Samstag, 26. Dezember 2015

Wein-Nachten: Aus der "Mitte der Gesellschaft"


Dieser Brief aus dem Herzen der akademischen Mittelschicht unseres schönen Landes hat mich gestern erreicht - ich finde, er ist viel zu schade, um in der Versenkung meiner Festplatte zu verschwinden und dokumentiere ihn daher hier, während ich mit irrem Blick und großen, wunden Augen in den furchtbaren Spiegel des drohenden Abgrundes glotze.

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Hallo Charlie,

mir liegt nichts, aber auch gar nichts an diesem Weihnachtsgedöns, keine Sorge. Ich bin zutiefst angewidert davon und heilfroh, dass ich den familiären Teil endlich hinter mir habe. Bei mir war es so, dass die ganze Bagage meiner Geschwister nebst Anhängen (GattInnen und Kindern) bei meiner Mutter aufschlug, um das "Fest der Liebe" zu feiern. Es war unerträglich. Man betrieb Völlerei, gab sich dem Konsumterror wie billige Huren hin und hetzte nebenbei immer mal wieder gegen "die Flüchtlinge", die "unser" Leben und "unseren" Wohlstand bedrohten. Loriot hätte das nicht besser persiflieren können - natürlich ohne dass die Beteiligten gemerkt haben, in welchen absurden, kafkaesken Bahnen sie sich bewegen.

Und mittendrin hockte die bedauernswerte Gestalt meiner Mutter, die nur noch ein Schatten ihrer selbst ist und wohl lediglich - zumindest zeitweise, wenn es ihr gerade nicht zu viel war - die Anwesenheit des Familienrestes genossen hat. Allein dafür bin ich dort geblieben, habe mich dem Stumpfsinn ausgesetzt und mir immer wieder auf die Zunge gebissen, wenn die versammelte Bagage wie von Sinnen über die "Vorteile der neuen Tablets und Smartphones" stumpfsinnierte, gegen "muslimische Scheinasylanten" hetzte oder der "unverantwortlich handelnden" Merkel Schwachsinnigkeit unterstellte. Sie wissen nichts, sie wollen nichts wissen und käuen selbst die hohlsten Propagandaphrasen wider, die sie vorgesetzt bekommen - und tauchen dabei immer wieder tief in die Jauchegrube des totalen Konsums, ohne es zu bemerken. Es sind allesamt Akademiker.

Ich habe kurz versucht, dem Irrsinn etwas entgegenzuhalten, indem ich lapidar darauf hinwies, dass es noch nicht so lange her ist, dass aus Deutschland massenhaft Menschen fliehen mussten bzw. wollten, dies aber aufgrund ähnlicher Ressentiments gewisser Teile der Nachbarstaaten nicht konnten und daher in den KZs landeten. Das erntete wie erwartet Unverständnis und heftigsten Widerspruch, denn das könne man ja nicht miteinander vergleichen - die 60 Millionen Menschen, die heute weltweit auf der Flucht sind, seien ja vornehmlich "Wirtschaftsflüchtlinge", die sich in die "soziale Hängematte" unseres tollen Landes legen wollten. Ich habe bei weitem nicht so viel gegessen, wie ich eigentlich hätte kotzen müssen.

Und dann unterhielt man sich wieder über die neusten Modelle von Nokia, Samsung & Co. ("Smartphones") und von Audi, BMW und Ford ("Autos"), die es zu erwerben gälte, während draußen sowieso die dicken, höchstens drei Jahre alten Karossen parkten (pro Familie mindestens zwei, die in der Wahrnehmung der Irren längst Oldtimer sind). Kafka wäre innerhalb weniger Minuten zum sabberndern Irrsinnigen geworden, hätte er das erleben müssen. - Natürlich durfte auch das obligatorische DDR-Bashing nicht fehlen ... - Ich habe die meiste Zeit mit meiner jüngsten Nichte (8 Jahre alt) verbracht, die noch nicht ganz so verdorben ist und mir einen guten Grund gab, mich vom Rest der verkommenen Bande fernzuhalten. Zum Abschied herzte und küsste man sich inniglich, nachdem man zuvor eine Million Frauen, Kinder und Männer verbal zurück in das Elend der Kriegsgebiete, an deren Ursachen der deutsche Staat ja schließlich keinen Anteil habe, zurückgeschickt hatte.

Sofern diese familiären Erlebnisse auch nur annähernd repräsentativ sind, ist dieses furchtbare Land einmal mehr ein Untergangsland aus dem albtraumhaften Bilderbuch des kapitalistischen Faschismus.

Zu Deinen übrigen Bemerkungen schreibe ich erst später etwas - ich muss jetzt erst einmal um Fassung ringen und mich (obwohl das keine neue Erkenntnis ist) damit arrangieren, dass ich familiär von lauter widerlichen Arschlöchern umringt bin, die ihr Gehirn allenfalls zum Zwecke des hirnfreien Konsums benutzen. Gehirne schaffen sich selber ab - und Deutschland johlt, wie immer, dazu.

Zu guter Letzt schoss mein Bruder den Vogel noch ab, als er bezüglich der Pflegesituation für meine Mutter bemerkte: "Zur Not holen wir halt so eine Polin; die wohnt dann da im Haus bei ihr und kümmert sich um sie und kostet doch nur einen Bruchteil dessen, was eine professionelle Pflegekraft kosten würde." - Das war schon unten auf der Straße, als ich gerade in meinen dem familiären "Stande" wenig angemessenen, 15 Jahre alten Corsa einsteigen wollte - aber da konnte ich nicht anders als noch einmal zurückzugehen und ihn laut und deutlich mit den Worten "Du dämliches, menschenfeindliches Arschloch!" zu bedenken, bevor ich losfuhr.

(Das waren nur geringe Auszüge. Wenn ich sämtliche Ausfälle - beispielsweise gegen Behinderte oder Arbeitslose - aufzählen würde, schriebe ich noch morgen.)

Liebe Grüße!

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P.S.: Dem geneigten Leser dürfte aufgefallen sein, dass ich diesen Brief an mich selbst geschrieben habe.

Mittwoch, 23. Dezember 2015

Zitat des Tages: Bürgerliches Weihnachtsidyll


Was bringt der Weihnachtsmann Emilien?
Ein Strauß von Rosmarin und Lilien.
Sie geht so fleißig auf den Strich.
O Tochter Zions, freue dich!

Doch sieh, was wird sie bleich wie Flieder?
Vom Himmel hoch, da kommt sie nieder.
Die Mutter wandelt wie im Traum.
O Tannenbaum! O Tannenbaum!

O Kind, was hast du da gemacht?
Stille Nacht, heilige Nacht.
Leis hat sie ihr ins Ohr gesungen:
Mama, es ist ein Reis entsprungen!

Papa haut ihr die Fresse breit.
O du selige Weihnachtszeit!

(Klabund alias Alfred Hermann Henschke [1890-1928], in: "Die Harfenjule. Neue Zeit-, Streit- und Leidgedichte", Verlag die Schmiede, 1927)



Anmerkung: Erich Mühsam bedachte die Weihnachtszeit in seinem Gedicht "Die Monate" ganz lapidar so:

Dezember
Nun teilt der gute Nikolaus die schönen Weihnachtsgaben aus.
Das arme Kind hat sie gemacht, dem reichen werden sie gebracht.

Montag, 21. Dezember 2015

Musik: Zwischen Propaganda, Zynismus und Widerstand


Musik wurde und wird stets auch als begleitendes Propagandainstrument der herrschenden Kreise eingesetzt - diese Erkenntnis ist ein alter Hut. Gerade am Beispiel Nazideutschlands lässt sich das wunderbar belegen - man denke nur an die pompösen Massenveranstaltungen, für die beispielsweise Bruckners sinfonisches Werk gerne missbraucht wurde. Dort hörte damals allerdings die perfide Pervertierung der Musik keinesfalls auf: Selbst in den höllischen Konzentrationslagern wurde Musik gezielt zur Demütigung und Verächtlichmachung der Inhaftierten benutzt. Einzig für solche Zwecke gebildete "Häftlings-Orchester" mussten beispielsweise anlässlich der öffentlichen Folterung oder Exekution von Häftlingen aufspielen; ebenso war es üblich, dass fröhliche Musik zum morgendlichen Auszug der ZwangsarbeiterInnen erklingen musste.

Ein recht umfangreicher, informativer Bericht zu diesem Thema findet sich beispielsweise hier, wo man auch diese Passage lesen kann:

Im tristen Lageralltag wurde [Musik] zunächst von der SS-Führung zwangsweise verordnet und damit "automatisch als Repressions-, Folter- und Propagandainstrument" missbraucht. Alle Häftlinge mussten mehrmals am Tag bei den Appellen, beim Marschieren zum Arbeitskommando oder auf dem Rückweg ins Lager lauthals deutsche Lieder, wie etwa "Schwarz-braun ist die Haselnuss" oder "In dem Schatten grüner Bäume lasst uns sing'n und fröhlich sein" anstimmen. Angesichts des Todes, des Hungers und der Erschöpfung bedeutete solcher Gesang für die Häftlinge blanken Hohn und Zynismus, durch den sie tagtäglich gedemütigt wurden. Besonders für ausländische Häftlinge wurde der verordnete Gesang zu einer schrecklichen Schikane, da die meisten weder die Lieder kannten noch der deutschen Sprache mächtig waren, so dass sie in der Menge leicht auffielen und somit Opfer weiterer Misshandlungen wurden. In ihrer Freizeit konnten sich daher viele von ihnen nicht ausruhen, sondern mussten oft unter dem Kommando eines sadistischen SS-Mannes oder Funktionshäftlings die verhassten Lieder einüben. Der kollektive Gesang wurde auf diese Weise "zu einem Mittel regelmäßiger psychischer und physischer Gewaltanwendung umfunktioniert."

Eine ähnliche Rolle spielte Musik, die im Lager im Vorfeld einer Hinrichtung oder als Geräuschkulisse bei Folterungen und Erschießungen gespielt wurde. Zu diesen Zwecken wurden in vielen Konzentrationslagern eigene Orchester gegründet, die solche grausamen Vorstellungen musikalisch untermalen sollten. Zum Beispiel musste nach einem gescheiterten Fluchtversuch der betreffende Häftling beim abendlichen Zählappell in Begleitung der Lagerkapelle mit einer Tafel marschieren auf der stand: "Ich bin schon wieder da!". Der Zug brachte ihn "dann direkt ins Bad zur ,Auszahlung’. Vor dem Bad warteten wir, bis man ihn wieder halbtot und blutüberströmt herausführte. Von dort musste er wieder in Begleitung der Musik um alle Häftlinge herumgehen - in den Bunker." Diese Inszenierung war eine grausame Demonstration der Macht der SS und bedeutete für die Häftlinge eine ungeheuere Demütigung.


(Von einer KZ-Kapelle begleitet, wird ein entflohener Häftling im KZ Mauthausen zur Exekution geführt.)

Darüber hinaus gab es jedoch auch die "andere" Musik - nämlich die Widerstandslieder, die von Häftlingen geschrieben und verbreitet wurden. Bekannt geworden sind davon insbesondere "Das Lied vom Heiligen Caracho" aus dem KZ Buchenwald, das "Bunalied" aus dem KZ Auschwitz oder das "Dachaulied". In der Öffentlichkeit weniger bekannt ist allerdings, dass ein heute als "Folksong" wahrgenommenes Lied ebenfalls aus diesem grausamen Umfeld - nämlich dem KZ Börgermoor im Emsland - stammt. Einer der Verfasser dieses "Börgermoorliedes", Wolfgang Langhoff, berichtete später:

Im Konzentrationslager Börgermoor bei Papenburg werden 1933 in einer Nacht die Gefangenen von den SS-Wachen unmenschlich verprügelt. Nach dieser "Nacht der langen Latten" entsteht bei den Insassen der Plan, etwas für die eigene Ehre zu tun. Man will an einem Sonntag eine Theatervorstellung aufführen, den "Zirkus Konzentrazani", um den Peinigern zu zeigen, dass die Gefangenen nicht den Lebensmut verloren haben. Heimlich entsteht für diese Veranstaltung das Lied "Die Moorsoldaten". Am Schluss der Vorstellung erklingt es zum ersten Mal. Einer der Autoren, Wolfgang Langhoff, erinnert sich: Und dann hörten die Lagerinsassen zum ersten Mal das "Börgermoorlied", das inzwischen schon eine volksliedhafte Popularität erreicht hat. Einer sagte: "Kameraden, wir singen euch jetzt das Lied vom Börgermoor, unser Lagerlied. Hört gut zu und singt dann den Refrain mit." Schwer und dunkel im Marschrhythmus begann der Chor: Wohin auch das Auge blicket ... Tiefe Stille! Wie erstarrt saß alles da, unfähig mitzusingen, und hörte noch einmal den Refrain: Wir sind die Moorsoldaten und ziehen mit dem Spaten ins Moor ... Leise und schwermütig begannen einige Kameraden mitzusummen. Sie blickten nicht nach rechts und nicht nach links. Ihre Augen sahen über den Stacheldraht weg, dorthin, wo der Himmel auf die endlose Heide stieß. Ich sah den Kommandanten. Er saß da, den Kopf nach unten und scharrte mit dem Fuß im Sand. Die SS still und unbeweglich. Ich sah die Kameraden. Viele weinten.

Zwei Tage nach dieser Aufführung verbot die SS das Lied. - Heute gibt es hunderte von äußerst unterschiedlichen Einspielungen dieses Liedes - von Ernst Busch über Pete Seeger und Hannes Wader bis zu den Toten Hosen und viele, viele weitere.



Die Moorsoldaten

Wohin auch das Auge blicket,
Moor und Heide nur ringsum.
Vogelsang uns nie erquicket,
Eichen stehen kahl und krumm.
Wir sind die Moorsoldaten
und ziehen mit dem Spaten ins Moor.

Hier in dieser öden Heide
ist das Lager aufgebaut,
wo wir fern von jeder Freude
hinter Stacheldraht verstaut.
Wir sind die Moorsoldaten
und ziehen mit dem Spaten ins Moor.

Morgens ziehen die Kolonnen
in das Moor zur Arbeit hin,
graben bei dem Brand der Sonnen,
doch zur Heimat steht ihr Sinn.
Wir sind die Moorsoldaten
und ziehen mit dem Spaten ins Moor.

Heimwärts, heimwärts! Jeder sehnet
sich nach Eltern, Weib und Kind.
Manche Brust ein Seufzer dehnet,
weil wir hier gefangen sind.
Wir sind die Moorsoldaten
und ziehen mit dem Spaten ins Moor.

Auf und nieder gehn die Posten,
keiner, keiner kann hindurch.
Flucht wird nur das Leben kosten.
Vierfach ist umzäunt die Burg.
Wir sind die Moorsoldaten
und ziehen mit dem Spaten ins Moor.

Doch für uns gibt es kein Klagen.
Ewig kann's nicht Winter sein.
Einmal werden froh wir sagen:
Heimat, du bist wieder mein!
Dann ziehn die Moorsoldaten
nicht mehr mit dem Spaten ins Moor.

(Text: Johann Esser [1896-1971] und Wolfgang Langhoff [1901-1966], Melodie und vierstimmiger Satz: Rudi Goguel [1908-1976]; 1933)



(Helium Vola: "Die Moorsoldaten", aus dem Album "Für Euch, die Ihr liebt", 2009)