Montag, 14. August 2017

Song des Tages: Dark Side of the Sun




(End of Green: "Dark Side of the Sun", aus dem Album "Void Estate", 2017)


Samstag, 12. August 2017

Fragmente: Gedanken aus den Fieberträumen


Nach einigen Tagen des persönlichen Totalausfalles aus gesundheitlichen Gründen reiche ich heute ein paar kommentierte Meldungen der letzten Wochen nach, die ich eigentlich viel ausführlicher im Blog behandeln wollte. Ich bitte um Nachsicht, dass dies nun nur fragmentarisch geschieht und ich nur wenige meiner Gedanken dazu hier unterbringen kann.

1. Mythos Elektroauto

In der Zeit war vor einigen Wochen zu lesen:

Ab 2040 dürfen in Großbritannien keine Dieselfahrzeuge oder Benziner mehr verkauft werden. Ähnliche Pläne werden nun auch in Deutschland diskutiert.

Gerade dies ist ein Thema, zu dem ich mich eigentlich sehr ausführlich äußern wollte, denn ich halte diesen Elektro-Hype und die zugrundeliegende, aufgrund eines "plötzlichen Skandals" in Bewegung gesetzte Verteufelung des Verbrennungsmotors (aktuell muss der Diesel dafür herhalten, aber dabei wird es gewiss nicht bleiben) nicht nur für einen wahnwitzigen Irrweg, sondern für gezielt verdummende, kapitalistische Propaganda, die einzig dazu dient, der Automobilindustrie zu noch mehr Neuwagenverkäufen zu verhelfen, um den Profit weiter zu steigern.

Die Indizien dafür sind so reichhaltig wie der Sand im Watt von Ostfriesland. Es ist beispielsweise jedem, der ein halbwegs funktionsfähiges Gehirn besitzt, bekannt, dass jede automobile "Dreckschleuder" im Vergleich mit einem Neuwagen um Längen "ökologischer" ist, je älter sie ist. Soviel Dreck kann eine alte Karre auch in hundert Jahren nicht ausstoßen, wie die Produktion eines Neuwagens – egal welcher Art – an ökologischen Schäden und Ressourcenverschwendung verursacht.

Die Fragen nach der Herkunft und der Speicherung des benötigten Stroms sind ebenso ungeklärt wie die alltagstauglichen Lademöglichkeiten für Millionen von Fahrzeugen. Von den benötigten Rohstoffen allein für die heute verwendeten Batterien, die erforderlich wären, wenn dieser Irrweg weiter verfolgt wird, will ich gar nicht erst reden.

Die Gründe liegen indes auch klar und offen auf dem Tisch: Im Kapitalismus muss stetig neuer Schrott produziert und verkauft und "Altes" entsorgt werden, sonst funktioniert dieses absurde, zerstörerische System nicht einmal scheinbar. Dennoch sieht diese Gründe niemand und die Propagandapresse brüllt weiterhin im Chor mit den Irren aus der Politik und Wirtschaft das alte, böse, so unsäglich dämliche Lied: "Wachstum, Fortschritt, Wachstum, Fortschritt! Krebs bis zur Unendlichkeit!"

2. Flächendeckende Gesichtserkennung im deutschen Orwell-Staat

Jörg Schieb hat zum entsprechenden "Pilotprojekt" in Berlin Stellung bezogen. Dort werden am "Ostkreuz" seit dem 01.08. "probehalber" Kamerasysteme eingesetzt, die in Echtzeit Gesichter erkennen und mit staatlichen Datenbanken abgleichen können. Es versteht sich von selbst, dass niemand weiß, wie diese ominösen Datenbanken zustandekommen, wer die Kriterien festlegt, nach denen ein Mensch dort geführt wird oder von wem das ganze eigentlich kontrolliert wird. Das interessiert in Kapitalistan aber auch niemanden – Hauptsache, die Bevölkerung wird flächendeckend überwacht und zukünftig auch sofort "erkannt".

Schieb, der in seiner Eigenschaft als öffentlich-rechtlicher Redakteur nun wahrlich nicht dem Verdacht ausgesetzt ist, irgendwelchen Verschwörungstheorien anzuhängen, kommt zu dem Resümee:

Dem Überwachungsstaat ist damit Tür und Tor geöffnet. Harmlose Menschen verhüllen sich nicht – und werden zuverlässig erkannt. Der Schwarzfahrer. Der Sprayer. Vor allem Du und ich. Es setzt schon eine Menge Vertrauen voraus, davon auszugehen, dass solche Technologien nicht missbraucht werden – jetzt nicht und auch in Zukunft nicht. Dieses Vertrauen habe ich nicht. (Hervorhebung von mir, Anm.d.Kap.) / Lässt sich zusammenfassen: Die echten Straftäter haben nichts zu befürchten. Alle anderen schon. Klingt nach keinem guten Deal.

Das ist zwar arg harmlos formuliert, enthält aber trotzdem wesentliche Elemente der allzu nötigen und dennoch ignorierten Kritik – wenngleich, wie immer, die kapitalistischen Ursachen konsequent ausgeblendet werden.

3. Die unsäglichen Freuden des Kapitalismus

Diese Meldung muss ich eigentlich nicht weiter kommentieren, denn sie spricht für sich. n-tv meldete vor zehn Tagen:

9.500 Euro erhalten Bundestagsabgeordnete seit dem 1. Juli monatlich als Diät. Doch jeder vierte Parlamentarier verdient nebenbei dazu – in der Summe mindestens 26,5 Millionen Euro. Vor allem Abgeordnete von CDU und CSU bessern ihren Verdienst auf.

Das sind übrigens dieselben schmierigen Gestalten, die – inzwischen sogar unter Strafandrohung – Millionen von zwangsverarmten Menschen strikt verbieten, auch nur läppische 50 Euro hinzuzuverdienen. Das wird dann nämlich auf die Diät "Transferleistung" angerechnet. Wundert sich ernsthaft jemand darüber, dass solche Figuren den Kapitalismus toll finden, obwohl auch sie nur zu den Schuhputzern der Reichen gehören?

4. SPD: "Dinner for One"

Im Verlauf des bekannten Kindergartenspieles "Bäumchen, wechsle dich" innerhalb der kapitalistischen Einheitspartei hat es natürlich die SPD mal wieder zu Höchstleistungen des absurden Rinderwahnsinns gebracht. Nachdem die olle Eiter-Elke in Niedersachsen von der rechts-olivgrünbraunen auf die rechts-olivschwarzbraune – im Propagandasprech der alarmistischen Medien natürlich "völlig konträre" – Seite gewechselt war, meinte der rechts-olivrotbraune Thomas Oppermann voller Entrüstung (das Wort darf bitte nicht ernstgenommen werden, denn "Rüstung" ist schließlich ein wesentliches Kernthema des Kapitalismus):

Der ganze Vorgang verstößt gegen den politischen Anstand und ist ein beispielloser Verfall der politischen Moral.

Ich verschluckte mich heftig, als ich das las, und riss mir danach – wahrscheinlich irre lachend und hasenhaft umherhüpfend – büschelweise die Haare aus dem Schädel, um den Schmerz zu bändigen, den dieser Ausspruch ausgelöst hatte: "Politischer Anstand" und "politische Moral"!!! Mir blieb am Ende die Luft weg, ich lief blau an und schämte mich deswegen, weil ich um alles in der Welt nicht mit den Rechtsradikalen der AfD in Verbindung gebracht werden wollte. Der Oppermann muss einfach ein U-Boot der Titanic-Redaktion sein! Er muss! Er muss! Er muss! – Ich wiederholte diese Aussage solange, bis mein Kopf, den ich bei jedem dieser Worte mit sozialdemokratischer, schrödianischer Wucht auf die Tischplatte geknallt hatte, endlich dem blutigen Brei der CDU-Hirne glich, die in diesem lächerlichen Propagandatheater nicht minder hirnzersetzende Äußerungen in die Welt gefurzt und gekackt hatten.

Ich weise explizit darauf hin, dass ich der CDU hier immerhin etwas Blut, also ein Mindestmaß an Sauerstoffversorgung in der Hirnregion, unterstellt habe. Oh ja, ich weiß, ich bin völlig irre.

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Vielleicht bleibe ich doch lieber weiter krank und beschäftige mich nicht mehr mit diesem hirnverbrannten, menschenfeindlichen, abgrundtief dämlichen Bockmist, über den man so herzlich lachen könnte, wenn er nicht so unsagbar fürchterliche Auswirkungen auf die Menschen und diesen verzweifelt um Gnade winselnden Planeten hätte. Realitätsfluchten sind doch so viel schöner.

Komm, Fieber, oh komm schnell zurück.

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Wald draußen



(Gemälde von Renate Sautermeister [1937-2012] aus dem Jahr 1982, Acryl auf Leinwand, unbekannter Verbleib)

Dienstag, 8. August 2017

Das Jägerschnitzel


Ich gehe bzw. ging ja sehr gerne essen. Aus bekannten, finanziellen Gründen kann ich mir das heute aber so gut wie nie leisten, so dass es ein kulinarisches Highlight war, dass ich am vergangenen Sonntag endlich wieder in diesen Genuss kam. Ich hatte mich mit einem alten Freund verabredet und wollte – hungrig, wie ich war – eines dieser wundervollen Jägerschnitzel zu mir nehmen, das ich Wochen zuvor in jenem Etablissement am Nachbartisch gerochen und gesehen hatte.

Natürlich hatte ich extra nicht gefrühstückt – einen solchen kulinarischen Höhepunkt gilt es schließlich zu feiern. So saßen wir also entspannt quasselnd in diesem Bistro, mit einem Tässchen Kaffee und einem weitläufigen Blick über den geruhsam in der Sonntagssonne dahinplätschernden Fluss, als mein Blick irgendwann auf die Karte fiel: Das Jägerschnitzel war durchgestrichen.

Mir stockte das Herz. Da hatte ich nun wochenlang gespart, um endlich mal wieder mein Leibgericht zu mir nehmen zu können – um vom Kellner sodann zu erfahren, dass dieses Gericht, das als "Snack" auf der Karte aufgeführt ist, in den kommenden drei Wochen nicht mehr verfügbar sei. Der Grund ist natürlich ein kapitalistischer: Da der Inhaber des Bistros mehrere Geschäftsstätten betreibt und die "Mutter" gerade Betriebsferien habe, könne das Essen nun auch in diesem "Tochterunternehmen" zeitweise nicht angeboten werden. Ich glotzte wohl wie eine Dampflok oder sedierte Kuh, während der junge Mann mir das offenbarte.

Ähnlich erging es anderen Gästen dieses Bistros – ich schnappte Gesprächsfetzen auf wie "Aber wir sind doch gerade wegen der Schnitzel hier!" – Mein Freund und ich beschlossen also, den Kaffee schnell auszutrinken und eine andere Futterstelle aufzusuchen. Nach einigem Herumirren – am Sonntagmittag ist es in dörflichen Gefilden sogar mitten im Ruhrgebiet nicht so einfach, eine geöffnete Küche jenseits des üblichen Fast-Food-Mists zu finden – nahmen wir also Platz in einem anderen Bistro. An den Nachbartischen saßen schon die besagten Herr- und Frauschaften, die wir schon vom Schnitzel-Gate-Bistro kannten.

Inzwischen war mein Hunger auf die Stufe "Ich esse jetzt alles, Hauptsache es macht satt" angeschwollen. Der Kellner pries mir das Tagesgericht an: Ein Schweinebraten mit köstlicher Soße an Salzkartoffeln mit Rotkohl. Ich bestellte es begierig. Kurze Zeit später kam der Mann wieder an unseren Tisch und sagte: "Tut mir leid – es handelt sich um einen Rinder- und nicht um einen Schweinebraten." Ich winkte ab und sagte: "Egal, ich habe Hunger!" Zehn Minuten später bekam ich endlich mein Essen: Zwei dünne Scheiben Rindfleisch, die so zäh waren wie meine Schuhsohlen, garniert mit sechs maschinell geschälten Kartoffeln (vermutlich aus dem Glas) und einem Haufen Rotkohl, der ebenfalls aus dem Glas stammte. Dazu gab es eine leckere Tüten-Soße. Das ganze war offenbar in der Mikrowelle – ohne Abdeckung – erhitzt worden, so dass sowohl das Fleisch, als auch die Kartoffeln eine trockene Haut aufwiesen, die dem Messer tapfer widerstand.

Ich aß nicht einmal ein Viertel dieser Speise, bezahlte dennoch 8,90 Euro und ging hungrig nach Hause. Mein Freund meinte beim Abschied nur lachend: "Loriot war ein Realist."


(Wovon ich träumte)

Montag, 7. August 2017

Wir haben die Wahl ... ?


Gestern ist der hochgeschätzte Stefan Gärtner in seinem sonntäglichen Frühstückskommentar zu gar wunderlichen Schlüssen gelangt: Neben vielen nachvollziehbaren Schlussfolgerungen kommt er dort unter anderem auch zu dieser:

Die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands, nebenbei, kann ich leider nicht wählen, denn neben durchgehend Richtigem will sie "Freiheit für Palästina", und ich muss im Leben nicht mehr viel werden, und linker Antisemit schon gar nicht.

Der Text sitzt wie gewohnt, und ich habe dem dennoch einiges hinzuzufügen. Denn ich fragte mich beim Lesen, ob es aus linker Sicht denn tatsächlich schon ausreicht, eine Partei, die ansonsten "durchgehend Richtiges" anstrebt, allein aufgrund dieser dummen, fast schon traditionellen Palästina-Groteske als "unwählbar" zu klassifizieren. Ich habe nicht einmal nachgeschaut, ob die MLPD diese dämliche Forderung tatsächlich in ihr Wahlprogramm geschrieben hat – ich vertraue darauf, dass der Herr Gärtner das stattdessen getan hat.

Freilich ist es dumm und kontraproduktiv, eine solche "palästinensische" Position einzunehmen, die weder etwas mit der Sozialpolitik, noch mit den gerade in Deutschland – dem großen "Vorreiter" des kapitalistischen Wahns – dringend notwendigen Korrekturen zu tun hat. Alberne Alibi-Parteien wie die korrumpierte "Linke" samt ihren Systemschranzen können und wollen dieses Vakuum nicht füllen, weshalb Alternativen zwingend nötig sind – und seien sie auch noch so marginal. Ich hätte dem Gärtner eine so überaus oberflächliche Behandlung dieses Themas jedenfalls nicht zugetraut. – Sicherlich ist die kapitalistische Politik-"Elite" in Israel ganz genauso scharf zu kritisieren wie in allen anderen kapitalistisch verseuchten Regionen dieser verkommenen Welt – weshalb der Mann aber ins propagandistische Gegenteil verfällt und dieser nötigen Kritik den Stempel "Antisemitismus" aufdrückt, weil sie gängigen pseudolinken Klischees widerspricht, erschließt sich mir nicht.

Es geht hier, daran sei noch einmal erinnert, um die "Wählbarkeit" einer linken Partei in Deutschland aus humanistischer Sicht. Wenn dem geschätzten Herrn Gärtner tatsächlich kein anderes Argument einfällt, um die MLPD als "unwählbar" zu diskreditieren, kann ich das nur als ideologisch verbohrten Blödsinn bezeichnen.

Ich wiederhole noch einmal: Ein Slogan wie "Freiheit für Palästina" ist so unsäglich dumm, dass das entsetzte Gebälk im Hirnbereich mit dem dumpfen Knarzen gar nicht mehr nachkommt; gleichzeitig ist aber die Aussage, dass eine Partei, die dies neben vielem anderen fordert, "unwählbar" sei, ebenso absurd. Die Fähigkeit zur Differenzierung hätte ich dem Gärtner dann doch noch zugetraut. Was wählt er stattdessen? Gar nichts? Die "Bibeltreuen Christen" oder die "Vegane Front"?

Ich jedenfalls werde diese kommunistische Splitterpartei im September wählen – und ich bin mir sehr bewusst, dass ich damit genauso viel erreiche wie mit meinen Bemühungen, die lästigen Fliegen vor meinem Computermonitor durch hektische Handbewegungen zu vertreiben. Durch alberne Wahlen ist der beschlossene kapitalistische Untergang ganz sicher nicht mehr aufzuhalten – dies ist lediglich ein letztes Zeichen meinerseits, das ich noch setzen kann, bevor das kapitalistische Grauen den letzten Rest der Hoffnung aufgefressen hat wie ein Zombie das kleine Kind.


Samstag, 5. August 2017

XXX EILMELDUNG XXX: Das politische Erdbeben


Ein exklusiver Bericht des Narrenschiff-Reporters Charlie Charlieson vom Ort des Grauens

Ich zittere noch am ganzen Körper. Gestern hat in der freiheitlich-demokratischen Bundesrepublik Deutschland ein "politisches Erdbeben" (NDR, Tagesschau) stattgefunden, das scheinbar alles aus den Angeln hebt, was zuvor noch religiös als ewige Gewissheit gepriesen wurde. Fassungslose Kuhjournalisten haben Eilmeldungen und Sondersendungen am Fließband produziert, während die Bande der Schlips-Borg wie gewohnt abzuwiegeln versuchte.

Welche unsägliche Katastrophe ist also über das glückselige Paradies Deutschland, in dem es "uns so gut geht wie nie zuvor" (BLÖD-"Zeitung" vom 04.08.17), hereingebrochen? Haben endlich die DKP und die MLPD die Regierungsgeschäfte übernommen? Sind Außerirdische in Hannover gelandet und haben den Kommunismus ausgerufen? Ist Hitler von der dunklen Seite des Mondes zurückgekehrt und hat mithilfe von Flugscheiben und finsteren Echsenmenschen die Macht an sich gerissen? – Ich habe knallhart recherchiert und decke hier auf:

Eine Hofschranze der Kapitalistischen Einheitspartei (KED) aus der norddeutschen Provinz, die jenseits der dortigen Kuhweiden niemand kennt, hat plötzlich herausgefunden, dass der olivgrüne Giftlack, mit dem sie sich zuvor angepinselt hatte, doch nicht so gut zu ihrem Teint und ihrer Geldbörse passt. Deshalb hat sie ihn abgelegt, um künftig lieber wieder den schwarzen Originalanstrich des Rautenmonstrums zu zeigen.

In der Tat: Das ist noch viel schlimmer als ein Erdbeben – man spürt förmlich, wie die verängstigte, panische Bevölkerung in Scharen aus den einsturzgefährdeten Häusern auf die Straßen strömt und um den Fortbestand des freiheitlich-demokratischen Paradieses bangt. In unserer geliebten, alternativlosen KED ist "irgendeine Olle" (Zitat aus Regierungskreisen) vom Bezirk KED-3 zu KED-1 gewechselt, und flugs ruft die Staatspropaganda den Notstand aus. Schließlich ändert sich dadurch nicht nur auf den norddeutschen Kuhweiden, sondern auch sonst alles! Wir haben es hier mit nicht weniger als einem Staatsstreich zu tun, der unser gelobtes Paradies in den Grundfesten erschüttert: In Niedersachsen gibt es ab sofort eine rot-grüne Minderheitsregierung und eventuell sogar Neuwahlen! Dagegen wäre ein Tsunami aus der Nord- und Ostsee, der die gesamte Provinz in Schutt und Asche legt, nur eine Randnotiz auf Seite 17 der örtlichen Kuhblätter. – "Man muss schon sehr genau wissen, was staatsgefährdend ist und was nicht", sagte Carsten Maschmeyer (CDU, vormals SPD) dazu, während er eine Flasche Bier mit einem gewissen Herrn Schröder (noch immer SPD) leerte.

Wie soll es nun bloß weitergehen? Die Ungewissheit treibt die Menschen in der Krisenregion zu maßlosen Hamsterkäufen. Auf den Autobahnen in Richtung Süden bilden sich gigantische SUV-Staus und niemand weiß, ob er die Nacht überleben wird. Die rechtsstaatlichen Strukturen sind zusammengebrochen und ein plündernder Mob zieht durch die ansonsten menschenleeren Straßen und Feldwege des einstmals blühenden Landes und melkt Kühe und Ziegen (zum Eigenbedarf). Und doch harre ich auch weiterhin aus und berichte vom Ort des Grauens, während Hannover in Flammen aufgeht. Morgen wird nichts mehr so sein, wie es einmal war.

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Und morgen lesen Sie an dieser Stelle: Skandal! Helene Fischer popelt in aller Öffentlichkeit!

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Tempo der Zeit



(Zeichnung von Hannes König [1908-1989], in: "Der Simpl", Nr. 10 vom August 1946)

Song des Tages: Rain From Heaven




(The Sisterhood: "Rain From Heaven", aus der EP "Gift", 1986)

We forgive as we forget
As the day is long
As the day is long

Rain from heaven

As the water flows over the bridge
As we walk on the floodland
As we walk on the water
We forget
We forget

Rain from heaven


Donnerstag, 3. August 2017

Buchempfehlung: Der Präsident


Ein Gastbeitrag des Altautonomen

Jeder angebliche Gänsehaut-Thriller, der mir mit den Adjektiven "hochspannend", "gruselig", "schlafraubend" etc. empfohlen wird, hat bei mir eine Chance von 50 Seiten. Danach klappe ich das Buch entweder zu oder ich merke gar nicht, dass ich bereits bei Seite 100 angelangt bin.

Zuletzt hatte ich hier das Buch "Wolfsspinne", einen aktuellen Roman über die Hintergründe des NSU-Komplexes, vorgestellt. Es war eines der ganz wenigen Bücher, die ich von einem auf den anderen Tag durchgelesen habe, weil es mich fesselte.

Nun habe ich mit dem "Präsidenten", einem erst vor wenigen Tagen in deutscher Sprache erschienenen Roman von Sam Bourne alias Jonathan Freedland, offenbar einen neuen Rekord aufgestellt, denn ich verzichtete zugunsten der Lektüre sogar auf meine Joggingrunde – und das will etwas heißen: 479 Seiten in unter 24 Stunden. Auf dem Cover sieht man die Silhouette von Donald Trump. Obwohl er und andere historische bzw. hochaktuelle Protagonisten wie Hillary Clinton nicht namentlich erwähnt werden, weiß der Leser, um wen es sich jeweils handelt. Es fehlt vermutlich deshalb der Hinweis, dass "Übereinstimmungen mit lebenden Personen oder Ereignissen rein zufällig" seien.

Die Geschichte beginnt gleich auf den ersten Seiten mit dem Befehl des US-Präsidenten an das Pentagon, alle boden-, see- und luftgestützten Atomwaffen in Richtung China und Nordkorea in Marsch zu setzen. Nach einem Wortgefecht mit den Staatsführern fühlte sich der Präsident beleidigt. Sein Finger liegt bereits auf dem "roten Knopf", denn er wartet im Oval Office auf die Bestätigung der Startcodes. Den Mitwissern im Weißen Haus ist eines klar: Jemand muss sofort etwas unternehmen, ansonsten steht die Welt kurz vor dem 3. Weltkrieg. Ein Attentat scheint der einzige Ausweg.

Um nicht zu spoilern, verkneife ich mir, mehr zum Inhalt zu schreiben. Der Preis des Taschenbuches dürfte mit 10 Euro auch erschwinglich sein.


Dienstag, 1. August 2017

Realitätsflucht (37): Enderal


Nach längerer Abstinenz möchte ich heute mal wieder von einer Realitätsflucht berichten, die es wahrlich in sich hat. Diesmal handelt es sich um das Spiel "Enderal", einer – analog zum Vorgänger "Nehrim" – sogenannten "Total conversion" des Spieles "The Elder Scrolls V: Skyrim". Geschaffen wurde auch dieses Meisterwerk von dem Non-Profit-"Studio" SureAI. Das Spiel ist kostenlos für jedermann und seit 2016 verfügbar – Voraussetzungen sind lediglich eine installierte Version von "Skyrim" sowie, damit unweigerlich verbunden, ein Steam-Account.

Details zum Download und zur einfachen Installation finden sich auf enderal.com. – Der folgende Text sowie die Bilder beinhalten Spoiler, vor denen ich jeden, der dieses Spiel noch genießen möchte, ausdrücklich warne.



"Enderal" hat mich umgehauen. Gerade eben lief erst der Abspann und ich stehe noch voll und ganz unter dem Eindruck, den dieses beeindruckende Kunstwerk hinterlassen hat. Die Damen und Herren von SureAI, die auch diesmal in jahrelanger, nebenberuflicher Detailarbeit entgeltfrei und aus reinem Enthusiasmus an diesem Mammutprojekt gearbeitet haben, entführen den Spieler hier auf den abermals völlig neu entworfenen Kontinent Enderal. Dort erinnert so gut wie nichts an "Skyrim", denn die komplette Spielwelt, die fast ebenso groß ist wie die des Originals, wurde völlig neu gestaltet.


(Startszene des Spieles: Das "goldene Zwielicht, wo alles begann")

Im Gegensatz zu den Originalspielen aus dem Hause Bethesda besticht "Enderal" vor allem durch eine tiefsinnige, ausgeklügelte und immer wieder äußerst überraschende Geschichte, zu der ich hier aber nichts verraten möchte. Spieltechnisch ist "Enderal" allerdings mit "Skyrim" vergleichbar, auch wenn die Entwickler hier manches geändert haben: Ein beliebiger Teleport zu einer bereits entdeckten Stätte ist hier beispielsweise nicht möglich; ebenso verbessert man seine Fähigkeiten nicht mehr dadurch, dass man sie schlicht anwendet – stattdessen muss man für teils extrem viel Gold entsprechende Lehrbücher kaufen und (nur begrenzt zur Verfügung stehende) "Lernpunkte" investieren, um zum Beispiel den Fernkampf oder diverse Nahkampf- oder Verteidigungstechniken zu verbessern. Auch die "Selbstheilung" bei erlittenem Schaden im Kampf ist hier stark eingeschränkt: Lebensenergie regeneriert sich nicht von selbst, sondern die Regeneration muss veranlasst werden – was außerhalb des Kampfes beispielsweise durch den Verzehr von Nahrungsmitteln oder durch Schlaf geschieht. "Selbstheilungszauber" sowie Heiltränke gibt es zwar ebenfalls – allerdings haben diese einen unangenehmen, negativen Nebeneffekt, auf den ich hier "aus Gründen" nicht näher eingehen möchte, so dass sie nur eingeschränkt nutzbar sind.

Überhaupt ist das Spiel selbst auf der leichtesten Stufe um Längen schwieriger als "Skyrim". Und das macht eine Menge Spaß, auch wenn das Werk zu Beginn etwas sperrig daherkommt und man erst langsam hineinfinden muss. Gerade das macht ja aus meiner Sicht ein wirklich gutes Computerspiel aus: Da gibt es keinen netten Spieleonkel, der den Spieler bei der Hand nimmt und ihm jedes Denken abnimmt. Zwar gibt es (meistens) einen Questmarker auf der Karte – wie man allerdings an den jeweiligen Ort gelangt (was allzu oft gar nicht so leicht herauszufinden ist), muss man schon selber erkunden.

Wie gewohnt gibt es neben der großen Hauptquest unzählige Nebenquests zu erledigen, die größtenteils ebenfalls durch Originalität und Kreativität glänzen: Deppenaufgaben wie "Sammle fünf Vogeleier und bringe sie zu X" sind glücklicherweise die Ausnahme. Einige dieser Nebenquests sind gut versteckt und werden erst gestartet, wenn man mit bestimmten NPCs redet, Bücher liest oder Orte erkundet. Überhaupt die Orte: Die Spielwelt ist vollgestopft mit Höhlen, Lagern, Ruinen und ähnlichen Stätten, von denen nur die wenigsten questrelevant sind. Es lohnt sich sehr, sie alle zu erkunden, denn nicht selten findet man dort wertvolle Gegenstände, magische Waffen oder besondere Rüstungsteile, die im weiteren Spielverlauf höchst nützlich sind. – Ich habe beim ersten Durchlauf allenfalls geschätzte 60 Prozent gefunden und erforscht, obwohl ich nun wirklich in jeden Winkel schaue und immer erst nach rechts abbiege, wenn mein eigentliches Ziel links zu suchen ist. Das illustriert auch die Randnotiz, dass ich von den im Spiel versteckten 100 "magischen Symbolen" gerade mal lächerliche 32 gefunden habe.

Auch die einzige größere (von lebendigen Menschen bevölkerte) Stadt im Spiel – Ark – hat es in sich: Hier verbringt man freiwillig mehr Zeit zur Erkundung als in allen eher langweiligen Städten Skyrims zusammen.


(Ark, die Hauptstadt von Enderal)

Wie schon im Original kann man auch "Enderal" auf höchst unterschiedliche Weise spielen. In meinem ersten, gerade zuende gegangenen Durchlauf habe ich beispielsweise eine strahlende Heldin gespielt, die mittels Schleichen, Bogen und – für den Notfall – dicker Zweihandaxt jedes kriminelle Vergehen sowie jedweden magischen Schnickschnack abgelehnt und stets zum Wohle der Allgemeinheit heroische Taten vollbracht hat. Das geht selbstredend auch anders: Es ist ein völlig anderes Spielerlebnis, einen Nahkämpfer, einen Magier, einen fiesen Dieb oder beliebige Mischformen davon zu wählen und entsprechend auszubauen.

Auch der oft morbide Humor kommt hier – trotz der dramatischen Geschichte – nicht zu kurz. Bei der Erkundung eines zerstörten, menschenleeren Dorfes bietet sich auch schonmal ein solcher Anblick:


(Ein Kind auf einem Schaukelpferd)

Grafisch gibt es zu "Enderal" nichts zu sagen – es handelt sich um das bekannte "Skyrim"-Niveau. Das umfangreiche Spiel, für das ich beim ersten Mal etwa 300 Stunden gebraucht genossen habe, ist auch ansonsten professionell produziert: Die Vertonung der sehr vielen Dialoge haben größtenteils professionelle SprecherInnen übernommen, und die Musik steht dem Soundtrack anderer Spiele in nichts nach (die Musik kann hier kostenlos heruntergeladen werden). Hier sind besonders die vielen Lieder (ich glaube, ich habe 15 gezählt), die man zum Beispiel in Tavernen hören kann, wenn man den dortigen BardInnen lauscht, hervorzuheben. Ein Beispiel:


(Das Lied vom letzten Sonnenuntergang)



Das Spiel lief auf meinem Win7/64-System bis auf wenige Abstürze problemlos – es ist in solchen Spielen ohnedies immer sehr sinnvoll, oft zu speichern. Gelegentlich tauchten Bugs wie verschwundene Begleiter oder eine durch die Oberfläche ins "Nichts" gefallene Spielfigur auf, die aber durch einen Neustart des Spieles stets schnell zu beheben waren. Bis heute werden kontinuierlich Patches veröffentlicht, die man im Launcher auch sofort angezeigt bekommt, sobald sie verfügbar sind.

Ganz besonders hervorheben möchte ich noch das "epische" Finale, das ich in einer vergleichbaren Form noch in keinem anderen Spiel oder auch Film erlebt habe. Ich würde hier sehr gerne ein Video verlinken, um das zu veranschaulichen – rate aber jedem, der das Spiel vielleicht einmal selber ausprobieren möchte, davon ab, es bei youtube zu suchen. Dieses Finale ist bombastisch. Davon können sich die hochbezahlten Profis der kommerziellen Entwicklungsstudios nicht nur eine Scheibe, sondern gleich einen ganzen Batzen oder auch zwei abschneiden. So kam denn auch der Rezensent von gamestar.de zu dem entwaffnenden Schluss, den ich nur doppelt unterstreichen kann:

Auch im Anschluss erzählt Enderal eine Geschichte auf Weltklasse-Niveau, die nicht nur mit einem Skyrim den Boden aufwischt, sondern auch durchgehend von professionellen Sprechern vertont wurde.

Wer dieses grandiose, tatsächlich unvergleichliche Spiel, das an die besten, längst vergangenen Zeiten der Gothic-Reihe erinnert, trotz alledem nicht ausprobiert, ist selber schuld. Ich ziehe meinen Hut bis in die Kniekehle vor all den Menschen, die an diesem Projekt mitgewirkt haben, ohne einen einzigen lausigen Cent dafür zu bekommen.


(Schlussbild eines der verschiedenen Enden von "Enderal")

"So schreitet wohl, Meydame!"

Montag, 31. Juli 2017

Schlips-Borg-Nachrichten aus dem Paralleluniversum des sabbernden Irrsinns (4): FDP


Von der FDP ist man ja so einiges gewohnt: Vom schmierigen Teppich-Schmuggler Niebel, über den staatlich Zwangsverarmte der spätrömischen Dekadenz bezichtigenden Westerwelle, den ewig pubertären Aktenkofferträger Lindner bis hin zur offen Sitzungsgelder abzockenden EU-Schwänzerin Koch-Mehrin war schon alles und noch viel mehr dabei. Diese Parteisimulation, die tatsächlich bloß ein offen korrupter Lobbyverein ist, kann aber auch heute noch ungläubiges Kopfschütteln hervorrufen, wie gerade beim WDR nachzulesen war:

Personalengpässe an Schulen in NRW sollen nach den Vorstellungen von Schulministerin Yvonne Gebauer (FDP) vorübergehend mit Fachkräften aus der Wirtschaft überbrückt werden.

Ja, wenn das mal nicht eine richtig gute, sehr rückwärtsgewandte Idee ist: Wer sollte den SchülerInnen auch besser die kapitalistische Indoktrination verpassen als pädagogisch völlig unbedarfte "Fachkräfte" [sic!] aus den Reihen der Habgierigen? Schließlich sollen aus "unseren" lieben Kindern ja keine guten oder gar kritischen, eigenständig denkfähigen Menschen, sondern verdummte SklavInnen werden, die lediglich dem Konsum-, Arbeits- und Eigenverantwortungswahn frönen und ansonsten nichts zu sagen haben, das über Schminke, Mode, Trash und Trends hinausgeht.

Da passt wieder einmal der kapitalistische Arsch auf den verkeimten Kackeimer, dass es eine wahre Wucht ist; und folgerichtig findet auch der Sprecher der Industrie- und Handelskammer (IHK) Ostwestfalen:

"Das ist eine sehr gute Idee" (...). "Wir fordern als IHK schon lange, dass man das Thema Wirtschaft stärker in den Unterricht miteinbezieht." Fachkräfte aus der Wirtschaft als Lehrer einzusetzen, sei eine Möglichkeit. Die Kosten für den Einsatz müsse allerdings die öffentliche Hand tragen.

Selbstverständlich muss der Steuerzahler die Kosten tragen – wo kämen wir denn auch hin, wenn stumpfe kapitalistische Propaganda zugunsten der "Wirtschaft" auch von ebenjener bezahlt werden müsste! So etwas Widersinniges, geradezu Blasphemisches gibt es im strahlenden Kapitalistan von Kim jong Merkel & Co. nicht.

Wieso ist hier eigentlich nirgends die Rede von den vielen arbeitslosen oder nur prekär und in ständiger, meist durch Ferien unterbrochenen Teilzeit beschäftigten Pädagogen? Gibt es die im wirren FDP-Universum gar nicht oder sind die alle derartig "linksgrünversifft", so dass man sie nicht beschäftigen oder ordentlich bezahlen und entsprechend sozial absichern will? Das ist freilich eine böse Unterstellung meinerseits – wahrscheinlich weiß die arme Frau Gebauer, die ja nichts anderes kennt als die knochenklappernde FDP-Hölle, einfach nichts von deren Existenz. Da muss man also rücksichtsvoll sein.

Dazu passt wunderbar, dass dieselbe Dame auch erwägt, "Schulrankings" in NRW einzuführen. Schließlich brauchen wir nichts dringender als ein deutliches Unterscheidungskriterium, damit "Elite-Schulen" für Reiche von heruntergekommenen, abrissreifen Abstell-Buden für den dummen Rest der Blagen von überflüssigen Habenichtsen endlich klar voneinander abgegrenzt werden können. "Schulrankings"! Mir fällt bei dieser Vorstellung mehr halbverdautes Essen aus dem Gesicht, als ich gestern zu mir genommen habe. Und das ist eine höchst diplomatische Wortwahl.

Wahrlich, die FDP hat in den Jahren der ungewollten und einen leichten Aufatmungsreiz verursachenden Parlamentsabstinenz nichts von ihrem heißen, erotisch stimulierenden, sado-masochistischen Charme verloren.

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Die abgebauten Junglehrer


"Sie müssen Ihre Existenz dem Staatswohl opfern, meine Herren! Analphabeten lassen sich leichter regieren, und die Notverordnungen werden sowieso durch den Rundfunk bekannt gemacht."

(Zeichnung von Wilhelm Schulz [1865-1952], in "Simplicissimus", Heft 29 vom 19.10.1931)

Samstag, 29. Juli 2017

Bayern und die faschistische Reinigung


Politisch interessierte Menschen haben das gewiss mitbekommen: Ab August können in Bayern sogenannte Gefährder unbegrenzt interniert werden; lediglich alle drei Monate muss mal ein Richter gefragt werden, ob hier auch wirklich alles mit "rechten Dingen" zugeht. Rechtsstaatlicher geht es kaum - schließlich ist ein "Gefährder" stets der, dem genau dies von irgendwelchen ominösen Staatsschergen unterstellt wird: Treffen kann es also jeden Menschen, der sich gerade in diesem zerfallenden, kapitalistisch verseuchten Land aufhält.

Ich beispielsweise bin prädestiniert zum Gefährder, denn ich spreche mich seit langer Zeit dafür aus, den Geld-"Eliten" ihre Superreichtümer und schamlosen Privilegien endlich wegzunehmen – in Bayern gehöre ich damit zu den potenziellen Terroristen, die man nun endlich auch ohne ein Gerichtsurteil unbegrenzt wegsperren kann. Woran erinnert mich diese menschenfeindliche Farce, die aufgeklärte Menschen allenfalls in bösen Unrechtsstaaten vermuten, bloß?

Aber die CSU klärt uns auf:

Um Terrorismus scheint es Bayerns Innenminister Joachim Herrmann (CSU) tatsächlich nicht zu gehen. "Die Bürgerrechte werden von Extremisten und Chaoten bedroht, nicht vom Staat", behauptete Herrmann während der Debatte im Landtag. Das Wort "Terror" kommt auch in der Pressemitteilung des bayerischen Innenministeriums zur Ausweitung der Befugnisse der Landespolizei "zur Abwehr von Sicherheitsgefahren" nicht ein einziges Mal vor. Dort wird allerdings betont, was Herrmann besonders wichtig sei. Nämlich, "die Bürger noch besser vor hochgefährlichen Menschen zu schützen, seien es beispielsweise Islamisten, Linksextreme oder Rechtsextreme." Die Notwendigkeit habe der G-20-Gipfel in Hamburg gezeigt.

Yeah. Die korrupten Schlips-Borg bemühen tatsächlich das lächerliche Szenario "Hamburg" der ungestümen Polizeigewalt, um ihren widerlichen Anschlag auf die gern zitierte Chimäre der "freiheitlichen Demokratie" zu legitimieren, während doch jeder klar sehen kann, dass die tatsächlich "hochgefährlichen Menschen" Schlipse, aber keine Gehirne tragen und von willigen, devoten, ebenso uniformierten und gehirnlosen Vasallen in politischen Ämtern arschleckend unterstützt werden.

Es ist ja schon ein nicht mehr steigerbarer Witz, wenn ausgerechnet die rechtsextreme CSU sich anklagend über Rechtsextremismus auslässt – aber dass gerade diese Partei – unter tatkräftiger Mithilfe der SPD und der Braunen Grünen – nun dieses Polizei-Ermächtigungsgesetz auf den Weg gebracht hat, kann nur einen strikten Satireverweigerer noch erstaunen. Da erklingt sogar ein böses, faschistisches, heiseres Lachen aus den verwesenden Tiefen der Gruft des Chaoten Franz Josef Strauß.

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Ob Nazi oder nicht, auch der letzte Wähler wird von der CSU herausgefischt

(Zeichnung von Max Radler [1904-1971], in: "Der Simpl", Nr. 8 vom April 1948)

Freitag, 28. Juli 2017

Song des Tages: Lost in the Supermarket




(The Clash: "Lost in the Supermarket", aus dem Album "London Calling", 1979)

I'm all lost in the supermarket
I can no longer shop happily
I came in here for that special offer
A guaranteed personality

I wasn't born so much as I fell out
Nobody seemed to notice me
We had a hedge back home in the suburbs
Over which I never could see

I heard the people who lived on the ceiling
Scream and fight most scarily
Hearing that noise was my first ever feeling
That's how it's been all around me

I'm all lost in the supermarket
I can no longer shop happily
I came in here for that special offer
A guaranteed personality

I'm all tuned in, I see all the programmes
I save coupons from packets of tea
I've got my giant hit discoteque album
I empty a bottle and I feel a bit free

The kids in the halls and the pipes in the walls
Make me noises for company
Long distance callers make long distance calls
And the silence makes me lonely

I'm all lost in the supermarket
I can no longer shop happily
I came in here for that special offer
A guaranteed personality

And it's not here
It disappeared
I'm all lost


Donnerstag, 27. Juli 2017

Der redundante Einwurf (7): Die kernlosen Trauben


Der Kapitalismus bringt ja so manche bizarre Entwicklung auf den Weg. Eigentlich sind die allermeisten nichts weiter als eine Pervertierung der eigentlich sinnvollen und notwendigen Ziele, die unter anderem mit Begriffen wie Nachhaltigkeit, Ressourcenschonung, Gemeinwohlorientierung oder auch Sinnhaftigkeit nur sehr verkürzt beschrieben sind. Beispielsweise ist jedes uralte Auto, das auch nach 20 Jahren noch gefahren wird, weitaus energieeffizienter, ressourcenschonender und ökologisch sinnvoller als jedes neu produzierte, ach so "saubere" Vehikel (einschließlich jedes E-Autos) – aber dazu schreibe ich später vielleicht noch mehr, falls ich dazu komme. Das gilt für fast alle Produkte unserer heutigen grotesken Welt, die wie von Sinnen unablässig neu produziert und verkauft werden, während "Altgeräte" millionen-, gar milliardenfach in den Müll geschmissen werden, anstatt sie zu reparieren und weiterzuverwenden.

Aktuell ist mir im Supermarkt jedenfalls wieder einmal aufgefallen, dass dort – für einen um fast 50 Prozent höheren Preis – kernlose Trauben angeboten werden, die offenbar im Gegensatz zu kernhaltigen Trauben weitaus besser zu genießen und somit ein "Luxusprodukt" sind, denn sonst gäbe es diese gezielt gezüchtete Frucht ja gar nicht. Es mag nun einjede/r selbst entscheiden, wie sinnvoll es ist, nicht reproduktionsfähige Früchte zu "designen" – mir jedenfalls kommt dabei regelmäßig die kalte Kotze hoch und ich frage mich, ob ich denn der einzige bin, dem diese Perversion auffällt. Der Mist wird trotzdem besinnungslos gekauft – so als sei es wirklich eine nicht hinnehmbare Geißelung durch die Natur, die kleinen Traubenkerne beim Verzehr entweder mit herunterzuschlucken oder während des Essens durch bedachte Kauvorgänge einfach auszuspucken.

Es wäre wohl eine richtig gute Idee für irgendeinen menschenfeindlichen, profitgierigen Konzern wie beispielsweise Monsanto, sich die Kreierung des endlich nicht mehr reproduktionsfähigen Menschen patentieren zu lassen: Damit ließe sich zunächst sehr viel Geld verdienen und gleichzeitig die Überbevölkerung dieses Planeten in den Griff bekommen – und das in einer Weise, die den "Eliten" sehr gelegen käme, da sich nur noch finanzkräftige Menschen fortpflanzen könnten. Damit wäre die kapitalistische Hölle auf Erden in ihrem Endstadium angelangt: Die noch notwendige Arbeit wird zukünftig von Robotern erledigt und die "Elite" hockt in ihren Villen und Palästen und genießt das schöne, arbeitslose, sehr lange und immer länger werdende Leben, ohne auf weiteren Profit angewiesen zu sein, da sie längst den kompletten Planeten besitzt. Den Pöbel – also die 99 Prozent der restlichen Menschen – braucht man dann allenfalls noch als Organspender, solange das noch nicht im Labor möglich ist. Danach wird selbstredend auch dieser Rest entsorgt.

Die kernlosen Trauben sowie das Monsanto-Getreide, das kein Saatgut mehr hervorbringt, sind ein weiterer Schritt auf einem schaurigen Weg, der noch vor 30 Jahren ein Thema der Science-Fiction-Literatur gewesen ist. Ich erinnere in diesem Zusammenhang dringlich an den Roman "Der genetische Krieg" von Christof Schade aus dem Jahr 1985. Dort wurde das heute aktuelle Szenario schon ausführlich beschrieben.

Das kapitalistische Todeskarussell wird sich trotzdem unbeirrt weiterdrehen und an Fahrt aufnehmen. Das ist so sicher wie der Duktus des Merkelmonsters und die Besinnungslosigkeit der Bevölkerung.

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UPDATE 29.07.17: "Warum aber gibt es Trauben, die keine Kerne, also keine Samen enthalten? Eigentlich dürften die sich ja gar nicht vermehren lassen. / (...) In freier Wildbahn wäre diese Mutante mangels Nachwuchs schnell untergegangen. Aber der Mensch hat ihre Reiser auf andere Weinstöcke gepfropft und bis heute weiterkultiviert." (Deutschlandfunk) – Ich lerne nie aus und halte dennoch vieles für pervers und verwerflich, was heute von vielen nicht mehr in Frage gestellt wird. ;-)

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The Seedless Watermelon


(warandpeas.com)

Mittwoch, 26. Juli 2017

Zitat des Tages: Die Entwicklung der Menschheit


Einst haben die Kerls auf den Bäumen gehockt,
behaart und mit böser Visage.
Dann hat man sie aus dem Urwald gelockt
und die Welt asphaltiert und aufgestockt,
bis zur dreißigsten Etage.

Da saßen sie nun, den Flöhen entflohn,
in zentralgeheizten Räumen.
Da sitzen sie nun am Telefon.
Und es herrscht noch genau derselbe Ton
wie seinerzeit auf den Bäumen.

Sie hören weit. Sie sehen fern.
Sie sind mit dem Weltall in Fühlung.
Sie putzen die Zähne. Sie atmen modern.
Die Erde ist ein gebildeter Stern
mit sehr viel Wasserspülung.

Sie schießen die Briefschaften durch ein Rohr.
Sie jagen und züchten Mikroben.
Sie versehn die Natur mit allem Komfort.
Sie fliegen steil in den Himmel empor
und bleiben zwei Wochen oben.

Was ihre Verdauung übriglässt,
das verarbeiten sie zu Watte.
Sie spalten Atome. Sie heilen Inzest.
Und sie stellen durch Stiluntersuchungen fest,
dass Cäsar Plattfüße hatte.

So haben sie mit dem Kopf und dem Mund
den Fortschritt der Menschheit geschaffen.
Doch davon mal abgesehen und
bei Lichte betrachtet sind sie im Grund
noch immer die alten Affen.



(Erich Kästner [1899-1974]: "Die Entwicklung der Menschheit", in: "Gesang zwischen den Stühlen. Gedichte", mit Zeichnungen von Erich Ohser alias e.o. plauen, Deutsche Verlags-Anstalt 1932)




Dienstag, 25. Juli 2017

Die Linkspartei und die "Realpolitik", Folge 248


Diesmal: LINKE Klimawandelignoranten in seriöser Regierungsverantwortung

Ein Gastbeitrag des Altautonomen

Im Wahlprogramm der Linkspartei für die Bundestagswahl 2017 heißt es unter anderem:

  • Raus aus der Kohle, Übergänge gerecht gestalten: Wir wollen einen zügigen und sozial abgefederten Ausstieg aus der Kohlestromversorgung.
  • DIE LINKE fordert ein nationales Kohleausstiegsgesetz mit folgenden Eckpunkten: Der schrittweise Kohleausstieg beginnt 2018. Spätestens 2035 muss der letzte Kohlemeiler vom Netz gehen.
  • Um Menschen und Klima zu schützen, brauchen wir endlich auch Tempolimits: 120 km/h auf Autobahnen und eine Regelgeschwindigkeit von 30 km/h in Ortschaften.
  • Der CO2-Grenzwert für Neuwagen in Europa soll ab 2025 deutlich unter 60 Gramm betragen.

Mit diesen Aussagen stellen die WahlkämpferInnen der Linkspartei sogar die Grünen in den Schatten, in deren Programm derartige Werte gar nicht erwähnt werden. Aber, wie wir wissen, sind Wahlprogramme und Realpolitik oft einander diametral entgegenstehende Werte.

Um der oft erhobenen Behauptung, Länderregierungen könnten keine Bundespolitik beeinflussen, den Wind aus den Segeln zu nehmen, zitiere ich hier aus dem vorangegangenen Wahlprogramm der Brandenburgischen Linkspartei aus dem Jahr 2014 für die derzeitige Legislaturperiode mit dem Ministerpräsidenten Ramelow:

Unsere Energiepolitik verbindet Klima- und Umweltschutz, Versorgungssicherheit, Preisstabilität und Akzeptanz und Beteiligung für Energieerzeugung und -infrastruktur im Land. (...) / Unser Ziel ist es, dass spätestens ab 2040 keine Braunkohle mehr verstromt wird. Den Neubau von Braunkohlenkraftwerken lehnen wir ab. Wir setzen uns deshalb dafür ein, im Rahmen der Evaluierung der Energiestrategie im Jahre 2015 das begonnene Braunkohlenplanverfahren für den Tagebau Jänschwalde-Nord einzustellen. Den Neuaufschluss weiterer Tagebaue lehnen wir ab.

Wie sieht die Umsetzung dieser klimapolitischen Ziele in Brandenburg aus?

Nun, dazu reicht ein Blick ins "Neue Deutschland". Dort berichtete Andreas Fritsche am 17.07.17 von einem weiteren Beispiel des realpolitischen Verrats linker Regierungskoalitionen. Sie sind nämlich einen Dreck an menschenfreundlicher Klimapolitik interessiert, dafür aber sehr am Wohlergehen der Energiekonzerne. Ich fasse das mal zusammen:

Brandenburg, das Vorzeigeland für Stromerzeugung durch Braunkohle?

Bislang war geplant, den energiebedingten Ausstoß von Kohlendioxyd um 72% im Vergleich zu 1990 zu senken. Das hört sich erst mal gut an. In der rot-rot-grünen Regierung stimmt man sich aber momentan darüber ab, den Ausstoß nur um 55% zu senken. Außerdem soll das Braunkohlekraftwerk Jänischwalde länger laufen als vorgesehen. So hatte es der Betreiber, die Lausitzer Energie-Kraftwerke AG (LEK), Herrn Ramelow mitgeteilt. Und der weiß ja schon aus seinen Gewerkschaftertagen, was er zu tun hat, wenn das Kapital Forderungen stellt.

Als Randnotiz sei zu erwähnen, dass die LEK plante, ein neues Braunkohlekraftwerk mit spezieller Speicherkapazität für CO2 zu bauen. Sie haben diesen Plan aber wieder fallen lassen. In den kommenden Monaten wird die Strukturkommission der Bundesregierung den Ausstieg aus der Energiegewinnung aus dem Braunkohletagebau beraten.

Hier stellt sich die Ramelow-Regierung eindeutig gegen die Politik des Bundes und die Interessen der Menschen und der Natur, deren Anwalt sie ja angeblich sei.

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UPDATE 25.07.17: Leider ist sowohl dem Gastautor, als auch dem sich die Haare raufenden Kapitän hier ein peinlicher, böser Fehler unterlaufen: Ramelow hat mit Brandenburg natürlich nichts zu tun, sondern setzt sein pseudolinkes Zerstörungswerk stattdessen in Thüringen (oder war's doch das Saarland?) fort. In solchen Momenten zweifle ich an mir selber und könnte mir einen blinkenden Eselshut an die Stirn nageln. – Dennoch ändert sich der Grundtenor des Textes und meines nachfolgenden Kommentars dazu nicht, denn die Linkspartei ist nur ein weiterer Akteur im verfilzten Spiel der korrupten Demokratiesimulation.

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Anmerkung von Charlie: Der Titel dieses Beitrages stammt von mir. Ich könnte mich jedesmal wieder schreiend aus dem Fenster stürzen, wenn jemand den Nonsens-Begriff "Realpolitik" benutzt. Damit meine ich nicht den Altautonomen, der das Wort ja eher in satirischer bzw. anklagender Form verwendet, sondern all die Apologeten (auch mein besonderer Freund Lapuente ist natürlich darunter), die damit den üblichen politischen Verrat und die um sich greifende Korruption kaschieren wollen – so als gebe es im Gegenzug auch so etwas wie eine "Fiktivpolitik" oder eine "irreale Politik". Kapitalistische Menschenfeinde beschimpfen diese – ebenso irrsinnig – auch sehr gerne als "Sozialromantik".

Ich traue den Figuren aus der Linkspartei nicht einen Meter weit über den Weg. In einem verfaulten, verkommenen System kann es schon aus rein logischen Gründen keine Veränderung "von innen" geben; die inzwischen ganze Seiten füllenden Beispiele von korrumpierten, "umfallenden" und rückwärtsgewandten Aktionen aus der SPD, den Grünen und selbstredend auch der Linkspartei sollten eigentlich auch den letzten Gläubigen längst bekehrt haben. Eigentlich.

Und dennoch schwadronieren Politik, Presse und allzuviele BürgerInnen immer noch wie von Sinnen über die "freiheitliche Demokratie", als stünden sie allesamt unter bewusstseinsvernebelnden, verdummenden Drogen. An diesem epidemischen Veitstanz beteilige ich mich nicht mehr.

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Der Reichstag und seine Auflösung


"Eigentlich sollte man die Urne nicht zum Wählen benützen, sondern gleich zur Beisetzung."

(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 27 vom 02.10.1932)

Montag, 24. Juli 2017

Die Grünen und die "Gefährdung der 'blonden Rasse'"


Für einige Interessierte dürfte der nachfolgend verlinkte Text keine Neuigkeit mehr darstellen, da er bereits im konkret-Magazin Nr. 7 in Printform veröffentlicht wurde und auch im Blog des Autors Rainer Trampert seit einigen Tagen abrufbar ist – das macht ihn aber nicht weniger lesenswert. Trampert, der bekanntlich Mitbegründer der "Grünen" und mehrere Jahre "Sprecher des Bundesvorstandes" war, sich 1989 aber aus der zu dieser Zeit längst kapitalistisch korrumpierten Partei verabschiedete, lässt sich hier unter dem hübschen Titel "The Walking Dead" über den Abstieg der Grünen aus. Ich zitiere daraus einige Highlights:

Der Karrierewunsch fürs Kind verschmilzt mit der Verachtung von scheinbar nicht konkurrenzfähigen Kindern, rassistischem Missfallen und fehlender Empathie. Hort und Hüter aller Niederträchtigkeiten ist Boris Palmer, der grüne Oberbürgermeister in Tübingen. "Auch in Syrien gibt es Gebiete, die nicht im Krieg sind", sagt er. Er will dahin abschieben, die EU-Außengrenzen mit bewaffneten Truppen sichern und beruft sich auf grüne Professoren, die zu ihm kämen und sagten: "Ich habe zwei blonde Töchter, ich sorge mich, wenn jetzt 60 arabische Männer in 200 Meter Entfernung wohnen." So ähnlich hat das Naziblatt "Der Stürmer" die Gefährdung der "blonden Rasse" behandelt. (...)

Deutsche Geschichte ist für [Kretschmann] Ernst August von Hannover. Adlig zu sein, sagt Kretschmann, "ist eine Haltung, eine Sache des Herzens, des Charakters". Aus vollem Herzen überfielen Deutschordensritter die Pruzzen, und die ihnen nachfolgende Brut mordete für Adolf Hitler in Polen und der Sowjetunion. Der Adel dankt Kretschmann für das Vertrauen und verspricht ihm, so nachhaltig zu leben wie die Grünen, von der Kutsche bis zur Bahre. (...)

Dass die Grünen und die grünnahen Anstalten, die aus der Versöhnung mit dem System einen Beruf gemacht haben, sich gegenseitig Mut attestieren, hat mit ihrem Gewissen zu tun. Sie missionieren seit Jahrzehnten für ein rotgrünes Regierungsbündnis und fechten jetzt, aus Angst vor dem Draußensein, für die Allianz mit der Franz-Josef-Strauß-Nachfolge-Partei und jener, die den Sozialdarwinismus zum Lebenssinn erklärt. Um beliebige Koalitionsbereitschaft zu signalisieren und sich vor Vorwürfen zu schützen, haben die Grünen den Entwurf ihres Regierungsprogramms auf das reduziert, was die Arbeitsteilung ihnen lässt: "Erstens Öko, zweitens Öko, drittens Öko" ("Taz"). Die Grünen wollen den fossilen Verbrennungsmotor doch tatsächlich „mit ökologischen Leitplanken“ versehen, irgendwie und irgendwann. Angela Merkel, China und die Automobilwirtschaft werden ihnen da vermutlich zuvorkommen.

Ich hätte mir für diese Abrechnung mit der olivgrün lackierten FDP und ihren asozialen, kriegstreibenden und zutiefst menschenfeindlichen Adels-, Wirtschafts- und Kirchenschranzen zwar etwas mehr Tiefgang und vor allem Umfang gewünscht, aber in einem Print-Medium ist der Platz eben begrenzt. Zur Einordnung dieser widerwärtigen Partei in den auf Hochtouren laufenden kapitalistisch-faschistischen Untergangsreigen taugt der Text aber allemal.

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"So kam er nach Österreich!"



(Titelblatt des Nazi-Hetzblattes "Der Stürmer", wahrscheinlich um 1939; Textauszug: "So sahen sie alle aus, als sie vom Osten her nach Österreich kamen. Nichts nannten sie ihr Eigen, rein gar nichts. Aber bald schon änderte sich das. Sie steckten ihre krummen Nasen in alles; sie nisteten sich überall ein und es verging nur eine kurze Zeit, da waren sie die Herrscher. Ihr Endziel ist die Errichtung der jüdischen Weltherrschaft." – Diese Ausgabe gab es übrigens in identischer Form auch unter dem Titel "So kam er nach Deutschland!")

Anmerkung: Wer in diesen völlig sinnfreien, intelligenzfeindlichen "Stürmer"-Zeilen gewisse Parallelen zur heutigen Zeit – beileibe nicht nur, aber auch aus dem olivgrünen Umfeld – entdeckt, hat schon mehr verstanden als die komplette Mainstreampresse in diesem Land. Wie gut, dass es – zumindest vereinzelt – noch Stimmen wie die des Herrn Trampert gibt. Wer weiß schon, wie lange noch?

Samstag, 22. Juli 2017

Der lupenreine Rechtsstaat der Raubritter


Eine Anmerkung vorweg: Ich bin kein Jurist und wollte zum Glück auch nie einer sein.

Der freiheitlich-demokratische Rechtsstaat ist schon eine tolle Sache. Das hat gerade wieder einmal das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen bewiesen, das zwielichtigen polnischen Schwerverbrechern 400.000 Euro abgenommen hat. Der WDR berichtete kurz – und gewohnt informationsarm – darüber:

Die Bundesrepublik Deutschland darf knapp 400.000 Euro behalten, die der Zoll bei drei Verdächtigen beschlagnahmt hatte. Das hat das Verwaltungsgericht Gelsenkirchen am Donnerstag (20.07.2017) entschieden. Die Männer aus Polen hatten das Geld vor vier Jahren in bar dabei, als sie auf der Autobahn kontrolliert wurden. (...) / Aufgefallen war das verdächtige Trio bei der Kontrolle auf der Autobahn 2 bei Hamm. In ihren Westen trugen die Männer paketeweise Euroscheine am Körper. Die seien für den Kauf von Baumaschinen bestimmt, sagten sie. Die Zollbeamten glaubten ihnen kein Wort, vermuteten Drogengeschäfte und beschlagnahmten das Geld. / Beweise hatte der Zoll allerdings nicht, vor dem Amtsgericht Hamm wurden die Männer freigesprochen. Dennoch behielt der Zoll die gesamte Summe, zur Gefahrenabwehr[,] so die Argumentation. Zu Recht, wie das Verwaltungsgericht jetzt urteilt[e]: Da die Männer die legale Herkunft des Geldes nicht zweifelsfrei belegen konnten, wiesen die Richter die Klage ab.

Moment – polnische Schwerverbrecher? – Ja, so geht das in einem ordentlichen, lupenreinen Rechtsstaat: Wenn Dir etwas unterstellt wird, das nicht bewiesen werden kann, musst Du eben selbst das Gegenteil beweisen. Das lässt sich doch wunderbar auf alle möglichen Bereiche anwenden: Die Freunde und Helfer in Uniform Bullen vermuten, dass Du bei Rot über die Ampel gefahren bist, haben aber keine Beweise dafür? Was soll's, dann musst Du eben selbst beweisen, dass Du dich völlig regelkonform verhalten hast. Oder Dir wird unterstellt, die Omma von nebenan ermordet zu haben – nun beweise mal schön, dass Du unschuldig bist, sonst wanderst Du nämlich lebenslang in den Knast.

Nun ist es – zumindest jenseits des mafiösen, kriminellen Milieus (Politik, Wirtschaft etc.) – zwar in der Tat eher unüblich, mit 400.000 Euro in bar durch die Gegend zu gurken; allerdings ist dieses Urteil dennoch hanebüchener Irrsinn, wenn man der WDR-Kurzinformation folgt. Ob hier wichtige Details nicht genannt oder verzerrt wurden, entzieht sich meiner Kenntnis, da nicht einmal ein Aktenzeichen genannt wird. Es ist allerdings allgemein bekannt, dass man jahrzehntelang als seriöser, aus Steuergeldern fürstlich alimentierter Staatsmann, der keinerlei Bestrafung zu befürchten hat, gilt, wenn man beispielsweise Wolfgang Schäuble heißt und mit einem dicken Geldkoffer in der Hand erwischt wird: Da wird nicht einmal Anklage erhoben.

Man sollte sich also wappnen: Wenn man demnächst die kärgliche Rente oder den Hungerlohn vom Geldautomaten abhebt, sollte man am besten Beweisfotos schießen, damit die Kohle bei der nächsten Kontrolle durch die Staatsschergen nicht beschlagnahmt wird: "Aber Herr Wachtmeister, das ist doch nur meine Rente für diesen Monat!" – "Das sagen sie alle – beweisen Sie diese Behauptung bitte! Ich glaube vielmehr, Sie haben Drogen vor dem Kindergarten verkauft! Sie widerwärtiger Schuft!"

Und nun stellen wir uns mal vor, dass Opa Kowalski seit mindestens 30 Jahren zuhause einen Geldbetrag unter dem Kopfkissen aufbewahrt, und dann kommt ein solcher rechtsstaatlicher Richter des Weges und möchte "zweifelsfrei nachgewiesen" haben, dass diese Kohle "legal" sei. Da tanzt der Amtsschimmel irre kichernd und kotzend durch den Gerichtssaal, dass es eine helle Freude ist – und der Opa ist die Kohle los.

Üblicherweise wird vom Zoll beschlagnahmte Ware ja vernichtet (wer's glaubt, wird selig). Es ist schon reichlich seltsam, dass dieses Prinzip beim Thema Bargeld offenbar auch hochoffiziell nicht angewendet wird: Anstatt die Scheine zu verbrennen oder zu schreddern, streckt der Staat seine langen Finger aus und steckt sie sich elegant in die eigene Tasche, um beispielsweise Schäubles luxuriösen Dienstwagen zu finanzieren. Ich möchte die Begründung für dieses Prozedere – sofern es überhaupt eine gibt – lieber gar nicht wissen. Es muss dem Untertanen schon reichen, dass dies der "Gefahrenabwehr" dient – selbst dann, wenn Opa Kowalski der "Täter" ist, dem gar nichts zur Last gelegt werden kann.

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Der Angeklagte hat das Wort!



(Lithografie von Honoré Daumier [1808-1879], in: "La Caricature", 1835)

Freitag, 21. Juli 2017

Song des Tages: Fields of Sorrow




(Orden Ogan: "Fields of Sorrow", aus dem Album "Gunmen", 2017)



Anmerkung: Es ist nur eine Randnotiz – aber die Idee, einen solchen Song, der in Moll geschrieben ist, auf einem Dur-Akkord enden zu lassen, der letztlich aber doch wieder in die tiefer liegende Moll-Region absinkt, ist wohl einzigartig. Ich kenne kein vergleichbares Beispiel aus der Rockmusikgeschichte.

Donnerstag, 20. Juli 2017

Und Orwell tanzt


Unsere geliebte Bundesregierung arbeitet sehr fleißig daran, den dystopischen Albtraum des totalen Überwachungsstaates zu einem Abschluss zu bringen. Nach ähnlichen Projekten in den "alten" Bundesländern hat sie nun auch die Reanimation der Stasi im Osten in die Wege geleitet. Menschenfeinde wie de Maizière, Seehofer, Gabriel, Kretschmann oder Ramelow ejakulieren wohl heimlich in ihre Unterhosen angesichts dieser autoritären, faschistoiden Entwicklung:

Zur Überwachung der Telekommunikation schließen sich vier Länder in Ostdeutschland sowie Berlin zusammen. Sie lauschen künftig gemeinsam, um Straftaten zu verhindern oder aufzuklären.

Allerdings ist die Bezeichnung "Stasi" hier irreführend: Während die DDR-Behörde noch auf altertümliche, rein analoge Strukturen zurückgreifen musste, verfügt die gesamtdeutsche, neue Gestapo nicht nur über ein fast lückenloses Netz, das ihr die Überwachung der gesamten Bevölkerung ermöglicht, sondern auch über eine degenerierte Bevölkerung, die sogar voller Lust viel Geld dafür bezahlt, die staatlichen Überwachungswanzen kaufen und benutzen zu dürfen. Ein derartig devot-groteskes Szenario hat sich nicht einmal George Orwell auszudenken getraut, da er seinerzeit ansonsten sofort ausgelacht worden wäre. – Heute ist diese Groteske schnöder Alltag.

Besonders bezeichnend ist auch die Kreativität jener Menschenfeinde, welche die Totalüberwachung in progandistische, "medientaugliche" Floskeln kleiden müssen. Irgendwelche kranken Gehirne haben sich für diesen grundgesetzwidrigen Angriff tatsächlich die Bezeichnung "Gemeinsames Kompetenz- und Dienstleistungszentrum (GKDZ)" ausgedacht. Ein noch perfiderer Name wäre kaum möglich gewesen. Das kommt den zynischen, tödlichen Sprüchen "Arbeit macht frei" oder "Jedem das Seine", die wir aus den finstersten, bösesten Zeiten dieses verfaulenden Landes kennen, schon recht nahe, denn hier geht es freilich nicht um "Kompetenz" oder "Dienstleistungen", sondern um eine autoritäre, polizeistaatliche Totalüberwachung.

Wer auch nur einen Augenblick glaubt, es ginge hier tatsächlich primär darum, irgendwelche Straftaten zu verhindern oder aufzuklären bzw. Menschen zu schützen, darf sich einen lilafarbenen Eselshut auf den Kopf setzen und für mindestens 20 Jahre in die Scham-Ecke zum keifenden Herrn Karl stellen, der dort ein peinliches Dauerlager (Dank an den Altautonomen für den Hinweis) aufgeschlagen hat. Die Überwachungsexzesse dieser "freiheitlich-demokratischen" Welt – sie betreffen ja keineswegs nur Deutschland – läuten vielmehr das letzte Kapitel des kapitalistischen Untergangs ein, der laut Systemlogik unweigerlich kommen muss. Da ist es, anders als in früheren Zeiten, ungemein hilfreich, wenn die Obrigkeit nun endlich uneingeschränkten Zugriff auf die dürre Gedankenwelt dieser abstoßenden, längst verdorbenen und konsequent dumm gehaltenen Bevölkerung (siehe "Herr Karl") hat.

Es ist eine billige Lachnummer am Rande, dass die korrupte Bande diese Maßnahmen gar nicht bräuchte, da von eben dieser deutschen Bevölkerung in "guter" alter Tradition natürlich keinerlei Gefahr für die "Elite" ausgeht. Wahrscheinlich ist es wohl ein typisch deutsches Phänomen, dass die braunen Arschlöcher trotzdem wie ferngesteuert die Gestapo neu aufbauen – nur um tausendprozentig sicherzustellen, dass auch ja nichts und niemand den erwünschten Ablauf des kapitalistischen Terrors stört.

Man weiß, dass man in einem totalitären Albtraum vor sich hin vegetiert, wenn die Obrigkeit eine neue Stasi-Zentrale allen Ernstes "Gemeinsames Kompetenz- und Dienstleistungszentrum" nennt, ohne dass die Widerlinge schallend ausgelacht oder sonstwie medial kritisiert werden. Ich werde ab sofort jede E-Mail, die ich versende, per Copy-Funktion auch an unsere geliebte Sonnenkaiserin Merkel bzw. eventuell nachfolgende Ersatzdrohnen und ihre Propagandabehörde (tagesschau.de) weiterleiten, damit die elitäre Herrschaft stets weiß, wie ungemein widerwärtig und abstoßend ich sie finde.

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Kleine Hitler warten



(Zeichnung von "Hehu", unbekannter Künstler, in: "Der Simpl", Nr. 14 vom November 1946)

Mittwoch, 19. Juli 2017

Das Wahltheater, oder: Der Zombie im Keller


Vor einigen Tagen habe ich bei Zeit Online einen interessanten Bericht gelesen, der sich mit dem Wahlverhalten junger Menschen befasst und dazu drei – freilich nicht repräsentative – Beispiele aus entsprechenden Interviews benennt. Ich halte die Auswahl zwar für wenig aussagekräftig, da es sich um drei junge Menschen handelt, die sich zumindest rudimentär mit politischen Gedanken auseinandergesetzt zu haben scheinen – dennoch ist die Lektüre spannend.

Ich zitiere keine Passagen aus diesem Text, sondern empfehle ausdrücklich, das Stück in Gänze zu lesen. Selbstverständlich wird auch hier überdeutlich, dass niemand der Beteiligten – weder die drei jungen Leute, noch die Autorin – über den sehr begrenzten Tellerrand des "alternativlosen", kapitalistischen Systems hinauszuschauen vermag. Es ist wie in einem schlechten Horrorfilm: Als Zuschauer (hier also Leser) weiß man unverzüglich, dass es eine ganz, ganz schlechte Idee ist, jetzt in diesen finsteren Keller, aus dem es nach Verwesung riecht und aus dem grausige Schreie zu hören sind, zu steigen – aber natürlich tun die jeweiligen Protagonisten das trotzdem und kommen folglich regelmäßig grausig ums Leben.

So liest sich auch dieser Text – auch wenn die Autorin und die Interviewten das selbstredend empört von sich wiesen, falls man sie fragte.

Ungeachtet der Tatsache, dass hier wie immer keine Ursachenforschung – also keine System- bzw. Kapitalismuskritik – stattfindet, ist es beachtlich, dass alle drei "Wahlverweigerer" aus unterschiedlichen, meist aber rein egoistischen (kapitalistischen) Gründen zu demselben nüchternen Ergebnis kommen und feststellen, dass Wahlen in dieser albernen Demokratiesimulation so sinnvoll sind wie das Dschungelcamp oder die Wettervorhersage. Sie ahnen vermutlich nicht, dass sie damit – wenn auch aus den "falschen" Gründen – des Pudels Kern getroffen haben.

In diesem Zusammenhang – und natürlich auch in den inzwischen 584 Kommentaren unter diesem Text – wird immer wieder die Frage gestellt, was hier denn – stets vorwurfsvoll: "Bitte schön!" – Abhilfe schaffen soll. Dabei ist die Antwort doch so einfach und offensichtlich, wenn man einfach mal über den besagten Tellerrand springt: Wenn Du merkst, dass Du innerhalb eines bestehenden Systems partout nichts bewirken kannst, egal was Du auch tust, dann musst Du natürlich die Systemfrage stellen! Anders gesagt: Wenn Du dich in einem billigen Horrorfilm befindest, solltest Du gewiss nicht in den finsteren Keller hinabsteigen, sondern stattdessen die Beine in die Hand nehmen und flugs das Weite suchen, bis die Schuhsohlen glühen. Das fängt im Schädel an – schließlich kann nur dort Veränderung beginnen. Wenn Du zu diesem ersten Schritt jedoch nicht bereit, fähig oder willens bist, bleibt alles beim Alten.

Ich habe, wenn ich meine Kindheit abziehe, satte 40 Jahre für diese schlichte Kindergartenerkenntnis gebraucht. Das macht mir große, wirklich sehr große Angst. Der Zombie im Keller wird wohl auch weiterhin der Normalzustand dieser verkommenen, sich einmal mehr auflösenden kapitalistischen Welt bleiben. Ich gehe dann mal aufs Klo.

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"Scheußlich, diese Demokratie! Man muss sich von Leuten wählen lassen, die man nicht mal als Stallknecht in seinem Hause dulden würde."

(Zeichnung von Erich Schilling [1885-1945], in "Simplicissimus", Heft 7 vom 14.05.1928)

Montag, 17. Juli 2017

Eine satirische Übung zur "humanen Revolution"


Ein schmerzhafter Gehirnspagat ist ja vorprogrammiert, wenn Esoteriker sich über das Thema "Revolution" auslassen. Ich war also vorgewarnt, als ich vor einigen Tagen bei meinen Eso-Freunden von "Jenseits der Realität" einen Satz las, den der selbsternannte "Agnostiker" (also ein "gläubiger Nicht-Gläubiger") Holdger P. unter dem Titel "Denkmal!Pflege" [sic! bzw. lol!] veröffentlicht hat. Das Elaborat ist zwar versehen mit dem hilfreichen Hinweis, dass es sich nicht nur um esoterischen Dünnschiss, sondern auch um "anderes dummes und kluges [sic! bzw. lol!] Zeug" handele, allerdings ist zu bezweifeln, dass die wenig geistaffine Leserschaft dieses Blogs, das sich hochtrabend "Magazin" nennt, mit dieser scheinbar selbstkritischen Einschränkung etwas anfangen kann.

Wie dem auch sei – Holdger P. schrieb:

Eine humane Revolution breitet sich nicht durch Abschreckung aus.

Ich verschluckte mich und spie einen halben Liter Kakao auf meinen Monitor und die davor befindliche Tastatur, und ich behalte mir vor, Regressforderungen geltend zu machen. Ich dachte kurz nach, welche wie auch immer geartete "Revolution" sich denn wohl je durch "Abschreckung" ausgebreitet habe, kam aber zu keinem sinnvollen Ergebnis. Also fragte ich mich, was der Zusatz "human" in diesem Satz verloren hat, denn das könnte den Sinn ja eventuell völlig verändern – aber auch diese Überlegungen führten ins gewohnte Nichts.

Ich gebe so schnell aber nicht auf und entschloss mich daher, trotzdem über den Begriff "humane Revolution" weiter nachzudenken. Was mag der hochsensible Künstler damit wohl gemeint haben? Sind es die DemonstrantInnen, die den aufmarschierten Soldaten Blümchen in den Gewehrlauf schieben, bevor sie erschossen und verscharrt werden? Oder meint er die "Brüder und Schwestern" aus der ehemaligen DDR, die sich wie von Sinnen vom ausgetrockneten Feld des Pseudo-Sozialismus' in die kapitalistische Jauchegrube gestürzt haben und dort reihenweise ertrinken? Möglicherweise meint er aber auch nur die Ablösung des Festnetztelefons durch die staatliche Überwachungswanze, auch "Dumpf-Phone" genannt? Man weiß wahrlich sehr wenig.

Ich sinnierte so vor mich hin, ohne zu einem Schluss zu kommen, besann mich dann aber und erinnerte mich daran, dass es hier schließlich um Esoterik geht. So wird ein Schuh daraus: Wer fest daran glaubt, dass Globuli wirken, dass Gott die Geschicke der Welt lenkt oder dass der Nicht-Glaube an ein fliegendes Spaghettimonster auch nur ein Glaube sei, der kann auch von einer "humanen Revolution" schwadronieren, die sich im Gegensatz zu anderen Revolutionen nicht durch Abschreckung ausbreitet, ohne unverzüglich Gehirnkrebs zu bekommen. Ich war somit am Ziel – dachte ich.

Mein Restgehirn war aber nur noch eine breiige, empfindungslose Masse nach dieser Übung und ich habe mich jammernd nach der Erstürmung der Bastille, nach wütend geschwenkten Mistgabeln und aus dem Land gejagten, geteerten und gefederten Politikern und nach der unweigerlichen, zwingend notwendigen Abschreckung für nachfolgende Schlips-Borg gesehnt. Sodann bin ich weinend eingeschlafen und habe von einer humanen Satire und großen, noch humaneren Scheiterhaufen, auf denen nicht die Esoteriker, wohl aber deren Gehirnauswürfe unter jubelndem Massengeschrei verbrannt werden, geträumt.

(Rush: "Bastille Day", 1975)

Als ich wieder bei Sinnen war, hatte ich einen üblen Kater, als hätte ich zuvor eine Flasche Schnaps getrunken. Ein weiß gekleideter Engel mit güldenen Flügeln, der sich "Holdgus Patrius" nannte und mir unablässig die Peitsche gab, flüsterte mir dabei ohne Unterlass ins Ohr: "Glaube (*Peitschenhieb*), Charlie, glaube (*Peitschenhieb*) daran!" – Danach erschoss ich mich ohne Zögern und erwachte in der ewigen Mitternacht. Das ziegenhörnige, teuflische Lachen des Faulfußes erfüllt seitdem die totale Finsternis bis in alle Ewigkeit.


(Faulfußens Triumph)

Samstag, 15. Juli 2017

Song des Tages: Rising of the Tide




(Blackfield: "Rising of the Tide", aus dem Album "Welcome To My DNA", 2011)

Any day can be
The last day in your life
So make it an unforgettable time

Another sleepless night
And anxiety attacks
The doctor said you need some rest

But you're always on the run
Tracing after a place to hide
You were born to your mom
Shaking hands

Wolves are out tonight
And they're looking for a fight
'Cause they run at the speed of light
It seems you're home again

Don't forget to play
While time is running out
The clock tower in the window sky

Any day can be
The last day in your life
So make it an unforgettable time

Around the blinking lights
From a giant neon sign
You were born in the wrong, wrong year

Your soul is freezing ice,
But still I'm asking for a slice
You had to feed those monster hearts
And when you're home again

You feel you had enough
It's like the rising of the tide
You're a shadow just passing by

The wolves are out tonight
And they're looking for a fight
And they run at the speed of light
It seems you're home again


Freitag, 14. Juli 2017

Lapuente: Erotische Träume von Uniformen und Schlagstöcken


Zu dem allgemeinen Rechtsschwenk, der momentan wie ein brauner Wind stinkend durch die Politik und die Medien rauscht, gesellt sich nun auch ein üblicher Verdächtiger, der seine parteipolitische, korrupte Maske gar nicht mehr abnehmen muss, um als Clown identifiziert zu werden: Lapuente fordert nach dem "Festival der Demokratie" in Hamburg, auf dem sich gewaltbereite, vermummte und bewaffnete Staats-Chaoten darin geübt haben, friedfertigen BürgerInnen die Fresse zu polieren, allen Ernstes "mehr Polizei".

Ich weiß nicht, ob dieser Knabe tatsächlich so dumm oder gewalttätig ist, wie er sich gibt, oder ob er doch nur der parteipolitischen Agenda folgt, die er in seinem verbalen Auswurf anreißt. An anderer Stelle hat der Wirrkopf gar das alberne Märchen nacherzählt, dass die SPD "strukturell links" sei. SPD – links!!! Zwanzig Jahre reichen nicht, um diesem Idioten, der offensichtlich versucht, in der korrupten Linkspartei Karriere zu machen und sich ein auskömmliches Pöstchen zu sichern, ein Licht aufgehen zu lassen. Anders jedenfalls ist diese schaurige Schmierenkomödie nicht erklärbar.

Der Dummkopf schreibt allen Ernstes:

Linke und Polizisten, so paradox das in diesen Tagen für manchen auch klingen mag, sitzen gerade im selben Boot. Beide werden benötigt und beide leiden unter einem Imageproblem. Der Linke – was immer diese Klassifizierung auch heißen mag – und der Polizist müssen gar keine natürlichen Feinde sein.

Ein "Imageproblem" ist das also? Ist Lapuente nun schon die Marionette irgendeiner Werbeagentur? Ist der Kerl noch ganz bei Trost oder hat er seinen leeren Schädel schon so tief in irgendeinem Enddarm versenkt, dass er gar nicht mehr merkt, welchen Blödsinn er absondert? – Wenn es aus dem furchtbaren Ereignis in Hamburg überhaupt etwas zu lernen gibt, dann ist es – sofern man Lapuentes geistigen Schmalspuren folgt – die Erkenntnis, dass paramilitärische Polizeieinheiten auch weiterhin dafür sorgen sollen, dass jedweder demokratischer Protest gegen das kannibalische System gewalttätig niedergeknüppelt wird. Das kennen wir in Deutschland nur allzu gut – die Nazi-Bande hat das damals minutiös vorgemacht.

Aber für Lapuente gilt auch weiterhin, dass der freundliche Polizist sein persönlicher "Freund und Helfer" ist, während die widerlichen Arschlöcher, die in Hamburg völlig "rechtsstaatlich" gewütet und geprügelt haben, längst ihr Belohnungsbier in der Kneipe genießen und sich schon auf den nächsten "Einsatz" freuen. Vielleicht sollte Lapuente darüber nachdenken, ob er – falls seine angestrebte Parteikarriere nicht klappt – vielleicht in der Polizei eine neue Heimat finden könnte: Mit Uniform, Schlagstock, Pfefferspray, Sturmgewehr und Stahlstiefeln könnte er seine sozialdemokratischen, "linken" Ideale doch noch viel besser verbreiten – ganz besonders dann, wenn er sich vermummt. Ich habe mir erzählen lassen, dass diese Anonymität einen ganz besonders erotischen Kick bescheren soll.

Es ist mir ein Rätsel, wieso dieser Kerl sich nicht schämt, wenn er in den Spiegel schaut.


Donnerstag, 13. Juli 2017

Die christlichen Rechtsradikalen


Es ist ja ein alter Hut, dass die CSU der NPD oder AfD in nichts nachsteht – Belege dafür gibt es mannigfaltig. Stefan Gärtner, Kolumnist der Titanic, hat Horst Seehofer jüngst als "Parafaschist" bezeichnet und lag damit goldrichtig. Trotzdem können im Zuge des politischen und medial wohlwollend begleiteten Rechtsrucks nach Hamburg einige Faschisten ihren Mund nicht halten, so dass heute zu lesen war:

Manfred Weber fordert ein härteres Vorgehen der EU gegen Schleuser vor der libyschen Küste. Der CSU-Politiker und Vorsitzende der christdemokratischen EVP-Fraktion im EU-Parlament will dafür notfalls auch Waffengewalt als Mittel einsetzen.

Ja, so lieben wir unsere christlichen Arschlöcher: Sonntags hocken sie scheinheilig auf den Knien in ihrer prunkvoll geschmückten Kirche, und montags lassen sie auf Flüchtlinge schießen. Herr Weber ist damit ein vorzügliches Beispiel für die gesamte korrupte Bande der kapitalistischen Steigbügelhalter der etablierten, korrumpierten Parteien (CDU, SPD, FDP, Grüne, AfD, Linke) und sagt exakt das, was diese schmierigen Figuren auch tatsächlich tun. Letzten Endes fehlt eigentlich nur noch die politische Erörterung der "Endlösung", um diesen menschenfeindlichen Gesellen auch hochoffiziell das Hakenkreuz auf die Stirn zu pappen.

Wer wählt solche Zombie-Schlips-Borg? Ist der Masochismus vielleicht doch viel verbreiteter in Deutschland als vermutet?

Ich halte ja nichts von Religionen bzw. halte ich sie für giftiges Schlangenöl; aber der Herr Weber soll mir dennoch einmal erklären, wie es mit der christlichen Nächstenliebe zu vereinbaren ist, faschistische Positionen zu vertreten. Ich vermute, dass der stumpfe Kerl damit überfordert wäre und mich, statt eine Antwort zu formulieren, lieber auf die Reise ins KZ schicken würde. Fragen sind im braunen Kapitalistan unerwünscht – man hat entweder zu glauben oder muss ignoriert bzw. entfernt werden.

Es wird wahrlich Zeit, den längst gepackten Koffer unter den Arm zu klemmen und sich um Asyl – beispielsweise in Afrika – zu bemühen. In Europa warten jedenfalls nur noch Untergang und Tod. Hoffentlich finde ich einen Schleuser, der mir aus diesem Untergangsszenario heraushilft – ganz wie damals, als die "bösen Schleuser" vielen Juden geholfen haben, das untergehende Todesland "illegal" zu verlassen.

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Die Durchleuchtungsmaschine



(Zeichnung von Henry Meyer-Brockmann [1912-1968], in: "Der Simpl", Nr. 4 vom Mai 1946)

Mittwoch, 12. Juli 2017

Welch eine Jugend: "Krümm Dich beizeiten!"


Es ist ja ein sehr, sehr alter Hut, dass Ältere gerne mal auf die Jugend einprügeln, weil diese sich nicht ganz so verhält, wie der gesittete Ältere es gerne hätte – die vielen Beispiele dafür muss ich hier nicht zitieren. Als ich selber noch zu dieser jugendlichen Gruppe gehörte, habe ich mich beispielsweise köstlich darüber amüsiert, dass ich während meiner Zivildienstzeit von den mir damals "Vorgesetzten" – das waren zwei ultraspießige Hausmeister, die wohl zum ersten Mal einen "Untergebenen" hatten – konsequent als "Mädchen" bezeichnet wurde, weil ich auch damals schon lange (im Übrigen sehr schöne) Haare hatte. Ich fand das damals lustig und habe die beiden Gesellen im Gegenzug nur mit "Sire" und "Euer Hochwohlgeboren" angeredet, was die beiden wiederum gar nicht witzig fanden und mir das Zivildienstleben – freilich ohne Erfolg – erst recht zur Hölle zu machen versuchten.

Zuvor hatte ich in der Schule ausgerechnet einen Reserveoffizier der Bundeswehr als Deutsch- und Geschichtslehrer (nein, das ist kein Witz), der mich "gefressen" hatte und gerne vor dem versammelten Kurs einen "langhaarigen Affen" nannte. Als Antwort darauf habe ich mir damals eine dieser ausrangierten Bundeswehr-Jacken besorgt, die ich zuerst von dem schwarz-rot-pissgelbem Banner befreit und sodann über und über mit einem Edding beschriftet und mit drastischen Aufnähern versehen habe (ich danke noch heute meiner seligen Mutter für die sehr subversive Hilfe, denn ich konnte nicht nähen) – und auf dem Rücken prangte in großen Lettern der Schriftzug: "Lieber ein langhaariger als ein hirnloser Affe". Der Mann fand das ebenfalls nicht lustig und hat mich durch sämtliche Instanzen gezerrt und weiter gemobbt – allerdings ohne Erfolg. Er muss die Zeugnisübergabe an seinen linken Erzfeind am Tag der Abi-Feier als persönliches Waterloo empfunden haben und war danach nie wieder derselbe. Aber das nur am Rande. ;-)

Heute scheint der Wind aus einer gänzlich anderen Richtung zu wehen. Bei Zeit Online las ich vor einigen Tagen voller Entsetzen:

Die 17-jährige Julie Peuten aus Hamburg ist zufrieden, wenn sie von ihrem gerade erst bestandenen Abitur erzählt: "Es ist gut gelaufen." Tatsächlich ist es sogar sehr gut gelaufen: Julie hat einen Notendurchschnitt von 1,7 und ist damit eine von knapp 10.000 Abiturienten, die in diesem Jahr allein in Hamburg die Schulen verlassen. Sie alle wollen ihren Abschluss gebührend feiern. Doch mit einem improvisierten Fest in der Turnhalle oder Aula der Schule ist es schon lange nicht mehr getan. Abibälle folgen heute meist einem feierlichen Protokoll: Erst posieren die Schüler in einer repräsentativen Räumlichkeit vor einer Fotowand, dann folgt der Eröffnungstanz, es werden Reden gehalten und es wird diniert, bevor der Abend in eine Party übergeht.

Was zur Hölle ist da los? Die grausigen Fotos von völlig bekloppten, aufgetakelten und wie Huren geschminkten Teenagern, die diesem Bericht beigefügt sind, erinnern mich an die kapitalistische Teufelsgruft, die ich vielleicht in den USA ausmachen würde, aber doch nicht in Hamburg? Wenn man den Text in Gänze liest, wird das Grauen aber noch verstärkt und tut richtig weh:

Ein Ticket für den Abiball von Julie Peutens Jahrgang kostet 85 Euro. "Das ist schon viel Geld", meint sie, "man hätte es vielleicht auch etwas kleiner gestalten können. Andererseits: Wie oft geht man denn schon auf einen richtigen Ball?"

Ist das Satire? Oder steckt diese Jugend tatsächlich schon so tief im kapitalistischen Enddarm, dass sie gar nicht mehr bemerkt, wie grotesk sie sich verhält? Was um alles in der Welt soll man von solchen jungen Menschen erwarten, die sich schon in ihrer "Sturm-und-Drang-Phase" dem System an den Hals werfen, als gebe es kein Morgen? Geht es auch noch angepasster, unkritischer, systemkonformer, dümmer oder devoter? Um des Spaghettimonsters Willen: Es muss ja nicht gleich so ein derber Konfrontationskurs sein, wie ich ihn seinerzeit einschlagen musste – aber geht denn vielleicht ein kleines bisschen Kritik? Ich lese in diesem Bericht nichts davon und kann nur hoffen, dass diese aalglatten, furchtbaren Hamburger Systemschranzen, die da zu reinem Eigennutz herangezüchtet wurden, hoffentlich, hoffentlich nicht repräsentativ sein mögen.

Wenn es stimmt, dass die Zukunft vornehmlich von der Jugend gestaltet wird, dann ist diese Welt wohl völlig im Arsch. – Ich hätte es nie für möglich gehalten, dass ich selber solche Misstöne anschlagen werde, während ich auf meine eigene Rebellion aus der Jugendzeit nostalgisch zurückblicke. Bin ich korrumpiert – oder ist es doch eher die hier dargestellte Jugend? Ist es wirklich so, dass heute die Opas und Omas rebellischer sind als die Jugend? Falls das so ist, hat es sich sehr bald "ausrebelliert" und es kehrt schauderhafte Friedhofsruhe ein im kapitalistischen Katastrophensystem.

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Tele-Kolleg



(Zeichnung von Marie Marcks [1922-2014], in: "Krümm Dich beizeiten!", 1977)


Montag, 10. Juli 2017

Zitat des Tages: Patrouille


Die Steine feinden
Fenster grinst Verrat
Äste würgen
Berge Sträucher blättern raschlig
Gellen
Tod.

(August Stramm [1874-1915]: "Patrouille", in: "Der Sturm", Heft 7/8 vom Juli 1915)