Mittwoch, 30. Dezember 2015

Der Stürmer 2015: "Propagandaschau"


Man könnte es satirisch abhandeln: Die Vollidioten des Blogs "Propagandaschau" haben eine nicht repräsentative Umfrage gestartet, um den "Aufklärer" [sic!] und die "Maulhure" [sic!] des Jahres zu "wählen". Das bietet für sich genommen schon genug Treibstoff, um müde lächelnd abzuwinken und die Irren ihren albernen Propagandakleinkram machen zu lassen .... wenn, ja wenn da nicht die allzu böse Vorlage wäre.

Die Nazi-Bande hat seinerzeit mit exakt denselben Zirkus-Methoden einen gewissen, größtenteils sehr dummen Teil der Bevölkerung manipuliert (der Begriff "Lügenpresse" stammt nicht versehentlich aus dieser finsteren Zeit) - und sie hat dieses makabre Spiel, wenn auch mit der Unterstützung interessierter Kreise, zunächst gewonnen. Wir alle wissen, welches unsägliche Unheil daraus erwachsen ist.

Heute erleben wir denselben Zirkus erneut: Die Spinner des "Propagandaschau"-Blogs nehmen die zunehmenden und nicht mehr zu verleugnenden Auswüchse der kapitalistisch finanzierten Presse zum Anlass, ihrerseits laut trötend ins Propagandahorn zu blasen, um jede ernsthafte Kritik gleich im Keim zu ersticken. So entsteht ein verseuchtes Klima, in dem windige Figuren wie Ken Jebsen in einem Atemzug als "Aufklärer" genannt werden mit nationalkonservativen Hirnverweigerern wie Udo Ulfkotte oder strammen Rechtsradikalen wie Jürgen Elsässer. Den wirklichen Aufklärern, die es in dieser Liste vereinzelt auch gibt, muss diese Gemengelage unsäglich peinlich sein - und alle Alarmglocken zum schrillen Klingen bringen.

Schlimmer als dieser Text und diese Auflistung sind nur noch die Kommentare zu diesem Posting. Ich weiß nicht, ob in jenem Blog zensiert wird und es deshalb keinerlei ernsthaften Widersprüche zu dem Sermon gibt, oder ob dort nur Vollidioten kommentieren, die ihr Hirn allenfalls für das komplikationsfreie Öffnen der Hose beim Toilettengang benutzen - in jedem Fall ist diese schauderhafte Kopie aus der Weimarer Endzeit ein deutliches Alarmsignal für jeden, der sich ein halbwegs waches Resthirn bewahrt hat.

Merken diese Leute, die dort lesen und kommentieren, denn wirklich nicht, dass sie zwar nicht mehr vom Transatlantiker Claas Clever Claus Kleber, dafür aber von anderen, möglicherweise noch übleren Propagandisten am Nasenring durch die Manege geführt und schallend ausgelacht werden?

Die Endzeit war seit 1945 nie näher ... und die "Propagandaschau" ist ein dicker, brauner, übelriechender Wegweiser auf diesem Untergangspfad.

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Aus der guten alten Zeit



(Paul Konewka [1841-1871], Scherenschnitt, in: "Das schwarze Bilderbuch", hg. v. Rolf von Hoerschelmann, 1911; Textzusätze natürlich von Charlie)

Dienstag, 29. Dezember 2015

In Memoriam Lemmy Kilmister (1945-2015)




(Motörhead: "Eat the Rich", aus dem Album "Rock 'n' Roll", 1987)



Anmerkung: Louder, Lemmy, louder!!!

Samstag, 26. Dezember 2015

Wein-Nachten: Aus der "Mitte der Gesellschaft"


Dieser Brief aus dem Herzen der akademischen Mittelschicht unseres schönen Landes hat mich gestern erreicht - ich finde, er ist viel zu schade, um in der Versenkung meiner Festplatte zu verschwinden und dokumentiere ihn daher hier, während ich mit irrem Blick und großen, wunden Augen in den furchtbaren Spiegel des drohenden Abgrundes glotze.

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Hallo Charlie,

mir liegt nichts, aber auch gar nichts an diesem Weihnachtsgedöns, keine Sorge. Ich bin zutiefst angewidert davon und heilfroh, dass ich den familiären Teil endlich hinter mir habe. Bei mir war es so, dass die ganze Bagage meiner Geschwister nebst Anhängen (GattInnen und Kindern) bei meiner Mutter aufschlug, um das "Fest der Liebe" zu feiern. Es war unerträglich. Man betrieb Völlerei, gab sich dem Konsumterror wie billige Huren hin und hetzte nebenbei immer mal wieder gegen "die Flüchtlinge", die "unser" Leben und "unseren" Wohlstand bedrohten. Loriot hätte das nicht besser persiflieren können - natürlich ohne dass die Beteiligten gemerkt haben, in welchen absurden, kafkaesken Bahnen sie sich bewegen.

Und mittendrin hockte die bedauernswerte Gestalt meiner Mutter, die nur noch ein Schatten ihrer selbst ist und wohl lediglich - zumindest zeitweise, wenn es ihr gerade nicht zu viel war - die Anwesenheit des Familienrestes genossen hat. Allein dafür bin ich dort geblieben, habe mich dem Stumpfsinn ausgesetzt und mir immer wieder auf die Zunge gebissen, wenn die versammelte Bagage wie von Sinnen über die "Vorteile der neuen Tablets und Smartphones" stumpfsinnierte, gegen "muslimische Scheinasylanten" hetzte oder der "unverantwortlich handelnden" Merkel Schwachsinnigkeit unterstellte. Sie wissen nichts, sie wollen nichts wissen und käuen selbst die hohlsten Propagandaphrasen wider, die sie vorgesetzt bekommen - und tauchen dabei immer wieder tief in die Jauchegrube des totalen Konsums, ohne es zu bemerken. Es sind allesamt Akademiker.

Ich habe kurz versucht, dem Irrsinn etwas entgegenzuhalten, indem ich lapidar darauf hinwies, dass es noch nicht so lange her ist, dass aus Deutschland massenhaft Menschen fliehen mussten bzw. wollten, dies aber aufgrund ähnlicher Ressentiments gewisser Teile der Nachbarstaaten nicht konnten und daher in den KZs landeten. Das erntete wie erwartet Unverständnis und heftigsten Widerspruch, denn das könne man ja nicht miteinander vergleichen - die 60 Millionen Menschen, die heute weltweit auf der Flucht sind, seien ja vornehmlich "Wirtschaftsflüchtlinge", die sich in die "soziale Hängematte" unseres tollen Landes legen wollten. Ich habe bei weitem nicht so viel gegessen, wie ich eigentlich hätte kotzen müssen.

Und dann unterhielt man sich wieder über die neusten Modelle von Nokia, Samsung & Co. ("Smartphones") und von Audi, BMW und Ford ("Autos"), die es zu erwerben gälte, während draußen sowieso die dicken, höchstens drei Jahre alten Karossen parkten (pro Familie mindestens zwei, die in der Wahrnehmung der Irren längst Oldtimer sind). Kafka wäre innerhalb weniger Minuten zum sabberndern Irrsinnigen geworden, hätte er das erleben müssen. - Natürlich durfte auch das obligatorische DDR-Bashing nicht fehlen ... - Ich habe die meiste Zeit mit meiner jüngsten Nichte (8 Jahre alt) verbracht, die noch nicht ganz so verdorben ist und mir einen guten Grund gab, mich vom Rest der verkommenen Bande fernzuhalten. Zum Abschied herzte und küsste man sich inniglich, nachdem man zuvor eine Million Frauen, Kinder und Männer verbal zurück in das Elend der Kriegsgebiete, an deren Ursachen der deutsche Staat ja schließlich keinen Anteil habe, zurückgeschickt hatte.

Sofern diese familiären Erlebnisse auch nur annähernd repräsentativ sind, ist dieses furchtbare Land einmal mehr ein Untergangsland aus dem albtraumhaften Bilderbuch des kapitalistischen Faschismus.

Zu Deinen übrigen Bemerkungen schreibe ich erst später etwas - ich muss jetzt erst einmal um Fassung ringen und mich (obwohl das keine neue Erkenntnis ist) damit arrangieren, dass ich familiär von lauter widerlichen Arschlöchern umringt bin, die ihr Gehirn allenfalls zum Zwecke des hirnfreien Konsums benutzen. Gehirne schaffen sich selber ab - und Deutschland johlt, wie immer, dazu.

Zu guter Letzt schoss mein Bruder den Vogel noch ab, als er bezüglich der Pflegesituation für meine Mutter bemerkte: "Zur Not holen wir halt so eine Polin; die wohnt dann da im Haus bei ihr und kümmert sich um sie und kostet doch nur einen Bruchteil dessen, was eine professionelle Pflegekraft kosten würde." - Das war schon unten auf der Straße, als ich gerade in meinen dem familiären "Stande" wenig angemessenen, 15 Jahre alten Corsa einsteigen wollte - aber da konnte ich nicht anders als noch einmal zurückzugehen und ihn laut und deutlich mit den Worten "Du dämliches, menschenfeindliches Arschloch!" zu bedenken, bevor ich losfuhr.

(Das waren nur geringe Auszüge. Wenn ich sämtliche Ausfälle - beispielsweise gegen Behinderte oder Arbeitslose - aufzählen würde, schriebe ich noch morgen.)

Liebe Grüße!

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P.S.: Dem geneigten Leser dürfte aufgefallen sein, dass ich diesen Brief an mich selbst geschrieben habe.

Mittwoch, 23. Dezember 2015

Zitat des Tages: Bürgerliches Weihnachtsidyll


Was bringt der Weihnachtsmann Emilien?
Ein Strauß von Rosmarin und Lilien.
Sie geht so fleißig auf den Strich.
O Tochter Zions, freue dich!

Doch sieh, was wird sie bleich wie Flieder?
Vom Himmel hoch, da kommt sie nieder.
Die Mutter wandelt wie im Traum.
O Tannenbaum! O Tannenbaum!

O Kind, was hast du da gemacht?
Stille Nacht, heilige Nacht.
Leis hat sie ihr ins Ohr gesungen:
Mama, es ist ein Reis entsprungen!

Papa haut ihr die Fresse breit.
O du selige Weihnachtszeit!

(Klabund alias Alfred Hermann Henschke [1890-1928], in: "Die Harfenjule. Neue Zeit-, Streit- und Leidgedichte", Verlag die Schmiede, 1927)



Anmerkung: Erich Mühsam bedachte die Weihnachtszeit in seinem Gedicht "Die Monate" ganz lapidar so:

Dezember
Nun teilt der gute Nikolaus die schönen Weihnachtsgaben aus.
Das arme Kind hat sie gemacht, dem reichen werden sie gebracht.

Montag, 21. Dezember 2015

Musik: Zwischen Propaganda, Zynismus und Widerstand


Musik wurde und wird stets auch als begleitendes Propagandainstrument der herrschenden Kreise eingesetzt - diese Erkenntnis ist ein alter Hut. Gerade am Beispiel Nazideutschlands lässt sich das wunderbar belegen - man denke nur an die pompösen Massenveranstaltungen, für die beispielsweise Bruckners sinfonisches Werk gerne missbraucht wurde. Dort hörte damals allerdings die perfide Pervertierung der Musik keinesfalls auf: Selbst in den höllischen Konzentrationslagern wurde Musik gezielt zur Demütigung und Verächtlichmachung der Inhaftierten benutzt. Einzig für solche Zwecke gebildete "Häftlings-Orchester" mussten beispielsweise anlässlich der öffentlichen Folterung oder Exekution von Häftlingen aufspielen; ebenso war es üblich, dass fröhliche Musik zum morgendlichen Auszug der ZwangsarbeiterInnen erklingen musste.

Ein recht umfangreicher, informativer Bericht zu diesem Thema findet sich beispielsweise hier, wo man auch diese Passage lesen kann:

Im tristen Lageralltag wurde [Musik] zunächst von der SS-Führung zwangsweise verordnet und damit "automatisch als Repressions-, Folter- und Propagandainstrument" missbraucht. Alle Häftlinge mussten mehrmals am Tag bei den Appellen, beim Marschieren zum Arbeitskommando oder auf dem Rückweg ins Lager lauthals deutsche Lieder, wie etwa "Schwarz-braun ist die Haselnuss" oder "In dem Schatten grüner Bäume lasst uns sing'n und fröhlich sein" anstimmen. Angesichts des Todes, des Hungers und der Erschöpfung bedeutete solcher Gesang für die Häftlinge blanken Hohn und Zynismus, durch den sie tagtäglich gedemütigt wurden. Besonders für ausländische Häftlinge wurde der verordnete Gesang zu einer schrecklichen Schikane, da die meisten weder die Lieder kannten noch der deutschen Sprache mächtig waren, so dass sie in der Menge leicht auffielen und somit Opfer weiterer Misshandlungen wurden. In ihrer Freizeit konnten sich daher viele von ihnen nicht ausruhen, sondern mussten oft unter dem Kommando eines sadistischen SS-Mannes oder Funktionshäftlings die verhassten Lieder einüben. Der kollektive Gesang wurde auf diese Weise "zu einem Mittel regelmäßiger psychischer und physischer Gewaltanwendung umfunktioniert."

Eine ähnliche Rolle spielte Musik, die im Lager im Vorfeld einer Hinrichtung oder als Geräuschkulisse bei Folterungen und Erschießungen gespielt wurde. Zu diesen Zwecken wurden in vielen Konzentrationslagern eigene Orchester gegründet, die solche grausamen Vorstellungen musikalisch untermalen sollten. Zum Beispiel musste nach einem gescheiterten Fluchtversuch der betreffende Häftling beim abendlichen Zählappell in Begleitung der Lagerkapelle mit einer Tafel marschieren auf der stand: "Ich bin schon wieder da!". Der Zug brachte ihn "dann direkt ins Bad zur ,Auszahlung’. Vor dem Bad warteten wir, bis man ihn wieder halbtot und blutüberströmt herausführte. Von dort musste er wieder in Begleitung der Musik um alle Häftlinge herumgehen - in den Bunker." Diese Inszenierung war eine grausame Demonstration der Macht der SS und bedeutete für die Häftlinge eine ungeheuere Demütigung.


(Von einer KZ-Kapelle begleitet, wird ein entflohener Häftling im KZ Mauthausen zur Exekution geführt.)

Darüber hinaus gab es jedoch auch die "andere" Musik - nämlich die Widerstandslieder, die von Häftlingen geschrieben und verbreitet wurden. Bekannt geworden sind davon insbesondere "Das Lied vom Heiligen Caracho" aus dem KZ Buchenwald, das "Bunalied" aus dem KZ Auschwitz oder das "Dachaulied". In der Öffentlichkeit weniger bekannt ist allerdings, dass ein heute als "Folksong" wahrgenommenes Lied ebenfalls aus diesem grausamen Umfeld - nämlich dem KZ Börgermoor im Emsland - stammt. Einer der Verfasser dieses "Börgermoorliedes", Wolfgang Langhoff, berichtete später:

Im Konzentrationslager Börgermoor bei Papenburg werden 1933 in einer Nacht die Gefangenen von den SS-Wachen unmenschlich verprügelt. Nach dieser "Nacht der langen Latten" entsteht bei den Insassen der Plan, etwas für die eigene Ehre zu tun. Man will an einem Sonntag eine Theatervorstellung aufführen, den "Zirkus Konzentrazani", um den Peinigern zu zeigen, dass die Gefangenen nicht den Lebensmut verloren haben. Heimlich entsteht für diese Veranstaltung das Lied "Die Moorsoldaten". Am Schluss der Vorstellung erklingt es zum ersten Mal. Einer der Autoren, Wolfgang Langhoff, erinnert sich: Und dann hörten die Lagerinsassen zum ersten Mal das "Börgermoorlied", das inzwischen schon eine volksliedhafte Popularität erreicht hat. Einer sagte: "Kameraden, wir singen euch jetzt das Lied vom Börgermoor, unser Lagerlied. Hört gut zu und singt dann den Refrain mit." Schwer und dunkel im Marschrhythmus begann der Chor: Wohin auch das Auge blicket ... Tiefe Stille! Wie erstarrt saß alles da, unfähig mitzusingen, und hörte noch einmal den Refrain: Wir sind die Moorsoldaten und ziehen mit dem Spaten ins Moor ... Leise und schwermütig begannen einige Kameraden mitzusummen. Sie blickten nicht nach rechts und nicht nach links. Ihre Augen sahen über den Stacheldraht weg, dorthin, wo der Himmel auf die endlose Heide stieß. Ich sah den Kommandanten. Er saß da, den Kopf nach unten und scharrte mit dem Fuß im Sand. Die SS still und unbeweglich. Ich sah die Kameraden. Viele weinten.

Zwei Tage nach dieser Aufführung verbot die SS das Lied. - Heute gibt es hunderte von äußerst unterschiedlichen Einspielungen dieses Liedes - von Ernst Busch über Pete Seeger und Hannes Wader bis zu den Toten Hosen und viele, viele weitere.



Die Moorsoldaten

Wohin auch das Auge blicket,
Moor und Heide nur ringsum.
Vogelsang uns nie erquicket,
Eichen stehen kahl und krumm.
Wir sind die Moorsoldaten
und ziehen mit dem Spaten ins Moor.

Hier in dieser öden Heide
ist das Lager aufgebaut,
wo wir fern von jeder Freude
hinter Stacheldraht verstaut.
Wir sind die Moorsoldaten
und ziehen mit dem Spaten ins Moor.

Morgens ziehen die Kolonnen
in das Moor zur Arbeit hin,
graben bei dem Brand der Sonnen,
doch zur Heimat steht ihr Sinn.
Wir sind die Moorsoldaten
und ziehen mit dem Spaten ins Moor.

Heimwärts, heimwärts! Jeder sehnet
sich nach Eltern, Weib und Kind.
Manche Brust ein Seufzer dehnet,
weil wir hier gefangen sind.
Wir sind die Moorsoldaten
und ziehen mit dem Spaten ins Moor.

Auf und nieder gehn die Posten,
keiner, keiner kann hindurch.
Flucht wird nur das Leben kosten.
Vierfach ist umzäunt die Burg.
Wir sind die Moorsoldaten
und ziehen mit dem Spaten ins Moor.

Doch für uns gibt es kein Klagen.
Ewig kann's nicht Winter sein.
Einmal werden froh wir sagen:
Heimat, du bist wieder mein!
Dann ziehn die Moorsoldaten
nicht mehr mit dem Spaten ins Moor.

(Text: Johann Esser [1896-1971] und Wolfgang Langhoff [1901-1966], Melodie und vierstimmiger Satz: Rudi Goguel [1908-1976]; 1933)



(Helium Vola: "Die Moorsoldaten", aus dem Album "Für Euch, die Ihr liebt", 2009)

Samstag, 19. Dezember 2015

Zentrum für verfolgte Künste: Gegen das Vergessen?


Es hat tatsächlich satte 70 Jahre gedauert. Erst vor einigen Tagen - im Jahr 2015 - hat in Deutschland das erste und bislang natürlich einzige "Zentrum für verfolgte Künste" auch offiziell eröffnet, das - im Rahmen des Kunstmuseums Solingen - einige der noch erhaltenen Werke der von den Nazis verfolgten und verbotenen Künstlern zeigt. Das Museum sammelt zwar schon länger Gemälde, Grafiken, Zeichnungen, Plastiken und auch Literatur aus dieser bösen Zeit, hat aber erst jüngst das öffentlich geförderte und damit endlich auch staatlich anerkannte "Zentrum" gründen können.

Wie immer in Deutschland geschieht das aber halb- oder eher sechzehntelherzig und kommt zudem um viele, viele Jahrzehnte zu spät. Wer kennt heute die Künstler und Literaten (nicht zu vergessen: die Musiker und Komponisten) noch, die damals geächtet, verboten, verfolgt, vertrieben oder ermordet wurden? Die Nazis und die schweigende "freiheitlich-demokratische" Nachwelt haben hier ganze Arbeit geleistet - daran kann auch kein provinzielles Museum im Jahr 2015 trotz allen Engagements etwas ändern. Nach 70 Jahren bleibt Vergessenes zwangsläufig vergessen.

Es ist symptomatisch für diese zerfallende Zeit des einmal mehr zur Katastrophe drängenden Kapitalismus, dass solche Projekte heute in einem Rahmen "gefördert" werden, der möglichst wenig Aufsehen erregt und höchstens in interessierten Fachkreisen sowie lokal zur Kenntnis genommen wird. Wäre es den politisch Verantwortlichen tatsächlich ernst, fände dieses Projekt - in weitaus größerem Umfang - in Hamburg, Köln oder Berlin statt und würde nicht bloß durch einen Portokassenbetrag "einmalig" finanziell unterstützt. So aber verkommt das eigentlich so wichtige und längst überfällige "Zentrum für verfolgte Künste" einmal mehr zu einem bloßen politischen Feigenblatt, mit dem sich die Verantwortlichen hübsch schmücken können, ohne tatsächlich etwas Sinnvolles getan zu haben.

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Sieg der Gerechtigkeit (Untergang des Unsterns Hitler)



(Gemälde von Oscar Zügel [1892-1968] aus den Jahren 1933-36, Öl auf Leinwand, Oscar Zügel Archiv, Balingen)

Donnerstag, 17. Dezember 2015

Song des Tages: Ice




(Camel: "Ice", aus dem Album "I Can See Your House From Here", 1979)


Mittwoch, 16. Dezember 2015

Rettungsmission: Mehr Überwachung


Es ist ein alter Hut, dass die technische Entwicklung in den vergangenen Jahrzehnten mit Siebenmeilenstiefeln vorangeschritten ist und diese Geschwindigkeit auch weiterhin beibehält. Dadurch wurden den Menschen manche begrüßenswerte, sehr viele lächerliche und nicht wenige äußerst gefährliche Neuerungen beschert, die klar belegen, dass es alles andere als wünschenswert ist, dieser Entwicklung tatenlos zuzusehen und sie einfach geschehen zu lassen.

Bei n-tv habe ich letzte Woche einen kleinen Bericht gefunden, der mich einmal mehr an die gruselige Orwell-Welt von "1984" erinnert hat. Dort war zu lesen:

Kamera kann um die Ecke schauen / (...) In Kombination mit einem Laserstrahl ist es einer neuen Kamera möglich, die Bewegung verborgener Objekte darzustellen - eine Weltneuheit.

Konkret geht es darum, dass diese Kamera - auch wenn die Entwicklung noch nicht ausgereift ist - nicht nur Bewegungen aufzeichnen kann, die außerhalb des eigentlichen Sichtfeldes stattfinden, sondern tatsächlich auch nutzbare Bilder davon liefern soll, die Aufschluss darüber geben, wer oder was sich in welcher Weise dort bewegt. Das ist in der Tat ein Meilenstein für den sich manifestierenden Totalüberwachungsstaat, der sich gewaschen hat. Die Entwickler äußern sich dazu natürlich extrem beschönigend (was mich an Einsteins Brief an Präsident Roosevelt erinnert, in dem er diesem zur Entwicklung der Atombombe geraten hat):

Das System könnte beispielsweise bei der Überwachung, bei Rettungsmissionen oder zur Vermeidung von Unfällen eingesetzt werden.

Gewiss, Rettungsmissionen ... - man darf sich auch heute wieder gerne dreimal überlegen, für welche Alternative sich die kapitalistische Terrorbande in ihrem grenzenlosen, menschenfeindlichen Überwachungswahn entscheiden wird, wenn dieses System einsatzbereit ist.

Nun lässt sich die technische Entwicklung freilich nicht aufhalten. Umso dringlicher wird es, die Bürger- und Menschenrechte sowie die Privatsphäre vor derlei Orwell'schen Übergriffen umfassend zu schützen und den unbedingten Datenschutz zu festigen. Ich habe allerdings keine Ahnung, wie das funktionieren soll - mit dem derzeitigen politischen Personal der neoliberalen Einheitspartei ist da selbstverständlich nichts zu machen, da es gegenteilige Ziele verfolgt.

Ich mag mir nicht ausmalen, was die widerliche Nazibande vor 80 Jahren noch alles angestellt hätte, wenn sie über die heutigen technischen Möglichkeiten verfügt hätte. Ebenso will ich mir nicht vorstellen, was aus der heutigen lächerlichen Demokratiesimulation in einigen Jahrzehnten geworden sein mag, wenn die Überwachungstechnik zur Perfektion gelangt ist. Die Rettungsmission "Menschheit und Planet Erde" besitzt keine Auftraggeber, keine Koordination, keine Mehrheit und erst recht keinerlei Aussicht auf Erfolg.

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Polnische Aufständige im Wald bei Nacht



(Aquarell von Aleksander Orłowski [1777-1832], entstanden zwischen 1811 und 1820, Tretjakow-Galerie, Moskau, Russland)

Dienstag, 15. Dezember 2015

Brüller des Tages: Der Vereinspräsident


Anja Reschke, Journalistin und Moderatorin vom NDR, hat auf Twitter ein freundliches Schreiben veröffentlicht, das sie am vergangenen Montag per Post erhalten hat. Ob die Redaktion der Titanic, ein verwirrter Pegida-Kasper oder doch bloß die CSU dahintersteckt, ist leider nicht bekannt.

Ich finde, dass diesem ehrenwerten "Vereinspäsidenten" und "ersten Generalsekretär" eine seriöse Möglichkeit geboten werden sollte, seine fundierten Argumente im Rahmen der Meinungsfreiheit zu verbreiten. Daher dokumentiere ich den Schriftsatz hier ebenfalls.


Montag, 14. Dezember 2015

Realitätsflucht (27): Homesick


Anlässlich des am Sonntag von den Propagandamedien gefeierten "Klimaabkommens", das aufgrund seiner Absurdität hier nicht weiter kommentiert werden soll (der Kollege flatter hat ein paar passende Worte dazu gefunden), widme ich mich auf meiner heutigen Realitätsflucht dem kleinen Spiel "Homesick" aus dem Hause der US-amerikanischen Independent-Entwickler Lucky Pause aus dem Jahr 2015.



Es handelt sich um ein kleines Endzeit-Adventure, das im wesentlichen von einem einzigen Entwickler - einem Herrn namens Marrett Meeker - in jahrelanger Arbeit allein geschaffen wurde. Zur Geschichte will ich gar nicht so viel schreiben (der unten verlinkte Trailer spoilert schon genug) - daher nur so viel: Die Spielfigur erwacht in einer halb zerfallenen Wohnung, die sich in einer offensichtlich riesigen Hochhausruine befindet - von Anfang an ist es offensichtlich, dass offenbar irgendeine Katastrophe stattgefunden hat. Im Spiel geht es nun darum, dieser Katastrophe auf die Spur zu kommen, was sich allerdings nicht ganz so einfach gestaltet, wie es sich hier liest. Man wird mit allerlei kleinen und größeren Rätseln konfrontiert, die es zu lösen gilt. Dabei wird man vom Spiel völlig allein gelassen, denn es gibt weder eine Karte, noch ein Inventar und erst recht keine Hinweise oder Quests.

Der allergrößte Pluspunkt dieses Werkes ist aus meiner Sicht ganz eindeutig die äußerst stimmige, stets beklemmende (aber niemals wirklich bedrohliche) Atmosphäre. Das fängt bei der fantastischen Grafik (die im Video nicht wirklich wiedergegeben wird) an und hört bei der großartigen Musik, die lediglich aus melancholischen Klavierklängen, gelegentlich verstärkt durch ein Cello, besteht, noch lange nicht auf. Selbst die Texte, die man im Spiel zuhauf findet, muss man sich hart "erarbeiten", denn anfangs versteht man sie gar nicht, sondern muss die fremde, kryptische Sprache erst ziemlich mühsam entschlüsseln, um nachvollziehen zu können, was geschehen ist.

Es ist ein äußerst ruhiges, gemächliches Spiel, in dem es keine Kämpfe, keine Action, keine großen dramaturgischen Bögen gibt - dafür aber ein solches Übermaß an dichter Atmosphäre, dass es mich viele Stunden länger beschäftigt hat, als zur Lösung eigentlich erforderlich gewesen wären. Und natürlich ist es auch ein bedrückendes Spiel, denn die Geschichte, die sich allmählich entblättert, ist alles andere als hoffnungsfroh. Das Merkel-Monster und die übrigen korrupten Pfeifen der politischen "Elite" haben es jedenfalls ganz gewiss nicht gespielt.

Das größte Manko dieses Spieles bleibt die Kürze: Nach wenigen Stunden ist der Ausflug in die Endzeit leider schon vorbei - und bietet dabei ein dermaßen seltsames, frei interpretierbares Ende, das Puristen hassen und Expressionisten lieben werden.

Auf meinem Win7/64-System gab's keinerlei Probleme. Leider ist das Spiel angesichts seines geringen Umfangs recht teuer - momentan ist es für 15 Euro bei Steam zu haben. Für die jahrelange, wenn auch durch "Crowdsourcing" finanzierte Arbeit des Entwicklers ist das allerdings alles andere als zuviel. Solche Kleinode, die es im Genre der Computerspiele so überaus selten gibt und die man getrost als eine neue Kunstform betrachten kann, sollten nach Kräften unterstützt werden.

Fazit: "Homesick" ist ein großartiges Werk, das von vorne bis hinten absolut stimmig ist und zur Pflichtaufgabe für alle SchülerInnen an den Lerninstitutionen des "freien Westens" werden sollte.


Samstag, 12. Dezember 2015

Musik des Tages: Sinfonie Nr. 1 in e-moll




  1. Andante, ma non troppo - Allegro energico
  2. Andante (ma non troppo lento)
  3. Scherzo. Allegro
  4. Finale. Andante - Allegro molto - Andante assai

(Jean Sibelius [1865-1957]: "Sinfonie Nr. 1 in e-moll", Op. 39 aus dem Jahr 1898; Orchestre de Paris, Leitung: Paavo Järvi; 2013)

Anmerkung: Diese äußerst aufwühlende Musik aus dem hohen Norden dieses von kapitalistischen "Eliten" permanent duchgefickten Planeten bedarf hier keiner verbalen Ausführungen, da sie für sich selbst spricht. Man lösche das Licht, drehe den Lautstärkeregler gen Maximum und öffne seinen Geist den anstürmenden Gedanken und Emotionen.

Als ich diese Sinfonie zum ersten Mal in einem Konzert hörte, habe ich in der Nacht danach kein Auge zugetan, sondern war abwechselnd mit Suizidgedanken und revolutionären Planungen beschäftigt. Aus beidem ist nichts geworden, wie das heutige Posting belegt. Das hat jedoch weniger mit der fantastischen Musik, sondern eher mit meiner eigenen Unzulänglichkeit zu tun. Diese irrsinnige Musik entzieht sich, wenn man nicht sorgfältig aufpasst, jeder geistigen Analyse und schießt wie eine Droge direkt in den Blutkreislauf, um am Schluss in einem wahrhaften Orgasmus zu enden, der aber im Nachhall durch das abschließende Pizzicato fast schon lächelnd ad absurdum geführt wird.

Sibelius hat nach 1926, nachdem er sein letztes Werk veröffentlicht hatte, zwar nicht damit aufgehört, Musik zu komponieren, er hat aber jede einzelne Komposition aus dieser Zeit eigenhändig wieder vernichtet und dafür gesorgt, dass auch im Nachlass nichts mehr davon zu finden ist. Auch in dieser Hinsicht ist er ein glühendes Vorbild für die in unserer Zeit nicht enden wollenden Wiederholungen selbst in den bescheuertsten Bereichen der belanglosesten Popmusik.

Der Kapitalismus tötet jede Kunst, wenn der Künstler nicht gegensteuert.


(Jean Sibelius; Portrait von Eero Järnefelt [1863-1937])

Donnerstag, 10. Dezember 2015

Zitat des Tages: Der Revoluzzer


Der deutschen Sozialdemokratie gewidmet

War einmal ein Revoluzzer,
Im Zivilstand Lampenputzer;
Ging im Revoluzzerschritt
Mit den Revoluzzern mit.

Und er schrie: "Ich revolüzze!"
Und die Revoluzzermütze
Schob er auf das linke Ohr,
Kam sich höchst gefährlich vor.

Doch die Revoluzzer schritten
Mitten in der Straßen Mitten,
Wo er sonsten unverdrutzt
Alle Gaslaternen putzt.

Sie vom Boden zu entfernen,
rupfte man die Gaslaternen
Aus dem Straßenpflaster aus,
Zwecks des Barrikadenbaus.

Aber unser Revoluzzer
Schrie: "Ich bin der Lampenputzer
Dieses guten Leuchtelichts.
Bitte, bitte, tut ihm nichts!

Wenn wir ihn' das Licht ausdrehen,
Kann kein Bürger nichts mehr sehen!
Lasst die Lampen stehn, ich bitt'!
Denn sonst spiel' ich nicht mehr mit!"

Doch die Revoluzzer lachten,
Und die Gaslaternen krachten,
Und der Lampenputzer schlich
Fort und weinte bitterlich.

Dann ist er zuhaus geblieben
Und hat dort ein Buch geschrieben:
Nämlich, wie man revoluzzt
Und dabei doch Lampen putzt.

(Erich Mühsam [1878-1934], in: "Der Krater", Morgenverlag 1909)


Gedenktafel in Berlin-Charlottenburg


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(Caminos: "Der Revoluzzer", aus dem Album "Uns geht die Sonne nicht unter!", 2011. Das komplette Album kann auf der verlinkten Webseite der Band kostenlos heruntergeladen werden.)


Mittwoch, 9. Dezember 2015

Advent, Advent - ein Lichtlein brennt


Über die Lichterkette zur Volksgemeinschaft: Zum 4. Advent wird noch rechtzeitig das "große Sozialpaket" aufgemacht.

Ein Gastkommentar des Altautonomen

"Meine Kerze leuchtet für Frieden und Liebe", "Wir sind Deutschland!", "Wir sind alle Menschen!", "Gegen Hass und Gewalt!" - Der Aufruf gipfelt in einer erschreckend beliebig interpretierbaren Allgemeinheit von Begriffen und Inhalten, so dass sich viele damit identifizieren können, auch "besorgte Bürger". Selten habe ich einen Aufruf gegen Fremdenfeindlichkeit und für das "gute Exportweltmeister-Deutschland" gelesen, der so starke spontane Abwehrreflexe bei mir hervorgerufen hat.

Mit diesen Aussagen wird zum Jahresabschluss das gute Gewissen vor dem Weihnachtsfest noch mal etwas aufpoliert, damit anschließend sorgenfrei konsumiert und gefeiert werden kann. Horst Fallenbeck (43), gelernter Regierungsassistent, hat die Idee der "Lichterkette von München bis Berlin" (650 km) ins Leben gerufen. Benötigt werden mindestens 600.000 Menschen, 200.000 haben sich bereits gemeldet. Termin: 19.12.2015.

Wieder einmal geht es genau wie bei den Mahnwichteln, Querfröntlern und verkappten Antisemiten um die öffentliche Inszenierung der Auflösung von links und rechts. Denn da stehen sie dann alle im Dunkel des vorweihnachtlichen Abends: Der Chef und seine Angestellten, der Arbeitgeber und seine Gewerkschaft, die SPD und ihre Grünen, die Polizisten und ihre Demonstranten, Obdachlose neben Hausbesitzern - alle schön in Reih' und Glied, um das gute, anständige Deutschland zu verkörpern. Im Grunde tun dasselbe auch die BVB-Fans in der Nordkurve des Stadions. Wer es da noch wagt, das Trennende anzusprechen und konkret zu werden, wird ausgegrenzt. Alles, was sich sowohl unter Täter als auch unter Opfer subsumieren lässt, bildet hier eine völkische Allianz.

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Uniformverbot


Was nützt das Uniformverbot, wenn die Köpfe weiter in Uniform bleiben?

(Zeichnung von Erich Schilling [1885-1945], in "Simplicissimus", Heft 40 vom 04.01.1932)

Dienstag, 8. Dezember 2015

Nie wieder Krieg: "Geschäft ist nur, wo sich die Menschheit hasst"


Seit gestern wird wieder zurückgeschossen. "Wir" befinden uns wieder einmal im Krieg - obwohl niemand so genau weiß, wen oder was die Tornados der "Bundeswehr", die eigentlich umbenannt werden müsste in "Bundesangriffsarmee", in Mali und Syrien eigentlich genau bekriegen und was damit erreicht werden soll. Wichtig allein ist die Tatsache, dass unsere durchtriebene schwarz-rot-grüne neoliberale Einheitspartei brav genickt hat und die dämlichen Truppen enthusiastisch in den Krieg, also wieder einmal zum Morden und Sterben schickt.

Ich frage mich zunehmend, wer dieses "Wir" eigentlich ist, das in politischen Reden und vor allem der Propagandapresse in diesem Zusammenhang stets beschworen wird - denn ich gehöre gewiss nicht dazu, da ich keinen Krieg in Afrika oder im Nahen Osten führe, sondern diese abscheuliche Widerwärtigkeit mit jeder Faser meines Körpers zutiefst ablehne. Es kotzt mich geradezu an, dass diese korrupte Bande die Anschläge von Paris nun erneut instrumentalisiert, um ihren perversen Kriegsgelüsten endlich wieder freien Lauf zu lassen - und kaum jemanden interessiert das ernstlich. Sicher, Wagenknecht hat im Bundestag die erwartbare Rede dagegen gehalten, und auch in gewissen Blogs ist durchaus Kritisches zu lesen - aber im Grunde schert sich die große Mehrheit in diesem verkommenen Land nicht weiter darum, sondern folgt einfach dem gewohnten Alltag, der gerade vor Weihnachten - dem (Vorsicht: Brüllwitz!) "Fest der Liebe" - ja recht angespannt und ausgefüllt ist.

Wer führt dort also "im Namen Deutschlands" Krieg - und weshalb? Die Antworten auf diese Fragen kann sich eigentlich jeder halbwegs denkfähige Mensch selbst geben, weshalb ich mich darüber ausschweige. Nur zwei kleine Anmerkungen seien erlaubt: "Die Deutschen" sind es nicht; und der "IS" bzw. die Menschenrechte oder gar irgendwelche verquasten "westlichen Werte" haben damit nicht das geringste zu tun. Dafür hört man in den Konzernzentralen die edlen Champagnerkorken knallen.

Selbstverständlich ist das erst der Auftakt - denn "big money" lässt sich erst dann "verdienen", wenn der Flächenbrand richtig durchstartet. Die Brandbeschleuniger sind großflächig ausgelegt und die Bomber zur Zündung sind bereits in der Luft - das "Fest der Liebe" kann beginnen und seinen hellen, warmen Glanz entfalten. Sieg H..., äh, Hosianna in der Höhe!

(Kleiner Lesetipp dazu (die schleimige Einleitung Bergers sollte man dabei allerdings überspringen): "Ein Brief aus Frankreich")

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Das alte Spiel


Der Boden muss immer mal wieder gedüngt werden, damit der Weizen der internationalen Rüstungsindustrie blüht!

(Zeichnung von Eduard Thöny [1866-1950], in "Simplicissimus", Heft 47 vom 21.02.1932)

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Nie wieder Krieg

Der gute Völkerbund streicht seine Segel,
Verwirrung herrscht im hohen Genfer Haus.
Auf jeden Fall gilt nun als neue Regel:
wer dennoch Kriege führt, tritt vorher aus!

Man dachte anfangs von dem Institute,
es hätte endgültig den Krieg besiegt -
Und alle wären unter einem Hute,
auch der, wo nicht, hätt’ eins darauf gekriegt -

Doch wo ein Krieg ist, gibt’s auch Lieferungen
von Munition und Werken der Chemie!
Zu lieblich tönt das Liedchen: "Seid umschlungen,
Millionen!" jeder Rüstungsindustrie.

Ein Krieg ist nicht moralisch. Doch im tiefern
Sinn wirkt er wirtschaftlich sehr produktiv -
Wir würden gerne auch nach Japan liefern,
trotz Friedenssehnsucht -: Ja, die Welt ist tief ...

Lässt auch der liebe Gott die Erde beben,
weil ihm dies ew'ge Morden nicht mehr passt -:
die Liebe kann den Markt nicht neu beleben,
Geschäft ist nur, wo sich die Menschheit hasst ...

(Karl Kinndt alias Reinhard Koester [1885-1956], in "Simplicissimus", Heft 51 vom 19.03.1933)

Samstag, 5. Dezember 2015

Reklame des Tages: Good Morning America




(Charlie: "Good Morning America", aus dem gleichnamigen Album, 1981)

Good morning America, we're here to start your day
So eat your raising bran, let's get this show under way
Good morning America, we've got our men on the spot
We've got the weather report, where it's cold, where it's hot

If we may we'd like to say the only way to start your day is here
Good day America (right here)
Good day America ... have a nice day!

Good morning America, one more commercial break
We'll tell you what you need to keep your body in shape
Good morning America, we hope you're feeling well
We hope you watch all day, we've got a lot to sell

If we may we'd like to say the only way to start your day is here
Good day America (right here)
Good day America ... have a nice day!

Your TV screen will sell you dreams
and show you life ain't all it seems
Your car's too old, your house too cold,
your furniture should all be sold
But we can show you what you need,
oh we can help you to succeed
In our world everybody smiles,
the PERFECT LIFE in PERFECT STYLE!

Good day America (right here)
Good day America ... have a nice day!

You look around at what you've got,
it never seems to be a lot
It's not the same things that you see
each time you switch on your TV
It's all blue skies and golden hair,
pure white teeth flash everywhere
The perfect housewife waits at home
among the lovely things you own

Good day America (right here)
Good day America ... have a nice day!

Have a nice day!


Freitag, 4. Dezember 2015

"Mit den Opfern": Reklame


Mich haben Schnupfen, Husten, Fieber und "Magen-Darm" momentan fest im Griff, weshalb ich an dieser Stelle einfach auf den aktuellen Gärtner hinweisen möchte, der anhand der nach den Anschlägen in Paris erschienenen Ausgabe des Boulevard-Magazines "Stern" sehr anschaulich illustriert, wie Mitgefühl bzw. Empathie im Kapitalismus funktionieren:

Die Trauer, die Bestürzung, die Fassungslosigkeit waren groß beim Stern nach den Anschlägen von Paris, diesem laut Stern-Titel "Angriff auf Europa".

Weiterlesen


Wir leben wahrlich in der besten aller möglichen Reklamewelten. Und jetzt muss ich krankheitsbedingt schnell ins Bad zum Kotzen.

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Der man nicht entgehen kann

Ich wollte von gar nichts wissen.
Da habe ich eine Reklame erblickt,
Die hat mich in die Augen gezwickt
Und ins Gedächtnis gebissen.

Sie predigte mir von früh bis spät
Laut öffentlich wie im Stillen
Von der vorzüglichen Qualität
Gewisser Bettnässer-Pillen.

Ich sagte: "Mag sein! Doch für mich nicht! Nein, nein!
Mein Bett und mein Gewissen sind rein!"

Doch sie lief weiter hinter mir her.
Sie folgte mir bis an die Brille.
Sie kam mir aus jedem Journal in die Quer
Und säuselte: "Bettnässer-Pille."

Sie war bald rosa, bald lieblich grün.
Sie sprach in Reimen von Dichtern.
Sie fuhr in der Trambahn und kletterte kühn
Nachts auf die Dächer, mit Lichtern.

Und weil sie so zähe und künstlerisch
Blieb, war ich ihr endlich zu Willen.
Es liegen auf meinem Frühstückstisch
Nun täglich zwei Bettnässer-Pillen.

Die isst meine Frau als "Entfettungsbonbon".
Ich habe die Frau belogen.
Ein holder Frieden ist in den Salon
Meiner Seele eingezogen.

(Joachim Ringelnatz [1883-1934], in: "Simplicissimus", Sondernummer "Reklame", Heft 51 vom 21.03.1927)

Mittwoch, 2. Dezember 2015

Zitat des Tages: Regierungserklärung


Die Regierung der USA bedauert,
dass sie den Kampf gegen die Armut
hat einstellen müssen,
um den Krieg
gegen die Armen
fortführen zu können.

Besorgt suchen die Augen
der Bauern, die den Boden
für den Reis bereiten,
den Himmel ab.

(Volker von Törne [1934-1980], in: Born / Delius / von Törne: "Rezepte für Friedenszeiten. Gedichte", Aufbau 1973; geschrieben 1967)


Montag, 30. November 2015

Realitätsflucht (26): Risen 3: Titan Lords




Heute führt mich meine Realitätsflucht einmal mehr zurück in die Welt der Südsee. Es geht um das aktuell jüngste Spiel des kleinen Ruhrgebietsstudios Piranha Bytes, nämlich "Risen 3: Titan Lords" aus dem Jahr 2014. Ich habe mich anlässlich meiner Beschreibung des zweiten Teils schon zu einer kurzen Bewertung hinreißen lassen, muss diese nach dem zweiten Spielen aber zumindest teilweise etwas relativieren.

Dieser Text enthält Spoiler ohne Ende, weshalb Menschen, die das Spiel noch nicht kennen und es irgendwann selber spielen möchten, nicht weiterlesen sollten.

Nach dem Debakel von "Risen 2" startet dieses Spiel, das immerhin optional ohne DRM bzw. Steam-Zwang daherkommt (kleine Studios sind offenbar noch empfänglich für Kundenkritik), genauso bescheuert wie der Vorgänger: In einer knallbunten, alles andere als "offenen Welt" (was sich auch im weiteren Verlauf nicht ändert) bricht der "namenlose Held" in sein Abenteuer auf und darf sich durch Legionen von Gegnern schnetzeln. Dieser Beginn ist genauso langweilig, wie er sich hier liest: Man könnte stattdessen auch irgendein popeliges Konsolenspiel von der Stange spielen und hätte dasselbe Ergebnis.

Die Irritationen reißen aber nicht ab - denn schnell stellt der entsetzte Spieler fest, dass Piranha Bytes sich aus unbekannten Gründen dazu entschlossen hat, die Geschichte des "namenlosen Helden" zu verändern: Plötzlich spielt man also - das durchgefickte US-Seriengedöns stand hier wohl Pate - nicht mehr den "Namenlosen", sondern - und das muss man sich erst einmal ausdenken - den Bruder der Stahlbart-Tochter Patty, die beide aus den vorangegangenen Teilen gut bekannt sind. Damit sind nicht nur die Logik, sondern auch die wunderbaren, teilweise anzüglichen Dialoge zwischen dem Helden und Patty Geschichte. Es ist nur eine Randnotiz, dass die gute Piraten-Patty hier visuell zu einem ekelhaften, dickbrüstigen Monstrum mutiert ist.

Im letzten Drittel des Spieles trifft man - sofern man denn einen bestimmten, keineswegs zwingend notwendigen Weg in einer der dann zugänglichen Regionen entlang läuft - auf den tatsächlichen "Namenlosen", mit dem ein kurzes, wenig informatives Gespräch stattfindet. Das ganze wirkt jedoch dermaßen aufgesetzt - nicht zuletzt durch die Tatsache, dass sich beide zum Verwechseln ähnlich sehen und der aktuelle "namenlose Held" (also der Bruder Pattys) dieselbe Stimme besitzt wie einst der andere "namenlose Held" aus den Vorgängerteilen, während der hier getroffene "echte Namenlose" mit der im Spiel wiederholt auftauchenden Stimme irgendeines dummen Lakaien spricht -, dass ich das nur als albernen Klamauk klassifizieren kann. Was die Entwickler da geritten hat, weiß ich nicht - es war aber ganz gewiss nichts Schönes.

Zum Spiel an sich gibt es nicht viel zu sagen. Die offene Welt vergangenener Gothic-Zeiten bleibt Geschichte: Wir haben es hier wiederum mit ein paar Südseeinseln zu tun, zu denen man reisen kann und die jeweils fest definierte, also deutlich eingegrenzte Wege und Areale besitzen, innerhalb derer man sich bewegen kann. Es gibt reichlich Quests zu erledigen, von denen nicht wenige allerdings so bescheuert sind, dass man tatsächlich keine Lust verspürt, sie auch zu verfolgen - teilweise artet es schon in lästige Pflichtarbeit aus, das Questbuch allmählich zu leeren. Ich kenne kein anderes Spiel dieses Genres (abgesehen von "Risen 2"), das es mir so schwer gemacht hat, nach einiger Zeit einen zweiten Durchlauf zu starten: Ich habe diesen Neustart monatelang vor mir hergeschoben und ihn letztlich nur deshalb begonnen, weil ich noch etwas dazu schreiben wollte. Dazu gehören selbstverständlich auch die allzu lächerlichen "Bosskämpfe", die es in diesem Spiel gehäuft gibt und die allesamt mit dem Wort "Konsolenkacke" hinreichend beschrieben sind.

Ja, das Spiel ist furchtbar schlecht und erinnert an jeder Ecke an eben jene Konsolenkacke, für die es offensichtlich auch konzipiert wurde. Es hat nichts mehr zu tun mit den großartigen Gothic-Werken der Vergangenheit. Und trotzdem tauchen dort - im Gegensatz zum Vorgänger - gelegentlich Momente auf, die sehnsüchtige Erinnerungen wach werden lassen. Es wird erahnbar, dass die Entwickler ihr Talent nicht etwa verloren, sondern schlicht an den schnöden "Markt" verscherbelt haben und sich inzwischen - wahrscheinlich gezwungenermaßen - leidlich prostituieren, um genug Geld zu verdienen. Auf mich wirkt das Spiel wie ein verzweifelter Versuch, den "alten Anspruch" irgendwie in den kapitalistischen Kommerz zu überführen - so dass das unvermeidliche Scheitern vorprogrammiert ist.

Auf meinem Win7/64-System gab's bis auf ein paar wenige Abstürze keine Probleme. Die Grafik ist mittelprächtig, die Musik ist wenig einprägsam und die Dialoge sind - gemessen an den Gothic-Vorgängern - flach und nichtssagend, immerhin aber größtenteils professionell gesprochen. Ich halte es für ausgeschlossen, dass ich irgendwann in ferner Zukunft dieses Spiel ein drittes Mal starten werde - da spiele ich lieber zum zehnten Male "Venetica", "Black Mesa" oder einen der alten "Gothic"-Teile.

Ich fürchte, von Piranha Bytes dürfen wir nichts mehr erwarten. "Risen 3" war jedenfalls das letzte Spiel, das ich denen für eine horrende Summe abgekauft habe. Der oben verlinkte Trailer hat - wie so oft - mit dem Spiel so gut wie nichts zu tun.


Samstag, 28. November 2015

Spaß mit Wellbrock: Dummheit ist nicht therapierbar


Wenn es nicht so überaus peinlich wäre, könnte man sich glatt einen "Wolf" lachen: Jörg Wellbrock springt in ergebener Demut dem geschassten "Medienopfer" Naidoo bei und macht sich einmal mehr lächerlich. Ich habe zu diesem hirnzersetzenden Thema schon fast alles gesagt, was es aus meiner Sicht zu sagen gibt, daher beschränke ich mich hier auf die bislang beim "Spiegelfechter" geposteten Kommentare, die den Zersetzungsprozess des Wolf'schen Hirnes noch einmal so deutlich herausstreichen, dass mir nichts anderes übrig bleibt als vor der Kommentierung eine Literflasche Korn vom Aldi in einem Zug auszusaufen. Anders sind derlei Geisteszustände nicht rational erklär- und ertragbar.

Es fängt an mit der bereits bekannten "Heldentasse", die in gewohnt selbstgefälliger Form aus dem reinen Instrumentalmusiker Mike Oldfield mal eben einen "Sänger" macht, den er noch dazu in eine Reihe mit dem Schmalzbarden stellt. Hauptsache, es "passt" halt irgendwie zum Thema: Wenn das Maul aufgerissen wird, kommt es nicht darauf an, ob das Geplärre irgendeine realitätsbezogene Relevanz besitzt - man schwadroniert halt einfach los, wie das Dickicht bzw. die Wüste des Hirnes es gerade erlaubt.

Sodann meldet sich der Autor zu Wort und nennt Naidoos Gejammere "anspruchsvoll" - was insbesondere viel über sein eigenes künstlerisches Unverständnis, nichts aber über des Schlagersängers Qualitäten aussagt. Den Bock schießt er aber erst dann ab, wenn er "zum Vergleich" die uralte Pop-Band "Toto", die mit alledem freilich gar nichts zu tun hat, bemüht und ihr - selbstverständlich, wie Verschwörungsdeppen das stets tun, mit Bezug auf "einen guten Freund" - gar "überragende Fähigkeiten" unterstellt. Spätestens an dieser Stelle habe ich eine Flasche Bier geöffnet und mich auf weiteres Popcorn gefreut, das selbstverständlich nicht auf sich warten ließ.

Schon kurze Zeit später geht es weiter und der Bogen vom Schmierlappen Naidoo über die "überragenden" Popper von Toto landet schließlich bei den Helden der alten Männer wie Pink Floyd und Frank Zappa ("Die sind unerreicht." Der Wolf). Was diese langhaarigen, abgrundtief unchristlichen, linken Greise bzw. Leichen nun genau mit dem christlichen, deutschtümelnden Schlager-Schleimer aus Mannheim zu tun haben sollen, bleibt weiterhin ein großes Geheimnis, das beim "Spiegelfechter" selbstredend nicht gelüftet wird.

Mir fällt es zunehmend immer schwerer, Wellbrock und Berger ernst zu nehmen - das Kommentariat des "Spiegelfechters" hat sich aber ohnehin in weiten Teilen längst selbst disqualifiziert und ins Abseits befördert und zementiert dies in schöner Regelmäßigkeit anlässlich fast jeden neuen Beitrags. Seltene Ausnahmen wie "GrooveX" bestätigen die Regel.

Anhand dieses Beispieles kann man sehr schön sehen, wie Dummheit, Unwissen und Propaganda Hand in Hand dafür sorgen, weshalb es im Rahmen dieses Systemes niemals, nie, never eine ernsthafte linke Alternative geben kann. Dummheit ist nach wie vor nicht therapierbar. Der Stumpfsinn triumphiert ungebremst.


(Frank Zappa, ein "guter Freund" von mir.)

Musik des Tages: Konzert für Violine und Orchester in D-Dur




  1. Allegro ma non troppo
  2. Larghetto – attacca
  3. Rondo (Allegro)

(Ludwig van Beethoven [1770-1827]: "Konzert für Violine und Orchester in D-Dur", Op. 61 aus dem Jahr 1806; Violine: Patricia Kopatchinskaja, Frankfurt Radio Symphony Orchestra, Leitung: Philippe Herreweghe, 2014)

Anmerkung: Ich bin kein ausgemachter Freund der Musik Beethovens, die mir persönlich oftmals schlicht zu langweilig und vorhersehbar ist. Trotzdem gehört dieses Violinkonzert zu meinen Favoriten dieser Gattung, denn hier hat der Komponist genau diese Fehler größtenteils vermieden und überrascht das Publikum auch nach dem hundertsten Anhören immer noch mit außergewöhnlichen Einfällen und einer ganz und gar ironischen, fast schon sprunghaften Dur-Moll-Abwechslung, die in ähnlichen Werken seiner Epoche so nicht zu finden sind. Gleichzeitig handelt es sich um ein für die Solovioline äußerst schwieriges Werk, was unschwer daran zu erkennen ist, dass selbst eine Meisterin ihres Instrumentes wie Kopatchinskaja hier klar hörbar an ihre Grenzen stößt (eine vollkommen fehlerfreie Aufführung habe ich bislang noch von niemandem gehört). - Beethoven war seiner Zeit mit diesem Stück weit voraus und hat auch danach leider nur selten zurück in diese Gefilde gefunden.

Ich empfehle, wie immer, Dunkelheit und eine brüllende Lautstärke für den Genuss dieser großartigen, teilweise geradezu irrsinnigen Musik.

Donnerstag, 26. November 2015

Du bist glücklich! Basta.


Die Propaganda versorgt uns, niemals versiegend, stets mit neuem Stoff. Diesmal verbreiten die Massenmedien unisono das sagenhafte Heldenepos von der "zunehmenden Glücklichkeit der Deutschen". Beispielhaft zitiere ich dazu aus einem Text des WDR, der aber nahezu gleichlautend in fast allen anderen Massenmedien aufgetaucht ist:

Glücksatlas der Deutschen Post: Deutsche sind heute wieder glücklicher / Die Deutschen sind einer Studie zufolge glücklicher geworden. Das geht aus dem am Mittwoch in Berlin veröffentlichten Glücksatlas 2015 hervor. Nordseeluft macht besonders zufrieden, fassen die Autoren des Glücksatlas ihre Ergebnisse zusammen.

Angesichts solcher "Meldungen" frage ich mich stets, welche mir unbekannten Drogen man konsumieren muss, um so etwas nicht nur zu schreiben, sondern auch massenhaft in die Welt zu posaunen, ohne vor Lachen oder Scham ein dickes Seil an den Dachbalken zu knüpfen und beherzt in die Schlinge zu springen. Zusammengefasst haben wir es hier mit einer "Studie" zu tun, die von einem global agierenden, privaten Konzern (Deutsche Post AG) bei einem Vertreter der privaten Versicherungskonzerne (Raffelhüschen), der sich - aus welchen irrsinnigen Gründen auch immer - "Professor" nennen darf, in Auftrag gegeben wurde und die das "Glücksgefühl" der Bevölkerungen (nicht nur in Deutschland) ermitteln soll. Diese Ausgangslage ist bereits so kafkaesk, dass man über diesen ausgemachten Schwachsinn eigentlich kein weiteres Wort verlieren müsste - wenn es nicht die erbärmliche Journallie gäbe, die den Mist munter und kritiklos - und natürlich jenseits der Realität - verbreitet.

Ich kann es intellektuell nicht verantworten, auf die einzelnen im Text vorgetragenen Ergebnisse der "Forscher" einzugehen - lest das einfach selbst und achtet darauf, dass dabei ein Kissen vor euch liegt, um eine allzu blutige Stirn zu vermeiden.

Inmitten einer Zeit, der es an Endzeitvisionen gewiss nicht mangelt und die sich durch zunehmende gewollte Verarmung der Massen, irrwitzige Kriege, grassierenden Rassismus, staatliche Totalüberwachung, eine mutwillig aufgelöste soziale Sicherung und viele weitere "zivilisatorische Errungenschaften" des Kapitalismus auszeichnet, erzählt uns der korrupte Versicherungsvertreter mit Konzernauftrag, wie glücklich wir doch seien. Wer bislang noch nicht glauben wollte, dass Orwells Dystopie unsere heutige Realität ist, hat hier schwarz auf weiß ein weiteres Indiz.

Den Orwell-Vogel hat die Redaktion des WDR allerdings durch die Auswahl ihrer grotesken Textillustration abgeschossen. Ich darf das schauderhafte Bild hier leider nicht einstellen - aber wer Orwells Roman kennt, weiß ohnehin, worum es sich handelt.

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Abend. Melancholie I



(Holzschnitt von Edvard Munch [1863-1944] aus den Jahren 1896/97, handkoloriert, Privatbesitz [sic!])

Mittwoch, 25. November 2015

Zitat des Tages: Fantasie von übermorgen


Und als der nächste Krieg begann,
da sagten die Frauen: Nein!
Und schlossen Bruder, Sohn und Mann
fest in der Wohnung ein.

Dann zogen sie in jedem Land
wohl vor des Hauptmanns Haus
und hielten Stöcke in der Hand
und holten die Kerls heraus.

Sie legten jeden übers Knie,
der diesen Krieg befahl:
die Herren der Bank und Industrie,
den Minister und General.

Da brach so mancher Stock entzwei
und manches Großmaul schwieg.
In allen Ländern gab's Geschrei,
doch nirgends gab es Krieg.

Die Frauen gingen dann wieder nach Haus
zu Bruder und Sohn und Mann
und sagten ihnen, der Krieg sei aus.
Die Männer starrten zum Fenster hinaus
und sahen die Frauen nicht an ...

(Erich Kästner [1899-1974], in: "Lärm im Spiegel. Gedichte", mit Illustrationen von Rudolf Großmann, C. Weller 1929)





Anmerkung: Kästners Hoffnung auf das Korrektiv der weiblichen Anteile der Bevölkerung hat sich heute längst ins Reich der Märchen verflüchtigt - gruselige Albtraumgestalten wie Rauten-Angela Merkel, Stahlhelm-Uschi von der Leyen, Hartz-Katrin Göring-Eckardt oder Fleischtopf-Andrea Nahles legen beredte Zeugnisse davon ab. Die Damen sind nicht weniger kriegsgeil, habgierig, korrupt und bis ins Knochenmark asozial als ihre männlichen Kollegen.

Es hilft alles nichts - "wir" müssen wohl selber aktiv werden und den neuen KriegstreiberInnen zeigen, wohin sie sich ihre Gewehre, Raketen, Bomben, Panzer und Drohnen schieben können, bis sie endlich, endlich blau anlaufen. Ein besonders widerliches Beispiel für diese Arschlöcher beiderlei Geschlechts ist aktuell François Hollande, dem ich liebend gerne eine Keule in die Hand drückte, um ihn danach nach Mali oder Syrien zu schicken, wo er seine Vorstellungen am eigenen Leib ausprobieren könnte. Vor allem solchen willfährigen Widerlingen ist es zu verdanken, dass heute einmal mehr der Krieg vor unser aller Haustüre steht.

Das korrupte, kapitalistische Pack schreckt vor keiner Wiederholung zurück. Wenn nicht eingeschritten wird, gehört auch ein faschistischer Spruch wie "Jedem das Seine" schon bald wieder zu den Alltäglichkeiten unserer "freiheitlich-demokratischen" Welt. Die erbärmliche neoliberale Ideologie der Asozialen, die seinerzeit direkt in den Holocaust führte, ist auch heute das unwidersprochene Konzept alles politischen und wirtschaftlichen Handelns. Die glorreichen, goldenen Zeiten, die heute daraus folgen, mag man sich gar nicht näher ausmalen, wenn man kein Kandidat für den erlösenden Suizid ist.

Kästner titelte 1929 - nur elf Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkrieges - fast schon naiv: "übermorgen". Es dauerte indes nur vier Jahre, bis der Faschismus das Zepter der Zeit erlangt hatte, und weitere fünf Jahre, bis daraus die größte Kriegs-, Folter- und Vernichtungsorgie wurde, welche die Menschheit bis dahin erdulden musste.

Heute geht das alles bekanntermaßen weitaus schneller und effizienter.

Montag, 23. November 2015

Film des Tages: Nackt unter Wölfen




(Spielfilm von Philipp Kadelbach aus dem Jahr 2015)

Anmerkung: Dieser Film, der auf dem in der ehemaligen DDR zur Pflichtlektüre gehörenden, gleichnamigen autobiografischen Roman von Bruno Apitz beruht, beschreibt das zufällige Überleben und massenhafte Sterben im KZ Buchenwald kurz vor dem Ende des faschistischen Terrors 1944/45. Ich empfehle ausdrücklich, jede Lektüre aus der Mainstream-Presse zu dieser Neuverfilmung zu meiden, da diese selbstverständlich vor lauter DDR- und "Kommunismus"-Schelte nur so strotzt, was mit dem Roman, dem Film, dem Thema und letzlich auch der Realität gar nichts zu tun hat.

Hier wird schlicht die Geschichte einiger Menschen erzählt, die Kommunisten waren und von den Nazis in die Hölle der Konzentrationslager deportiert und dort gewissenhaft gefoltert und größtenteils ermordet wurden. Ausschnitthaft kann der Zuschauer hier nachvollziehen, was faschistischer Staatsterror für das einzelne Individuum bedeutet.

Es ist ein Film, der starke Nerven erfordert - auch wenn er, dem Zeitgeist entsprechend, bereits arg weichgespült daherkommt und den tatsächlichen Horror der KZs nicht einmal ansatzweise zeigt. Für dümmliche Pegidioten und ähnliche Gesellen mag er aber ein Anstoß sein, das abgeschaltete Gehirn endlich wieder anzuwerfen - und für alle anderen ist der Film eine sehr wertvolle Erinnerung daran, was geschehen kann, wenn der Kapitalismus an sein logisches, vorhersehbares Ende kommt.


Samstag, 21. November 2015

Die schweigende Mehrheit: "Propagandaschau"


Ich bin durch den Kollegen Stefan von den Fliegenden Brettern dankenswerterweise auf ein Blog aufmerksam geworden, das ich bislang gar nicht kannte - nämlich "Die Propagandaschau". Es ist wahrlich herz- bzw. hirnzerreißend, was ich da lesen durfte.

Der dortige Autor lässt sich im verlinkten Beitrag über - man höre und staune - die kommerzielle Schlagerparade "Grand Prix", die heute neu-deutsch "European Song Contest" heißt, und die inzwischen zum Glück revidierte Nominierung "für Deutschland" des unerträglichen Schmalzbarden Xavier Naidoo durch den maßgeblich beteiligten NDR aus. Dieser Fakt an sich ist für ein "politisches" Blog mit diesem Anspruch schon reine Satire - man kann diesen Text eigentlich nur noch genauso lustig finden wie den "ESC" selbst, der längst von der halbseidenen Lächerlichkeit der vergangenen Jahrzehnte in den heute überall anzutreffenden mafiösen Sumpf des grausigen Kapitalismus abgesunken ist.

Noch tiefer kann diese lächerliche Schlagerveranstaltung gar nicht sinken, möchte man meinen - bis man eben diesen Text gelesen hat, der das Niveau der dargebotenen musikalischen Lächerlichkeiten noch einmal dreist unterbietet. Das wäre noch immer keine Anmerkung wert - wenn es da nicht die bis dato 198 Kommentare gäbe, die ein äußerst erhellendes Licht auf die Figuren werfen, die sich in diesem Umfeld tummeln. Ich habe sie mir allesamt durchgelesen, und ich kann keine bessere Unterhaltung empfehlen: Ich hatte Tränen in den Augen und arge Bauchschmerzen, weil ich immer wieder so prustend lachen musste, dass mir die Luft wegblieb. Das ist lustiger als jede Eso-"Diskussion" und in intellektueller Hinsicht schmerzfreier als jede Schützenfestpeinlichkeit in Hintertupfingen. Selbst ein Herr Söder, der bekanntermaßen nur über einen leeren Schädel mit angeschlossenem, rudimentärem Nervenkostüm verfügt, darf in diesem Umfeld als grelle geistige Leuchte in der tiefsten Dunkelheit gelten.

Da glänzt ein Kommentator nach dem anderen mit offen zur Schau gestellter Hirnfäule, wie sie ausgeprägter nicht sein könnte - und fast alle ziehen sich den Aluhut so fest, so krampfhaft, so brutal auf die malträtierte Kopfhaut, dass kein einziger Gedanke von außen mehr Einlass findet in die leergefaulten Freiräume. Das Ausmaß der Dummheit und Unwissenheit ist hier nicht mehr mit Worten beschreibbar. Ich habe so etwas bislang ja für eine maßlose Übertreibung oder allenfalls ein sonderbares Fratzenbuch-Phänomen gehalten - hier habe ich aber gelernt, dass es diese "Szene" der Vollidioten, hohlbirnigen Spinner und Rechtsextremen tatsächlich gibt und dass sie sich wahrlich - ohne jede Ironie - für die Wortführer der Mehrheit halten. Man fasst das gar nicht.

Es geht hier, wie gesagt, um Schlager - also um industriell erzeugte, wertlose Konservenmusik, die nur den beiden vorrangigen Zwecken - nämlich dem Profit und der schnöden Ablenkung - dient. Gerade vor diesem Hintergrund fand ich diese 20 Minuten, die ich bei der "Propagandaschau" verbracht habe, erhellender und witziger als jede Kabarettveranstaltung.

Ein Highlight zum Schluss darf aber nicht fehlen: Da befindet ein Kommentator namens "nebenstrom", der sich besser "nebenderspur" genannt hätte, dass die Entscheidung des NDR, Naidoo zum "ESC" zu schicken, eine gezielte "Kampagne" gewesen sei - und fügt, direkt im Anschluss, hinzu: "In welche Richtung diese [Kampagne] laufen wird, werden wir noch sehen." - Diese Schmerzen sind unvergleichlich. Da war neben dem Aluhut wohl auch die Glaskugel im Einsatz: Ganz egal, wie die Dinge sich entwickeln - es war in jedem Fall eine "Kampagne". So geht Propaganda. Die BesucherInnen dieser Seite haben das Prinzip offensichtlich verinnerlicht und die leeren Köpfe damit unheilvoll aufgefüllt.

Viel Spaß bei der Lektüre!

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Die schweigende Mehrheit



(Zeichnung von Hans-Georg Rauch [1939-1993], in: "Die schweigende Mehrheit", Rowohlt 1974)

Donnerstag, 19. November 2015

Musik des Tages: Reverberations




(The Enid: "Reverberations", aus dem Album "The Seed And The Sower", 1988)

Anmerkung: Auch diese meisterhafte, meditative Musik von Robert John Godfrey entfaltet erst dann ihre wahre Größe, wenn man sie in brüllender Lautstärke über Kopfhörer bei gleichzeitiger Ausschaltung anderer Sinneswahrnehmungen (also in der Dunkelheit) genießt. In gewissen, stets wiederkehrenden Lebenslagen kann ich mich gar nicht satthören an diesen knapp 20 Minuten des in Musik übersetzten "Nachhalles": So oder so ähnlich könnte in gar nicht allzu ferner Zukunft der musikalische Nachruf auf unsere heutige, sich rapide auflösende Pseudozivilisation klingen.

Man könnte zu diesen Klängen freilich auch einfach exzessiv kiffen und den sich einstellenden Gedanken und Gefühlen freien Lauf lassen ... aber das habe ich jetzt nicht geschrieben.


Mittwoch, 18. November 2015

Jebsen und die "Weltverschwörung"


Ich habe es tatsächlich gewagt, mir den jüngsten Vokalerguss des Ken Jebsen zum Thema der Anschläge in Paris anzuhören - und wie befürchtet, wurden meine schlimmen Erwartungen nicht enttäuscht. Es ist in weiten Teilen unerträglich, diesem Gesabbel lauschen zu müssen - und das gewiss nicht nur wegen des Sprechers rhetorischer Unfähigkeit, die im wesentlichen aus Schnellfaselei besteht und die er immer wieder mit rein emotionalen, stets unbegründeten Appellen verbindet und - durch entsprechende "geschickte" Schnitte - mit anklagendem Blick frontal in die Kamera absondert. Das ist pure Demagogie aus dem Lehrbuch der Propaganda.

Sowohl inhaltlich, als auch sprachlich beginnt Jebsen - für seine Verhältnisse - langsam und "harmlos", steigert sich im Verlauf der 30 Minuten aber in die gewohnte Hast und Hetze. Er verbindet - scheinbar wahllos - tatsächliche, nachvollziehbare Kritik mit an Irrsinn grenzenden "Thesen", für die er nicht einen einzigen Beleg präsentiert, sondern die er lediglich durch stete Wiederholung zu zementieren versucht. Da ist beispielsweise von einer globalen "Agenda" die Rede, die derzeit "abgearbeitet" werde und die es zum Ziel habe, die Weltbevölkerung erheblich zu dezimieren - ein Gedanke, der für sich genommen schon so abstrus ist, dass mir dazu spontan lediglich "Dr." Axel Stoll oder der "KOPP-Verlag" einfällt.

Letztlich entwirft Jebsen hier das Bild einer "elitär gesteuerten Weltverschwörung", die fast niemand - natürlich mit Ausnahme der "Erleuchteten", also ihm selbst und einigen SektengenossInnen - durchschaue. Damit bewegt er sich exakt auf demselben Niveau wie die lächerliche Nazi-Propaganda, die vor 80 Jahren ebenfalls eine - damals noch ausdrücklich "jüdische" - Weltverschwörung ausgemacht und für ihre widerlichen Zwecke missbraucht hat. - Auch Jebsen schafft es in diesem Video problemlos, das Thema "Israel" wie beiläufig einzustreuen - ausgerechnet an der Stelle, an der er sich zornig über die bösen Diktaturen des Nahen Ostens wie beispielsweise Saudi Arabien auslässt: Da fällt das Wort "Israel" fast reflexartig in einem Nebensatz, so als seien die Staaten Saudi Arabien und Israel in irgendeiner sinnvollen Form miteinander vergleichbar und strebten letzlich dieselben Ziele an. Noch absurder geht es kaum.

Jebsen wiederholt immer wieder - und das auch völlig korrekt -, dass die Anschläge von Paris jetzt von der westlichen Politik gnadenlos instrumentalisiert werden, um den ersehnten Überwachungsstaat weiter voranzubringen und den Krieg im Nahen Osten weiter zu forcieren. Damit hat er recht. Allerdings instrumentalisiert er selber diese Erkenntnisse sodann zur Untermauerung seiner völlig grotesken, irrsinnigen Weltverschwörungsfantasie, die - hoffentlich! - kein klar denkender Mensch ernst nehmen kann. Es ist nur eine Randnotiz, dass Jebsen hier - in trauter, böser Tradition - pathetisch die "Wahrheit" beschwört. - Merke, lieber Ken: Der Kapitalismus, den Du in Deinem Pamphlet vorsichtshalber gar nicht erst erwähnst, benötigt überhaupt keine "Agenda" (erst recht keine "elitär gesteuerte"), um gewissenhaft dafür zu sorgen, dass die superreiche Minderheit stetig noch reicher und der Rest der Menschheit immer ärmer wird. Man nennt das üblicherweise Systemimmanenz. Wer hier eine "Verschwörung" vermutet, hat weder die Historie, noch die Wirkmechanismen des Kapitalismus verstanden - oder verfolgt wieder einmal ganz andere Ziele.

Dasselbe gilt freilich für die unstrittigen Bestrebungen der neoliberalen Bande, die Totalüberwachung auszubauen und ihre kriegsgeilen Gelüste auszuleben.

Ich kann es mir nicht erklären, dass zumindest teilweise auch gebildete, intelligente Menschen dieser offensichtlichen, inszenierten Demagogie auf den Leim gehen. Durch Personen wie Jebsen wird Aufklärung zur Vernebelung und Journalismus zur Propaganda, und die so dringend notwendige Kapitalismuskritik findet nicht mehr statt. Wenn dieser hochalberne Klamauk von manchen allen Ernstes als "seriöser Journalismus" angesehen wird, muss der nächste Bundeskanzler wohl Erich von Däniken heißen.

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(Titelseite des Nazi-Hetzblattes "Der Stürmer. Deutsches Wochenblatt zum Kampfe um die Wahrheit", Sondernummer 1, Mai 1934)

Dienstag, 17. November 2015

Zitat des Tages: Meine Zeit


Gesang und Riesenstädte, Traumlawinen,
verblasste Länder, Pole ohne Ruhm,
die sündigen Weiber, Not und Heldentum,
Gespensterbrauen, Sturm auf Eisenschienen.

In Wolkenfetzen trommeln die Propeller.
Völker zerfließen. Bücher werden Hexen.
Die Seele schrumpft zu winzigen Komplexen.
Tot ist die Kunst. Die Stunden kreisen schneller.

O meine Zeit! So namenlos zerrissen,
so ohne Stern, so daseinsarm im Wissen
wie du, will keine, keine mir erscheinen.

Noch hob ihr Haupt so hoch niemals die Sphinx!
Du aber siehst am Wege rechts und links
Furchtlos vor Qual des Wahnsinns Abgrund weinen!

(Wilhelm Klemm [1881-1968], in: "Gesammelte Verse", hg. v. Imma Klemm und Jan Volker Röhnert, Dieterich'sche Verlagsbuchhandlung 2012; erstmals in: Wilhelm Klemm: "Aufforderung. Gesammelte Verse", Verlag Die Aktion 1917)


Montag, 16. November 2015

Je suis l'être humain


Eigentlich hatte ich beschlossen, zu den Anschlägen in Paris keinen Blogbeitrag zu verfassen - insbesondere nicht innerhalb eines so kurzen Zeitraumes nach den Morden. Der Verlauf des Sonntags hat meine Meinung allerdings insofern verändert, dass ich zumindest eine kleine Anmerkung dazu loswerden möchte.

Es geht mir extrem auf die Nerven, dass heuer einmal mehr ein solches, von Politik und Medien inszeniertes und nebenbei schamlos instrumentaliertes Bohei um diese Anschläge veranstaltet wird. Am Sonntag war beispielsweise bei n-tv im Politik-Bereich nicht ein einziger Artikel abrufbar, der sich nicht mit diesem Thema beschäftigte. Als unfreiwilliger Zeuge der TV-Berichterstattung musste ich ebenfalls feststellen, dass hier - gemessen an der Art und dem Umfang der "Sondersendungen" - offenbar eine globale Invasion von bösartigen Außerirdischen stattgefunden hat, welche die Ausrottung der Menschheit zum Ziel hat.

Angesichts des katastrophalen Zustands dieser Welt, den man mit gutem Recht tatsächlich als bösartig klassifizieren kann, ist diese Form der medialen und politischen Aufmerksamkeit für ein Einzelereignis nur noch lächerlich und absurd zu nennen. Auf diesem verkommenen Planeten gab und gibt es ständig vergleichbare Untaten, die zumeist völlig Unbeteiligte betreffen - es liegt auf der Hand, dass hier mit mindestens zweierlei Maß gemessen wird. Einige pseudokritische KommentatorInnen auf anderen Webseiten haben die Behauptung aufgestellt, das läge vermutlich an der "räumlichen Nähe" zu Frankreich. Diese Kritik geht am Kern aber völlig vorbei, denn es ist nicht die "räumliche", sondern eine ganz andere "Nähe", die hier die tragende Rolle spielt: Das Tamtam wäre nicht weniger absurd ausgefallen, wenn es nicht Paris, sondern beispielsweise Chicago, Vancouver oder Sydney getroffen hätte - während vergleichbar viele Morde in der Ukraine, im Nahen Osten oder in Afrika hierzulande allenfalls in der Rubrik "Sonstiges" auf Seite 36 - wenn überhaupt - den Weg in die Medien finden.

Hier geht es klar erkennbar um den bösen Krieg des kapitalistischen Westens bzw. seiner "Elite" gegen den Rest der Welt - und wenn dieser Krieg wieder einmal auch irgendwo an der transatlantisch verbündeten "Heimatfront" seine selbstverständlich widerliche, blutige Fratze zeigt, schreit die Propaganda wild auf und die politischen Protagonisten bzw. Sockenpuppen ergehen sich gleich reihenweise in lächerlichsten Beileids- und Solidaritätsbekundungen sowie grotesken Instrumentalisierungen, die perfider gar nicht sein könnten.

Inzwischen kotzt mich das nur noch an - man verzeihe mir diese Wortwahl. Jedes einzelne der beispielsweise in Afrika inzwischen längst in die Millionen gehenden Hungeropfer des kapitalistischen Terrors oder der vielen tausend Drohnenopfer der hinterhältigen Mordangriffe der us-amerikanischen Terror-Miliz war nicht weniger wertvoll als die jetzt in Paris getöteten Menschen. Diese schamlose, interessengesteuerte Bigotterie quer durch die "westliche Welt" macht mich nachhaltig krank.

Ich bin ausdrücklich nicht nur World Trade Center, Charlie Hebdo oder Paris - denn ich bin Mensch, und damit u.v.a. auch Mittelmeer, Aleppo, Somalia und Kunduz.

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([Leider unvollständiges] Zitat aus: Albert Einstein [1879-1955]: "Für einen militanten Pazifismus", in: "Warum Krieg? Briefwechsel zwischen Albert Einstein und Sigmund Freud", Internationales Institut für geistige Zusammenarbeit, Paris 1932)

Samstag, 14. November 2015

Song des Tages: Hypia




(Bilocate: "Hypia", aus dem Album "Summoning the Bygones", 2012)

Days of joyous pain are passing
Alone I drowned in my existence
She's trying to understand ... our life
She looks deep inside ... where lost souls hide

It was never as dark
And I can see further ... when I close my eyes
Far beyond the oceans of time
And I'm dying in shame

That hollow love I'll give for you
I'll stay with you for a while ... then I'll go on my way
You'll reach under my skin and hide from your fears
Alone in the dark awaiting the sunrise to end our journey

And many moons of sorrow are passing
Fixation upon this everlasting nation
Towards this dark side of living
Days of joy ended

This time I'm searching for my Life
These days will come ... to remember
Upon the forever land
Days of joy

Days of joyous pain are passing
Far beyond my eternal sleep



Anmerkung: So klingt Doom Metal aus Jordanien. Es ist ein wohl untrügliches Zeichen unserer untergehenden Zeit, dass diese Form von Musik inzwischen auch Länder erreicht hat, in denen Bands wie diese nach wie vor mit teils massiven staatlichen und religiös motivierten Repressalien konfrontiert sind. Letzteres ist ja beispielsweise auch in manchen Regionen der USA, in denen der religiöse Fanatismus inquisitorische Züge angenommen hat, durchaus üblich. Falls es in einigen Dekaden noch Historiker gibt, die sich Gedanken um die Vergangenheit machen können, wird unsere heutige Zeit sicherlich einen Namen wie beispielsweise "Exitium capitalisticum" oder "Exitium religiosum" erhalten.

Derweil lausche ich lieber noch weiter solch kalten Klängen aus den brennenden Wüsten Arabiens. Als ich Jordanien vor vielen Jahren besucht habe, hat mich vieles beeindruckt - ganz besonders aber die historische, aus dem nackten Fels gehauene Stadt Petra, die nur über eine extrem schmale, 70 Meter tiefe Felsschlucht zugänglich ist. Ich werde es nie vergessen, wie ich, aus der brüllend heißen Wüste kommend, auf einem Esel reitend diese lange, dunkle, erstaunlich kühle und an manchen Stellen kaum meterbreite Schlucht durchquerte und sich mir dann dieses Bild bot:


Freitag, 13. November 2015

Angriff der Schlips-Borg: Die Profit-Krise


Kürzlich war bei n-tv wieder einmal ein Paradebeispiel für den vollkommenen Irrsinn des kapitalistischen Systems zu lesen. Unter dem vernebelnden Titel "Kupfer-Krise trifft die Armen" wird dort eine wahre Orwell'sche Neusprechorgie abgehalten, in der Begriffe wie "Kapitalismus", "Ausbeutung" oder "Irrsinn" gar nicht erst vorkommen. Wichtige Informationen findet man in diesem Text nur, wenn man zwischen den Zeilen liest und sich zusätzlich anderweitig informiert.

Der Grund für jene "Krise" ist diesmal ein gesunkener Preis. Was für jeden, der den Rohstoff Kupfer benötigt, erst einmal eine gute Nachricht ist, bedeutet für den "Produzenten" - in diesem Fall den Konzern Glencore mit Sitz in der Schweiz - ein böses Höllenfanal, denn dadurch sinken die erwarteten Profite des habgierigen Gesindels. Im n-tv-Text wird dagegen dreist behauptet, dass die "Schulden" dadurch stiegen, was schlicht nicht stimmt, wie man unschwer auf den Geschäftsseiten des Konzerns nachlesen kann. Im kapitalistischen Neusprech sind nicht eingefahrene, zuvor aber "erwartete" Profite automatisch "Schulden" - und die Presse plärrt diesen infantilen Unsinn wie immer hemmungslos nach, als richte sie sich an Zombies.

Diese "Kupfer-Krise" hat nun also zur Folge, dass Glencore und weitere Konzerne, welche die Kupferförderung in Sambia betreiben, ihre Minen "temporär" für 18 Monate schließen, um so zu einer "Verknappung" des Rohstoffes und damit zu einem erneuten Anstieg des Preises beizutragen. Dass dieser Vorgang, der aus kapitalistischer Sicht durchaus "logisch", im Übrigen aber nichts als grotesker Irrsinn ist, nicht nur für die bettelarme Bevölkerung des afrikanischen Landes verheerende Folgen hat, ist n-tv immerhin einige Absätze wert - in denen vom Irrsinn aber selbstredend nur lakonisch berichtet wird, anstatt ihn zu hinterfragen.

Eigentlich selbstverständliche Fragen - wie zum Beispiel, wieso im elendsgebeutelten Land Sambia irgendwelche Konzerne, die dort nichts zu suchen haben, die ohnehin armen Menschen ausbeuten und über die dort vorkommenden Rohstoffe nach Belieben verfügen können; oder weshalb es unwidersprochen das offensichtlich höchste und heiligste Ziel allen wirtschaftlichen Handelns in diesem System sein muss, stets die größtmöglichen Profite für die kleine, superreiche Minderheit der Eigner bzw. Aktionäre einzufahren - stellt hierzulande kein einziges Massenmedium mehr.

n-tv wäre aber nicht konsequent systemhörig, wenn der Autor nicht trotzdem eine "Erklärung" für das Leid der Menschen in Afrika parat hätte. Und so schreibt er munter: "Die Folgen des Preisverfalls des Rohstoffs sind ein Paradebeispiel für die Globalisierung." - Dem kann ich nur augenverdrehend entgegnen: Nein, Herr Gänger, die "Globalisierung" ist ebenso uralt wie der Kapitalismus selbst - daran ändert auch die mantraartige Wiederholung des Gegenteils nichts. Korrekt müsste der Satz lauten: "Die Folgen des Preisverfalls des Rohstoffs sind ein Paradebeispiel für die verheerende Wirkung des Kapitalismus, der unverzüglich abgeschafft gehört." - Es gibt keine "Kupfer-Krise", sondern allenfalls eine "Profit-Krise" - und die hängt einzig und allein mit diesem abgrundtief perversen System zusammen, besitzt jedoch keinerlei logischen Bezug zum jeweiligen (willkürlich austauschbaren) Rohstoff oder Produkt.

Selbstverständlich haben die aktenkoffertragenden Superspezialexperten des Konzerns längst einen tollen Plan ausgearbeitet, der den Profit schnell wieder sprudeln lassen soll: "In den kommenden Monaten will Glencore knapp eine Milliarde Dollar in die Mopani-Minen investieren, um die Förderung zu modernisieren und damit die Kosten zu senken." - Soviel also zum Thema "Schulden" und zur üblichen Lösungsstrategie des heiligen Mantras der "Kostensenkung". Wie abgefahren und offensichtlich schwachsinnig muss ein System eigentlich sein, bis auch der letzte Hinterwäldler endlich erkennt, dass der Kaiser gar keine Kleider trägt?

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"Ihr braucht keine Eier mehr zu legen, man kauft sie jetzt billiger."

(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 22 vom 25.08.1924)

Mittwoch, 11. November 2015

Zitat des Tages: Die Tragödie


"Das Spiel ist aus!" riefen in der Schlussszene die endlich siegreichen Gegenspieler den entlarvten bösen Machthabern zu, verstellten ihnen den Weg zur Flucht oder zu den Waffen, nahmen sie fest und führten sie, ohne sie noch eines Blickes zu würdigen, in die Kulisse ab, während der Vorhang fiel.

Als er aber dann zum Applaus wieder hochging, kamen die besiegten Machthaber schon Hand in Hand mit den neuen Siegern zurück, und alle verneigten sich artig vor dem Publikum, das ihnen zurief und wie von allen guten Geistern verlassen Beifall klatschte.

(Erich Fried [1921-1988], in: "Fast alles Mögliche. Wahre Geschichten und gültige Lügen", Wagenbach 1975)


Arschlöcher des Tages: Helmut und ich


Wer eine Vision hat, der soll zum Arzt gehen.
(Helmut Schmidt, Ex-Bundeskanzler und kapitalistisches Arschloch)

Wer keine Visionen hat, soll in die Schweiz reisen und dort um Sterbehilfe ersuchen (sofern solvent, ansonsten ist auch der Suizid angemessen).
(Charlie, nur Arschloch)

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Kritik der Kritik


"Jetzt jäten Sie schon die vielen Jahre das Unkraut heraus. Wenden Sie sich doch endlich einmal einer positiven Arbeit zu."

(Zeichnung von Eduard Thöny [1866-1950], in "Simplicissimus", Heft 25 vom 15.09.1920)

Dienstag, 10. November 2015

Musik des Tages: Sinfonie Nr. 3 in a-moll




  1. Andante con moto – Allegro un poco agitato
  2. Vivace non troppo
  3. Adagio
  4. Allegro vivacissimo – Allegro maestoso assai

(Felix Mendelssohn Bartholdy [1809-1847]: "Sinfonie Nr. 3 in a-moll", die "Schottische", aus den Jahren 1829-42; Orquesta Sinfónica de Galicia, Leitung: Rumon Gamba, 2014)

Anmerkung: Ich habe dieses fulminante Werk erst anlässlich eines viele Jahre zurückliegenden Aufenthaltes in Schottland richtig schätzen gelernt. Wer die Highlands im Norden Schottlands schon einmal besucht hat, kann vielleicht besser nachvollziehen, weshalb Mendelssohn diese Sinfonie die "Schottische" genannt hat. Sie ist das vielleicht "reifste" Werk des so jung verstorbenen Komponisten.

Einige Impressionen aus dieser atemberaubenden Region sind beispielsweise hier zu finden.


Montag, 9. November 2015

"Das Ich ist in den Mittelpunkt gerückt": Kapitalismus und Esoterik


Im Auftrag des WDR hat das "Meinungsforschungsinstitut" EMNID eine repräsentative Umfrage zum Thema "Zusammenhalt und 'Wir-Gefühl'" durchgeführt. Eine - selbstredend weitgehend informations- und hintergrundfreie - Berichterstattung dazu gibt es hier. Das wenig überraschende Ergebnis lautet denn auch, dass Egoismus und Egozentrik fürstliche Triumphe feiern, während sozialer Rückhalt und Solidarität allenfalls noch im familiären und freundschaftlichen Umfeld wahrgenommen wird - allerdings auch dort mit deutlich abnehmenden Tendenzen. So weit, so erwartbar.

Natürlich werden auch in diesem Bericht die notwendigen - und offensichtlichen - Fragen gar nicht erst gestellt. Wie sollte ein "gesellschaftliches Zusammenleben" verschiedenster Menschen in einem radikalen, inhumanen Konkurrenzsystem sich denn auch anders entwickeln? Der Kapitalismus produziert zwingend und äußerst logisch eine derartige Pervertierung. Es hätte gar keiner solchen Umfrage bedurft, denn die fatalen Auswirkungen des lächerlichen Wettbewerbsprinzips sind ja zunehmend tagtäglich zu erleben - sowohl im persönlichen Umfeld, als auch regional und auf größerer und globaler Ebene. In diesem System schreit alles und jede/r zuerst laut "Ich!", ganz egal ob es sich nun um einzelne Individuen, lokale oder regionale "Vertretungen" aus Politik, Wirtschaft und Gesellschaft oder um die "große Bühne" der Politik und Konzerne handelt. Das ist ein Wesensmerkmal des Kapitalismus.

Solche oder auch nur annähernd ähnliche Gedanken sucht man beim WDR vergebens - dort wird stattdessen scheinheilig und unbeirrbar gehirnzersetzend geschlussfolgert:

Was macht der WDR mit den Ergebnissen? "Wir wollen das gesellschaftliche Wir in den jeweiligen Regionen in unserem Programm abbilden. Das ist eine Kernaufgabe der Lokalzeiten", sagt Ulrike Wischer, Leiterin der Programmgruppe Regionales. In den elf Lokalzeit-Sendungen in NRW geht es deshalb im November in sechs Beiträgen um Flüchtlinge und Probleme der Integration und um Geschichten von sozialem Engagement in allen Bereich[en] des gesellschaftlichen Lebens. Erzählt wie immer: "Nah dran an den Menschen aus der Region".

Ja, auf diese Weise wird sich das fatale Problem sicher schnell lösen lassen. Ich bin mir inzwischen nicht mehr ganz so sicher, ob in den hochbezahlten Redaktionsstuben des "öffentlich-rechtlichen Rundfunks" nicht doch in erster Linie SatirikerInnen ein gutes Auskommen finden. Auf eine solche Merkel-Sonneborn'sche Wortwahl muss man auch erstmal - wahrscheinlich nach dem Konsum wildester Drogen - kommen: "Wir wollen das gesellschaftliche Wir ..." Als nächstes veröffentlichen diese Irren bestimmt eine Abhandlung mit dem Titel: "Über die zunehmende Solidarität und selbstlose Hilfsbereitschaft der LeistungssportlerInnen im blutigen Wettkampf um die Medaillenplätze und Siegerprämien".

Was eine derartige, ständig betriebene Realitätsverzerrung letztlich mit dem menschlichen Gehirn anstellt, hat kürzlich ein Kommentator bei unseren lieben Eso-Freunden wieder einmal öffentlich zur Schau gestellt, indem er zu einem mehr als albernen "Revolutionsaufruf" des Eso-Papstes Wecker ohne jeden erkennbaren Anflug von Ironie schrieb:

Denn erst, wenn niemand mehr "wir" sagt, wenn er nur "ich" meint; erst wenn keiner mehr sagt: "Wir brauchen eine Revolution", sondern alle sagen: "Ich mache eine Revolution", frei geboren, wie sie sind, nicht mehr dressiert von einer Erziehung zur Herrschaft, nicht mehr von Ideologien, Systemen, Gesetzen, Normen, Verhaltensregeln fremdbestimmt, sondern selbstbestimmt nur von ihrer Freiheit, – erst dann sind die Menschen wirklich bereit dazu, etwas zu ändern an ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit. / Und bis dahin ist wohl immer noch ein weiter Weg ...

Es ist zwar nicht weiter verwunderlich, dass solche lächerlichen Biene-Maja-Gedanken (die dennoch nicht nur einen leichten braunen Anstrich haben) im Eso-Umfeld zu finden sind - letzlich fasst "günni" hier das Geblubber von Wecker, Faulfuß & Co. nur verkürzt zusammen -, Angst macht es mir aber trotzdem. Diese typisch kapitalistische Zwangsfokussierung auf das Individuum bei gleichzeitiger Ignoranz der historischen, gesellschaftlichen und sozialen Zusammenhänge sowie die geradezu Gauck'sche Überbetonung des "Freiheits"-Begriffes, der absurder gar nicht sein könnte im kapitalistischen System der totalen menschlichen Unfreiheit, illustrieren deutlich, wie dringend notwendig eine strikte Abgrenzung von solchen zwielichtigen Gruppierungen ist.

Man sollte Wecker seine salbungsvollen Worte aus jenem oben verlinkten "Aufruf" konsequent und zornig um die Ohren hauen - er selbst trägt schließlich seit Jahrzehnten nach Kräften dazu bei, inhaltlich zunächst völlig überflüssige und Spaltungstendenzen massiv fördernde religiös-esoterische Pseudogedanken in den linken Diskurs zu streuen, die für eine "Revolution von links" nicht nur unerheblich, sondern geradezu äußerst hinderlich sind.

Die Linke löst sich offensichtlich auf: Die einen sind längst angekommen im Kapitalismus und ebenso korrupt geworden wie das System; andere rennen rechten Rattenfängern und ihren "besorgten Bürgern" nach und merken nicht, dass sie so lediglich dem braunen Patriotismus und dem Völkischen huldigen; wieder andere schwören auf Voodoo-Zauber und religiöse "Führer" und suchen auf diesem Wege nach "Erlösung". Schnittmengen gibt es allenthalben, und stets steht das jeweilige "Ich im Mittelpunkt".

In Deutschland hat der Kapitalismus ganze Arbeit geleistet und jede linke Alternative für Jahrzehnte erfolgreich unterbunden. In elitären Kreisen knallen unablässig die Champagnerkorken, während das Geld in Fantastillionenhöhe wie von selbst unablässig in die privaten Speicher sprudelt und die große Mehrheit derweil zwangsläufig der Verelendung und zunehmenden Vereinsamung entgegen strebt. Es ist einfach nicht zu fassen.

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[Ohne Titel]



(Gemälde von George Grosz [1893-1959] aus dem Jahr 1920, Öl auf Leinwand, Kunstsammlung NRW, Düsseldorf)