Dienstag, 25. April 2017

... und die korrupte Bande ist entzückt


Das alberne Volkstheater der Wahlen, diesmal in Frankreich, hat zwei potenzielle "Gewinner" hervorgebracht und damit genau das Ergebnis erzielt, das allseits erwartet bzw. herbeigeschrieben wurde. Die Mehrheit der WählerInnen hat nun also zwei Kandidaten ins Rennen um die Präsidentschaft geschickt, die alle beide Konzepte verfolgen, die erstens nicht weit auseinander liegen und zweitens nicht das geringste mit dem Wohlergehen der Bevölkerung zu tun haben.

Die rechtsextreme Le Pen und ihren AfD-ähnlichen Verein von braunen Wirrköpfen muss ich wohl nicht näher beleuchten – den "parteilosen" Macron dafür umso mehr. Zur Einordnung hilft dabei ein Blick in die hiesige Systempresse, die fast einhellig von diesem Schlips-Borg schwärmt, als sei er der neue Europamessias (ich verzichte auf Verlinkungen – das haben sicherlich alle BesucherInnen dieses Blogs sowieso gelesen). Im Grunde reicht es schon, nur einen einzigen Artikel zu diesem Thema zu lesen, nämlich die Zusammenfassung bei n-tv unter dem bezeichnenden Titel "Macrons Erfolg entzückt deutsche Politik". Spätestens jetzt sollte der rote Alarm ausgelöst werden; und wenn man dann noch lesen darf, was Norbert Röttgen (CDU) über Macron gesagt hat, weiß man, dass der Menschenfeind Gerhard Schröder mindestens einen französischen Klon ausgebrütet hat:

Ich meine, dass es für Deutschland und Europa nicht besser geht: Emmanuel Macron ist wirtschaftsreformorientiert (...).

Ähnlich hat sich die komplette Bagage der deutschen Politbande und selbstverständlich auch die angeschlossene Propagandapresse geäußert. Und niemand – tatsächlich: niemand! – erwähnt auch nur am Rande, dass Macrons Ziele weder "liberal", noch "erneuernd" oder gar "progressiv" sind, sondern – ganz im Gegenteil – nichts anderes als eine Betonierung der kapitalistischen Deformierungen darstellen, die von jener Bande unbekümmert, unverhohlen und natürlich falsch "Reformen" genannt werden. Macron ist das französische Äquivalent zur deutschen kapitalistischen Einheitsfront von FDP, CDU, SPD, AfD und den Grünen. Wen wundert's, dass quer durch alle Parteien – natürlich darf auch die Linkspartei nicht fehlen – der verhaltene Jubel losbricht?

Stets dasselbe Spiel

Was genau unterscheidet die beiden Rechtsradikalen Le Pen und Macron? Es ist exakt dasselbe Spielchen, dass überall zu beobachten ist, selbstverständlich gerade auch in Deutschland: Während die "Bösen" (Front National, AfD) sich auf die "Nation" und das "Völkische" berufen, ohne den Kapitalismus in Frage zu stellen, huldigen die "Guten" (Macron, CDUSPD & Co.) lieber der Kapital-"Elite" und erklären den grenzenlosen Kapitalismus zur einzig wahren Religion. Braun und menschenfeindlich – und gewiss alles andere als "neu" oder gar ein "Aufbruch" – ist beides gleichermaßen.

Ich empfinde es als besonders verstörend, dass ausgerechnet in Frankreich nun dasselbe widerwärtige Spiel vonstatten geht, das auch den Rest des verkommenen Europas längst heimgesucht hat. Wenn ich irgendwem eine wirksame Gegenwehr und vielleicht sogar einen Anstoß zur Beendigung des kapitalistischen Terrors zugetraut habe, dann waren es "die Franzosen". Diese Illusion ist nun ruinierte Geschichte.

In Claus Klebers kapitalistischem Propagandajournal im ZDF habe ich am Montagabend im Vorbeigehen die kuhjournalistische Feststellung aufgeschnappt, dass es in Frankreich beispielsweise noch immer so altertümliche, hemmende Dinge wie die 35-Stunden-Woche und ein "frühes" Renteneintrittsalter gebe, was Macron endlich "reformieren" (abschaffen) will. Die Vorleserin überschlug sich dabei in dem Bemühen, dieses zerstörerische Grauen als grandiose Neuerung und "Reform" zu preisen. – Gibt es eigentlich noch Menschen, die ihren Kopf nicht nur für dumpfen Nationalismus, menschenfeindlichen Kapitalismus oder zum Hütetragen mit sich herumschleppen? Ich bin da eher skeptisch.

Es gibt keinen signifikanten Unterschied zwischen "Wirtschaftsliberalen" – also Kapitalisten – und Rechtsradikalen. Die braune Suppe feiert und blubbert Triumphe – und der Humanismus stirbt seinen letzten Tod.


Der redundante Einwurf (3): "Zeichen und Wunder" im Eso-La-La-Land


Ohne Worte – und darauf einen Schnaps:


(Screenshot von "Jenseits der Realität")

Montag, 24. April 2017

WDR: Flachverarscherei, oder: Der Sack Reis in China


Manchmal kann ich mich nicht entscheiden, ob manche Redakteure der Systemmedien einfach nur zugekokst sind und ständig schlechte Aprilscherze absondern, oder ob sie aus reinem Zynismus, purer Dummheit oder doch in gezielter Verdummungsabsicht handeln. So habe ich beim öffentlich-rechtlichen WDR, der bekanntermaßen durch im Zweifel auch zwangsvollstreckte Zwangsgebühren finanziert wird, vor einigen Tagen gelesen:

Dickes Portemonnaie? Aus dick mach flach! / Skinny Jeans und fette Portemonnaies – das passt einfach nicht. Oft steckt ein ganz schöner Klotz in der Gesäßtasche. Es gibt aber jede Menge Tricks, um den Po flach wirken zu lassen. Karten, die nicht oft gebraucht werden, können zum Beispiel mit dem Handy abfotografiert werden.

Nein, das stammt nicht vom Postillon oder aus der Titanic-Redaktion, sondern tatsächlich vom WDR, nämlich von einem Horrorclown namens Philip Seitz – und es wurde auch nicht am 1. April veröffentlicht. Ich warne jeden nachdrücklich davor, den kompletten Text zu lesen, da es nicht auszuschließen ist, dass ein halbwegs gesundes Gehirn während der Lektüre jenes Irrsinns spontan beschließt, Selbstmord zu begehen, weil es offensichtlich kein intelligentes Leben auf diesem Planeten mehr gibt.

Gleichwohl habe auch ich einige Vorschläge für entsprechend Gepeinigte, wie man den "Po flach wirken" lassen kann:

  1. Fasten Sie. Der Arschspeck verschwindet dann irgendwann von selbst. Der Hartz-Terror eignet sich gut dafür.
  2. Machen Sie es wie ich und Millionen andere Zwangsverarmte und schmeißen Sie Ihre vielen EC- und Kreditkarten einfach in das nächste Lagerfeuer. Besonders schön und grell leuchtend brennt übrigens die "Goldene". Und vergessen Sie nicht, die staatliche Überwachungswanze ("Handy") gleich hinterherzuwerfen.
  3. Nehmen Sie die dicken Geldbündel aus Ihrer Börse und verschenken Sie sie an Obdachlose.
  4. Misten Sie Ihre Geldbörse hin und wieder aus, wenn sich zu viele Cent-Münzen angesammelt haben, die Sie sowieso nie wieder irgendwo loswerden. Ich habe bereits einen dicken Beutel angesammelt, den ich allerdings nirgends eintauschen kann, da ich bloß über ein reines Online-Konto verfüge.
  5. Gehen Sie zu einem Schönheitschirurgen und lassen Sie sich eine Delle in die Pobacke schneiden – dann kann Ihre Börse so dick sein wie sie will, ohne dass es jemand sieht, wenn Sie Ihre hautenge, sexy Wurstpelle mit den hübsch überquellenden Rändern tragen.
  6. Sie könnten auch – ganz "gentlemanlike" – einfach zur altbewährten Brieftasche greifen, aber derlei unmodernes Zeug benutzt ja heute niemand mehr, der sich für "hip" hält – selbst dann, wenn es sinnvoll wäre.
  7. Gehen Sie in eine geschlossene Psychiatrie, bitten Sie dort um unbefristetes Asyl und weisen Sie darauf hin, dass der WDR die Kosten übernimmt.
  8. Freilich können Sie auf den ganzen Schmonzes auch gepflegt scheißen und sich nicht darum scheren, ob Ihr "Po flach wirkt". Es soll tatsächlich vereinzelt noch Menschen geben, denen das in der Tat so egal ist wie der berühmte Sack Reis in China – auch wenn das in Kapitalistan kaum jemand glauben mag.

Ich persönlich fände ja sowieso die Frage weitaus interessanter, wie man es bewerkstelligen könnte, dass endlich weniger Menschen mit einer flachen Stirn und einem allzu leeren oder gar völlig fehlenden Gehirn stumpfsinnig durch die Welt stapfen wie gruselige Zombies – aber diese unmoderne Frage wird beim WDR ganz sicher nicht erörtert werden, denn zombieesker Stumpfsinn gehört dort selbstverständlich zum Markenkern.

Zu dieser Flachverarscherei passt übrigens vorzüglich der gerade zuendegegangene Parteitag der "Analplugs für Dummdödel" (AfD), bei dem sich – fast wie beim WDR – die Ärsche und die flachen Stirnen inniglich säuselnd "Gute Nacht" gesagt haben. Oliver Kalkofe hat das schon vor einiger Zeit so treffend kommentiert, dass ich dazu nichts weiter sagen muss:


Samstag, 22. April 2017

Zitat des Tages: Die Brücke


Ich war steif und kalt, ich war eine Brücke, über einem Abgrund lag ich. Diesseits waren die Fußspitzen, jenseits die Hände eingebohrt, in bröckelndem Lehm habe ich mich festgebissen. Die Schöße meines Rockes wehten zu meinen Seiten. In der Tiefe lärmte der eisige Forellenbach. Kein Tourist verirrte sich zu dieser unwegsamen Höhe, die Brücke war in den Karten noch nicht eingezeichnet. – So lag ich und wartete; ich musste warten. Ohne einzustürzen kann keine einmal errichtete Brücke aufhören, Brücke zu sein.

Einmal gegen Abend war es – war es der erste, war es der tausendste, ich weiß nicht –, meine Gedanken gingen immer in einem Wirrwarr und immer in der Runde. Gegen Abend im Sommer, dunkler rauschte der Bach, da hörte ich einen Mannesschritt! Zu mir, zu mir. – Strecke dich, Brücke, setze dich in Stand, geländerloser Balken, halte den dir Anvertrauten. Die Unsicherheit seines Schrittes gleiche unmerklich aus, schwankt er aber, dann gib dich zu erkennen und wie ein Berggott schleudere ihn ans Land.

Er kam, mit der Eisenspitze seines Stockes beklopfte er mich, dann hob er mit ihr meine Rockschöße und ordnete sie auf mir. In mein buschiges Haar fuhr er mit der Spitze und ließ sie, wahrscheinlich wild umherblickend, lange drin liegen. Dann aber – gerade träumte ich ihm nach über Berg und Tal – sprang er mit beiden Füßen mir mitten auf den Leib. Ich erschauerte in wildem Schmerz, gänzlich unwissend. Wer war es? Ein Kind? Ein Traum? Ein Wegelagerer? Ein Selbstmörder? Ein Versucher? Ein Vernichter? Und ich drehte mich um, ihn zu sehen. – Brücke dreht sich um! Ich war noch nicht umgedreht, da stürzte ich schon, ich stürzte, und schon war ich zerrissen und aufgespießt von den zugespitzten Kieseln, die mich immer so friedlich aus dem rasenden Wasser angestarrt hatten.

(Franz Kafka [1883-1924]: "Die Brücke", Erzählung aus dem Nachlass, u.a. in: "Erzählungen", hg.v. Michael Müller, Reclam 1996)


Freitag, 21. April 2017

Song des Tages: Magic Forest




(Amberian Dawn: "Magic Forest", aus dem gleichnamigen Album, 2014)

Just moments before the dawn
It's their time to go
One look and they entered the magic forest
They're left alone

A strange weight surrounded them
It felt like burned ice
All branches, like fingers they reach to catch them
Leaving their marks

"Hey you little songbirds
Come here little songbirds
We see you little songbirds
And we'll keep you"

Run for your life – she's getting closer
Run for your life – you hear her breathing
Run for your life – her army's marching
Run for your life – you feel her seeking
Reaching you, hunting you, hunting all of you

They ran deeper into the woods
They wished they could fly
In the moonlight they saw those lurking soldiers
Creeping by

Her hunters were whispering
And humming an old tune
Like rolling they passed those little seekers
Leaving them alone

"Hey you little songbirds
Come here little songbirds
Where are you little songbirds
Come we'll keep you"

Run for your life ...

"Oh dear children
Who has brought you here?
Do come in and stay with me
No harm shall happen to you!"

Run for your life ...


Mittwoch, 19. April 2017

Randnotiz zu "Fernsehkritik-TV"


Holger Kreymeier von "fernsehkritik.tv" hat beschlossen, sich nunmehr gänzlich hinter einer "Paywall" zu verschanzen, damit er von zahlungsunwilligen oder -unfähigen BesucherInnen künftig verschont bleibt. Ich muss seine (inzwischen ersetzte) Seite daher aus meiner Blogliste entfernen, denn Reklame für kostenpflichtige Inhalte ist hier nicht erwünscht.

Es entbehrt nicht einer gewissen Komik, dass ausgerechnet Kreymeier nun dem Beispiel der "Premium"-Anbieter im Netz folgt und sich damit gleichsam überflüssig macht. Es ist anzunehmen, dass sein Geschäftsinteresse den verschiedenen, nur gegen Bares abrufbaren Formaten seiner Firma "Massengeschmack" gilt, zumal er laut eigener Aussage aus der "Jubiläumsfolge" ohnehin keine Lust mehr auf das Magazin und die damit verbundene Arbeit hat. Gibt es wohl ein noch gruseligeres Beispiel für die illustre Verwerflichkeit des Kapitalismus? Mir fällt ad hoc keines ein.

Requiescat in pace, "fernsehkritik.tv".


Die schöne, bunte Horrorwelt des Kapitalismus


Die Journaille hat mich jüngst wieder einmal überrascht. Da wurde doch tatsächlich aufgedeckt, dass Konzerne rein profitorientiert handeln und zudem alles dafür tun, möglichst geringe oder gar keine Steuern zu zahlen. Nein, welch eine Offenbarung! Ich habe Stunden – ach was, Tage! – gebraucht, um diese unfassbare, zuvor nie gehörte Erkenntnis zu verdauen. Wie kann es denn bloß sein, dass Konzerne kein Interesse am "Gemeinwohl" haben?

Aber der Reihe nach. Bei n-tv hat der investigative Qualitätsjournalist Hannes Vogel vor einigen Tagen einen Beitrag veröffentlicht, in dem es heißt:

Die 50 größten US-Unternehmen verschieben jährlich mehr als 1,5 Billionen [Euro] in Steueroasen – ganz legal. Und Konzernen wie Netflix, Facebook und General Electric schenkt der Fiskus sogar noch Geld.

"Ei der daus!" dachte ich beim Lesen unwillkürlich und kratzte mir hilflos den Schädel. Dürfen die das denn? Und wieso tun die das bloß – schließlich soll es doch allen Menschen halbwegs gut gehen auf dieser wunderschönen Erde! Das sagt doch sogar die Kanzlerin?!? Herr Vogel klärte mich aber auf, indem er feststellte: "Die Steuertricks sind völlig legal: Gesetzeslücken ermöglichten es den Konzernen, sich um ihren fairen Beitrag zum Gemeinwohl zu drücken". – Ah, dann ist es also nur ein politisches, gesetzgeberisches Versehen, das – quasi absichtslos – diese unerwünschten Auswirkungen hat! Ich verstehe.

Da haben die PolitikerInnen allerorten aber mal so richtig geschlampt, indem sie den Konzernen versehentlich solche "Schlupflöcher" angeboten haben; und die Konzerne konnten ja gar nicht anders, als unversehens hindurchzuhuschen und die Geldsäcke in Sicherheit zu bringen. Ich bin gut informiert.

Setzen wir den Aluhut der Propagandapresse nun ab

Dieser Artikel ist ein beredtes Beispiel für das infantile, ausnehmend schrille Weltbild, das Propagandamedien wild verbreiten (sollen, möchten oder müssen). Die verharmlosend als "Steuertricks" bezeichneten Praktiken sind nichts anderes als mafiöse Handlungen; die ebenso hirnentkernt als "Steueroasen" bezeichneten schwarzen Geldspeicher, die sich jedem staatlichen Zugriff entziehen, sind nicht "versehentlich", sondern ganz bewusst und gewollt geschaffen worden und bleiben ebenso bewusst und gewollt weiterhin bestehen; und das "Gemeinwohl" interessiert im Kapitalismus ohnehin niemanden, der sich auch nur zu den Schuhputzern der "Elite" zählt wie beispielsweise ein Martin Schulz (SPD).

Des weiteren betrifft diese kriminelle Struktur keineswegs nur US-Konzerne, wie es im Titel und Teaser des verlinkten Beitrages behauptet wird. Der Autor erwähnt das beiläufig im Text, indem er einen "Oxfam-Experten" [sic!] zitiert: "Bei internationalen Konzernen ist Steuervermeidung mittlerweile Volkssport." – Ja, wie sollte es denn auch anders sein in diesem System, in dem es einzig um Profitmaximierung geht? Der "faire Beitrag zum Gemeinwohl" ist Konzernen selbstverständlich so wichtig wie ein Furunkel am Anus. Das darf oder will die Propagandapresse natürlich nicht so schreiben, weshalb sie in schöner Regelmäßigkeit das Kindergartenmärchen von den "Schlupflöchern" erzählt, das selbstverständlich nur die "schwarzen Schafe" benutzen. Dass es sich dabei vielmehr um einen logischen, systemischen Akt der kapitalistischen Habgier handelt, wird nicht einmal angedacht.

Ich fasse das mal zusammen:

  1. Hortungseinrichtungen für Hehler ("Steueroasen") gibt es – auch mitten in Europa – nicht zufällig oder versehentlich.
  2. Ebensowenig ist es auf politisches Versagen oder Unvermögen zurückzuführen, dass diese mafiösen Strukturen auch weiterhin bestehen bleiben.
  3. Konzerne haben kein Interesse am "Gemeinwohl" oder gar an Menschen, sondern einzig am Profit.
  4. Das kapitalistische System erfordert die oben genannten kriminellen Strukturen zwingend, um nicht frühzeitig zu kollabieren.
  5. Habgier ist das heilige, unumstößliche Credo der kapitalistischen Religion.
  6. Die Systempresse dient der religiösen Kapitalpropaganda sehr devot, selbst wenn sie sich gelegentlich "investigativ" gibt.
  7. Die schwarz-rot-grün-gelb-blaue neoliberale Einheitspartei (NED) ist ein korrupter Haufen von meist schlips- oder knopfleistentragenden Arschlöchern, wie sie wohl nur der Kapitalismus hervorbringt. Man darf solchen GesellInnen nicht einmal einen gebrauchten Toaster für drei Euro abkaufen, weil der vermutlich defekt ist.
  8. Die Verarmung, Ausbeutung und Verelendung breiter Bevölkerungsteile ist ebenso ein essenzieller Teil der kapitalistischen Agenda wie die absurde Mästung einiger weniger Superreicher. Ohne bittere Armut kann es keinen Superreichtum geben.

Es wird mir stets ein bizarres Rätsel bleiben, weshalb eine Mehrheit der Geknechteten, Ausgebeuteten, Verfolgten, Verarmten, Kontrollierten und Aussortierten dennoch weiterhin an diesem abgrundtief perversen System festhält, anstatt endlich, endlich aufzubegehren und die Arschlöcher – gerne auch geteert und gefedert – in Schimpf und Schande vom Platz zu jagen, ohne dabei in nationalistisches Gebrüll zu verfallen.

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A Box of my Tears


(www.moonbeard.com)

Montag, 17. April 2017

Feudale Strukturen und ihre propagandistische Aufbereitung in den Medien


Dem WDR ist wieder einmal ein besonderes Stück klassischer Propaganda und Desinformation gelungen. Unter dem Titel "Wem gehören Wald und Land in NRW?" referiert die Autorin Anja Booth, die auch für die drüben verlinkte gleichnamige "Dokumentation" verantwortlich zeichnet, über feudale Strukturen in Sachen Landbesitz, ohne diese jedoch klar zu benennen oder gar zu kritisieren. Einem Hofberichterstatter steht Königskritik freilich nicht zu. Ein kleiner Auszug:

Nordrhein-Westfalen ist das Privatwaldland! 64,8 Prozent Wald sind in privatem Eigentum. Kein anderes Bundesland hat mehr Wald in privater Hand. (...) / Die Familie Sayn-Wittgenstein auf Schloss Berleburg ist mit über 13 Hektar Wald der größte Privatwaldbesitzer Nordrhein-Westfalens. Seit über achthundert Jahren ist der Wald im Besitz der Familie und gleichzeitig die Haupteinnahmequelle der Sayn-Wittgensteins. Wald ist wertvoll: Pro gefällter Fichte bekommt die Familie etwa 160 bis 170 Euro.

In diesem Stil geht das munter weiter – selbstverständlich wird nirgends auch nur zaghaft die Frage angedeutet, wie dieses gruselige Adelsgeschmeiß vor über achthundert Jahren in den "Besitz" dieser Landflächen gekommen ist und weshalb um Himmels Willen jenes Land dem Erbenpack heute noch immer "gehört". Solche eliteschädigenden Fragen verwirrten einen WDR-Leser, wie die Obrigkeit ihn sich wünscht, wohl nur, weshalb sie im öffentlich-rechtlichen Weltbild gar nicht erst vorkommen.

Davon abgesehen ist der Text derartig schlecht geschrieben, dass mir beim Lesen die Augäpfel aus dem Schädel gefallen sind und ich mein Gehirn nur mithilfe einiger Papiertaschentücher, die ich hastig in die entstandenen Öffnungen stopfte, daran hindern konnte, auf die Tastatur zu tropfen. So erfährt der wissbegierige WDR-Konsument beispielsweise, dass es "Naturwaldzellen" gibt, "in denen man beobachten kann, was passiert, wenn man den Wald sich selbst überlässt." Im nächsten Satz steht allerdings: "Naturwaldzellen darf man nicht betreten." – Aha. Wer ist denn hier "man" und wer beobachtet diese "Zellen", wenn "man" sie doch gar nicht betreten darf? Der gemeine Pöbel ist wohl lediglich mit dem zweiten "man" gemeint.

Des weiteren habe ich durch diesen Text gelernt, dass jemand, der "mehr als 75 Hektar Wald besitzt, (...) übrigens auch das Jagdrecht" innehat. Hm. Haben wir nicht weiter oben gelesen, dass der größte Privatwaldbesitzer gerade mal 13 Hektar besitzt? Wer hat denn nun das "Jagdrecht", wenn es die Privatbesitzer offensichtlich nicht sein können, und welchen Sinn erfüllt diese hanebüchene Nonsens-Information? Und wer hat diese Regelung wann und warum festgelegt? Wieso darf ein Normalbürger nicht auf die Pirsch in "seinem" Wald vor der Haustür gehen und beispielsweise einen kleinen, leckeren Osterhasenbraten im Wald erlegen? – Fragen über Fragen ...

So ließe sich der komplette lieblos zusammengeschusterte Text auseinandernehmen. Ich verzichte darauf, da ich davon ausgehe, dass der Bockmist jedem kritischen Leser ohnehin brennend ins Auge fällt.

Unterm Strich bleibt nur das im Kapitalismus ewig gleiche, widerwärtige Resümee. Auch die feudalen Strukturen des privaten Landbesitzes erfüllen in erster Linie eine einzige Funktion: Es geht – wie sollte es auch anders sein – um Profit, Bereicherung und schnöde Habgier. Die Menschheit ist im finstersten Mittelalter steckengeblieben und nichts deutet darauf hin, dass sich das in absehbarer Zeit ändern könnte.

Vielen Dank für die Desinformationen, lieber zwangsgebührenfinanzierter WDR.

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Hochfinanz



(Lithographie von George Grosz [1893-1959] aus dem Jahr 1922, in: "Ecce Homo", Malik 1923; Verbleib des Originals unbekannt)

Samstag, 15. April 2017

Die Geißel des bizarren Privateigentumes


Es ist immer wieder erfrischend, wenn man wieder einmal mitbekommt, welche perversen Auswüchse der groteske, kapitalistisch begründete Reichtum einiger weniger Menschen annimmt. Die lächerlichen Luxusautos, peinlichen Luxusvillen oder albernen Accessoires wie teure Uhren, "exklusive" Mode oder dicke Klunker sind ja allseits bekannt. Was zumindest mir bislang aber weniger bewusst war, konnte ich kürzlich bei n-tv nachlesen. In einem – selbstredend völlig unkritischen – Artikel im Ressort "Reise" [sic!] hieß es (man beachte den hirnschmelzenden Begriff "Upper Class" in der URL):

Wer das nötige Kleingeld hat, braucht gar nicht jeden Sommer einen neuen Ferienort zu suchen, sondern kauft sich gleich eine ganze Insel. Privatinseln sind gerade bei Prominenten beliebt. Vor allem die Karibik steht hoch im Kurs. / Eine eigene Insel – wer würde sich diesen Wunsch nicht gerne erfüllen? David Copperfield, Richard Branson, Leonardo DiCaprio und Mel Gibson sind reich. Bei der Suche nach einem angemessenen Urlaubsziel geben sie sich nicht mehr mit "normalen" Resorts zufrieden.

Die Antwort kann ich gleich geben: Ich hege einen solchen Wunsch nicht. – Inzwischen reicht den Bekloppten ein "eigenes Grundstück" schon nicht mehr aus, um sich vom gemeinen Pöbel ausreichend abzugrenzen – es muss gleich eine ganze Insel sein. Welcher Irre ist bloß auf die Idee gekommen, irgendein Teil dieses Planeten könne irgendwem "gehören"? Die "Privatinsel" ist die Vollendung dieser Perversion, die mich an der Intelligenz dieser Spezies einmal mehr stark zweifeln lässt.

Durch den Text habe ich nebenbei erfahren, dass sogar ein gruseliger, sal­ba­dernder Schleimbolzen wie Jörg Pilawa, der einzig durch – notfalls vom Gerichtsvollzieher eingetriebene – Zwangsgebühren zum Multimillionär geworden ist, ohne je etwas Sinnvolles dafür getan zu haben, zu den Besitzern einer "Privatinsel" gehört:

Hier, mitten in der rauen Wildnis Nova Scotias [in Kanada], fand auch Jörg Pilawa sein Glück. "Es gibt dort den Atlantik, Wale, Wälder, Wildnis – die ganzen Ws eben", erklärte der deutsche TV-Moderator 2009 seine Entscheidung, "Hunt Island" [für 250.000 €] zu kaufen.

Solche Menschen scheren sich nicht darum, dass sie zufällig (!) zu den sehr wenigen Profiteuren eines grotesken Systems gehören, das die überwältigende Mehrheit der Menschen ins tiefste Elend stürzt. Sie hocken lieber – vermutlich einige Ferienwochen oder -monate pro Jahr – auf ihrer "Privatinsel" und genießen das dekadente, semifeudale Leben in vollen Zügen, während anderswo zehntausendfach Menschen verhungern oder millionenfach in der Armut versinken. In der übrigen Zeit wird das Etablissement natürlich gewinnbringend vermietet. Arme haben selbstverständlich keinen Zutritt. – Mich widert das so an.

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Der Irrsinn des Privatbesitzes (insbesondere von Land) gipfelt in der fast schon satirischen "Geschäftsidee", sogar Grundstücke auf dem Mond zu verhökern. Es soll tatsächlich Menschen geben, die dafür an irgendeinen Hampelmann Geld bezahlen und sodann allen Ernstes der Meinung sind, ihnen "gehöre" nunmehr ein Stück des Mondes. – Ich persönlich würde mich sehr gerne an der Finanzierung der riesigen Raketenflotte beteiligen, mit der sämtliche KapitalistInnen final zu eben jenem Mond geschossen werden, damit das Leben auf der Erde endlich, endlich halbwegs erträglich und friedlich wird.

Wie heißt es doch so treffend – mit gar lieblicher Stimme vorgetragen – am Schluss des jüngsten "Songs des Tages": "All is lost but hope". So ist es.

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Bevorzugte Klasse


"Unsereiner hat's eben doch gut: Man macht 'inneren Wiederaufbau' und braucht nicht zu schippen!"

(Zeichnung von Hannes König [1908-1989], in: "Der Simpl", Nr. 6 vom Juni 1946)

Freitag, 14. April 2017

Song zum Karfreitag: Our Wings Are Burning




(Virgin Black: "Our Wings Are Burning", aus dem Album "Elegant ... and Dying", 2003; Single version)

We fell in love, with dust in our lids
And the pain of a severed soul
We lowered our heads and lifted our face
Placed our bodies in celebration

On the lips of a mutilated man
I carry the bones of a deformed child
And my own polluted breath
I speak the old man's words

In a persuasive eloquence
Bless the dust that hides
This unlamented head
On the crest of fire

Our wings are burning
How glorious the pain
And the ways of God
Shriek out of tune

All is lost but hope
On the crest of fire
Our wings are burning
To the wind's anthem

All is lost but hope


Mittwoch, 12. April 2017

Zitat des Tages: Ein Verbummelter


Eine Stunde war er umhergeirrt, dann hatte sich sein Sinnen zum Entschluss gereift. An alles hatte er gedacht, tausend bunte Bilder waren vor ihm aufgestiegen, seine Jugend, seine Zukunft, seine Eltern, aber jedes hatte seine Tat so gewendet, dass es ihm nur ein Wegweiser wurde, der seine führende Hand zum letzten dunklen Pfad hinstreckte. Und unwillkürlich hatte sich sein Schritt beschleunigt, und er begann zu laufen. Noch tauchten kleine Hoffnungen und vage Vermutungen in blitzartiger Raschheit vor ihm auf, aber er hielt nicht inne, sondern lief und lief. Die Ohren dröhnten ihm vom Donnern der Wagen, vom Poltern der Straße, vom Surren der Leute, die achtlos und unwissend an ihm vorüberglitten, und von seinen eigenen hastigen Schritten. Immer rascher lief er, wie um jeden Gedanken zu betäuben, und sein ganzes Gehirn summte nur einen Satz: Nur rasch, nur rasch ... Alles klang im Rhythmus dieser Worte und verströmte zu einem wirren tosenden Lärm, der ihn stumpf und unempfindlich machte. So kam er zur Brücke. Dort blieb er eine Minute stehen, aber nicht aus Angst vor der Tat, sondern weil seinen zitternden Armen die Kraft fehlte, sich übers Geländer zu schwingen. Einmal noch tauchte die Erinnerung an sein zerstörtes Leben auf, und wie ein jäher Ruck durchbebte es schon seinen Körper. Mit einem Schwung war er über der Rampe und sauste blitzartig hinab in die graue Flut ...

(Stefan Zweig [1881-1942]: "Ein Verbummelter", u.a. in: "Der Amokläufer. Sieben Novellen einer Leidenschaft", Fischer 1984; Erstveröffentlichung 1901)



Anmerkung: Bei dem obigen Text handelt es sich lediglich um den letzten Absatz aus Zweigs Kurzgeschichte, in der zuvor knapp, aber eindringlich von den Ängsten, Nöten und unausweichlichen Zwängen jenes Schülers berichtet wird, durch die er von Lehrern, Eltern, MitschülerInnen und letztlich der kompletten verlogenen "Leistungsgesellschaft" zu dieser tragischen Tat getrieben wird.

Montag, 10. April 2017

Die verkleisterte Wirklichkeit: Bildung und ihre mediale Negation


Mein Lieblingskolumnist Stefan Gärtner hat wieder einmal in die Vollen gehauen und in seinem sonntäglichen Text zwei Dinge miteinander verbunden, die zunächst nicht sonderlich viel miteinander zu tun haben: Das ewige Krimi-Gedöns und die Ruinen der kapitalistischen Bildung.

Gärtner resümmiert:

Aber seit Wochen laden im örtlichen Kindergarten die Grundschulen per Aushang zu "Schnuppertagen" und "Hospitanzen", und zwar fürs Schuljahr 2018/19, mit Bio-Essen hier und Projekt-Tamtam da, und im "Tatort" heute abend geht es um Flüchtlinge. Also, nicht eigentlich um Flüchtlinge, denn "der Sonntagabendkrimi ist nun mal ein Unterhaltungsformat" (SZ). Und die Schule der Leistungsgesellschaft eben nicht.

Man lese den gesamten Text, um dem zugrundeliegenden Gedanken auf die Spur zu kommen.

Was hierzulande als "Bildung" verkauft [sic!] wird, ist letzten Endes nichts weiter als die schnöde Zurichtung junger Menschen auf die kapitalistische Ausbeutungsmaschine. Das war indes nie anders: Es ist sicher kein Zufall, dass gerade zur Jahrhundertwende vor 100 Jahren die Literatur geradezu überquoll, wenn es um die Darstellung der Schule ging. Das Schulkapitel aus Thomas Manns Roman "Buddenbrooks" ist dafür ebenso bezeichnend wie die Kurzgeschichte "Ein Verbummelter" von Stefan Zweig, der Roman "Unterm Rad" von Hermann Hesse oder das Drama "Frühlings Erwachen" von Frank Wedekind.

Der militärische Drill von damals ist heute einem nicht minder ekelhaften Leistungsgedanken gewichen. Die neoliberale Zerstörung der Hochschullandschaft in Deutschland ist ein beredtes Beispiel dafür. Heute gilt es, Kindern bereits im Kindergarten und in der Grundschule einzubläuen, dass "Konkurrenz" und das "Eigenwohl" die Ziele des Lebens seien, während Toleranz, Solidarität und ähnliche Verwerfungen unbedingt zu vermeiden sind. Es ist kaum zu fassen, aber Kapitalisten denken wirklich so. Im "goldenen Westen" ist diese Prämisse Gesetz.

Was hat das nun mit dem allgegenwärtigen Krimi-Gedöns zu tun? Gärtner reißt das Thema an:

Der Krimi, wie er Tag für Tag stumm wegkonsumiert wird, erklärt nichts; täte er's, würde er nicht als die Maschine zur Komplexitätsreduktion geliebt, die er ist. Er vereinfacht, was sich, ohne zu lügen, nicht vereinfachen lässt. Er verkleistert nicht nur die Wirklichkeit, er verkleistert noch die Fähigkeit, sie zu erkennen.

Der Unsinn lässt sich kaum treffender formulieren. Dennoch reicht der Irrsinn wesentlich tiefer, denn selbstverständlich lassen sich so nicht nur kapitalistisch motivierte Straftaten wunderbar instrumentalisieren, sondern auch staatliche Überwachungsfantasien vorzüglich kolportieren. Wer hat schon Angst vor einem Axel Prahl?

Während gesichtslose "Jobcenter-" und "Ausländerbehörden"-Schergen sowie andere "Beamte" hunderttausendfach Menschen ins Elend stürzen, verfolgt die Bevölkerung lieber die boulevardesken, realitätsfernen Geschichten aus dem "Tatort" oder anderen Krimi-Serien. Dazu gibt es nichts weiter zu sagen.

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Der neueste Lustmord


"Ein Bild aus dem Familienleben"

(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 6 vom 11.05.1931)

Samstag, 8. April 2017

Musik des Tages: The Spell




  1. Winter (The Key)
  2. Spring
  3. Summer
  4. Autumn (Veni Creator Spiritus)
  5. ---
  6. Elephants Never Die
  7. The Sentimental Side of Mrs. James
  8. ---
  9. The Song of Fand (live at Hammersmith Odeon, March 1979)

(The Enid: "The Spell", aus dem gleichnamigen Album, 1985)



Anmerkung: Für diese außergewöhnliche Vertonung der "vier Jahreszeiten" gilt einmal mehr mein schon so oft empfohlenes Rezept: Man höre diese Musik in brüllender Lautstärke, möglichst in einem abgedunkelten, tunlichst finsteren Raum (und benutze dabei, um Nachbarn und Mitbewohner zu schonen, einen Kopfhörer, der diese Bezeichnung auch verdient). Die Reise, auf die Godfreys Musik den Zuhörenden mitnimmt, ist wahrlich fantastisch. Ich kann die Stunden nicht zählen, die ich als Teenager in meinem damaligen dunklen Keller verbrachte, wieder und wieder diesen Klängen lauschte und mich weit, sehr weit forttragen ließ, während ich zuvor Novalis, Eichendorff oder Hesse gelesen hatte.

Die eine oder andere "funny cigarette" ist gewiss hilfreich auf der aufwühlenden Reise, notwendig ist das allerdings nicht.

"In the meantime your lifetime is passing ..."

Freitag, 7. April 2017

Kapitalismus: Das Geschäftsmodell Korruption


Die Bezeichnung "korrupter Minister" ist im Kapitalismus im Grunde ein Euphemismus. Es ist schlichtweg unmöglich, in diesem verkommenen System länger- oder mittelfristig ein politisches Amt – zumal auf Ministerebene – zu bekleiden, ohne korrupt zu sein. Die Beispiele sind inzwischen längst Legion, und diese Erkenntnis ist so neu wie das heliozentrische Weltbild aus dem 17. Jahrhundert.

Das hindert die habgierige Bande der heutigen kapitalistischen Politmarionetten aber nicht daran, unbeirrt weiterzumachen und sich die Bezahlung für ihre devoten Hurendienste nachträglich abzuholen. Ein weiteres Beispiel aus dieser langen, sehr langen Reihe der offensichtlich gekauften Mandatsträger ist der ehemalige Kriegsminister Franz Josef Jung (CDU), über den beim WDR jüngst zu lesen war:

Der Aufsichtsrat von Rheinmetall hat vorgeschlagen, Franz Josef Jung (CDU) bei der Hauptversammlung am 9. Mai 2017 als Vertreter der Anteilseigner in den Aufsichtsrat zu wählen. / (...) Ein Unternehmenssprecher begründete laut der Zeitung ["Die Welt"] die Berufung mit Jungs besonderer Expertise im Verteidigungsbereich. Jung stand von 2005 bis 2009 an der Spitze des Verteidigungsministeriums und war danach für 33 Tage Arbeitsminister. Wegen Vorwürfen, er habe nach einem Luftangriff bei Kundus Parlament und Öffentlichkeit zu spät und teilweise falsch über die Tötung von Zivilisten informiert, trat er von seinem Ministeramt zurück. Sein Bundestagsmandat behielt er. Jung wurde 2013 wiedergewählt.

"Rheinmetall" ist ein Rüstungskonzern, der seine Profite zu mindestens 50 Prozent durch den Verkauf perfider Waffen generiert. Ein ehemaliger Kriegsminister, der sich offiziell selbstredend "Verteidigungsminister" nennen ließ – schließlich werden deutsche Interessen nicht erst seit gestern wieder grundgesetzwidrig in aller Welt "verteidigt" –, ist in diesen menschenfeindlichen Kreisen sicherlich sehr gut aufgehoben. Wo sollte eine solche mafiöse Figur auch sonst eine Anschlussverwertung finden? An einer Aldi-Kasse wäre der Kasper sicher besser aufgehoben, freilich aber auch heillos überfordert.

Besonders hinweisen möchte ich noch auf den letzten Absatz des verlinkten WDR-Textes. Ich bin hoffentlich nicht der einzige, der bei der Lektüre in schallendes, in Verschlucken und erbrechendes Grunzen übergehendes Gelächter ausgebrochen ist und sich in die Endphase der DDR zurückversetzt gefühlt hat! Das gilt ganz besonders dann, wenn man sich vor Augen führt, dass auch der schmierige Teppichschmuggler Dirk Niebel aus der FDP, der seinerzeit tatsächlich – man bringt es kaum über die Lippen, ohne zur Salzsäule zu erstarren – "Entwicklungsminister" war, bei diesem humanistischen Todeskonzern seine "Altersbrötchen" (der Mann ist heute 54 Jahre alt!) durch Herumsitzen und dummes Grinsen abgreift. Über mehr Kompetenzen verfügt ein solcher FDP-Zombie ja leider nicht – das Frankieren der Post überlässt man dann doch lieber den fähigeren PraktikantInnen oder Ein-Euro-Sklaven.

Ich empfehle, die oben verlinkte Seite von Lobbypedia – die allerdings auch nur eine kleine, nicht vollständige Auswahl korrupter Kapitalhuren aus der Politik verzeichnet – aufmerksam zu studieren. Das sind keine Einzelfälle. So funktioniert Kapitalismus. Korruption – die in dieser Form in Kapitalistan im Übrigen nicht einmal "verboten" ist – ist ein wesentliches Schmiermittel, das dieses kaputte, durch und durch verfaulte System weiterhin am Leben erhält, während der Untergang sich unheilvoll und unaufhaltsam manifestiert.

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"Bleibe stets unbestechlich, mein Sohn! Wenn du dann bestochen wirst, bekommst du viel höhere Preise."

(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 49 vom 02.03.1925)

Mittwoch, 5. April 2017

Die Bankmafia und die "Gratiskultur"


Heute darf ich mich wieder einmal herrlich aufregen. Diesmal geht es um eine der bösesten Krebswucherungen, die der Kapitalismus überhaupt hervorgebracht hat: Nämlich um Banken.

Gerade habe ich, wie immer am Monatsanfang, versucht, den üblichen Verdächtigen – also so illustren Konzernen wie einem Telekommunikationsunternehmen, einem Stromgiganten sowie einer Versicherung – einige Penunzen meines kärglichen Existenzminimums zu überweisen. "Meine" Bank begrüßte mich nach dem Einloggen indes mit dem Hinweis, dass ich ab sofort nur noch dann "Transaktionen" (also beispielsweise Überweisungen) vornehmen könne, wenn ich mich zum "SMS-TAN"-Verfahren anmelde. Ansonsten sei der Zugrifff auf mein Konto "stark eingeschränkt".

Ich habe das zuerst für einen misslungenen Aprilscherz gehalten, aber die meinen das wirklich ernst: Ich kann nunmehr – ohne vorherige Ankündigung – über mein Guthaben bei dieser Bank nur noch dann verfügen, wenn ich ein Handy besitze und darüber die "TAN" erhalte, die ich bisher stets einer postalisch übermittelten Liste entnommen habe. Wieso sollte man "Kunden" auch zuvor informieren – sie haben ja sowieso keine tatsächliche Wahl. Und was soll schon schiefgehen, wenn Transaktionsnummern nun nur noch per SMS aufs Handy geschickt werden – da liest, ganz im Gegensatz zur postalischen Version, ja ganz bestimmt niemand mit. Sicherer geht es kaum.

Die schlipstragenden Widerlinge verarschen mich, ohne dabei rot zu werden – und ich bin sicher, dass auch meine unverzüglich in die Wege geleitete Suche nach einer bislang handyfreien Kontoalternative, die ich (noch) auch gefunden habe, über kurz oder lang in demselben Fiasko enden wird. Bis dieses neue Konto eingerichtet und entsprechend gefüllt ist, werden indes einige Wochen vergehen – und die lieben, freundlichen Konzerne, denen ich "Geld schulde", werden wie üblich wenig Spaß an der nicht erfolgten Zahlung haben. Ich freue mich also diebisch auf Mahnungen, Zahlungsbefehle, Strom- und Internetsperren und den Gerichtsvollzieher. Liebe Schlips-Borg, das habt ihr wieder einmal gut gemacht, denn es trifft den Richtigen, nämlich einen ekeligen Querulanten und Handyverweigerer.

Davon abgesehen ist die kapitalistische Propaganda wieder in glockenhellen Ostertönen unterwegs. Im Boulevard-Blatt "Stern" war gerade – ebenso wie in unzähligen weiteren Nebelschleudern der Kuhpresse – zu lesen:

Die Gratiskultur an Deutschlands Geldautomaten neigt sich dem Ende: Einige Banken kassieren von ihren Kunden Gebühren fürs Geldabheben am eigenen Automaten. Wird daraus ein flächendeckender Trend?

Moment ... "Gratiskultur"? Ist es denn nicht so, dass Menschen, zu denen ich mich trotz allem noch immer zählen darf, den Banken ihr Geld (also das auch noch so geringe "Guthaben") leihen? Und diese Menschen verlangen dafür noch nicht einmal Zinsen von den Banken, während die Schlips-Borg ihrerseits ganz gratis mit der Kohle Hungerkatastrophen in Afrika oder Kriege in Asien finanzieren können? Und nun wollen sie noch Gebühren dafür kassieren, wenn man geringe Teile des ihnen geliehenen Geldes einfach wieder zurück haben möchte? Was muss man geraucht haben, um auf solche irrsinnige Gedanken zu kommen? Ich bin sicher, dass man in den Parteizentralen der CDU, SPD, AfD, FDP, Grünen und der Linkspartei darauf erschöpfende Antworten hat, die allerdings niemals das Licht der Öffentlichkeit erblicken werden bzw. dürfen.

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Großbanken


"Die Herren Kleinspekulanten bitte durch den Eingang für Dienstboten!"

(Zeichnung von Erich Schilling [1885-1945], in "Simplicissimus", Heft 39 vom 27.12.1922)

Zitat des Tages: Einmal sollte man ...


Einmal sollte man seine Siebensachen
Fortrollen aus diesen glatten Gleisen.
Man müsste sich aus dem Staube machen
Und früh am Morgen unbekannt verreisen.

Man sollte nicht mehr pünktlich wie bisher
Um acht Uhr zehn den Omnibus besteigen.
Man müsste sich zu Baum und Gräsern neigen,
Als ob das immer so gewesen wär.

Man sollte sich nie mehr mit Konferenzen,
Prozenten oder Aktenstaub befassen.
Man müsste Konfession und Stand verlassen
Und eines schönen Tags das Leben schwänzen.

Es gibt beinahe überall Natur,
– Man darf sich nur nicht sehr um sie bemühen –
Und so viel Wiesen, die trotz Sonntagstour
Auch werktags unbekümmert weiterblühen.

Man trabt so traurig mit in diesem Trott.
Die andern aber finden, dass man müsste ...
Es ist fast, als stünd man beim lieben Gott
Allein auf der schwarzen Liste.

Man zog einst ein Lebenslos "zweiter Wahl".
Die Weckeruhr rasselt. Der Plan wird verschoben.
Behutsam verpackt man sein kleines Ideal.
Einmal aber sollte man ... (Siehe oben!)

(Mascha Kaléko [1907-1975], in: "Das lyrische Stenogrammheft. Kleines Lesebuch für Große", Rowohlt 1956; Erstausgabe in zwei Bänden: 1933 / 1935)




Montag, 3. April 2017

Politikwechsel nach Art der Linkspartei, Beispiel 147


Ein Gastbeitrag des Altautonomen

Die Maut kommt

Im öffentlichen Diskurs um eine rot-rot-grüne Koalition nach den kommenden Bundestagswahlen weisen die Vertreter der Linkspartei bei ihrem "Run" auf die Futtertröge gebetsmühlenartig darauf hin, dass es nur mit ihnen einen Politikwechsel geben könne, weil die SPD sonst "unbeweglich" bleibe und "Druck von links" benötige.

Nun geht es beim Thema Maut nicht gerade um so elementare Fragen wie den NATO-Austritt oder die Abschaffung von Hartz-Terror-Sanktionen. Es ist aber im Rückblick auf die damalige Koalition von Rot-Rot in Berlin exemplarisch, was den hoffnungsfrohen Wähler erwartet, wenn die Pattexpolitiker – einmal in lukrative Pöstchen gehievt – an ihren Sesseln kleben. Die Affäre Holm sollte ein aktuelles, warnendes Beispiel gewesen sein.

Mit "Bauchschmerzen" und "gegen ihre Überzeugung" hat die SPD im Bundestag vor wenigen Tagen der Einführung der Maut ab 2019 mit Verweis auf die Koalitionsvereinbarungen – wir erinnern uns: zwei Drittel der Basis hat diesem Koalitionsvertrag zugestimmt – ihren Segen erteilt.

Hoffnung blieb zunächst noch, weil im Bundesrat eine Mehrheit der Länder – darunter das rot-rot regierte Thüringen mit dem "Linken" Ministerpräsidenten Ramelow – gegen die Maut war. Sieben grenznahe Bundesländer befürchteten (selbstverständlich bloß regionale) Nachteile und kündigten die Anrufung des Vermittlungsausschusses an. Dies hätte bedeutet, dass das Gesetz vor der Bundestagswahl nicht mehr in Kraft getreten und erwartungsgemäß gescheitert wäre.

Ramelow sagte vor der Sitzung des Bundesrates: "Ausschlaggebend ist, dass die Maut nach Ansicht Thüringens nicht mit dem europäischen Gedanken vereinbar ist und darüber hinaus einen unverhältnismäßigen Verwaltungsaufwand mit sich bringt." Da konnten sich die Wähler der Linkspartei in Thüringen ja beruhigt zurücklehnen, denn mit "Linken" in der Regierung war ein "Weiter so" nunmal nicht zu machen. – Tja. Denkste:

Während die Ländervertreter aus Brandenburg, Berlin, dem Saarland, Schleswig-Holstein, Rheinland-Pfalz, Nordrhein-Westfalen und Niedersachsen standhaft blieben, fielen ihnen die Kollegen aus Thüringen in den Rücken. Es waren genau jene vier Stimmen der Thüringer mit ihrem Chef Ramelow, die das Gesetz den Bundesrat passieren ließen. Ramelow meinte danach auf Nachfrage sinngemäß: "Ich kenne keine Partei, das Interesse des Landes geht vor." Damit bezog er sich auf die Folgen eines zuvor angedrohten Austritts Bayerns aus dem Länderfinanzausgleich, falls die Maut nicht komme.

Klarname: "Erpressung"

Bayern habe "deutlich gemacht, dass es eine Verbindung zwischen den laufenden Länderfinanzverhandlungen und der Mautabstimmung gibt", sagte Benjamin-Immanuel Hoff, Chef der Thüringer Staatskanzlei in Berlin. Die der SPD angehörige Finanzministerin habe schließlich empfohlen, kein Risiko für den Landeshaushalt einzugehen. Deshalb habe sich das Team um Ministerpräsident Bodo Ramelow entschlossen, doch nicht, wie zunächst geplant, für die Überweisung des Mautgesetzes in den Vermittlungsausschuss zu stimmen. Mit Thüringen knickte daraufhin der entscheidende Widersacher ein. Nun ist die Maut – wenn überhaupt – nur noch mit EU-Recht zu stoppen.

Schlussbemerkungen

1. Wie früher die Grünen, behaupten die "Promis" der Linkspartei in Talk-Shows und Interviews unentwegt, dass es der Teilhabe an der Regierungsmacht bedürfe, um "etwas verändern zu können". Sind sie aber einmal dort angekommen, lauten die Entschuldigungen regelmäßig: "Kröten schlucken", "mit Bauchschmerzen zugestimmt", "Verpflichtung aus dem Koalitionsvertrag", "Demokratie lebt vom Kompromiss" usw. (Kompromisse sind in diesem Zusammenhang in der Regel immer einseitige Zugeständnisse ans Kapital bzw. die herrschende Macht).

2. Wer sich mit dem pseudolinken Argument "Die Situation in den Ländern lässt sich nicht auf den Bund übertragen!" vernebeln lässt, wird selbstverständlich auch im Bund bitter enttäuscht werden. Anders gesagt: Wer mit den räudigen Hunden schläft, darf sich nicht wundern, wenn er mit Flöhen aufwacht.

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Aufmarsch der Parteien



(Zeichnung von Max Radler [1904-1971], in: "Der Simpl", Nr. 7 vom Juli 1946)

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Anmerkung von Charlie: Anhand dieses politischen Kasperletheaters, das der Altautonome hier so hübsch aufbereitet hat, werden gleich eine ganze Reihe von üblichen politischen und medialen Strategien offenbar, die allesamt der Vernebelung der Bevölkerung sowie natürlich den gut bezahlten Posten der beteiligten Politmarionetten aller Fraktionen samt ihrer korrupten "Anschlussverwertung" in der "Wirtschaft" nach dem Ende des "Mandats" dienen.

Ich habe weder die Zeit, noch die Lust, um das im einzelnen auszuführen und beschränke mich an dieser Stelle daher auf einige Schlagworte:

  1. Bei der "Maut" geht es nicht um "Ausländer", sondern um die geplante Privatisierung der Autobahnen, die natürlich ordentlich Profit für die "Investoren" abwerfen muss – ansonsten bände sich ja niemand aus der kapitalistischen Gierbande so einen Klotz ans Bein. Letzten Endes wird das wie gewohnt im Mittelalter enden, wo an jeder Wegesbiegung oder Brücke ein finsterer Räubertrupp den Reisenden "Wegzoll" abgepresst hat, selbst wenn es sich nur um einen steinigen Feldweg oder ein einsturzgefährdetes Bauwerk aus ein paar Holzbrettern gehandelt hat.

  2. Nebenbei ist selbstverständlich auch die geplante Totalüberwachung des Verkehrs – also die automatisierte Kennzeichenerfassung, die jederzeit durch Gesichtserkennungshard- und software erweiterbar ist – ein wesentliches Ziel dieses widerwärtigen CSU-Projektes. Die notwendige Infrastruktur ist ja dank der "LKW-Maut" (die übrigens, wen wundert's, größtenteils in privaten Kassen landet) bereits größtenteils vorhanden – nun möchte die menschenfeindliche Bande das gerne auf den gesamten Verkehr ausweiten und damit selbstverständlich auch das Grundgesetz aushebeln. Datenschutz gibt's in Kapitalistan nicht, wie Merkel und Doofrind kürzlich bekräftigten.

  3. Die Erpressungsspiele aus dem Kindergarten, die der Altautonome oben beschreibt, sind ja längst üblich in Kapitalistan. Der Gedanke, dass ein unbedeutendes Knödelland wie Bayern einseitig aus dem "Länderfinanzausgleich" aussteigen könne, ist natürlich hanebüchen (weil nicht möglich), muss aber dennoch für die mediale Propaganda herhalten, die SPD und Linkspartei eifrig bemühen, um ihr korruptes Verhalten zu kaschieren.

Inwiefern unterscheiden sich SPD und Linkspartei doch gleich? Merkwürdig – mir will da partout nichts einfallen! Allerdings habe ich auch nicht den Durchblick eines hellsichtigen Intellektuellen wie Lapuente, der kürzlich zu der glorreichen Erkenntnis gelangt ist, dass es "ohne die Sozialdemokratie keinen Wechsel" geben könne, während sein Buddy Wellbrock in einer "Gegenrede" [*lol*] dazu meinte: "Ja, Roberto hat recht, es braucht eine sozialdemokratische Partei!"

Mir rinnt beim Lesen dieser wortgewordenen psychiatrischen Diagnosen das Gehirn dünnflüssig und farblos aus den Ohren und versickert still in der sozialdemokratischen, braunen CDU-Grube, in der sich Grüne, AfD und FDP längst heimelig eingerichtet haben. Die Linkspartei fügt sich in den kapitalistischen Schleim allerdings noch geschmeidiger und vor allem schneller ein, als es SPD und Grüne vorgemacht haben.

Mit herzlichem Dank an den Altautonomen für seinen Text und die Inspiration.

Samstag, 1. April 2017

Song des Tages: Cold Cell




(Coil: "Cold Cell", aus dem Album "The Ape of Naples", 2005)

O Lord, save my sinful soul
From local punishment
From the far-away zone

From being frisked
From the tall fence
From the severe prosecutor
From the Devil or from the devil owner
From small rations
From dirty water
From steel handcuffs
From hidden obligations in a cold cell
And short haircuts

Save us from the death penalty
Amen
Amen
Amen



Anmerkung: Der Text dieses Songs ist laut CD-Booklet die ins Englische übertragene Version eines erhalten gebliebenen "Häftlingsgebets" aus der dunklen Zeit Stalins und der Gulags. Das Album wurde kurz nach dem tragischen Tod des Sängers John Balance [1962-2004] veröffentlicht und gehört nach meinem Empfinden zu den besten Arbeiten dieser großartigen, experimentierfreudigen Ausnahmeband.

Ganz am Rande: Wer auf dem Cover lediglich einen "brüllenden Affen mit zum Gebet erhobenen Händen" erkennt, sollte sich das Bild einmal auf dem Kopf stehend ansehen und dabei an das böse Szenario einer Kastration denken – das im Zusammenhang mit menschenfeindlichen "Lagern" nicht ganz absurd ist.

Donnerstag, 30. März 2017

Die Rückkehr der Lager


Während die Politik und die Medien des "goldenen Westens" nicht müde werden, beispielsweise der Türkei, Russland oder Nordkorea unablässig Menschenrechtsverletzungen vorzuwerfen, macht die kapitalistische, nationalistische Mörderbande mitten in Europa längst wieder Nägel mit Köpfen. Bei n-tv war kürzlich zu lesen:

Ungarn sperrt ab sofort alle Flüchtlinge für die Dauer ihres Asylverfahrens in Containerdörfer nahe der Grenze zu Serbien ein. Mit Inkrafttreten der neuen Bestimmung verloren Asylbewerber in Ungarn jegliche Bewegungsfreiheit: Sie dürften sich "nicht frei auf dem Staatsgebiet und dem Gebiet der EU bewegen, um die Gefahren im Zusammenhang mit der Migration zu reduzieren", erklärte das Innenministerium in Budapest. (...) / Von dem Gesetz betroffen sind alle neu ins Land kommenden sowie die bereits in Ungarn lebenden Flüchtlinge.

Die rechtsextreme Regierung Ungarns – man beachte das widerwärtige Luftbild des Lagerkomplexes im Artikel sowie die hanebüchenen Bezeichnungen "Containerdörfer" oder "Transitzonen" – setzt damit exakt das um, was hierzulande von ebenso rechtsextremen Menschenfeinden aus der AfD, CDU/CSU, FDP & Co. immer wieder lautstark gefordert wird. Diese offensichtliche Parallele wird im Text selbstverständlich nicht benannt – dort ist lediglich von einer diffusen "internationalen Kritik" die Rede. Damit sind freilich nur einige wenige Lippenbekenntnisse handverlesener, einflussloser Figuren gemeint und nicht etwa "Sanktionen", wie sie gegenüber Russland als völlig selbstverständlich vorausgesetzt werden.

Wenn im kapitalistischen Paradies Europa nun also völlig unbescholtene Menschen, die vor Krieg, Hunger und Verfolgung aus ihrer Heimat fliehen mussten – was meist eben dieser "Westen" zu verantworten hat –, wieder in unsäglichen Lagern kaserniert werden, ist das offenbar weitaus weniger schlimm als beispielsweise Erdoğans Terror-Regime oder Putins größtenteils herbeifantasierte Kriegspolitik.

Was in der furchtbaren Bürokratensprache der deutschen Faschisten seinerzeit noch mit einem Begriff wie "Ab- oder Umsiedlung" unerwünschter Personen beschönigend und bewusst verschleiernd beschrieben wurde, heißt im heutigen kapitalistischen Terror nunmehr schlicht "Festsetzung" und man beruft sich selbstverständlich auf die "Sicherheit" und den "Schutz" der übrigen Bevölkerung. Das Gehirn schmerzt bei diesen Worten und jede Schamgrenze ist hier lange überschritten – die Bande bemüht sich nicht einmal mehr darum, das menschenfeindliche, kapitalistische Verhalten verbal irgendwie entschärfend zu umschreiben, sondern sagt direkt und ohne jede Umschweife, dass sie Flüchtlingen mit Stahlstiefeln die Fressen blutig treten will, wenn sie es wagen, nach Europa zu kommen. CDU und CSU nennen diese Vorgehensweise hierzulande ganz offiziell und selbstverständlich ebenfalls ohne jede Scham "Abschreckung" und begrüßen sie jubelnd.

Frei nach Hape Kerkeling bleibt mir da nur noch die Bemerkung übrig: "Ich bin dann mal kotzen."



("Nacht und Nebel", Dokumentation von Alain Resnais aus dem Jahr 1955, Text von Jean Cayrol, deutsche Übertragung von Paul Celan, Musik von Hanns Eisler)

Wer von uns wacht hier und warnt uns, wenn die neuen Henker kommen? Haben sie wirklich ein anderes Gesicht als wir? Irgendwo gibt es noch Kapos, die Glück hatten, Prominente, für die sich wieder Verwendung fand, Denunzianten, die unerkannt blieben; gibt es noch all jene, die nie daran glauben wollten – oder nur von Zeit zu Zeit.

Und es gibt uns, die wir beim Anblick dieser Trümmer aufrichtig glauben, der Rassenwahn sei für immer darunter begraben, uns, die wir dieses Bild entschwinden sehen und tun, als schöpften wir neue Hoffnung, als glaubten wir wirklich, dass all das nur EINER Zeit und nur EINEM Land angehört, uns, die wir vorbeisehen an den Dingen neben uns und nicht hören, dass der Schrei nicht verstummt.

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Ironie des Schicksals



(Installation von Bernd Reiter aus dem Jahr 2016, wechselnde Orte)

Anmerkung: Die russische MiG-21 scheint in der Installation einen Kampf mit zwei pechschwarzen amerikanischen Straßenkreuzern auszutragen. Wie von Geschossen werden das Flugzeug und die beiden Limousinen dabei von Monitoren getroffen, auf denen Szenen aus heutigen Kriegsgebieten – u.a. Syrien – zu sehen sind. – Hier wird allerdings der Eindruck erweckt, dass es sich bei Russland und den USA um "gleichberechtigte" Parteien im Kampf um die Krone der imperialistischen Niedertracht handele. Das sehe ich indes ganz anders. Aber wer bin ich schon.

Dienstag, 28. März 2017

Die Esos und das Geld


Es ist ja nichts Neues, dass in Blogs gerne mal um Geld gebettelt wird: Die "NachDenkSeiten" tun es, die "Neulandsozialdemokraten" tun es, und auch ich habe das schon getan, als es mal wieder sehr eng wurde und der Gerichtsvollzieher vor der Türe stand. Daran ist aus meiner Sicht prinzipiell nichts auszusetzen.

Anders verhält sich das allerdings bei den Eso-Spinnern von "Jenseits der Realität". Auch dort hat mein guter Freund Faulfuß nun einen Text veröffentlicht, in dem er um "Spenden" bittet – und es ist durchaus lohnenswert, sich diesen Aufruf einmal etwas genauer anzusehen.

Zunächst fällt unweigerlich der Ausdruck "unabhängiger Journalismus" ins Auge, der jeden, der dieses obskure Blog kennt, direkt in den Slapstick-Modus versetzen muss, in dem er sogar über Torten, die irgendwem in die Fresse geworfen werden, lachen muss. Journalismus ist nun das letzte, das mit dieser Seite assoziiert werden kann; und unabhängig ist der Inhalt allenfalls vom logischen Denken. Der überwiegende Anteil der Postings bei den Esos beschränkt sich auf schnöde Verlinkungen zu anderen Webseiten – darunter auch so manche obskure Eso-Schleuder, die ich hier nicht näher benennen möchte. Dann gibt es gelegentlich Gastbeiträge irgendwelcher AutorInnen sowie Zweit- und Drittverwertungen älterer Texte der "Redaktion" (also von Faul- und Plattfuß) – und alle Jubeljahre erscheint auch wirklich mal ein redaktioneller, oft allerdings grotesk-esoterischer Beitrag, der eigens für diesen Anlass verfasst wurde. Im Wesentlichen handelt es sich also um fremde Inhalte und die gelegentliche Resteverwertung eigener, meist älterer Beiträge.

Für diese Tätigkeit, die hunderte andere BloggerInnen gleich haufenweise nebenbei erledigen und dabei immer noch eigene Texte schreiben, möchten die Esos nun also Spenden erhalten. Das ist schon irrsinnig genug, wird aber noch abstruser, wenn man bedenkt, wer der "Herausgeber" dieser ominösen Webseite ist. Der Schlagersänger Konstantin Wecker ist sicher kein "Superstar", zählt aber ganz gewiss auch nicht zu den Ärmsten. Wenn Faulfuß nun schreibt, dass "trotz jahrelangen großzügigen Sponsorings durch Konstantin Wecker" nicht genug Geld vorhanden sei, um dieses Blog weiter zu betreiben, stellen sich eine Menge Fragen:

  1. Wieso zahlt der Herausgeber bzw. "Ehrenvorsitzende" Wecker die Kleckerbeträge nicht auch weiterhin, die nötig sind, um ein solch laienhaftes, kleines Blog zu betreiben?
  2. Welche immensen Kosten fallen hier an, die Spenden nötig machten? Das Webhosting kann es nicht sein (es sei denn, die Betreiber sind strunzdämlich); die größtenteils kopierten Inhalte sind ebenfalls kein Indiz für irgendwelche anfallende Kosten.
  3. Weshalb sollte irgendwer für Eso-Kacke Geld spenden? Diese Frage ist allerdings redundant, ich weiß.
  4. Wenn Faulfuß schreibt, dass die lieben Menschenfreunde selbst den Gastautoren, die dem Hartz-Terror ausgesetzt sind, "liebend gern ebenfalls ein angemessenes Honorar zahlen würden", stellt sich unweigerlich die Frage, ob sie das in Bezug auf Autoren, die diesem Terror nicht unterworfen sind, bereits tun? Oder ist das wieder nur eine dieser radebrechenden, missverständlichen Formulierungen der "professionellen Redaktion"?
  5. Im Text benennt Faulfuß ausnahmsweise (vermutlich versehentlich) sogar das Ziel des Eso-Blogs: "PR". Dafür soll gezahlt werden?
  6. Eine unmittelbare Drohung ist ebenfalls zu finden, denn die Esos wollen ihr "Angebot auch ausbauen und verbessern." Es kann sich jeder selbst ausmalen, in welche geistige Ödnis das wohl führen mag.

Wenn ich weiterhin lese: "Wir haben uns daher entschlossen, Euch, liebe Leserinnen und Leser, um Mithilfe bei der Finanzierung zu bitten, einfach deshalb, um bei HdS in Zukunft noch besser und stressfreier für Euch arbeiten zu können" – dann liest sich das für mich wie eine verklausulierte Feststellung, dass Herr Faulfuß (und möglicherweise auch Herr Platta) gerne für die äußerst dürftige Tätigkeit als Blogger entlohnt werden möchten. Das ist eine grobe Mutmaßung, keine Unterstellung – vielleicht kann mir beim Verständnis dieser Bettelei ja auch jemand auf die Sprünge helfen.

Selbstverständlich besitzt auch dieser Betteltext aus der Faulfuß'schen Feder massiv humoristische Elemente. Ich möchte nicht ins Detail gehen und beschränke mich daher auf diese Aussage:

Die Seite soll helfen, den Wirkungskreis kritischer Stimmen zu erweitern, Inseln in den Seichtgebieten der Verdummungskultur zu schaffen (...).

Beim Lesen dieses Satzes fühlte ich mich sogleich wieder in den quälenden Dick-und-Doof-Modus versetzt und hatte glucksende Lachtränen in den Augen: Esoteriker schreiben nun schon gegen die Verdummungskultur an! Demnächst ist in jenem Blog sicher noch zu erfahren, dass Gott vom Mars stammt, in Wahrheit Krishnamurti oder E.T. heißt und nur deshalb Geld einsammelt, weil er es vernichten möchte. Glaubt das gefälligst!

In den Seichtgebieten der Esoterik lässt sich Geld noch leichter versenken als im Casino. Also haut mal ordentlich rein bzw. raus und spendet fleißig!

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[Die esoterische Wahrheit]


(warandpeas.com)

Sonntag, 26. März 2017

Lapuente versucht zu denken, oder: "Alder, ich klopp dich in die Fresse!"


Das durfte nicht fehlen: Zusätzlich zu Epikurs gehalt- und kritikloser Lobhudelei auf Ken Jebsen muss nun auch der sozialdemokratische Oberschwurbler Lapuente sein wenig genutztes Gehirn öffnen und sich über einen fast vier Wochen alten Text von Thomas Ebermann auslassen, den er freilich als "aktuell" klassifiziert.

Zu irgendwelchen inhaltlichen Details der Lapuente'schen Pseudokritik will ich mich hier nicht äußern – es reicht eigentlich der Hinweis, dass es sich um billigste Propaganda auf ZDF- oder BLÖD-"Zeitungs"-Niveau handelt, einen journalistischen Text in dieser Art und Weise zu besprechen, der online (noch?) gar nicht verfügbar und daher der überwältigenden Mehrheit der LeserInnen unbekannt ist. Ich könnte jederzeit ebenso verfahren und aus irgendwelchen Büchern Fragmente zitieren, um dem jeweiligen Autor wahlweise Dummheit, sexuelle Abnormitäten, Genialität, eine Psychose oder sonstwas zu unterstellen. Diese Vorgehensweise ist ebenso seriös wie die SPD oder CDU.

Dummerweise ist dieser – eigentlich selbstverständliche – Umstand fast keinem der geradezu gemeingefährlichen KommentatorInnen, die sich bei den "Neulandsozialdemokraten" üblicherweise tummeln, aufgefallen. Ein Schelm, wer nun an Böses denkt! – Einen einzigen Lichtblick habe ich indes gefunden, nämlich die Kommentatorin "Sabine", die immerhin meinte:

Robertos Artikel ist nicht zumutbar. Wenn jemand auf Geisteswissenschaftler macht[,] obwohl er keiner ist, nennt sich das Hochstapelei. Ein sehr hochgestapelter Artikel mit unpassenden Synonymen und Fremdworten gespickt[,] um über inhaltliche Leere hinwegzutäuschen. So kennt man es von ihm. Hauptsache[,] die Linientreue wird deutlich. / Aber es ist ja nur sein Hobby und deshalb nicht so wichtig zu nehmen. Andere laufen mit ner Schaffnermütze im Keller herum[,] weil da eine Märklin steht. Roberto hingegen berauscht sich an seiner intellektuellen Schärfe und misst sie auf Augenhöhe mit Haustieren. / Drum sei dem Roberto die Schaffnermütze des Gesellschaftswissenschaftlers gegönnt.

Das ist polemisch, gewiss – trifft den Kern aber dennoch ins Schwarze. Ich werde es wohl nie verstehen, wieso irgendwer, der sich auch nur den Rest eines funktionierenden Geistes bewahrt hat, angesichts der unerträglichen Ergüsse des Roberto Lapuente nicht wahlweise in kopfschüttelndes Gelächter oder haarraufenden Irrsinn verfällt. Ich pendele ständig zwischen diesen Alternativen und kann mich noch immer nicht entscheiden, ob ich nun weinen, schreien oder lachen soll, wenn ich seine mühseligen, stets vergeblichen Schreib- und Denkversuche lese.

Über Ebermann kann man – sehr gerne auch kontrovers – diskutieren, wenn man ihn denn gelesen hat. Vorher ist das allerdings so sinnvoll wie das dümmliche Grinsen des Merkel-Monsters oder das wahlkämpferische Geschwafel des perfiden Schulzen, um nur zwei der Kasper aus den systemtreuen Parteien zu nennen, zu denen selbstredend auch die Linkspartei gehört. Exakt in diese Kategorie passt Lapuente allerdings wie "Arsch auf Eimer".

Ach, wenn Dummheit doch nur weh täte ...

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[Das Leben des Lapuente]


(warandpeas.com)

Samstag, 25. März 2017

Song des Tages: Ich will




(Rammstein: "Ich will", aus dem Album "Mutter", 2001)

Ich will

Ich will dass ihr mir vertraut
Ich will dass ihr mir glaubt
Ich will eure Blicke spüren
(Ich will) jeden Herzschlag kontrollieren

Ich will eure Stimmen hören
Ich will die Ruhe stören
Ich will dass ihr mich gut seht
Ich will dass ihr mich versteht

Ich will eure Fantasie
Ich will eure Energie
Ich will eure Hände sehen
(Ich will) in Beifall untergehen

Seht ihr mich?
Versteht ihr mich?
Fühlt ihr mich?
Hört ihr mich?

Könnt ihr mich hören?
(Wir hören dich)
Könnt ihr mich sehen?
(Wir sehen dich)
Könnt ihr mich fühlen?
(Wir fühlen dich)
Ich versteh euch nicht!

Wir wollen dass ihr uns vertraut
Wir wollen dass ihr uns alles glaubt
Wir wollen eure Hände sehen
Wir wollen in Beifall untergehen, ja

Wir verstehen euch nicht.


Freitag, 24. März 2017

Der redundante Einwurf (2): Die Glasschneiders und der olle Kommunist


Als ich vor einigen Jahren aus einer Millionenstadt in ein provinzielles Dorf zog, geschah das aus sehr konkreten Gründen. Einer davon war gewiss die explodierende Miethöhe in jener Stadt, der wichtigste aber war für mich persönlich mein allmählich zunehmendes Bedürfnis nach seniler Stille. Ich pflegte die idyllische, ländliche Vorstellung, dass ich an einem lauen Sommertag einfach mal entspannt auf dem Balkon oder im Garten sitzen könne, ohne ständig von irgendwelchen Motorgeräuschen unterschiedlichster Provenienz behelligt zu werden.

Diese Vorstellung hat sich inzwischen nachhaltig als infantiles, geradezu disneyhaftes Wunschdenken entlarvt, wie ich in einem ersten Einwurf bereits angedeutet habe. Aber damit ist das Fass gerade erst geöffnet und noch lange, lange nicht gehaltvoll beschrieben.

Ich habe in meinem dörflichen Idyll äußerst freundliche, hilfsbereite Nachbarn. Keiner von denen weiß, dass ich in Wahrheit ein fieser, kommunistischer Terrorist bin, der nachts heimlich in den Tank ihrer dämlichen SUV-Panzer uriniert und fleißig am Sturz des kapitalistischen Horrorsystems arbeitet – aber das soll hier und jetzt gar kein Thema sein. Ich konzentriere mich heute auf mein eigenes Spießertum und möchte meine liebe Nachbarfamilie vorstellen, die ich nur noch "die Glasschneiders" nenne.

Else, Fred und Elfriede

Direkt neben meiner Behausung steht ein nicht sonderlich großes, eher durchschnittlich kleines Haus, das dennoch einer sogenannten Generationenfamilie eine Heimstatt bietet: Dort leben auf kleinem Raum drei Generationen unter einem Dach. Da sind zunächst die Großeltern, die ich Else und Fred nenne; zudem hausen dort die Tochter Elfriede sowie ihr unauffälliger, da arbeitsbedingt nahezu nie anwesender Gatte samt insgesamt drei Kindern im Alter zwischen vier und acht Jahren. Soweit ist das also nichts weiter Besonderes.

Wenn – ja, wenn – da nicht die besonderen "Eigenarten" dieser Familie wären. Else beispielsweise besitzt eine Stimme, die man mit Worten nicht anschaulich beschreiben kann – ihr verdanken die Glasschneiders ihren trefflichen Namen. Diese Frau besitzt nicht die Fähigkeit, leise zu sprechen – immer wenn sie sich äußert (und das tut sie so verdammt oft), schreit sie. Diese Tonlage, die an kreischende Kreide auf einer Schultafel erinnert, ist der übliche Kommunikationsmodus dieser Dame. Flankiert wird sie von dem sonoren Bass ihres Gatten, dessen Stimme man auch dann, wenn er ganz "normal" spricht, bis zum übernächsten Straßenblock hören kann. Wir haben hier also ein Duo, das man mit dem Begriffspaar "grollendes Erdbeben trifft gellende Kreissäge" ziemlich gut charakterisieren kann.

Es verwundert nicht weiter, dass auch die Tochter Elfriede dieselben stimmlichen Merkmale aufweist wie die Frau Mama. Elfriede kommuniziert, ebenso wie die Oma, mit ihren drei Kindern, die sich (aus welchen Gründen auch immer) vornehmlich im Mini-Garten aufhalten, sobald das Thermometer über 3 Grad Celsius anzeigt, ausschließlich aus dem geöffneten Fenster des zweiten Obergeschosses, so dass das gesamte Tal, an dessen Hang jenes Haus – wie auch meines – steht, etwas davon hat. Der Nachhall der keifenden Glasschneiderstimme ist wirklich famos und wohl einzigartig. Mein Zuhause ist ein elfisches Paradies für Klang- und LärmforscherInnen. Es ist ein Faulfuß'sches Wunder, dass die Fensterscheiben meines Wohnzimmers sowie meine Trommelfelle und Weingläser noch immer intakt sind.

Es versteht sich von selbst, dass die Glasschneiders auch keine "normale" Kellertür besitzen – denn nur über jene können sie vom Haus aus den Mini-Garten betreten. Nein, Else und Fred haben da Anfang des 17. Jahrhunderts aus unerfindlichen Gründen eine dämonische Terrortür einbauen lassen, die sich nicht geräuschlos schließen lässt. Sobald also jemand den Garten betritt oder verlässt, was oft alle paar Minuten vorkommt, erfüllt ein sattes RRRUMMS! die dörfliche Idylle und ganze Heerscharen von lernunwilligen Vögeln und anderen Nachbarn fliegen erschrocken aus den Büschen, Bäumen und Gartenstühlen auf.

Ich möchte keine "Kinderschelte" betreiben – allerdings ist es nicht weiter verwunderlich, dass die stimmlichen Vorzüge von Else und Elfriede auch dem Nachwuchs nicht verwehrt geblieben sind. Ich kenne ja sehr viele Kinder und deren Lärm – aber nichts ist auch nur annähernd vergleichbar mit dem glasschneidenden Geplärre dieser drei bedauernswerten Kreaturen, die den Großteil ihrer Freizeit im Mini-Garten verbringen (müssen). Und wenn Fred dazu endlich auch die Kettensäge anschmeißt, um sich die Fußnägel zu schneiden, Kaminholz zu sägen oder einfach nur den Nachbarn auf den blutigen Sack zu gehen – was wahrlich nicht selten vorkommt –, ist ein idyllischer Sommertag im dörflichen Garten der romantischen Provinz erst so richtig perfekt.

Neulich, als ich naiv auf der Terrasse saß und angesichts der ersten zarten Frühlingssonnenstrahlen ein Buch zu lesen versuchte, schrie mir Elfriede vom Nachbargrundstück doch allen Ernstes urplötzlich zu, dass der Frühlingsbeginn doch eine herrliche Zeit nach dem langen Winter sei. Ich grinste debil und dachte dabei doch nur an Kettensägen, Zombies, Frost und Erschießungskommandos. Ich oller Kommunist!

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A View


(warandpeas.com)

Zitat des Tages: Bei der Nachricht von der Erkrankung eines mächtigen Staatsmanns


Wenn der unentbehrliche Mann die Stirn runzelt
Wanken zwei Weltreiche.
Wenn der unentbehrliche Mann stirbt
Schaut die Welt sich um wie eine Mutter, die keine Milch für ihr Kind hat.
Wenn der unentbehrliche Mann
eine Woche nach seinem Tod zurückkehrte
Fände man im ganzen Reich für ihn nicht mehr die Stelle eines Portiers.

(Bertolt Brecht [1898-1956]: "Gesammelte Werke in 20 Bänden", Suhrkamp 1968; geschrieben etwa 1944 und vermutlich Franklin D. Roosevelt gewidmet)



(Die übrigen Teile der Brecht-Folgen aus Lutz Görners Literaturgeschichte "Lyrik für alle" finden sich hier, hier, hier, hier, hier und hier.)

Mittwoch, 22. März 2017

Armut im Paradies


Es geht wieder einmal um das Thema Armut. Im goldenen, kapitalistischen Westen, der von allen politischen und medialen Seiten als das "Ende der Geschichte" bzw. das erreichte Paradies bejubelt wird, steigt die Armut unaufhaltsam weiter an. So hieß es vorgestern beim WDR exemplarisch:

Millionen Kinder "sozial abgehängt" / Rund 3,7 Millionen Jugendliche unter 18 Jahren sind bundesweit die Verlierer der jungen Generation. In NRW soll die "soziale Spreizung" besonders groß sein.

Ganz abgesehen von dem Umstand, dass der Fokus hier einmal mehr auf "die Kinder" gelegt wird – so als seien Erwachsene oder Alte hier nicht weiter relevant –, bleibt natürlich auch dieser Bericht des WDR ein heilloses, fast schon Lapuente'sches Geschwurbel, das weder mit der tatsächlichen Realität, noch mit den Hintergründen der grassierenden Armut etwas zu tun hat. Insbesondere die politischen "Forderungen", die hier bemüht werden, um dem unschönen Thema, das der kapitalistischen Erzählung im Wege steht, zu begegnen, regen doch eher zu sarkastischer Heiterkeit an, sofern man einen tiefschwarzen Humor besitzt.

Gleichzeitig wird hier einmal mehr das obszöne Märchen von der "Bildungsferne" nacherzählt, in dem es heißt, dass vornehmlich Menschen "ohne Berufsausbildung" zu den heutigen Armen gehören, die zudem oft "psychisch geschädigt" und "alkoholabhängig" seien und deshalb ihre Kinder nur mit einem "Trockentoast" statt einer "richtigen Stulle" in die Schule schickten. Da ist das Gehirn schon zu Gelee geworden. Ganz am Rande frage ich mich jedoch, was bitte ein "Trockentoast" sein soll? Gibt es auch "feuchte" Toasts und sind die irgendwie "nahrhafter"?

Auch die übliche Forderung nach "mehr Kita-Plätzen" ist hier selbstverständlich dabei. Ich stelle nach wie vor die Frage, ob es tatsächlich sinnvoll ist, Kinder im Vorschulalter in solchen Einrichtungen zu parken, damit die Eltern weiterhin der Ausbeutungsmaschinerie des Kapitalismus zur Verfügung stehen können. Ich weiß, das ist kein tragendes Argument, aber dennoch möchte ich feststellen, dass ich meine Kindheit vor der unweigerlich folgenden Schule ganz ohne irgendwelche Kindergärten verbracht und die Welt viel lieber auf eigene Faust – und ohne "pädagogische Anleitung" – entdeckt habe. Das war abenteuerlich – aber das nur am Rande.

Gestern gab es zu diesem Thema bei Zeit Online einen Beitrag, den ich hier auch verlinken möchte. Es handelt sich dabei um einen Auszug aus dem Buch "Das gespaltene Land. Wie Ungleichheit unsere Gesellschaft zerstört – und was die Politik ändern muss" von Alexander Hagelüken. Ich habe das Buch nicht gelesen – die hier veröffentlichten Passagen reichen allerdings aus, um mir jede Lust an der Lektüre nachhaltig zu nehmen. Ich zitiere:

Ein Auto. Mehrmals im Jahr in den Urlaub fahren. Ein Haus im Grünen. Die Kinder studieren lassen. Es sind Ziele wie diese, die den Lebensplan vieler Millionen Deutscher charakterisieren. Alle diese Ziele lassen sich unter einem Dach zusammenfassen: Die Menschen wollen einen Platz in der Mittelschicht. Zur Mittelschicht zu gehören war in der Bundesrepublik stets der Wunsch der Mehrheit. Und damit zugleich der Kitt, der die Gesellschaft zusammenhielt. Es gab ja einen Plan, dem die schlecht bezahlte Lehrzeit unter dem autoritären Chef folgte, die unübersichtlichen Unijahre, das Zurechtfinden in der Berufswelt: ein Platz in der Mittelschicht mit anständigem Einkommen. Für das Auto, den Urlaub, das Haus und die Kinder. Ohne bei kleineren Ausgaben ständig aufs Konto gucken zu müssen. Dafür lohnten sich die Mühen, der Einsatz im Beruf.

Das schmerzt, da schreit der Intellekt, da geifert die Hirnrinde in schwefeligen Fasern. Es geht in diesem Text selbstverständlich nur um nationale Befindlichkeiten, die zudem so dermaßen infantil aufbereitet werden, dass selbst ein BLÖD-"Zeitungs"-Leser ins Stocken geraten müsste. Wer heute immer noch glaubt, dass die rot-grün-schwarz-gelbe Bande den Sozialstaat "nur aus Versehen" kastriert hat und dass dieselbe Bande das nun auch wieder rückgängig machen könne, gehört – und das meine ich völlig ernst – in die Psychiatrie. – Aber lesen wir weiter:

Angesichts dieser vielen Ursachen überrascht es nicht mehr, dass die Mittelschicht schrumpft. Es überrascht nur, dass die Politik dabei zusieht.

Nun fragt sich der geneigte Leser, der keine tatsächlichen Ursachen im Text gefunden hat, die dort auch nicht zu finden sind, wieso der Autor nun ausgerechnet davon überrascht ist, dass die Politik, die eben diese Zustände ja ganz bewusst herbeigeführt hat, nichts dagegen unternimmt. So könnte auch ein Tierpfleger im Zoo entsetzt fragen, wieso nicht endlich jemand etwas dagegen unternimmt, dass die Löwen ständig kiloweise Fleisch fressen. – Aber es geht noch weiter, denn der Autor hat selbstredend auch Lösungsvorschläge aus dem Kindergarten parat:

Es gäbe eine ganze Menge Antworten: von mehr Chancen durch Bildung über eine Entlastung von Steuern und Sozialabgaben über bessere Löhne bis zu mehr Unterstützung für Familien.

An dieser Stelle überfiel mich ätzendes Sodbrennen und ich musste eine Tablette schlucken, um mich nicht zu übergeben. Natürlich verwundert es mich längst nicht mehr, dass in den kapitalistischen Medien niemand mehr die Systemfrage stellt oder die völlig grotesken, unablässig zunehmenden Reichtümer der "Elite" antasten will, um zunächst die schlimmsten Deformierungen für die Ärmsten zu bereinigen – aber in dieser ekeligen Konzentration ist die kapitalistische Propaganda selbst bei Zeit Online (noch) nicht ganz so oft zu lesen.

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Der Gerichtsvollzieher


"Der Grund soll Ihnen vorläufig zur Nutzung überlassen bleiben. Den Ertrag aber müssen Sie abliefern, und den Spaten muss ich gleich mitnehmen!"

(Zeichnung von Max Radler [1904-1971], in: "Der Simpl", Nr. 6 vom April 1947)

Samstag, 18. März 2017

Reform oder Revolution: Der desaströse Zustand der "linken Kritik"


Es gibt viele rätselhafte Phänomene in dieser Welt. Eines davon ist die merkwürdige Art und Weise, in der manche Linke mit inhaltlicher Kritik umgehen. Während es in jenen Kreisen beispielsweise völlig selbstverständlich ist, den Arschlöchern aus der CDU, SPD oder der olivgrünen Partei ordentlich gegen das Schienbein oder lieber in den Arsch zu treten, wenn sie wieder einmal hanebüchenen, meist menschenfeindlichen und kapitalhörigen Blödsinn verzapfen, sind es oft dieselben Kreise, die jammern, aufheulen oder gar über eine ominöse "Spaltung" lamentieren, wenn die Kritik die Linkspartei oder irgendwelche ihr nahestehenden Blogger oder Publikationen betrifft.

Ich verstehe das nicht. Müsste es denn nicht gerade für Linke selbstverständlich sein, inhaltliche Kritik eben nicht daran auszurichten, wen sie betrifft – selbst dann, wenn sie – vermeintlich – Verbündete betrifft? Wie kann es sein, dass manche AntikapitalistInnen wie von Sinnen jener unsäglichen, neoliberalen Tradition huldigen und lieber irgendwelchen Personen (beispielsweise Wagenknecht) oder einer Partei die Nibelungentreue schwören, anstatt sich mit den Inhalten, die diese konkret vertreten, zu befassen?

Ich habe mir schon viel Schelte eingehandelt, weil ich beispielsweise den Wecker'schen und Faulfuß'schen Komplex des esoterischen Irrsinns, die "realpolitische" Linkspartei, die asozialdemokratischen Blogger Lapuente, Berger & Co. etc. kritisiert habe. Nach wie vor frage ich mich aber, wie eine antikapitalistische Gegenwehr aussehen soll, wenn radikale, zumeist intolerante Religiöse, VeganapologetInnen, menschenfeindliche FeministInnen, hirnlose KapitalismuszähmerInnen etc. mit im Boot sitzen.

Zuerst sollte doch, wie immer, das Gebot der Toleranz gelten, sofern keine "absolute Grenze" überschritten wird. Das bedeutet: Wenn jemand Gott, Allah, das Spaghettimonster oder eine verfaulte Haarlocke aus dem Mittelalter anbeten möchte, soll er oder sie das herzlich gerne tun – solange das im heimischen Wohnzimmer geschieht und keine Missionierungsversuche stattfinden. Wenn sich jemand für vegane Ernährung entscheidet, kann er oder sie das ebenso liebend gerne ausleben und auch ausführlich begründen – Missionierung ist hier aber ebenfalls völlig indiskutabel. Und wenn Feminismus in derartig groteske, geradezu faschistoide (da männerfeindliche) Bereiche gerät, wie sie zum Beispiel von Alice Schwarzer und anderen Gruselfiguren gepflegt werden, ist jedwede Toleranz längst obsolet: Frauen sind nicht die "besseren Menschen" und das Matriarchat ist nicht besser als das Patriarchat. Welch ein intellektuelles Trauerspiel, dass ich das hier für erwähnenswert halte. – Derlei Beispiele aus unterschiedlichsten Bereichen gibt es viele.

Die Linkspartei ist in diesem Zusammenhang ein Sonderfall, denn deren ProtagonistInnen sind inzwischen größtenteils längst im kapitalistischen Lager angekommen und reden – wie einstmals SPD und Grüne – allenfalls noch von einer "Zähmung" des kapitalistischen Systems und ansonsten viel von gutbezahlten Posten und Regierungsbeteiligungen. Damit fallen sie nach meiner unmaßgeblichen Meinung in exakt dieselbe Jauchegrube, in der auch SPD und Grüne längst ersoffen und verwest sind. Das dusselige Gefasel, das der Schulzkasper von der SPD gerade wieder – so offensichtlich lügend, dass es weh tut – in alle verfügbaren Mikrofone absondert, mag von dem einen oder anderen Linksparteimitglied, das es wiederholt und womöglich "verschärft", noch ernst gemeint sein – das ändert aber nichts daran, dass das nicht antikapitalistisch und damit auch nicht "links" ist. Der Kapitalismus – und das ist nun wahrlich keine neue Erkenntnis – kann nicht in "kleinen Schritten überwunden", sondern lediglich rückstandslos abgeschafft werden. Ansonsten bleibt er und wuchert krebsartig weiter. Ein Blick in die vergangenen sechs Jahrzehnte reicht völlig aus, um das zu verstehen.

Der von mir sehr geschätzte Bloggerkollege Epikur schrieb kürzlich bei Feynsinn:

Es wird massenmedial derzeit so hart geschossen (Populismus, Verschwörungstheorie, Querfront, Fake News, Social Bots, Hate Speech etc.), da braucht es keine giftigen Seitenhiebe innerhalb der linken Bloggerszene. Seien sie Reformer, Revoluzzer oder meinetwegen Brokkoli-Jünger.

Woher kommt bloß diese merkwürdige Haltung mancher Linken, Kritik nur am offensichtlichen, nicht aber am inhaltlich ebenso klar erkennbaren Gegner aus dem "linken Lager" üben zu "dürfen"? Wieso soll Kritik dort überflüssig sein? Ist es denn so schwierig zu begreifen, dass es hier nicht um Frau gegen Mann, Alt gegen Jung, Veganer gegen Fleischesser oder Gottesfürchtige gegen Atheisten geht, sondern um das absolut existenzielle Thema Menschheit / Natur gegen den Kapitalismus und dessen winziges Grüppchen der elitären Nutznießer? Das ist tatsächlich eine Überlebensfrage, so pathetisch das auch klingen mag! Alle übrigen Nebenschauplatzthemen kann – oder gerne auch: muss – man in Angriff nehmen, wenn der Krankheitsherd endlich bereinigt ist. Vorher ist das allerdings so zielführend wie ein Pflaster beim Beinbruch oder Herzinfarkt.

Die Idee, die unmittelbar übernommen und zur populären Meinung reduziert wird, ist eine Gefahr. Erst wenn die Revolutionäre hinter Schloss und Riegel sitzen, hat die Reaktion Gelegenheit, an der Entstofflichung der Idee zu arbeiten.

(Karl Kraus [1874-1936]: "Pro Domo et Mundo", Aphorismen, 1912)

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"Tja – große Gewinne erfordern kleine Opfer!"

(Zeichnung von Karl Arnold [1883-1953], in "Simplicissimus", Heft 7 vom 12.05.1920)

Musik des Tages: The Planets




(Gustav Holst [1874-1934]: "The Planets", Suite für großes Orchester aus den Jahren 1914-16, Op. 32; National Youth Orchestra of Great Britain, CBSO Youth Chorus, Leitung: Edward Gardner, 2016)

  1. Mars, the Bringer of War
  2. Venus, the Bringer of Peace
  3. Mercury, the Winged Messenger
  4. Jupiter, the Bringer of Jollity
  5. Saturn, the Bringer of Old Age
  6. Uranus, the Magician
  7. Neptune, the Mystic
  8. Pluto, the Renewer

Anmerkung: Der letzte Satz dieser Suite stammt nicht von Holst, sondern wurde dem Werk im Rahmen einer Auftragsarbeit von dem englischen Komponisten Colin Matthews im Jahr 2000 hinzugefügt. 1914 war der Himmelskörper Pluto noch nicht entdeckt – heute gilt er allerdings nicht mehr als "Planet", sondern zählt zu einer ganzen Reihe weiterer "Zwergplaneten", die in den Tiefen der äußeren Bereiche des Sonnensystems ihre einsamen Bahnen ziehen. Aus meiner Sicht ist dieser Satz hier so sinnvoll wie eine Operation am gesunden Herzen, da der komplette Schluss des Werkes, der mit den leise verklingenden Stimmen des "Fernchores" in der "Unendlichkeit" geradezu perfekt ist, grundlos zerstört wird. Für sich genommen ist "Pluto" sicherlich ein gelungenes Stück Musik, das aber hier nichts verloren hat.

Anhand dieser programmatischen Musik der sich allmählich in der Atonalität auflösenden Spätromantik lässt sich nebenbei wunderbar nachvollziehen, wo so mancher Filmkomponist bzw. Plagiator der vergangenen Jahrzehnte die Ideen für plakative, meist stark simplifizierte Soundtracks gefunden hat.