als dass gewisse Leute hier eine Menge Kohle scheffeln wollen. So ist das eben im Kapitalismus: Es wird nicht das getan, was logisch oder notwendig ist, sondern das, was einer kleinen Gruppe Profit einbringt. So simpel kann manchmal die Definition eines Systems sein, wenn man nicht Jens Berger heißt und einen Job bei Spiegel Online oder der BLÖD-"Zeitung" anstrebt.

Es ist nur eine Lachnummer am Rande, dass der Vorsitzende des aktuellen Ethikrates in Deutschland - Herr Prof. Dabrock - ausgerechnet Theologe [sic!] ist. Wer sollte denn auch besser für diesen Job geeignet sein als ein Kerl, der an die Existenz irgendwelcher wissenschaftlich nicht nachweisbaren "höheren Wesen" glaubt? Da nimmt man ihm seine Kritik an der profitorientierten Gentechnik, die schließlich in "göttliche Bereiche" vordringt, doch gleich dreimal eher ab. Wir leben im finstersten, gruseligsten Mittelalter.

Ich möchte nicht missverstanden werden: Die Gentechnik könnte auch aus meiner - laienhaften! - Sicht durchaus sinnvoll und auf vielen Gebieten erfreulich sein. Es könnten sich hier immense Perspektiven und Chancen für die ganze Menschheit ergeben - wenn, ja: WENN! da nicht wieder der widerliche Kapitalismus wäre, der jede wissenschaftliche Entwicklung und Entdeckung unverzüglich pervertiert und in das widerliche Korsett der Profitinteressen einer kleinen Minderheit zwängt: "Das muss Geld einbringen, sonst ist es wertlos."

Mit anderen Worten: Im Rahmen des kapitalistischen Systems müssen wir allesamt furchtbare Angst haben vor wissenschaftlichem Fortschritt - denn er wird unweigerlich und in fast jedem Falle gegen die Mehrheit der Menschen und nur zum Wohle einer superkleinen Minderheit eingesetzt. Dieses schlichte Fazit ist so sicher wie der unvermeidliche sprachliche Fehler und die intellektuelle Leere in einem Lapuente-Text.

---

Der Neandertaler auf der GeSoLei


"Siehste, Lydia, so hammer angefangen. Da war der Mensch noch keen Ebenbild Gottes."

(Zeichnung von Karl Arnold [1883-1953], in "Simplicissimus", Heft 14 vom 05.07.1926)

Freitag, 19. August 2016

Film des Tages: Die verlorene Zeit




Anmerkung: Dieser Spielfilm von Anna Justice aus dem Jahr 2011 erzählt die erschütternde Geschichte der deutschen Jüdin Hannah Silberstein, die 1944 mit der Hilfe des polnischen, politischen Häftlings Tomasz Limanowski aus dem KZ Auschwitz-Birkenau fliehen konnte. Die Handlung orientiert sich an der Autobiografie "Wer ein Leben rettet: Die Geschichte einer Liebe in Auschwitz" von Jerzy Bielecki (1921-2011).

Es ist davon auszugehen, dass der Film nicht allzu lange bei youtube verfügbar sein wird. Wer ihn sich anschauen möchte, sollte das schnell tun.

Donnerstag, 18. August 2016

Die Freiheit, die sie meinen


Gestern vor 60 Jahren - am 17. August 1956 - hat das kapitalistische Nachkriegsregime eindrucksvoll gezeigt, welchen Weg es einschlagen wird. Gut versteckt beim WDR war dazu gestern ein hübscher Text zu lesen, den ich sehr empfehlen will. Es geht darin um das Verbot der KPD in Westdeutschland und die Entwicklung, die bis zum besagten Datum dahin geführt hat. Die braune, kapitalistische Gülle quoll schon damals aus allen Nähten - und selbstverständlich war neben der CDU auch die SPD maßgeblich daran beteiligt. - Ich zitiere in Auszügen:

Kaum hat sich die junge Bundesrepublik eine Verfassung gegeben, setzt sie Grenzen, wer von der darin festgeschriebenen Meinungsfreiheit Gebrauch machen darf. Im September 1950 schürt Bundeskanzler Konrad Adenauer (CDU) in seiner Regierungserklärung die Angst vor der Roten Gefahr: "Sie werden gleich einen Kabinettsbeschluss hören, den wir heute Morgen gefasst haben und der zum Ziele hat, alle Anhänger des Kommunismus aus den Stellen der Bundesrepublik - seien sie als Arbeiter, als Angestellte oder Beamte tätig - rücksichtslos zu entfernen."

Der "Erlass gegen Verfassungsfeinde" ist zwar neutral formuliert, aber seine Stoßrichtung ist klar: Von den darin genannten Organisationen sind elf kommunistisch, aber nur zwei rechtsextrem. Der Erlass bildet den Auftakt zu weiteren juristischen Maßnahmen gegen die linke Opposition. Im Visier hat Adenauer nicht nur die Kommunistische Partei Deutschlands (KPD) und deren Sympathisanten, sondern auch den Widerstand der Bevölkerung gegen die von ihm angestrebte Remilitarisierung der Bundesrepublik. (...)

Um Linke im eigenen Land zu bekämpfen, beschließt der Bundestag im August 1951 mit den Stimmen der SPD das erste Strafrechtsänderungsgesetz. Nun kann neben "Hochverrat" und "Landesverrat" auch "Staatsgefährdung" geahndet werden. (...)

Am 17. August 1956 ist es schließlich soweit: Am Vormittag erklärt das Bundesverfassungericht die KPD für verfassungswidrig und verbietet die Partei. In allen großen westdeutschen Städten stehen Polizeikommandos bereit, um das schon lange vermutete Urteil umzusetzen. Bis zum Nachmittag werden 199 Parteibüros durchsucht und geschlossen, Druckereien beschlagnahmt, Propagandamaterial sichergestellt, Zeitungen verboten, das Parteivermögen eingezogen und Funktionäre verhaftet. Max Reimann, der KPD-Vorsitzende und andere Führungskader haben sich bereits in die DDR abgesetzt, um ihrer Festnahme zu entgehen. KPD-Mitglieder, die in der Bundesrepublik bleiben, haben auch finanzielle Sanktionen zu befürchten. So wird zum Beispiel Heinz Renner - der wie Reimann als Mitglied des Parlamentarischen Rates an der Ausarbeitung des Grundgesetzes beteiligt gewesen ist - seine Rente als NS-Geschädigter wegen seiner KPD-Zugehörigkeit rückwirkend aberkannt.

Das KPD-Verbot trifft nicht nur Kommunisten: "Alles, was nicht in die Richtung der Adenauerschen Politik passte, wurde in den kommunistischen Verdacht gebracht", sagt Rechtsanwalt Hannover. Der Gummiparagraph "Verstoß gegen das KPD-Verbot" sei auf alle möglichen, vermeintlich linksmotivierten Tatbestände angewendet worden. Bis 1968 gibt es über 125.000 staatsanwaltschaftliche Ermittlungen und rund 10.000 Verurteilungen. Im Kalten Krieg habe es allerdings nicht nur in der Bundesrepublik, sondern auch in der DDR politische Justiz und Unrechtsurteile gegeben, sagt Jurist Hannover. Während aber die Opfer der DDR-Justiz per Gesetz entschädigt worden seien, sei das in der Bundesrepublik nicht geschehen.

Es versteht sich fast von selbst, dass die SPD unter Willy Brandt mit dem "Radikalenerlass" sechzehn Jahre später in dieselbe gruselige Kerbe gehauen und kommunistische Tendenzen im "Wirtschaftswunderland" (oh, diese Schmerzen!) damit nachhaltig ausgemerzt hat. Es ist genau diese Freiheit, die sie seit spätestens 1950 meinen: Die Freiheit des Kapitals - und wer dagegen opponiert, ist ein Feind, wird verboten und im Zweifel inhaftiert.

Es ist ist äußerst erhellend, sich diese kleine Geschichtslektion zu gönnen und ausführlich darüber nachzudenken - das gilt ganz besonders für all die Unterstützer und Fans der Nachdenkseiten und ähnlicher pseudolinker Blogs, die den zerstörerischen Kapitalismus allenfalls "regulieren", nicht aber rückhaltlos abschaffen wollen. Merkt ihr etwas, ihr Müllers, Bergers und Lapuentes?

Es ist höchste Zeit für eine Revolution. Stattdessen beschäftigt sich die Mehrheit der hiesigen Bevölkerung aber ständig - und ausschließlich! - mit "Pokemon Go", den "kriminellen Flüchtlingen" und - wie immer - mit Fußball & Co. Kann mir jemand nachvollziehbar erklären, weshalb diese Menschheit nicht dem Untergang geweiht sein sollte? Mir fällt nämlich zur Entlastung allmählich nichts mehr ein.

---



(Titelblatt der "Roten Fahne" vom 22. Februar 1919 anlässlich der Ermordung Karl Liebknechts und Rosa Luxemburgs)

Mittwoch, 17. August 2016

Musik des Tages: Genesis Revisited




(Steve Hackett: "Genesis Revisited: Live At Hammersmith", 2013)

  1. Watcher of the Skies
  2. The Chamber of 32 Doors
  3. Dancing with the Moonlit Knight
  4. Fly on a Windshield
  5. Broadway Melody of 1974
  6. The Lamia
  7. The Musical Box
  8. Shadow of the Hierophant
  9. Blood on the Rooftops
  10. Unquiet Slumbers for the Sleepers ...
  11. ... In That Quiet Earth
  12. Afterglow
  13. I Know What I Like
  14. Dance on a Volcano
  15. Entangled
  16. Eleventh Earl of Mar
  17. Supper's Ready
  18. Firth of Fifth
  19. Los Endos



Anmerkung: Meine Songauswahl wäre zwar eine etwas andere gewesen, aber ein grandioses Konzert bleibt es allemal - auch ohne "The Fountain of Salmacis", "Harold the Barrel", "The Lamb Lies Down on Broadway" oder "A Trick of the Tail". :-) Es ist sehr schade, dass die alten Herren von Genesis sich nicht mehr zusammenraufen konnten, und sei es auch nur für ein paar Konzerte gewesen. Der Zug ist nun abgefahren, denn Collins ist krank und kann nicht mehr Schlagzeug spielen. Spezielle Gäste wie beispielsweise John Wetton machen das mehr als wett.

Dienstag, 16. August 2016

Deutsche Fantasien: Big Assholes are watching you


Unsere geliebte Bundesregierung Das menschenfeindliche, korrupte Regime des Kapitalismus' gibt bekannt: Freiheit war gestern (auch nur auf dem Papier), heute ist endlich die totale Überwachung modern. Die korrupte Bande hört nicht auf - schon liegt der nächste Schritt in den Orwell'schen Totalüberwachungsstaat auf dem Tisch, und die willfährigen Schergen des Katastrophenministers Thomas "die Misere" haben dem widerlichen Plan (pdf; Vorsicht: Link geht zu den Überwachungsfetischisten beim BMI) wieder einen höchst erfreulichen, euphemistischen Titel verpasst, an dem nicht nur blutrünstige Diktatoren ihre helle Freude hätten: "Geplante Maßnahmen zur Erhöhung der Sicherheit in Deutschland" nennen sie dieses Schmutzpaket, das unter anderem eine Ausweitung der Vorratsdatenspeicherung aller Telekommunikationsdaten aller BürgerInnen, eine "Entzifferung verschlüsselter Daten", eine vermehrte "intelligente Videotechnik" im öffentlichen Raum, eine anlasslose Auslesung und Speicherung von KFZ-Kennzeichen und vieles mehr vorsieht. Sämtliche Pläne sind selbstredend grundgesetzwidrig - etwas anderes sind wir von dieser verkommenen Bande ja gar nicht gewohnt.

Bislang war beim Thema Überwachung stets nur von den sogenannten "Metadaten" die Rede, die "harmlos" seien - die geplante "zentrale Stelle für Informationstechnik im Sicherheitsbereich (Zitis)", die verschlüsselte Daten dechiffrieren soll, belehrt uns nun eines Besseren: Selbstverständlich will die Bande komplett alle Daten inkl. der Inhalte überwachen und speichern - altertümliche Relikte wie das Telekommunikations- oder Briefgeheimnis, die es auch in Westdeutschland im Übrigen nie wirklich gab, sind künftig auch offiziell obsolet. Demnächst lesen also nicht mehr nur NSA & Co. die privaten E-Mails aller BürgerInnen, die von deutschen "Sicherheitsbehörden" dann erst umständlich "angefordert" werden müssen - nein, man will in Deutschlands Behörden auch selber mitlesen und stets wissen, was Klara Kunz dem Heinz Hinz so alles mitzuteilen hat.

Auch die Überwachung und Speicherung von KFZ-Kennzeichen, die heute schon in sogenannten "Ausnahmefällen" - also immer dann, wenn irgendwelche Polizei- oder Geheimdienstspinner das für "richtig" halten - stattfindet, ohne dass groß darüber berichtet wird, ist selbstverständlich grundgesetzwidrig. Wer heute noch immer glaubt, dass auf die Datenmassen, die von den flächendeckend installierten Mautstationen auf den Autobahnen aufgezeichnet werden, von Seiten der Polizei und Geheimdienste nicht regelmäßig zugegriffen wird, darf auch weiter CDU oder AfD wählen und sich Sektkorken in die Augen und Ohren stopfen, bis es blutet.

Eine gruselige Zusammenfassung der widerwärtigen Pläne kann man bei Zeit Online nachlesen, wo es unter anderem heißt:

Das BKA soll wiederum seine Fähigkeiten beim Einsatz neuer biometrischer Verfahren verbessern. "Das Lichtbild und Gesichtserkennungssysteme sollen perspektivisch mit einer vergleichbaren Zuverlässigkeit wie der Fingerabdruck zur Identifizierung einer Person beitragen", heißt es.

Mit anderen Worten: Mithilfe der "intelligenten Videotechnik" [sic!] will die Bagage ein Überwachungssystem installieren, das dem Staat unverzüglich Auskunft darüber erteilt, wie die im Video erfassten Menschen heißen und welche Vergehen sie sich haben zuschulden kommen lassen. Bezüglich der Verknüpfung verschiedenster Datenbanken sind der Fantasie der Überwachungsfetischisten hier keinerlei Grenzen mehr gesetzt: Einwohnermeldamt, Verkehrsregister, Polizei, Geheimdienste, Krankenkasse, Banken, Gerichte ...

Selbstverständlich darf in diesem Zusammenhang auch das ominöse "Darknet" nicht fehlen, das es bislang bloß laut Hörensagen gibt und dessen Existenz ich - zumindest in der kolportierten Form - für mehr als zweifelhaft halte. Trotzdem bietet dieses Szenario, das eher der Science Fiction bzw. Hollywood zuzurechnen ist, der Bande einen willkommenen Anlass zur Begründung ihrer widerlichen Überwachungsfantasien. Wenn es nicht genug zurechtgebogene Gründe gibt, muss man eben noch welche herbeifantasieren, um den bröckelnden Anschein der Rechtsstaatlichkeit zu wahren, wenn man die letzten Fragmente der Freiheit entsorgen möchte.

Die schauderhafte Dystopie, auf welche diese Katastrophenbagage mit Siebenmeilenstiefeln gezielt und bewusst zusteuert, ist nicht meine Welt.


Thomas albträumt und hat einen Orgasmus - endlich mal.

Montag, 15. August 2016

Zitat des Tages: Das letzte Kapitel


Am 12. Juli des Jahres 2003
lief folgender Funkspruch rund um die Erde:
dass ein Bombengeschwader der Luftpolizei
die gesamte Menschheit ausrotten werde.

Die Weltregierung, so wurde erklärt, stelle fest,
dass der Plan, endgültig Frieden zu stiften,
sich gar nicht anders verwirklichen lässt,
als alle Beteiligten zu vergiften.

Zu fliehen, wurde erklärt, habe keinen Zweck.
Nicht eine Seele dürfe am Leben bleiben.
Das neue Giftgas krieche in jedes Versteck,
man habe nicht einmal nötig, sich selbst zu entleiben.

Am 13. Juli flogen von Boston eintausend
mit Gas und Bazillen beladene Flugzeuge fort
und vollbrachten, rund um den Globus sausend,
den von der Weltregierung befohlenen Mord.

Die Menschen krochen winselnd unter die Betten.
Sie stürzten in ihre Keller und in den Wald.
Das Gift hing gelb wie Wolken über den Städten.
Millionen Leichen lagen auf dem Asphalt.

Jeder dachte, er könne dem Tod entgehen,
keiner entging dem Tod und die Welt wurde leer.
Das Gift war überall, es schlich wie auf Zehen.
Es lief die Wüsten entlang, und es schwamm übers Meer.

Die Menschen lagen gebündelt wie faulende Garben.
Andere hingen wie Puppen zum Fenster heraus.
Die Tiere im Zoo schrien schrecklich, bevor sie starben.
Und langsam löschten die großen Hochöfen aus.

Dampfer schwankten im Meer, beladen mit Toten.
Und weder Weinen noch Lachen war mehr auf der Welt.
Die Flugzeuge irrten mit tausend toten Piloten
unter dem Himmel und sanken brennend ins Feld.

Jetzt hatte die Menschheit endlich erreicht, was sie wollte.
Zwar war die Methode nicht ausgesprochen human.
Die Erde war aber endlich still und zufrieden und rollte
völlig beruhigt ihre bekannte elliptische Bahn.

(Erich Kästner [1899-1974]: "Das letzte Kapitel", in: "Ein Mann gibt Auskunft. Gedichte", mit Zeichnungen von Erich Ohser alias e.o. plauen, Deutsche Verlags-Anstalt 1930)





---


Freitag, 12. August 2016

Buchempfehlung: Luzifers Hammer


Der Roman "Luzifers Hammer" von Larry Niven und Jerry Pournelle, den ich heute vorstellen möchte, ist ein episches Meisterwerk der Science-Fiction-Literatur. Ich zitiere aus dem Klappentext der deutschen Originalausgabe:

"Als die Amateurastronomen Hamner und Brown einen neuen Kometen entdeckt hatten, sagten die Fachleute, die Chancen stünden eins zu hunderttausend, dass er die Erde träfe.

Als man ihn mit bloßem Auge sehen konnte, meinten die Wissenschaftler, die Chancen stünden eins zu tausend. Als Hamner-Brown aber die Sonne umrundet hatte und auf den Erdball zuraste, räumten Fachleute ein, dass der Komet unseren Planeten möglicherweise streifen könnte, doch da er hauptsächlich aus Gas und Staub und ein paar Felsbrocken bestünde, sei die Gefahr minimal.

Doch plötzlich ist er da. Ein paar Millionen Tonnen Staub und Wasser dringen in die Erdatmosphäre ein, riesige Gesteinsbrocken treffen die Oberfläche. Luzifers Hammer fällt, löscht die Zivilisation aus und schleudert die Davongekommenen in ein dunkles Zeitalter der Barbarei und des nackten Überlebens."

Dieses Szenario ist inzwischen von mehreren Dokumentationen und Spielfilmen aufgegriffen worden - anders als diese beschreibt der Roman auf seinen 765 eng bedruckten Seiten jedoch überwiegend die finstere Zeit nach dem Kometeneinschlag. Dabei ist es letzten Endes unerheblich, ob dieses neue Zeitalter der Barbarei nun von einem Kometen, einem Atomkrieg oder irgendeiner anderen Katastrophe ausgelöst wurde - es geht, wie beispielsweise auch in der Serie "The Walking Dead", um den schlichten Überlebenskampf der verbliebenen Menschen in einer lebensfeindlich gewordenen Umgebung. Ein solcher Auslöser kann natürlich auch ein eher subtiler, langsamer ablaufender Vorgang wie beispielsweise die latent andauernde Zerstörung des Planeten und der sozialen Gesellschaftsstrukturen durch das kapitalistische Katastrophensystem sein - die Namen der beiden fiktiven Astronomen, nach denen der Komet im Buch benannt ist, sind gewiss kein Zufall: Hamner und Brown.

Man merkt beim Lesen dieses fesselnden, wenn auch arg beklemmenden Romans, dass er für eine Vielzahl von jüngeren Endzeitgeschichten der Filmindustrie und Literatur als Inspirations- bzw. Plagiatsquelle gedient hat - ich erinnere exemplarisch an den nicht minder beklemmenden Film "The Road" von John Hillcoat aus dem Jahr 2009 bzw. den gleichnamigen zugrundeliegenden Roman von Cormac McCarthy. Manche Szenarien finden sich in diversen Filmen, Serien oder Büchern gar eins zu eins wieder.



Die beiden Meister der Science Fiction, Niven und Pournelle, hätten kein besseres Motto für ihren Roman wählen können als den folgenden Spruch von Friedrich Nietzsche, der dem Werk vorangestellt ist:

Gegen Dummheit kämpfen Götter selbst vergebens.

Denn der Roman handelt selbstverständlich von der Dummheit dieser Menschheit, die sich sogar in der Zeit ihres Untergangs lieber weiterhin gegenseitig vehement bis aufs Blut bekämpft, anstatt endlich zu begreifen, dass Habgier, Egoismus und persönliche Macht unweigerlich der uneingeschränkten Kooperation weichen müssen, um der Barbarei und der drohenden Auslöschung vielleicht doch noch entfliehen zu können. "Luzifers Hammer" ist trotz des bescheuerten Titels, der vermutlich eher den beteiligten Verlagen anzulasten ist, ein wegweisendes Werk der dystopischen Literatur - ich kann die Lektüre nur empfehlen.



(Larry Niven & Jerry Pournelle: "Luzifers Hammer", 1977, dt. Heyne 1980)