Mittwoch, 18. Oktober 2017

Popcorn: "Die Partei, die Partei, die hat immer ..."


Stehen Popcorn, Bier und Zigarren bereit? Es ist wieder einmal soweit: Die selbsternannte "Linke", die aus strammen Fanboys und -girls (wobei letztere da eher selten auftauchen) der Linkspartei besteht, lädt wieder ein zum großen Kino der Selbstzerfleischung. Es geht – natürlich – wieder einmal um die "Neulandsozialdemokraten" – diesmal allerdings nicht um den rechtsgewendeten, unsäglichen Lapuente oder den bedauernswerten Nostalgiker Wellbrock, sondern um das lustige Kommentariat, das aus größtenteils alten, sich "links" wähnenden Männern besteht, die dem Internet und der restlichen Welt eben jene Welt erklären wollen, während sie brav und bieder Parteifähnchen schwenken.

Der Anlass ist zu vernachlässigen – ich habe mir den Podcast, der als Auslöser für das Kinoerlebnis dient, nicht angehört. Irgendein Erkenntnisgewinn ist da ohnehin nicht zu erwarten. Stattdessen habe ich begierig die Kommentare dazu gelesen – und wurde natürlich nicht enttäuscht.

Da geben sich die Fähnchenschwenker die Klinke in die Hand: Während die eine Fraktion der Obergrenzen-Apologetin Wagenknecht nicht nur die Schuhe, sondern jedes erdenkliche Körperteil küsst, heult die andere ausschweifend herum, dass diese Opposition gegen die Machtansprüche von Kipping und Riexinger ja kontraproduktiv sei und letzten Endes nur den Nazis in die Hand spiele. Was soll man dazu noch sagen – ich habe mit offenem, freilich grinsendem Mund vor dem Monitor gesessen und wähnte mich auf einer Titanic-Seite.

Keiner (wirklich nicht ein einziger) dieser parteihörigen Schwerdenker – ob nun Wagenknecht- oder Kipping-Fan – kommt auf den naheliegenden Gedanken, dass die Linkspartei längst angekommen ist im politischen Einheitsbrei des Kapitalismus, obwohl das so offensichtlich ist, dass ich mich schon in Grund und Boden schäme, erneut darauf hinweisen zu müssen. Diese Gesellen nehmen das einfach nicht zur Kenntnis und bleiben weiterhin bei ihrer felsenfesten Überzeugung, dass einzig die Linkspartei in der einen oder anderen Form dem kapitalistischen Terror ein Ende bereiten könne. Das sind geballte esoterisch-religiöse Überzeugungen, wie sie kafkaesker gar nicht sein könnten – Wasser brennt eben lichterloh, wenn man nur daran glaubt, gelle?

Mich erinnert das an die Diskussion der Feuerwehrleute, die vor einem brennenden Haus stehen und beratschlagen, ob man die lodernden Flammen nun besser mit Benzin, Kerosin oder doch eher mit flüssigem Sauerstoff bekämpfen solle. Derweil schwenken die Deppen weiter rote Parteifähnchen und wundern sich, dass der Faschismus dennoch eine neue Blüte erlebt – an dem ihre geliebte Partei nicht ganz unschuldig ist, was man aber nicht sagen darf, denn das ist böse, "spaltende" Ketzerei. Deshalb darf ich das nur hier schreiben – im Land der Linkspartei-Fetischisten werde ich dafür ganz menschenfreundlich gehasst, ignoriert und sogar per Mail bedroht: Irgendein Mensch, der sich "Sahra-Team" nannte, hat mir kürzlich in einer Mail nahegelegt: "Wenn du einfach stirbst wird dir keiner eine Träne nachweinen!! Dein scheiss Kommunismus ist tod [sic]!" – Und das ist noch ein eher harmloses Beispiel von vielen.

Ich lege also jedem, der sich dem Humanismus verpflichtet fühlt, nahe, dieses Güllebecken bei den "Neulandsozialdemokraten" aufzusuchen, den Schmonzes dort zu lesen und sich danach möglichst nicht irre kreischend von der nächsten Klippe ins Meer zu stürzen. Ich habe das geschafft, also kann es auch jede/r andere.

Mein Popcorn ist alle.

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(Zeichnung von Jiří Georg Dokoupil [*1954] aus dem Jahr 1985, Tinte auf Papier, Groninger Museum, Niederlande)

Dienstag, 17. Oktober 2017

Musik des Tages: Violinkonzert Nr. 2




  1. Allegro moderato
  2. Romanze. Andante non troppo
  3. Finale. Allegro con fuoco - Allegro moderato, à la Zingara

(Henryk Wieniawski [1835-1880]: "Konzert für Violine und Orchester Nr. 2 in d-moll", Op. 22, aus den Jahren 1856/62; Philharmonisches Orchester Posen, Violine: Bomsori Kim, Leitung: Marek Pijarowski, 2016)


Montag, 16. Oktober 2017

Braunsumpf: Beispiel Österreich


Nach dem Wahlerfolg der ÖVP im Nachbarland Österreich, der einmal mehr den immensen, immer bedrohlicher werdenden Rechtsruck überall in Kapitalistan illustriert, ist es mir ein Bedürfnis, auf einen sehr erhellenden Text von Bernhard Torsch hinzuweisen, der bereits am 12.10. in der Jungle World veröffentlicht wurde. Dort sammelt der Autor unter Anderem einige (längst nicht alle) der übelsten während des Wahlkrampfes geäußerten Meinungen und Ankündigungen des kleinen Schlips-Borg Sebastian Kurz, zu dem der Redaktion des Postillon nur die naheliegende Frage einfiel:

Falls er Österreichs Kanzler wird: Wer folgt Sebastian Kurz als Klassensprecher der 10b nach?

Ich liste einige der dort genannten Abstrusitäten, die dieser lächerliche Hampelmann, der wohl nur von geistig Umnachteten, die auch einen Lindner oder einen Höcke ernst nehmen können, von sich gegeben hat, der besseren Lesbarkeit wegen einmal komprimiert auf:

  • Im Windschatten der Kölner Silvesternacht 2015 bliesen die österreichischen Boulevardmedien jeden realen oder vermeintlichen Fall ­sexualisierter Gewalt von Asylsuchenden zur großen Story auf, Schwimm­bäder verhängten Hausverbote für Nichtösterreicher, an den Grenzen patrouillierte das Militär und der vom ­Integrationsstaatssekretär zum Außenminister aufgestiegene Sebastian Kurz ließ eine Studie über islamische Kindergärten so überarbeiten, dass aus einer weitgehend harmlos klingenden Zustandsbeschreibung eine grelle Warnung vor islamistischer Indoktrination wurde.
  • [Das Wahlprogramm der ÖVP, für das Kurz maßgeblich verantwortlich ist,] ist ein stramm rechtes Programm. Während es Steuererleichterungen in Milliardenhöhe für Unternehmer, Konzerne und Immobilieneigentümer geben soll, wird die Übernahme der deutschen Hartz-IV-Gesetzgebung gefordert.
  • Asylsuchende sollen zu "Putzdiensten" verpflichtet werden.
  • Drogendealer sollen in jedem Fall zu einer Haftstrafe ohne Bewährung verurteilt werden.
  • Die gleichgeschlecht­liche Ehe wird strikt abgelehnt.
  • NGOs, die Gelder aus dem Ausland erhalten, stehen mit einem Bein im Knast.
  • Die ÖVP fordert auch die Ausweitung der Überwachung der Bevölkerung.
  • Menschen ohne österreichische Staats­bürgerschaft will [die ÖVP] bei Sozialleistungen benachteiligen, die im Übrigen flächendeckend gekürzt werden sollen.
  • Bei jedem Auftritt spricht Kurz fast ausschließlich über "Ausländer", "Migranten" und den Islam. Er ging sogar so weit, das Zurückfallen österreichischer Schulen bei der Pisa-Studie Flüchtlingen in die Schuhe zu schieben.
  • Selbst vor der offensichtlichen Lüge, Österreicher verließen Wien wegen der vielen Ausländer, schreckte der Hoffnungsträger der Konservativen nicht zurück.
  • In Fernsehdiskussionen mit politischen Konkurrenten gibt sich Kurz streng und schneidend und imitiert dabei den Tonfall und sogar die Gestik von Jörg Haider.
  • Für Juden könnte es aber ohnehin ungemütlicher werden: Sowohl Kurz als auch Pilz [ein Ex-Grüner] sagten in den letzten Tagen, in einem Österreich unter ihrer Führung hätten "die Silbersteins" nichts mehr verloren.


("Noch am Wahlabend hatte er in einer Elefantenrunde beklagt, im Wahlkampf wiederholt mit Adolf Hitler verglichen worden zu sein.", GMX; Bild: Titanic)

Man kann also getrost resümieren: Die Mehrheit der wahlberechtigten österreichischen Bevölkerung steht der grandiosen Dämlichkeit und Menschenfeindlichkeit ihrer (nicht nur deutschsprachigen) Nachbarn in nichts nach, die sie letztlich natürlich auch selber betreffen wird. Das lässt sich im Übrigen auch an der weitergehenden Beschreibung der Wahlkampfinhalte von SPÖ und FPÖ im verlinkten Text von Torsch ablesen, die dem Kurz'schen Braunsumpf in nichts nachstehen bzw. sogar teilweise weit darüber hinaus gehen. Wer hier Ähnlichkeiten mit Deutschland, Frankreich, Ungarn, den Niederlanden, Polen und sogar Dänemark und vielen, vielen anderen pervertierten Nationen findet, ist auf einem guten Erkenntnisweg.

Menschenfeindlichkeit, Rassismus, stumpfsinniger Nationalismus und Faschismus sind wieder mehrheitsfähig im "vereinten Europa (*glucks*)", während Korruption, strikter Eigennutz, Lügen und Betrug den maßgeblichen Ton der herrschenden "Eliten" angeben. Das passt so gut zusammen. Und die Bevölkerung merkt's wieder nicht und blökt erneut munter mit im Chor des kakophonischen Untergangs. – Ich habe die kapitalistische Menschheit ja schon immer für eine bescheuerte, grunzende, hirnlose Affenhorde gehalten – aber auf solch eindrucksvollen Belege für diese These hätte ich im letzten Drittel meiner knappen Lebenszeit auch herzlich gerne verzichten können.

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Das rote Tuch



Der Stier, der lang auf rot dressiert,
wird noch vom alten Hass verführt.
Um ihn von andrem abzulenken,
genügt's, ein rotes Tuch zu schwenken.

"Das ist der Feind – der will dein Brot –
der schlachtet dich – den mach' schön tot!"
Er sticht – und steckt im Dreck so tief
und merkt zu spät: "Da ging was schief!"

Wer lächelt drob mit stillem Hohn?
Der Matador – die Reaktion!

(Zeichnung und Gedicht von Carl Sturtzkopf [1896-1973], in: "Der Simpl", Nr. 3 vom Februar 1947)

Freitag, 13. Oktober 2017

Die AfD und der Dietrich


Für all diejenigen, die vielleicht nicht wissen, um welche Person es hier geht – so etwas soll es ja leider geben –, sei angemerkt: Dietrich Bonhoeffer war "am deutschen Widerstand gegen den Nationalsozialismus beteiligt. (...) / Etwa ab 1938 schloss er sich dem Widerstand um Wilhelm Franz Canaris an. 1940 erhielt er Redeverbot und 1941 Schreibverbot. Am 5. April 1943 wurde er verhaftet und zwei Jahre später [nur wenige Tage vor dem Ende des Nazi-Terrors, Anm.d.Verf.] auf ausdrücklichen Befehl Adolf Hitlers als einer der letzten NS-Gegner, die mit dem Attentat vom 20. Juli 1944 in Verbindung gebracht wurden, hingerichtet."

Kürzlich war nun beim WDR anlässlich einer eher informationsarmen Kurzmeldung ganz am Rande und daher von vielen wohl unbemerkt die folgende, unkommentierte Bemerkung zu lesen:

Am kommenden Wochenende veranstaltet die AfD ihren Landesparteitag in der Schulaula des Dietrich-Bonhoeffer-Gymnasiums in Wiehl [NRW].

Welch eine Ungeheuerlichkeit in einem solchen lapidaren Satz steckt, muss ich eigentlich nicht näher erläutern, tue es aber gleichwohl: Was zur kochenden Hölle hat ein Landesparteitag in der Schulaula eines Gymnasiums verloren? Und was denken sich die Verantwortlichen zu allem Überfluss der Idiotie dabei, ausgerechnet einer rechtsradikalen Partei Zugang zu einer Schule, die einen solchen Namen trägt, zu gewähren? Befinden sich in diesem Land inzwischen denn nur noch Irre in "führenden Entscheiderpositionen" – sogar auf Kreisebene in der Provinz?


(Zeichnung von Hauck & Bauer, in: Titanic Online vom 09.10.2017)

Mittwoch, 11. Oktober 2017

Die Reichen und die Superreichen


Ein Gastbeitrag des Altautonomen

Wer am letzten Samstag, d. 07.10.2017, Lotto gespielt und sechs Richtige mit Superzahl hatte, konnte einen Gewinn in Höhe von 8,5 Millionen Euro einstreichen, sofern der Betrag nicht mit anderen Teilnehmern der Lotterie geteilt werden musste. Aus Jux habe ich früher mal mit meiner Freundin darüber spekuliert, was man mit so viel Geld anstellen könnte, denn die Verantwortung für eine so große Summe ist enorm.

Zwei Millionen Euro gingen sofort an eine Hilfsorganisation, die in Entwicklungsländern aktiv ist. Für meine Freundin wäre dies zudem die Möglichkeit, sofort mit der Erwerbsarbeit aufzuhören, die dann schlicht nicht mehr notwendig wäre. Ein schönes Haus kaufen (nicht bauen) und eventuell noch ein robustes Auto (kein SUV). Dann würde die Verwandschaft mit üppigen Beträgen ausgestattet. Das wäre es dann auch schon.

Fast doppelt so viel bekommen allerdings einige deutsche Profifußballer – und das nicht einmalig, sondern pro Jahr: Die Herren Thomas Müller, Robert Lewandowski und Manuel Neuer (alle Bayern München) erhalten für ihr Gekicke jeweils 15 Millionen Euro jährlich.

Nur mal so zur Veranschaulichung für Klein-Erna von den "Anonymen BWL-Abstinenzlern": Drei Millionen Euro hätten in 100-Euro-Scheinen ein Gewicht von 30 kg, 15 Millionen würden bereits 153 kg wiegen. Ohne SUV gibt es bei der Barauszahlung Probleme. Für 100 Millionen (0,1 Milliarden) bedarf es schon eines Tiefladers für das Gewicht von 1020 kg (1,02 t).

Zweifelsfrei zählen Menschen, die über mehrere Millionen Euro verfügen, zu den Reichen. Aber es gibt noch eine höhere Liga, nämlich die Superreichen. Das Manager Magazin (Sonderheft 10/2017, leider nicht online verfügbar) schreibt, dass sich die Zahl deutscher Milliardäre von 2009 bis heute von 99 auf 187 vergrößert hat. Selbstverständlich nur durch "harte Arbeit" (Schulz). Eine Milliarde, das sind 1.000 Millionen. In der Aufzählung werden auch diejenigen genannt, die ein beträchtliches Vermögen (inklusive Immobilien, Privatjets, Luxusjachten etc.) unterhalb der Milliardengrenze besitzen. An letzter Stelle – auf Platz 1.001 – liegt Thomas Gottschalk mit 90 Millionen Euro. [Anm.v.Charlie: Letzteres wird insbesondere all die Menschen sehr erfreuen, bei denen der "Gebührenservice" der öffentlich-rechtlichen Sender die Zwangsvollstreckung betreibt – und das werden immer mehr.]

Die Familie Quandt/Klatten (BMW) wurde mit 31,5 Milliarden auf Platz 2 verdrängt. Platz 3 belegt Dieter Schwarz (Lidl, Kaufland) mit 22 Milliarden. Die Familien der Gebrüder Albrecht (ALDI Nord und Süd) liegen auf den Rängen 5 und 6 mit 21,5 und 18 Milliarden Euro. Es folgt eine von mir willkürlich gelistete Auswahl:

  • Familie August von Fink (Mövenpick, Degussa): 5,4 Milliarden
  • Familie Günter Fielmann (Brillen): 4,5 Milliarden
  • Familie Heinrich Deichmann (Schuhe): 4,4 Milliarden
  • Familie Haub (Tengelmann-Gruppe): 4,2 Milliarden
  • Familien Werner und Lehmann (dm-Drogeriemärkte): 3,7 Milliarden
  • Familie Mohn (Bertelsmann): 3,2 Milliarden
  • Theo Müller (Müller-Milch): 3 Milliarden
  • Erich und Helga Kellerhals (Saturn, Media-Markt): 3 Milliarden
  • Bernard G. Brodermann (Asklepios-Kliniken): 2,5 Milliarden
  • Familie Mittelstein-Scheid (Vorwerk Staubsauger und Haushaltsgeräte): 2,5 Milliarden
  • Familie Schadeberg (Krombacher-Brauerei): 2,1 Milliarden
  • Michael und Reiner Schmidt-Ruthenbeck (Metro-Kette): 1,8 Milliarden
  • Clemens, Maximilian und Robert Tönnies (Fleischverarbeitung): zweimal 1,3 Milliarden
  • Florian Rehm, Christina Flügel, Andreas Kreuter (Jägermeister): 1,2 Milliarden

In der 2. Liga – also unterhalb der Milliardengrenze – lese ich dann Namen wie Dieter Bohlen, Phillip Lahm, Dirk Nowitzki, Sebastian Vettel, Michael Schumacher, Til Schweiger, Carsten Maschmeyer, Susanne Veltins (Bier), Familie Heinz Gries (de Beukelaer), Werner Brombach (Erdinger-Brauerei), Christian Rauffuss (Rügenwalder), Rubin Ritter (Zalando) und Steffi Graf, die allesamt jeweils ein Vermögen in Höhe eines dreistelligen Millionenbetrages besitzen.

Auffällig ist, dass mit den Namen oftmals keine Verbindung zu den Produkt-Labels hergestellt werden kann – nur in wenigen Fällen ist der Familienname mit dem des Produkts identisch. Die Liste ist nebenbei auch ein Dokument dafür, dass viele dieser Herrschaften mit Genuss- und Lebensmitteln den ganz großen Reibach machen. [Anm.v.Charlie: Des weiteren ist die Häufung von Namen in jener "2. Liga" bemerkenswert, die aus dem Spocht- und flachesten Unterhaltungs-Segment stammen.]

Weshalb diese elitäre Blase des Klassenfeindes vermutlich jede Menge Lobbyisten am Start hat, um zu verhindern, dass die Erbschaftssteuer zu ihren Lasten reformiert oder eine Vermögenssteuer eingeführt wird, dürfte einleuchten.

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Preis Nebensache


"Kaufen wir! Mein Mann hat Daimler-Aktien – der wird das Kind schon schaukeln."

(Zeichnung von Otto Lendecke [1886-1918], in "Simplicissimus", Heft 01 vom 02.04.1918)

Montag, 9. Oktober 2017

Schlips-Borg-Nachrichten aus dem Paralleluniversum des sabbernden Irrsinns (6): Entwarnung


Am vergangenen Samstag war bei n-tv die hübsche Meldung zu lesen:

Auto fährt Fußgänger auf Bürgersteig an / Der Vorfall weckt böse Erinnerungen: In London erfasst ein Auto mehrere Fußgänger. Elf Menschen werden verletzt. Am Abend gibt die Polizei Entwarnung: Es war kein Terroranschlag.

Da atmen wir alle erleichtert auf: Es war nur ein herkömmlicher Unfall, wie er in der Welt alle paar Minuten irgendwo passiert, aber kein "Terroranschlag" – für die Verletzten ist das sicher ein feiner Trost. Merken diese Journalistendarsteller eigentlich selber noch, welchen Bockmist sie da in die Welt koten, oder ist ihnen der geschlossene Weltbildersatz dieser Bagage bereits in Leib und Blut übergegangen?

Bei aller Anteilnahme fällt mir angesichts solcher Meldungen nur noch lautes Gelächter ein, das den Sinn solcher "Nachrichten" noch weit überhöht. Wie man hier auf die völlig absurde Vokabel "Entwarnung" kommen kann, erschließt sich wohl nur einem fleißigen Jünger der Orwell'schen Zukunftsphilosopie (BWL-StudentIn und angrenzender Religionen). Welchen Unterschied macht es doch gleich aus, ob dieser Unfall von einem besoffenen Spießer, einem zurückgewiesenen Verliebten, einem Islamisten, einem AfD-Anhänger, einem bösen Zufall oder einem unfähigen Autofahrer verursacht wurde? Na?

Die Hauptsache für unsere "objektiven" Massenmedien scheint zu sein, dass es sich wohl nicht um einen "Islamisten" handelt. Dann ist nun alles gut und im grünen Bereich und es kann "Entwarnung" gegeben werden. Mein Gehirn schrumpft beim Lesen solcher Meldungen ganz von selbst und erklärt sich dazu: "Wenn ich gar nicht gebraucht werde, gehe ich doch lieber ins Exil zum Dummerich, während er Lapuentes kleinen Schrumpelsack krault und gewohnt dümmlich vor sich hin blubbert. Was soll ich hier?"

Wer zählt eigentlich die Menschen, die von ebenjener "freiheitlich-demokratischen" Bande kontinuierlich und zunehmend verletzt oder ermordet werden, beispielsweise in Griechenland oder in Afrika? Sind jene Polithuren, die dafür verantwortlich sind, denn nicht viel eher TerroristInnen?

Ich kann aber Entwarnung geben: Die Doofheit ist nicht auf dem Vormarsch in Kapitalistan – sie ist vielmehr seit jeher in Beton gegossene Grundvoraussetzung, damit ein solches System überhaupt Triumphe feiern kann, ohne auf der Stelle revolutionäre Zustände zu verursachen. Es ist also alles beim Alten in dieser verfallenden, einstmals schönen Welt. Ich wünsche einen fröhlichen, bunten Untergang.

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Rote Parabel



(Gemälde von Hans Hofmann [1880-1966] aus dem Jahr 1964, Öl auf Leinwand, Städel-Museum, Frankfurt a.M.)

Samstag, 7. Oktober 2017

Song des Tages: The Eagle Flies Alone




(Arch Enemy: "The Eagle Flies Alone", aus dem Album "Will To Power", 2017)

Anmerkung: Heute, im untergehenden Zeitalter der kapitalistischen Katastrophe, wird der Rockmusik gerne eine "unpolitische" Haltung unterstellt, was in weiten Teilen, insbesondere in Deutschland – konzerngesteuert – auch zutrifft. Dabei muss man einfach mal etwas genauer hinschauen und wird sodann schnell fündig. Der Text dieses Songs jedenfalls wäre für jede antikapitalistische Punkband eine goldene Auszeichnung. Ich hoffe, viele BesucherInnen lesen ihn, denn verstehen kann man ihn beim Anhören schwerlich.

Fragt nun wirklich noch jemand, warum die junge Frau sich lieber die "Seele" aus dem Leib kotzt, anstatt lieblich-harmonisch zu singen und an ihrer monetären "Karriere zu basteln"?

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When I was born the seed was sown
I will not obey, my life is my own
Battle rose, which do enslave me
Exposed lies that enrage me

I don't believe in heaven, I don't believe in hell
Never joined the herd, could not adjust well
Slave and master, it's not for me
I chose my own path, set myself free

I, I go my own way
I swim against the stream
Forever I will fight the powers that be
The eagle flies alone

Reject the system that dictates the norm
This world is full of lies and deceit
I ask my own betrayal, cut so deep
Suffered defeat only to rise again

I, I go my own way
I swim against the stream
Forever I will fight the powers that be
The eagle flies alone


Zitat des Tages: Alle Mütter


Alle Mütter waren einmal klein.
Kinder können das oft gar nicht fassen.
Wenn die Kinderschuhe nicht mehr passen,
Fällt es ihnen wohl zuweilen ein.
Große Kinder suchen fremde Gassen,
Mütter bleiben später oft allein.

Alle Kinder werden einmal groß.
Mütter können das oft nicht begreifen.
Kleines Mädchen mit den bunten Schleifen,
Spieltest gestern noch auf ihrem Schoß;
Kleiner Sohn, musst du die Welt durchstreifen?
Mütter haben oft das gleiche Los.

Alle Stuben werden einmal leer.
Kahl der Tisch, verwaist und stumm der Garten.
Diele knarrt. Und Mütter schweigen, warten ...
Manchmal kommt ein Brief von weitem her.
Stern verlischt. Und all die wohlverwahrten
Tränen tropfen ungeweint ins Meer.

(Mascha Kaléko [1907-1975], in: "Das lyrische Stenogrammheft. Kleines Lesebuch für Große", Rowohlt 1956; Erstausgabe in zwei Bänden: 1933 / 1935)




Freitag, 6. Oktober 2017

"Ein Fest der Freiheit"


Ein Gastbeitrag des Altautonomen anlässlich der Rede des Bundespräsidenten zum "Tag der deutschen Einheit"

Mit Spannung und hohen Erwartungen haben die Medien die Rede von Herrn Steinmeier aus dem Schloss Bellevue in Berlin am 03.10.2017 in Mainz vorab sekundiert. Was er dann in einer für Sozialdemokraten in vielen Rhetorikseminaren erworbenen, typischen Sprechweise mit gelegentlichen Blicken nach links und rechts in Richtung des ergriffen lauschenden Publikums – einer von Gerhard Schröder kopierten Körpersprache – zu sagen wagte, übertraf die schlimmsten meiner Befürchtungen. Ich möchte daher nur wenige, exemplarische Abschnitte aufgreifen und kurz kommentieren.

Liebe Jugendliche, Ihnen gehört die Zukunft dieses Landes!

Mehr als drei Millionen Kinder, die unmittelbar dem staatlich verordneten Zwangsverarmungsterror von "Hartz IV" ausgesetzt sind, sowie all jene von der immens hohen Jugendarbeitslosigkeit Betroffenen sind hier offensichtlich ausgenommen.

Meine Damen und Herren, unser Weg muss ein Weg in Frieden und Freundschaft mit den europäischen Nachbarn bleiben (...).

Spontan fällt mir zu dieser beschworenen friedlichen Freundschaft der Nachbar Griechenland ein, dessen Bevölkerung unter maßgeblicher Anleitung der deutschen Politik auf ein sogenanntes "Schwellenland"-Niveau "zurückgebombt" wurde.

Am 24. September haben deutlich mehr Menschen als in den beiden letzten Bundestagswahlen von diesem stolzen Recht [gemeint ist das Wahlrecht, Anm.d.Verf.] Gebrauch gemacht.

Man muss also "stolz" sein, das deutsche Wahlrecht benutzen zu können oder zu dürfen? Wer schreibt dem Mann bloß so etwas in eine Rede?

Die große Mauer quer durch unser Land ist weg. Aber am 24. September wurde deutlich: Es sind andere Mauern entstanden, weniger sichtbare, ohne Stacheldraht und Todesstreifen – aber Mauern, die unserem gemeinsamen "Wir" im Wege stehen.

"Wir" gegen "die". Das hatten wir schon im Wahlkampf 2013 als SPD-Parole: "Auf das WIR kommt es an". Der Mann schämt sich für nichts mehr.

Natürlich, das erfordert Kontroverse. Differenzen gehören zu uns. Wir sind ein vielfältiges Land. Aber worauf es ankommt: Aus unseren Differenzen dürfen keine Feindschaften werden – aus Unterschied nicht Unversöhnlichkeit.

Da ist er, der ganz große Kübel mit Harmoniesauce, den er in seiner Amtsbürde über das "vielfältige" Land ausschüttet. Von Interessengegensätzen, Klassenunterschieden, Macht und Ohnmacht, Reichen und Armen hat er sichtlich nie etwas gehört.

Die Debatten werden rauer, die politische Kultur wird sich verändern.

Frau "in die Fresse hauen"-Nahles saß auch im Saal.

Doch wir werden den politisch Verfolgten nur dann auch in Zukunft gerecht werden können, wenn wir die Unterscheidung darüber zurückgewinnen, wer politisch verfolgt oder wer auf der Flucht vor Armut ist.

Dieser rhetorische (reinrassige), von der Leine gelassene Kettenhund transportiert Steinmeiers dumpfe Beschreibung der "Flüchtlingsfrage": Es geht ihm um eine strikte Unterscheidung der wenigen Geflohenen einerseits, die nach der faktischen Abschaffung des Asylrechts (Schengen etc.) überhaupt noch als Asylberechtigte in Deutschland anerkannt werden (können), von den sogenannten "Wirtschaftsflüchtlingen" andererseits.

Ehrlich machen müssen wir uns auch in der Frage, welche und wie viel Zuwanderung wir wollen, vielleicht sogar brauchen.

Hier finden wir Steinmeiers Votum für eine Obergrenze und die Bindung des Aufenthaltsstatus an die Nützlichkeit der Menschen für das deutsche Kapital in einem Satz. Volltreffer.

Nach den G20-Protesten habe ich Ladenbesitzer aus der Hamburger Schanze getroffen, die sagten: "Wir mussten mit ansehen, wie aus ganz normalen Passanten Gaffer und Plünderer geworden sind."

Richtig wäre gewesen: "Wir mussten erleben, wie unsere vermummten Freunde und Helfer in panzersicheren Uniformen wie Roboter bzw. tollwütige Kampfhunde blind auf harmlose Passanten einprügelten."

In einer längeren Passage widmet sich der Präsident dann dem Begriff "Heimat", die zu einer nicht enden wollenden Tirade, die in Freud'scher Manier subtil an das "Nationalbewusstsein der Deutschen" appelliert, gerät. Der "Heimatbegriff" dürfe nicht den Nationalisten überlassen werden:

Ich bin überzeugt, wer sich nach Heimat sehnt, der ist nicht von gestern. Im Gegenteil: je schneller die Welt sich um uns dreht, desto größer wird die Sehnsucht nach Heimat. Dorthin, wo ich mich auskenne, wo ich Orientierung habe und mich auf mein eigenes Urteil verlassen kann.

Das sagt einer, dessen momentaner Beruf hauptsächlich darin besteht, auf Kosten der Steuerzahler durch die Welt zu jetten. Neben den Themen Sehnsucht, Sicherheit, Orientierung, Zukunft und wieder dem ominösen "WIR" fehlte eigentlich nur noch der Übergang zur Kuschelnische der klassischen Klein-Familie.

Das Fest der Freiheit


("Es wird ein Fest der Freiheit!", Malu Dreyer, Bundesratspräsidentin, SPD)

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Anmerkung von Charlie: Ich gebe zu, dass ich mit diesem Text meines altautonomen Freundes einige Tage gehadert habe, da ich persönlich die Rede und die dahinter stehenden Haltungen Steinmeiers um viele, viele, sehr viele Längen kritischer sehe. Andererseits wäre es in ein wahrlich aufwändiges, kaum einlösbares Unternehmen ausgeartet, die wohlfeilen, teils regelrecht bösen Worte des asozial-antidemokratischen Heuchlers einer wirklich tiefgehenden Aufarbeitung zu unterziehen, wozu weder ich, noch der Altautonome die Zeit und die Lust haben.

Allein dem ollen, hustend-verstaubten "Heimat"-Begriff, den Steinmeier hier bemüht, könnte ich ganze Pamphlete widmen, die mir den letzten Nerv raubten, weil ich noch vor 20 Jahren nicht im Traum daran gedacht habe, dass derartig nationalistischer, offensichtlich dämlicher Schmutz mich noch einmal während meiner Lebenszeit belästigen könnte. Ich mache es mir nun einfach und zitiere dazu schlicht den – heute leider auch längst disqualifizierten und im System angekommenen – Udo Lindenberg, der um 1990 noch krächzend die "Bunte Republik Deutschland" beschwor:

Wo ich meinen Hut hinhäng', da bin ich zuhause.

Wer nach Gauck noch hoffte, dass es schlimmer vielleicht nicht mehr kommen könne, den hat Steinmeier nun eines Schlechteren belehrt. Und nur einen taubstummen Blinden kann das überraschen.

Ich danke dem Altautonomen für seinen beherzten Versuch, einer solchen Ungeheuerlichkeit etwas entgegenzusetzen!

Mittwoch, 4. Oktober 2017

Zum Tag der deutschen Rassisten


Rassismus ist eine Form der absoluten menschlichen Niedertracht, mit der sich insbesondere Deutschland traditionell ganz besonders gut auskennt. Heute, im sich allmählich dem Ende zuneigenden Jahr 2017, ist er von den Stammtischen, aus den Hinterzimmern und den verdeckten politischen Phrasen der Nachkriegsjahrzehnte keck herausgetreten und wieder salonfähig geworden, woran nicht zuletzt auch die als "Wiedervereinigung" postulierte Annexion der DDR durch die damalige BRD und die politisch-mediale Begleitung dieses Ereignisses einen großen Anteil haben. Ich erinnere mich noch gut daran, wie ich 1989 in nächtlichen Aktionen große Plakatklebeaktionen, die den Slogan "Wider Vereinigung ohne demokratische Abstimmung" trugen, in mehreren westdeutschen Großstädten unterstützt habe, die aber bekanntlich dem aufsteigenden schwarz-rot-uringelben Sog der patriotischen Kakophonie und dem wirren Gefasel der Kohls und Genschers von den "blühenden Landschaften" und der "neuen Freiheit" leider nichts mehr entgegenzusetzen hatten.

Dazu passt auch gut eine Szene aus Volker Schlöndorffs Film "Die Stille nach dem Schuss" (2000), in dem die (fiktive) Ex-RAF-Terroristin und Protagonistin des Films, die in jener Geschichte inzwischen unter einem neuen Namen in der DDR lebt und den Umbruch dort miterlebt, ihren verständnislos dreinblickenden MitbürgerInnen sinngemäß und verzweifelt zuruft: "Wisst ihr denn eigentlich, was ihr hier habt?" – Sie wussten es offensichtlich nicht.

Nun zeigt der Kapitalismus wieder sein wirkliches, monströses Gesicht, das weder etwas mit "Freiheit" oder "blühenden Landschaften", dafür aber ausschließlich mit Ausbeutung, Abhängigkeit, Staatsterror, Überwachung, Armut, Menschenfeindlichkeit, Rassismus und Faschismus zu tun hat – und das alles wegen der Profitgier einer kleinen, "elitären" Minderheit. Früher nannte man das Feudalismus.

Vor einigen Tagen habe ich dazu ein bezeichnendes Beispiel bei Zeit Online gelesen. Dort geht es zwar um Magdeburg – allerdings ist das Phänomen keineswegs auf Ostdeutschland beschränkt, auch wenn die Massenmedien das inzwischen gerne und oft so darzustellen versuchen. Ich zitiere sehr verkürzt aus dem Bericht und empfehle die komplette Lektüre:

In einem Magdeburger Stadtteil gibt es große Aufregung um neue Nachbarn aus Rumänien. Bürgermeister und Lokalzeitung sprechen von Ghetto, Sozialbetrug, Lärm und Müll. / (...) "Die Frage ist ja: Warum sind die Rumänen alle gerade hierher gekommen?", fragt Lutz Trümper [SPD, Oberbürgermeister]. "Sicher kann man das ja nicht sagen, aber: Ich glaube, das ist organisiert." / (...) Lutz Trümper sagt, wenn die Rumänen sich von Anfang an an "unsere Regeln und Normen" gehalten hätten, dann wäre man gar nicht aufmerksam geworden auf sie. Aber jetzt will er gegen den vermuteten Sozialbetrug vorgehen. / (...) Seit einigen Wochen patrouilliert jetzt der Ordnungsdienst täglich zwischen 6 und 20 Uhr durch die Neue Neustadt. Und auch die Polizei lässt sich häufiger mal blicken. Nicht, weil die Kriminalität gestiegen wäre: Laut der Kriminalstatistik, das sagt auch Lutz Trümper, hat es keinen Anstieg an Kriminalität in dem Viertel gegeben in den letzten Jahren.

Wer den Text aufmerksam liest, wird gleich an mehreren Stellen stutzig und erkennt die üblichen, rein rassistisch motivierten Ressentiments, in diesem Fall gegenüber den Sinti und Roma, die seit Jahrhunderten allzu bekannt sind. Politik, Medien und der "Wutbürger", den man einmal mehr besser "Dummbürger" nennen müsste, reichen sich die Klinke in die Hand und bestärken sich gegenseitig, wie man das aus solchen "Filterblasen" so kennt. Irgendwelche sinnvollen oder belastbaren Fakten, die zur strikten Ablehnung dieser Menschen taugen könnten, werden mangels Vorhandenseins nicht genannt – abgesehen vom Vorwurf des "Lärms". Auch der hat allerdings nichts mit der ethnischen Zugehörigkeit eines Menschen zu tun – davon kann ich in meinem dörflichen Umfeld, in dem fast ausschließlich Deutsche (Spießer) leben, ein langes, wirklich sehr langes Lied singen. Alles andere sind diffuse Wahnvorstellungen, haltlose Verdächtigungen und schnöde Diffamierungen, wie man sie aus der finstersten Zeit Deutschlands kennt.

Dazu reicht es aus, sich das Beispiel des "vermuteten Sozialbetruges" auf der Zunge zergehen zu lassen: "Was Lutz Trümper so ärgert, ist die Tatsache, dass EU-Ausländer, die in Deutschland arbeiten, ebenso wie auch Deutsche ihr Einkommen mit Hartz 4 aufstocken können, wenn es nicht zum Leben reicht." Eigentlich muss man zu diesem ekelhaften Irrsinn nichts mehr sagen, denn er spricht für sich selbst. Die faschistische Devise des SPD-Mannes lautet: Wenn es den "Deutschen" schon so schlecht geht (weshalb das so ist und was seine Partei oder gar der Kapitalismus damit zu tun haben, fragt er gar nicht), soll es zumindest anderen, nämlich "Nicht-Deutschen" noch schlechter gehen, damit der "sozialen Gerechtigkeit" Genüge getan ist. Wenn das Geld für jene "Untermenschen" nicht mehr zum Leben reicht, ist das aus seiner Sicht "sozial gerecht". Auf diesem unterirdischen, tiefbraunen Niveau bewegt sich inzwischen nicht nur wieder die Politik der neoliberalen Bande, sondern auch die begleitende Medienpropaganda (siehe u.a. die MDR-Zitate im Bericht). Mich macht das völlig fassungslos.

Ein weiteres Beispiel aus der rechtsdrehenden Politik hat der Kollege Arbo kürzlich gepostet. Er schrieb:

Nicht nur die CDU hat am rechten Rand gefischt. Sondern, wie an anderer Stelle behandelt, auch Teile der Linken taten und tun das. Nun, nach der Wahl, hat sich Herr [Lafontaine] dazu angehalten gesehen, seiner Partei und insbesondere der Parteiführung die Leviten zu lesen: Zu viel Zurückhaltung in der Flüchtlingsfrage, d.h. dass die Ängste der Bürger hätten ernster genommen werden sollen, denn es kann ja nicht jede(r) nach Deutschland kommen; die Interessen der Geflüchteten [seien] ernster genommen worden als die der Einheimischen [Quellenangaben im verlinkten Text]. Das klingt wie bei Tillich (CDU), also nach einem Einschwören auf einen Rechtskurs.

Es ließen sich noch dutzendweise ähnliche Äußerungen aus sämtlichen etablierten Parteien (natürlich einschließlich der Linkspartei) sowie den Massenmedien zitieren, die allesamt in dieselbe, gruselige Richtung tendieren. Einmal mehr wird hier nahezu flächendeckend ein unbeteiligter, schwacher Sündenbock bemüht und übelst geschlagen, der für die Misere gar nicht verantwortlich, sondern seinerseits ein noch viel schlimmer gestraftes Opfer desselben menschenfeindlichen Systems ist – und keiner will's bemerken, zur Kenntnis nehmen oder auch nur flüsternd aussprechen. Das ist nicht nur kafkaesk, sondern die Betonierung des Rassismus' im "freiheitlich-demokratischen" System Kapitalismus.

Den aus meiner Sicht treffendsten Kommentar zum Thema hat am vergangenen Sonntag wieder einmal Stefan Gärtner verfasst, dem ich, wie so oft, nichts weiter hinzuzufügen habe (auch hier empfehle ich dringlich die komplette Lektüre):

Der "den Linken nahestehende" Kultursoziologe fand gestern, es müsse darum gehen, "auch Dinge sagen zu können, wie einem der Schnabel gewachsen ist, ohne sich sogleich außerhalb des Kreises der zur Äußerung Zugelassenen wiederzufinden". / Also eine Protestwahl gegen das Verbot, "Neger" zu sagen, gegen Neger, die nach Deutschland wollen, und dagegen, im wunderbaren Wettbewerb immer bloß der Neger zu sein. Also eine genuin faschistische Wahl, wenn auch weniger aus Überzeugung denn aus Angst mal autoritärem Charakter. Dass die AfD dann auch noch wirtschaftsfreundlich ist, macht es dem Proseminar zum Thema Faschismus aber vielleicht ein bisschen sehr einfach.

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Die weiße Rose


(Spielfilm von Michael Verhoeven aus dem Jahr 1982)

Montag, 2. Oktober 2017

Hinweis zur Linkliste: Aussortierte Deppenblogs


In der rechten Spalte des "Narrenschiffes" gibt es nun eine neue Rubrik, in der ich "Aussortierte Deppenblogs" sammle. Jede/r, die/der also direkt nachlesen möchte, was Schwachköpfe, Schwerdenker und andere Honks aus Kleinbloggersdorf, die sich als "Linke" ausgeben oder sogar ernsthaft dafür halten, unablässig an unsäglichem Gedanken- und Wortmüll produzieren, kann das nun ohne Umschweife auch von hier aus anklicken und sich herzlich amüsieren.

Zwei besonders erquickliche Beispiele möchte ich aktuell empfehlen: Bei den Esos singt Faulfuß eine religiöse Lobeshymne auf die Linkspartei, und bei den Neulandsozen nutzt Lapuente ganz im Sinne der Weimarer Republik seinen leeren Kopf, steckt ihn in den Sand und entdeckt dort drunten den "Menschen im Rassisten". Ein morbider, sehr schwarzer Humor und ein starker Magen sind freilich stets Voraussetzung für derlei Besuche in solchen intellektuellen Grenzregionen.

Generell gilt aber: Wem der "Postillon" und die "Titanic" nicht reichen, rufe jene Seiten auf, um Realsatire in ihrer reinsten Form zu genießen. Ich habe schon so manche vergnügliche Stunde mit der Lektüre jener Offenbarungen geistiger Inkompetenz bzw. Inkontinenz - natürlich einschließlich des sich stets einstellenden, entsprechenden Kommentariats (sofern es nicht, wie bei den Esos, gewohnt inquisitorisch zensiert wird) - verbracht und so einen verregneten, sehr trüben Sonntag mit glockenhellem Lachen verbracht.

Dafür muss man den UrheberInnen auch einmal danken, was ich hiermit ausdrücklich tue.

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Es wird weiterberaten


"Die Welt brennt! Auf zur Löschkonferenz!"

(Zeichnung von Erich Schilling [1885-1945], in "Simplicissimus", Heft 21 vom 18.08.1920)

Samstag, 30. September 2017

Big Brother und das "Postgeheimnis"


In Zeiten der Totalüberwachung des digitalen Datenverkehrs aller BürgerInnen kann man schon auf den Gedanken kommen, es sei vielleicht doch sicherer, sensible Informationen, die den Staat nichts anzugehen haben, per Post zu verschicken, denn schließlich gilt in Deutschland ja noch immer das Brief- oder Postgeheimnis. Auch das ist allerdings ein Trugschluss, wie sich kürzlich beispielsweise bei n-tv nachlesen ließ:

Fast 1.500 Mitarbeiter der Deutschen Post helfen nach einem Medienbericht den Sicherheitsbehörden bei Ermittlungen gegen mutmaßliche Terroristen und Schwerverbrecher. Sie suchten Briefe und Pakete heraus, die an Verdächtige adressiert seien, händigten sie den Sicherheitsbehörden aus oder koordinierten die Maßnahmen vor Ort, schreibt die "Neue Osnabrücker Zeitung".

Dabei ging es im Jahr 2015 um "knapp" (also weniger als) 200 "Verdächtige", deren Brief- und Paketsendungen mithilfe der 1.500 Post-MitarbeiterInnen ausspioniert wurden. Das ist eine grandiose Effizienz, wie sie wohl nur von kapitalistischen Menschenfeinden und ähnlichen Widerlingen erreicht werden kann.

Dass es sich dabei aber keineswegs um einen neuen und erst recht nicht um einen zahlenmäßig geringfügigen Grundgesetzverstoß handelt, illustrieren zwei ältere Beispiele, auf die ich aus diesem Anlass erneut verweisen möchte:

  1. 2010: "Unter dem Titel 'Fünf Richtige für Ihre Briefe' soll – laut Mitteilung der [Bundesagentur für Arbeit] – die eingehende Post von der Deutschen Post AG geöffnet und digitalisiert und an die zuständigen Arbeitsagenturen und Familienkassen weitergeleitet werden."
  2. 2013: "Als es noch zwei deutsche Staaten gab, war in dem östlich gelegenen kein Brief und kein Telefongespräch vor der Neugier jener Behörde sicher, die dem Staat Sicherheit verschaffen sollte – obwohl doch in der Verfassung der DDR stand, das Post- und Fernmeldegeheimnis dürfe nicht verletzt werden. Nun wissen wir, es herrschte dort eine Diktatur, und die hat keine Scheu davor, staatliches, politisch motiviertes Unrecht zu tun. Wir wurden und werden auch belehrt: Exakt dies war der Unterschied zwischen dem Zustand im Osten und dem im Westen Deutschlands, wo niemand um eines seiner Grundrechte fürchten musste. War es so? Nicht in der historischen Wirklichkeit. Das ist nun in aller Gründlichkeit nachgewiesen in einer Studie von Josef Foschepoth (Universität Freiburg / Br.) unter dem Titel 'Überwachtes Deutschland'. Deren Gegenstand ist die Alt-Bundesrepublik, vor allem in den Jahren 1949 bis 1968. Durch einen Zufallsfund im Bundesarchiv ist der Verfasser zu seinem Thema gekommen, etliche Jahre hat er dann dransetzen müssen, um in allen möglichen Ministerien und Ämtern jene kilometerlangen Aktenbestände zu sichten, die den Vermerk 'VS' trugen, was 'Verschlusssache' heißt; bis zu seinem Vorstoß in die Archivkammern waren sie geheim geblieben. Foschepoth ist immer noch verblüfft über seine Entdeckungen, aus denen er das Resümee zieht: 'Seit Gründung der Bundesrepublik wurden jährlich Millionen von Postsendungen kontrolliert, geöffnet, beschlagnahmt, vernichtet oder in den Postverkehr zurückgegeben. Ebenso wurden Millionen von Telefongesprächen abgehört, Fernschreiben und Telegramme abgeschrieben und von den Besatzungsmächten und späteren Alliierten, aber auch von Westdeutschen selbst zu nachrichtendienstlichen beziehungsweise strafrechtlichen Zwecken ausgewertet und genutzt ... Diese Überwachungspraxis widersprach klar und eindeutig den verfassungsrechtlichen und gesetzlichen Bestimmungen.'"

Die grundgesetzwidrige Überwachung des Internets ist also die stringente Fortführung des im "freiheitlich-demokratischen" Westen schon immer praktizierten Staatsterrors, den man medien- und öffentlichkeitswirksam aber stets nur dem "kommunistischen" Feind vorwarf. Heute haben sich die Zeiten gewandelt – und es gehört inzwischen zum "freiheitlich-demokratischen" Grundverständnis Kapitalistans, die staatliche Überwachung nicht mehr nur heimlich zu praktizieren, sondern auch ganz offen zu fordern und zu fördern.

Drum merke, du deutsches Schaf: Wer Geheimnisse hat, macht sich verdächtig. Wer verdächtig ist, ist ein "Gefährder". Und wer ein "Gefährder" ist, gehört eingesperrt oder abgeschoben. Die kapitalistische Bande denkt schließlich nur an dein Wohl. – "Quoth the raven, 'Nevermore.'" (E.A. Poe)


Mittwoch, 27. September 2017

Zitat des Tages: Wahlfrühling


Nun, deutsches Wahlvieh, spitze deine Ohren
und friss den frech erlog'nen Phrasendreck!
Hat man dich auch bis auf die Haut geschoren -:
den frohen Glauben hast du nie verloren!
Schnapp zu, mein Mäuschen, auf den Rede-Speck!

Hier lockt man dich mit kaiserlichem Glanze -
hier wirst du aufgewertet, zollgeschützt -
hier geht man radikal-gesinnt aufs Ganze -:
und jeder bricht für dich die dickste Lanze
solang der Rede-Speichel ihm entspritzt ---

Doch süßer noch als die Sirenen-Flöten
tönt salbungsvoll des Pfarrers Wortsalat!
Er lehrt dich arbeiten und lehrt dich beten
und wird dich nicht nur hierorts stramm vertreten,
da er auch droben was zu sagen hat!

So oder so: man wird dich schon bequasseln,
du deutsches Schaf, zu jeder Schur bereit!
Gebrauch dein Recht, dir alles zu vermasseln:
zum Fluchen, Schimpfen, Hungern, Kettenrasseln
hast du dann wieder mal vier Jahre Zeit!

(Benedikt alias Karl Kinndt alias Reinhard Koester [1885-1956]: "Wahlfrühling", in "Simplicissimus", Heft 7 vom 14.05.1928)

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Der Wähler


"Und wiederum sind die Würdigsten berufen, den Bürger darüber aufzuklären, was ihm frommt."

(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 50 vom 12.03.1928)

Dienstag, 26. September 2017

Die dummen Deutschen


Vor einigen Tagen habe ich bei Zeit Online den Bericht "Hab' mich verwählt" gelesen, in dem einige junge Menschen ihre zu diesem Zeitpunkt noch anstehende Wahlentscheidung erläutern. Ich habe den Link zum Text in meinem Tagebuch mit dem für dieses Blog gedachten Vermerk versehen: "Sind Deutsche wirklich so dumm?"

Mit diesem Vermerk kann ich nun nichts mehr anfangen, denn seit Sonntag wissen wir: Ja, Deutsche sind ganz offensichtlich dumm wie Bohnenstroh – und zwar gleich so dumm, dass sie gar nicht mehr bemerken, welches Unheil sie durch ihre Wahl – auch für sich selbst – angerichtet haben.

Ich kann hier nur kurze Auszüge aus dem genannten Bericht zitieren, den ich zur Lektüre unbedingt empfehle, auch wenn es sehr wehtut, was dort zu lesen ist. Ein gewisser "Michael" (22, Chemiestudent) schreibt dort beispielsweise:

Ich bin vor knapp vier Jahren in die SPD eingetreten. (...) / Zur AfD: Wirtschaftspolitisch bin ich mit der Partei oft einer Meinung. Auch bezüglich der Islam- und EU-Kritik gibt es bei der AfD viele Punkte, denen ich zustimmen kann. (...) / Jetzt habe ich vor, in die FDP einzutreten. Mir ist [sic!] Individualismus und Freiheit wichtiger als Solidarität. Es würde so viel mehr Fortschritt entstehen, wenn man die Menschen und den Markt einfach mal machen ließe und der Staat nicht überall eingreifen würde.

Man weiß hier gar nicht, wo man mit der Kritik anfangen soll, da aus jedem Satz so viel Dummheit, Missverständnis und Desinformation springt, dass man den armen Knaben nur noch bedauern und ihm gute Besserung wünschen, ihn aber nicht kritisieren mag. Andererseits wird hier aber auch deutlich, dass der kapitalistische Einheitsbrei verlässlich dafür sorgt, dass es in der Tat unerheblich ist, ob man, wie in diesem Fall, der SPD, der AfD oder der FDP anhängt: Es kommt am Ende immer dieselbe menschenfeindliche, braune, unsolidarische Sülze heraus.

Nebenbei wüsste ich gerne, was jemand wie "Michael" mit "Islamkritik" und "EU-Kritik" meint. Da er sich hierbei auf die AfD bezieht, meint er wohl eher Rassismus und Nationalismus. Was ist das überhaupt für ein bescheuertes Wort: "Islamkritik"? Gibt es in "Michaels" Welt auch Christentumkritik, Buddhismuskritik oder Judentumkritik? Das klingt alles nach nachgeplapperten, sinnfreien Phrasen, um die dahinterliegende Xenophobie und widerliche Deutschtümelei zu kaschieren.

"Timo" (23, hat BWL studiert) meint hingegen:

Ich bin eigentlich ein klassischer CSU-Wähler (...). / Meiner Meinung nach haben wir in der Gesellschaft und in der Wirtschaft seit einigen Jahren einen stetigen Linksruck – der zeigt sich auch in der Union. (...) / Da bleibt nun nicht mehr viel – im Grunde nur die AfD, deren Programm bezüglich der Steuerpolitik und einer realistischen Einschätzung der Flüchtlingskrise mich überzeugt. Ihr Wahlprogramm ist ziemlich CSU-ähnlich, außerdem kommen die Vorsitzenden meist aus einem akademisch-bürgerlichen Milieu, was sie mir sympathisch macht.

Hier wird wieder einmal sehr deutlich, dass es zwischen der CSU und der AfD kaum Unterschiede gibt. Der gehirnlose "Timo" reiht sich damit nahtlos in die von Dummheit zerfressene Bevölkerung Bayerns ein, die seit Jahrzehnten wie besinnungslos den durch und durch korrupten, menschenfeindlichen, rechtsradikalen, "christsozialen" Sumpf wählt und entsprechend keine Berührungsängste in Bezug auf die neuen Nazis von der AfD hat.

Das lächerliche Märchen vom "Linksruck", der stattgefunden haben soll, während das gesamte politische Spektrum nach rechts außen gerückt ist bzw. wurde, hat der "Timo" ebenso verinnerlicht wie die dumpfe Xenophobie. Von jemandem, der ausgerechnet BWL studiert hat und sich als "klassischer CSU-Wähler" bezeichnet, kann man wohl nichts anderes als Dummheit, Rassismus und elitäres Denken erwarten.

Dann kommt "Simon" (hat Physik und Mathematik auf Lehramt studiert und ist Referendar an einem Gymnasium) zu Wort:

Wahlentscheidungen treffe ich nicht leichtfertig: Ich diskutiere viel mit meiner Familie über Politik, lese Wahlprogramme und lasse den Wahl-O-Mat meine Ansichten mit denen der Parteien abgleichen. (...) / Ich stieß so auf die da noch recht neue Alternative für Deutschland, die damals vor allem als Euro-kritische Partei unterwegs war. Eine Weile spielte ich mit dem Gedanken, sie zu wählen, einige ihrer Punkte leuchteten mir ein (...). / Ich habe das Gefühl, dass die CDU ihre Sache in den letzten vier Jahren so gut gemacht hat, dass ich ihr zutraue, das auch die nächsten vier Jahre zu machen.

Hier ist eindrucksvoll belegt, wohin Bildungsferne bzw. das, was Kapitalisten als "Bildung" bezeichnen, führt: Wer sich selbst für einen "kritischen", politisch interessierten Menschen hält, gleichzeitig aber stupide Wahlprogramme und gar den "Wahl-o-maten" bemühen muss, um sich eine Meinung zu bilden, kann letzten Endes nur bei der kapitalistischen Einheitspartei landen – ganz egal, ob der Block nun CDU, AfD, FDP, SPD oder Grüne heißt. Auch dieser Mensch hat nicht begriffen, dass es völlig unerheblich ist, welchen dieser Blöcke er wählt.

Letztlich verlässt sich auch dieser Referendar, der wiederum Kinder und Jugendliche unterrichtet, auf sein "Gefühl", wie er schreibt. Das kommt der Bankrotterklärung des politischen Geistes gleich. Man möchte dem Kerl zurufen: "Dein Gefühl ist gänzlich irrelevant, Arschloch!" Außerdem wüsste ich sehr gerne, was von der CDU/SPD nach der Meinung dieses Trottels in den vergangenen vier Jahren "gut gemacht" gewesen sein soll. Mir fällt da – auch wenn ich lange überlege – gar nichts ein.

Danach dürfen wir der "Judith" (23, hat Politikwissenschaften studiert) lauschen:

Ich entschied mich für die Grünen. Ich war zwar nie ein großer Fan, aber mit ihren Idealen konnte ich mich identifizieren: Umweltschutz, Humanismus und Freiheit zum Beispiel. / (...) Momentan finde ich mich bei der Linken am meisten wieder. Arbeiter- und Gewerkschaftsinteressen müssen stärker berücksichtigt werden, eine andere Wirtschaftspolitik muss her. Und auch wenn ich Sahra Wagenknecht nicht in allem, was sie sagt, absolut zustimmen kann, so bleibt sie eine wichtige Person inner- und außerhalb der Partei und ihre grundlegende Haltung geht ja doch meistens konform mit jener der Partei.

Eine Politikwissenschaftlerin gibt hier also an, dass "Personen" in der Politik wichtig seien. Das muss man sich mit Hingabe auf der Zunge zergehen lassen. Gleichzeitig verband sie in der Vergangenheit Themen wie Umweltschutz, Humanismus und Freiheit [sic!] mit den Grünen. Das lässt schon tief in den Abgrund blicken. Was ist denn aus "Judiths" Sicht Freiheit? Und welche andere Wirtschaftspolitik meint sie? Soll es keine Profite für Konzerne mehr geben, oder doch nur "weniger" Profite? Wenn "Gewerkschaftsinteressen" stärker berücksichtigt werden sollen, heißt das dann, dass das Prinzip des Ausbeutens beibehalten und lediglich ein wenig "abgeschwächt" werden soll? Was für merkwürdige Leute erhalten heute eigentlich den Titel "PolitikwissenschaftlerIn"?

Kommen wir zu "Philipp" (34, arbeitet in der IT-Branche, war bis 2015 in der AfD aktiv):

Ich hatte immer schon ein Problem mit Angela Merkel: Die Pfarrerstochter aus der DDR, die promovieren konnte, wo andere Pfarrerskinder im Osten nicht mal Abitur machen durften. Sie hatte aufgrund ihrer persönlich mindestens unkritischen Haltung damals Möglichkeiten, die andere nicht hatten. / (...) Wenn 25 Prozent der Partei [AfD] eine gefährlich rechte Meinung haben, ist das eventuell noch vertretbar, wenn dann die Gesamtrichtung stimmt.

Sicher ist es richtig, Merkel zu kritisieren. Wer das aber ausgerechnet und ausschließlich an ihren vergangenen Privilegien in der DDR und nicht an ihrer aktuellen, kapitalistischen Politik festmacht, macht sich lächerlich. Und wer 25 Prozent Rechtsradikale – wobei ich diese willkürliche Schätzung für deutlich (!) untertrieben halte – in der eigenen Partei für "vertretbar" hält, ist gefährlich.

Zu guter Letzt tritt noch "Ilan" (27, arbeitet als Berater in der Start-up Branche) auf:

Vor dieser Wahl habe ich mir die Entscheidung nicht leicht gemacht. Die Linke werde ich auf jeden Fall nicht mehr wählen. Einmal wegen der personellen Frage, aber vor allem, weil sich meine Einstellung zur Politik in den letzten Jahren verändert hat. Ich stehe einer liberalen Weltordnung näher – sie hat Selbstbestimmung zum Ziel und damit auch Selbstwirksamkeit. (...) / Meine Optionen waren schließlich die FDP, Die Partei oder die Grünen. Liberalismus wird mir innerhalb der FDP noch zu oft als Besitzstandswahrung innerhalb nationaler Grenzen und nicht als weltbürgerlicher Liberalismus verstanden. Die Grünen wären dazu prädestiniert, alte Strukturen des Willensbildungsprozesses aufzubrechen und haben gewissermaßen eine traditionelle Verpflichtung dazu.

Hier treffen wir wieder auf die allseits bekannten neoliberalen Floskeln der seichten Vernebelung: "Selbstbestimmung" und, noch etwas pervertierter, "Selbstwirksamkeit". So indoktriniert sind Menschen in diesem System schon, dass sie gar nicht mehr bemerken, wie sie innerhalb eines allüberwachenden Staates und ausbeutenden, abhängig machenden Systems noch immer solche Worte bemühen, die grotesker gar nicht sein könnten. "Selbstbestimmung" gibt es im Kapitalismus nur für eine kleine "Elite", die über genügend finanzielle Mittel verfügt – alle übrigen sind so selbstbestimmt und frei wie meine Tastatur, die nur das ausgibt, was ich ihr vorgebe.

Die völlige Systemimmanenz, die aus diesen Beispielen spricht, illustriert vortrefflich die Verkommenheit und abgrundtiefe Dummheit der Menschen und ihrer Systemmedien, die nicht mehr über den kapitalistischen Rand der stinkenden Jauchegrube, in der sie sich befinden und um ihr kleines Leben kämpfen, hinausblicken können – oder wollen.

Wenn man sich vor Augen hält, dass all die vorgenannten mehr oder weniger jungen Menschen am Sonntag wählen durften, wird das katastrophale, rechtsradikale Ergebnis dieser Wahl etwas besser verstehbar.

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Parlamentarismus


"Die Stimme seines Herrn."

(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 37 vom 13.12.1922)

Montag, 25. September 2017

Song des Tages nach dem Wahltheater: The Garden of Earthly Delights




(Apocalypse Orchestra: "The Garden of Earthly Delights", aus dem Album "The End Is Nigh", 2017)

Born from the void and still pristine
Tranquil, vast and cold
See the orb of blue and green
When he spake the light shone gold

Brought to life, in the image of "god"
In this holy place
settled amoung the creatures odd
Eve, dear girl, avert thy gaze

Claims to love them all
his world below
Minding not their fall
a mirthful show

Merriments in the centerpiece
Weird things in galore
Is this the cradle of the disease
that man alone must answer for?

Joy and delight, forever ceased
Sufferings a-bloom
Eaten alive by the cauldron beast
Let the drones ring to the sound of doom


Samstag, 23. September 2017

Merkel und die legalisierte Korruption


Es ist keine Neuigkeit, dass in Regierungskreisen haufenweise bezahlte Agenten der Kapitalmafia unterwegs sind, um "Abgeordnete" zu bestechen und politische Entscheidungen zugunsten der eigenen Klientel zu forcieren. Beschönigend werden diese zwielichtigen Gesellen "Lobbyisten" genannt. Das ist schon Skandal genug, aber der Kapitalismus wäre nicht das gewinnende System, wenn er nicht auch die Gerichte unter seiner Fuchtel hätte. "Im Namen des Volkes" (*lol*) hat das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg nun geurteilt, dass das Merkelmonstrum seine tiefen Verfilzungen mit der kapitalistischen "Elite" nicht weiter offenlegen muss. n-tv berichtete kurz:

Bundeskanzlerin Angela Merkel muss vor der Bundestagswahl keine Auskunft mehr über mögliche Abendessen mit Lobbyisten geben. Ein entsprechender Eilantrag der Internetplattform abgeordnetenwatch.de scheiterte vor dem Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg, das damit die Entscheidung der Vorinstanz kippte.

Wir erfahren daher nicht, mit welchen illustren Gestalten aus der Mafia sich "unsere Mutti" wie oft trifft, denn das muss den Pöbel auch nicht weiter interessieren: Wichtig allein ist schließlich, dass der "Souverän" das Maul hält, nichts weiß und brav CDU, FDP, SPD, Grüne, Linke oder AfD wählt. Nun können die Geschäfte in den finsteren Hinterzimmern weitergehen und das bodenlose Grauen rückt immer näher.

Es bleibt ein nicht erschließbares Rätsel, weshalb in diesem verkommenen Land noch immer keine revolutionären Zustände herrschen und sich so viele VollidiotInnen stattdessen wieder instrumentalisieren lassen, um irgendwelchen Minderheiten die Schuld zuzuweisen, anstatt die wirklich Schuldigen ins Visier zu nehmen. Und während die grenzdebilen Pegida-Deppen auf ihren grölenden Fackelmärschen sind und die nicht minder merkbefreiten Linksparteisoldaten immer noch an Madonna Wagenknecht glauben als sei sie der weibliche Jesus, sitzen Merkel und ihre KumpanInnen aus der Neoliberalen Einheitspartei (NED) mit der "Finanzelite" längst beim luxuriösen Abendessen und planen den Untergang.

Wie man auf den absonderlichen Gedanken kommen kann, einer solche korrupten Verfilzung könne man Herr werden, indem man entweder auf Schwache (Flüchtlinge) einprügelt oder auf eine pseudolinke Blockpartei, die längst im System angekommen ist, setzt, wird wohl das Geheimnis dieser dummen Menschen bleiben. Das Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg hat jedenfalls eine sehr schöne Zunge, mit der es den Anus der Kapitaleigner zärtlich liebkost.

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"Also nicht wahr, mein Lieber, das Aktenstück verschwindet und Sie bekommen den Posten in meinem Konzern."

(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 49 vom 02.03.1925)

Freitag, 22. September 2017

Du bist arm – und ich verdiene daran!


Den Kapitalismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf. Es ist kein Geheimnis, dass die korrupte schwarz-rot-gelb-grüne Politbande alles dafür tut, den Kapitaleignern weitere Profite zu bescheren – egal ob das nun die Privatisierung von Autobahnen, die Schaffung mafiöser und rechtsstaatsfreier "Freihandelsabkommen" oder sonstige Streicheleinheiten für Mafiabosse (die hierzulande gerne als "Reiche" umschmeichelt werden) betrifft: Die Zombiebande will immer noch reicher werden als sie ohnehin schon ist und sucht beständig nach neuen Quellen, um dieses Ziel zu erreichen.

Ein diesbezüglich bislang wenig beachteter "Markt" ist hier der Sozialstaat. Der Geschäftsführer der Hilfsorganisation "Medico International", Thomas Gebauer, hat dazu einen kleinen Text in der Frankfurter Rundschau veröffentlicht, in dem es heißt:

Die Lücke[n], die der sozialpolitische Kahlschlag hinterlässt, machen sich inzwischen auch Kapitalanleger zunutze, die in Bildung, Gesundheit, Jugend- und Altenhilfe sowie andere soziale Belange investieren. Von der Schaffung einer "Sozialbörse" ist bereits die Rede, die privaten Investoren renditeträchtige Anlageoptionen sichern soll. (...) / "Impact investing", so das Zauberwort der Branche, soll soziale "Wirkung" erzielen, zugleich aber auch Gewinne erwirtschaften und mithelfen, ein ramponiertes Image aufzupolieren. (...) Andere drängen sich klammen Kommunen auf und finanzieren Erziehungsbeihilfen, um sich bei Erfolg aus Steuermitteln refinanzieren zu lassen – gewinnmaximiert versteht sich. / Wie absurd der eingeschlagene Weg ist, zeigt England. Denn Rendite versprechen die dort privatisierten Gefängnisse nur bei hoher Auslastung.

Ich wiederhole noch einmal: Den Kapitalismus in seinem Lauf hält weder Ochs noch Esel auf. Selbstverständlich ist dieser Weg ein Pfad in den stupiden Irrsinn; selbstredend will niemand auf diesem Planeten – abgesehen von den "oberen 10 Prozent" – ein "kapitalisiertes" Sozialsystem; und natürlich möchte kein denkender Mensch, dass auf Kosten der Schwächsten und Ärmsten Profit für die Ekelbagage der Reichen generiert wird. Trotzdem wird das massiv umgesetzt – und die Polithuren, die das zu verantworten haben, erfreuen sich an ihren Schmiergeldern und geben weiterhin den "seriösen Politiker".

Hier geht gar nichts mehr. Wenn der Kapitalismus nicht schnellstmöglich auf den Müllhaufen der Geschichte geworfen wird – was ungefähr so wahrscheinlich ist wie die bevorstehende Ankunft eines religiösen Erlösers –, wird das kapitalistische System einmal mehr zu einem stumpfen Faschismus reifen, der das pure Grauen der von der Nazibande vor 80 Jahren verursachten Verbrechen noch weit übertrifft.

Bereitet euch darauf vor – oder bringt euch schnell um. Orwell wies schon damals den Weg, als er schrieb: "Wenn Sie ein Bild von der Zukunft haben wollen, so stellen Sie sich einen Stiefel vor, der auf ein Gesicht tritt. Unaufhörlich." – Diese wunderschöne FDP-Zukunft steht unmittelbar vor unserer Haustüre.

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Arbeiter auf dem Heimweg



(Gemälde von Edvard Munch [1863-1944] aus den Jahren 1913/15, Öl auf Leinwand, Munch-Museum, Oslo, Norwegen)

Donnerstag, 21. September 2017

Zitat des Tages: Holzbeschaffung


Es gab schon immer Leute
mit einem langen Zopfe
und viele tragen heute
erst recht ein Brett vorm Kopfe.

Könnt' man sie nur bewegen,
– so was gelingt bisweilen –
die Bretter abzulegen
und sterweis' zu verteilen,

man bräuchte, – Kinder, Kinder –
mit Brennholz nicht zu geizen
und könnte noch zehn Winter
von diesem Vorrat heizen.

(Walter Bemmer [1913-19??]: "Holzbeschaffung", in: "Der Simpl", Nr. 3 vom Februar 1947)

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Neujahrschoral der Parteien


Liegt's denn am Text, dass es nicht zusammenklingt?

(Zeichnung von Helmut Beyer [1908-1962], in: "Der Simpl", Nr. 16 vom Dezember 1946)

Mittwoch, 20. September 2017

Lapuente wählt die AfD, oder: Manche Menschen sind gleicher


Ein Gastkommentar des Altautonomen zu Lapuentes Erguss "Wie Linke Rechte stärken"

Am 5. September 2017 begann vor dem Landgericht Freiburg der Strafprozess gegen den afghanischen Flüchtling Hussein K., der beschuldigt wird, die 19jährige Studentin Maria L. vergewaltigt und getötet zu haben. Angesichts des großen medialen und öffentlichen Aufsehens ließ sich die organisierte Rechte in Gestalt der "Jungen Alternative Freiburg" – also der Jugendorganisation der AfD, die für Lapuente einfach "die AfD" ist – mit zehn "Frühaufstehern" die Gelegenheit nicht entgehen, vor dem Gerichtsgebäude pauschal gegen Flüchtlinge zu polemisieren. Ihr Transparent hatte die Aufschrift: "Grenzen schützen, Leben retten". Auf Facebook gibt es zwei Videos dazu, in denen der übliche, rechtsradikale Generalverdacht gegenüber "Fremden" verbreitet wird: Hunderttausende potenzielle Gewalttäter seien aufgrund der "offenen Grenzen" ins Land gelassen worden.

Die Gegendemonstration auf der gegenüberliegenden Straßenseite war von der "Jungen Linken" aus Freiburg organisiert, die für Lapuente jedoch in einen Topf mit Antifa, Linksextremisten und Indymedia-AktivistInnen gehören. Diese DemonstrantInnen wollten den Rechten nicht die Straße überlassen und ein Zeichen dafür setzen, dass ein Einzelfall nicht geeignet ist, alle jungen Männer unter den Geflüchteten unter Generalverdacht zu stellen, und dass Gewalt gegen Frauen ein patriarchalisches und kein nationales Problem ist.

Lapuente behauptet, ohne das zu recherchieren oder zu belegen, dass die DemonstrantInnen im "Kielwasser dieses Mordprozesses" in der Öffentlichkeit den Eindruck hinterließen, sie solidarisierten sich mit dem vermeintlichen Täter. Zweimal verwendet er in seiner Verwirrtheit das Wort "verkaufsstrategisch", dessen Bedeutung und Einordnung sich wohl nur ihm selber erschließt. Diese Unterstellung ist Teil seiner steilen These. Dann geht es weiter: "Dabei geht um zentrale Werte, um Sicherheit etwa oder um Gerechtigkeit – zwei Aspekte, die man nicht der AfD überlassen darf."

Das leuchtet ein. Leider meint der Autor aber nicht die Sicherheit der Flüchtlinge vor Brandanschlägen und anderen – auch staatlichen – Übergriffen, sondern die dumpfen Ängste und seltsamen Bedürfnisse der "besorgten Bürger", als deren Anwalt er sich offenbar versteht. Für mich jedenfalls sind zentrale Werte, die auch für lebenslänglich verurteile Mörder gelten, beispielsweise das Recht auf körperliche Unversehrtheit und die unverhandelbare Menschenwürde. Wenn Hussein K. nach Afghanistan abgeschoben würde, das derzeit nicht als ein "sicheres Drittland" gelten kann, auch wenn die Damen und Herren von der CDU/SPD das anders sehen, wäre das sein Todesurteil. Da die Todesstrafe laut Grundgesetz aber abgeschafft ist, gibt es dieses "Abschiebehindernis".

In dem Facebook-Video der "Jungen Alternative" behauptet deren stellvertretender Bundesvorsitzende, Raimond Hoffmann, dass "ein Flüchtling den deutschen Steuerzahler jährlich 60- bis 80.000 Euro kosten" würde, und er lamentiert weiter darüber, was man mit diesem Geld zum Beispiel in Syrien alles an "guten Taten" vollbringen könnte. In dieses verabscheuungswürdige Horn bläst auch Lapuente, der dummdämlich ins Netz blubbert:

Man sollte ferner auch mal fragen, wie man das als gerecht empfinden kann, dass jemand ins Land kommt, mordet und dann womöglich lebenslänglich mit anschließender Sicherheitsverwahrung weggesperrt wird, um so den Steuerzahler für viele Jahre zu belasten. Solche Fragen dürfen nicht den Rechtspopulisten überlassen werden.

Lapuente verzichtet, wie immer in seinen Wegwerftexten, auf Quellenangaben oder Links. Denn dann bräche sein schäbiges Kartenhaus unverzüglich zusammen, denn die GegendemonstrantInnen haben bezüglich des Angeklagten mit keinem Wort Verständnis für die ihm angelastete Tat, Solidarität oder Nachsicht gezeigt. Dokumentiert ist dagegen, dass sie nicht zulassen wollten, dass dieser Strafprozess der rassistischen Verallgemeinerung durch die AfD-Jugend anheim fällt.

Ich habe ein wenig recherchiert zum Thema "Demonstration vor dem Freiburger Landgericht" und konnte weder in den Zeitungsartikeln, noch in den Leserbriefspalten auch nur annähernd den Effekt des Missverständnisses finden, den Lapuente sich mühsam zurechtkonstruiert hat.
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Weitere Quellen zum Thema:

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Anmerkung von Charlie: Ich nehme diesen unsäglichen, geradezu faschistoiden Text Lapuentes zum Anlass, die "Neulandsozialdemokraten", die inzwischen fast ausschließlich aus Lapuentes unerträglichem Geblubber bestehen, aus meiner Blogroll zu entfernen. Für einen solchen menschenfeindlichen Bockmist – sorry, Mr. Wellbrock, Du bist nicht gemeint – möchte und kann ich keine Reklame mehr machen. Lapuente hat es nach "Ad sinistram" nun zum zweiten Male fertiggebracht, mich zum Löschen eines Links zu veranlassen – das muss man erst einmal schaffen.

Mindestens ebenso grausig wie Lapuentes rechtsdrehendes Gefasel sind auch die dortigen Kommentare zu diesem Erguss: Da geben sich die Idioten, die insbesondere den Zeitpunkt des Postings monieren, da es "so kurz vor der Wahl" der Linkspartei schaden könne, und die üblichen Rechtsradikalen die Klinke in die Hand. Es ist zum schreienden Davonlaufen – das sollte wirklich niemand lesen müssen.

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Harlekin und Tod



(Grafik von Konstantin Andrejewitsch Somow [1869-1939] aus dem Jahr 1907, unbekannter Verbleib)

Dienstag, 19. September 2017

Schlips-Borg-Nachrichten aus dem Paralleluniversum des sabbernden Irrsinns (5): Das Paradies


Seit Jahrzehnten verbreitet die kapitalistische Propagandapresse das Märchen, allen Menschen in Deutsch-Kapitalistan gehe es nicht nur gut, sondern – man horche und staune – immer besser. Das Paradies scheint nur wenige Fußschritte entfernt zu sein, wenn man diesen Orwell'schen Berichten folgt. Anfang des Monats war bei n-tv wieder einmal ein solcher Jubelpsalm zu lesen, in dem es hieß:

Große Ausgabebereitschaft / Deutsche strotzen vor Optimismus: Die deutschen Verbraucher schätzen die derzeitige wirtschaftliche Lage sehr gut ein. Dementsprechend locker sitzt das Geld in ihren Portemonnaies. (...) Die deutschen Verbraucher blicken einer Studie zufolge derzeit so optimistisch in die Zukunft wie noch nie.

Das Paradies ist nahe. Die deutsche Bevölkerung war noch niemals zuvor so dicht dran an dem mythischen Land, in dem Milch und Honig fließen und die gebratenen Tauben ohne eigenes Zutun in die Mund fliegen. Die Qualitätspresse hat's geschrieben, also muss das wohl stimmen. Es gibt keine Armut, keine Obdachlosigkeit, keine um sich greifende, materielle Existenzangst in diesem Land – die Hoheiten haben das angesagt, also ist das auch so und wird folgsam ausposaunt.

Da trübt die einen Tag zuvor veröffentlichte Meldung im selben Medium die Heilige Messe nur am Rande, denn nichts ist unwichtiger als alte Nachrichten:

Trotz guter Konjunktur ist das Armutsrisiko in Deutschland nicht gesunken. Besonders betroffen sind Erwerbslose und Alleinerziehende, aber auch Kinder und Heranwachsende sind zunehmend armutsgefährdet. (...) Mittlerweile ist jeder fünfte unter 18-Jährige von Armut bedroht.

Tja. Wie soll die Propaganda damit auch anders umgehen als die Realität schlicht zu ignorieren und stattdessen "alternative Fakten" zu präsentieren? Wenn die Herrschaft sagt, dass es "allen gut" zu gehen habe, dann haben Qualitätsjournalisten das nicht zu hinterfragen: Schließlich weiß das Merkelmonster, dass wir hier allesamt "gut und gerne leben" und dass "Wohlstand für alle" das inzwischen fast erreichte Ziel sei. Und wenn Queen Angela, die sich mit Ausnahme der Kopfbedeckung längst so kleidet und präsentiert wie die originale Queen in England, alles super findet, dann findet das auch die "vierte Gewalt". Armut, staatliche Zwangsverarmung, Obdachlosigkeit und Existenzangst gibt es nicht in Deutschland – und wenn, dann ist das Leid selbst verschuldet. Dafür kann doch die Königin nichts!

Wir leben im Paradies. Besser kann es eigentlich nicht mehr werden – aber wir dürfen dennoch gewiss sein, dass es auch weiterhin Meldungen in den Systemmedien geben wird, die trotz alledem weiterhin stetige Verbesserungen verkünden werden. Wie das sein kann – denn was soll am Paradies noch verbessert werden? –, fragen indes nur schändliche, linksextreme Terroristen, die das Paradies wieder abschaffen wollen. – Die Kapitalisten haben von Orwell gut gelernt und folgen einmal mehr der braunen Tradition.

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Die Zukunft Europas


"Wenn niemand mehr etwas anzuziehen hat, ist das dann das Paradies?"

(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 21 vom 18.08.1920)

Montag, 18. September 2017

Qualitätsjournalismus: "Die Partei" und die Propaganda


Gestern war wieder einmal ein wunderbares Beispiel für die "unabhängige Presse", die bekanntlich unabdinglich für die "freiheitlich-demokratische" Welt sei, bei n-tv zu finden. Ein gewisser Benjamin Konietzny, der sich an anderer Stelle selbst als "Kind (*1984) des Ruhrgebiets" beschreibt, das "Geschichte und Politikwissenschaft studiert" und sich zum Journalisten ausgebildet gelassen habe, hat dort einen Kommentar hinterlassen, der so kurz vor der "Wahl" (*lol*) ein beredtes Beispiel für die grenzdebile Verkommenheit dieser Journaille im Endstadium des kapitalistischen Unterganges bietet.

Unter dem vielsagenden Titel "Verachtung für alles: Wahre Demokratiefeinde wählen 'Die Partei'" zieht der Mann dermaßen vom Leder, dass es eine wahre Wucht ist und jedem Leser das vielleicht noch verbliebene Restgehirn aus dem Schädel haut. Ein paar besonders feine Beispiele seiner stumpfsinnigen Wahlpropaganda müssen leider sein. Er schreibt:

Wer diese Partei wählt, ist noch demokratieschädlicher als jeder Nichtwähler. Denn während dieser, frustriert vom immer gleich scheinenden Politikbetrieb, in seiner Passivität gefangen ist, schmeißt der Wähler der Partei "Die Partei" seine Stimme aktiv auf den Müll.

Belege für diese steile These bleibt er freilich schuldig – schließlich ist jede Stimme in diesem System "auf den Müll geschmissen"; dafür fährt er gleich fort und steigert seine Hasstirade:

Denn die fast 25.000 Parteimitglieder werden nichts weiter tun, als das, was sie auch die letzten Jahre getan haben: sich selbst und ihre scheinbare moralische Überlegenheit zu feiern. Frei von irgendwelchen konstruktiven Ansätzen zelebriert diese elitäre Gesellschaft ihre eigene Resignation und perfektioniert seine [sic!] Jovialität, alles, aber auch alles verachten zu dürfen und verpulvert damit obendrein hunderttausende Euro an staatlichen Zuschüssen.

Eigentlich müsste allerspätestens an dieser Stelle das Satirometer schrill anschlagen. Tut die kapitalistische Einheitspartei denn etwas anderes – mit dem kleinen Unterschied, dass die schwarz-rot-grün-gelben Gestalten nicht nur hunderttausende, sondern gleich viele Millionen Euro Steuergelder einstreichen (und damit sinnlos verpulvern)? Welche "konstruktiven Ansätze" zur Verbesserung der in den Faschismus kippenden Lage in diesem Land gibt es denn von Seiten der kapitalistischen Bande? Wer verachtet die Mehrheit der Menschheit und erklärt diesen Krieg gegen die Bevölkerung zur aktuellen, weiterzuführenden Politik, wer fördert elitäre Dünkel und wähnt sich selbst als zur "Elite" zugehörig, wer kriecht Superreichen in den Anus und tritt Armen mit Stahlstiefeln in die Fresse, wer überwacht die gesamte Bevölkerung und arbeitet stringent gegen die Interessen der Mehrheit und für die "Elite", wer lässt Flüchtlinge ertrinken und schiebt Diktaturen Geld zu, um "Flüchtlingslager" zu errichten, und wer stempelt Arbeitslose, Kranke, Alte und Behinderte zu Kriminellen? – Konietzny hat das uralte Prinzip des "Spiegel-Vorhaltens" wohl noch immer nicht kapiert. Deshalb resümiert er – und beweist endgültig, dass er nicht im Ansatz verstanden hat oder ganz bewusst propagiert, was in diesem zerbröselnden System gerade vonstatten geht:

Und dann gibt es "Die Partei", die sich genährt von den Errungenschaften der Wohlstandsgesellschaft zurücklehnt und in ihrer grenzenlosen Arroganz der Welt den Mittelfinger zeigt. Das beweist im Grunde die größte Demokratiefeindlichkeit aller Parteien.

Ich spare mir weitere Kommentare zur Demokratiesimulation und zur Wohlstandsgesellschaft, die unter vielem anderen im Müll wühlende RenterInnen und steigende Obdachlosenzahlen hervorgebracht hat. Eine größere Ehrung kann Satire eigentlich gar nicht erfahren: Sie sagt letztlich exakt dasselbe wie die menschenfeindliche Bande und wird von den Propagandanutten des herrschenden Systems inzwischen trotzdem ernst genommen und damit unfreiwillig geadelt – stets in der Hoffnung, dass der doofe Wähler gar nicht merkt, dass hier nur eine Wiederholung des schauerlichen Gefasels aus CDU-, SPD- und Co-Kreisen schon ausreicht, um das Bestehende ad absurdum zu führen. – Ich befürchte allerdings, dass diese dämliche Strategie tatsächlich aufgehen könnte und der "Durchschnittsdeutsche" allen Ernstes nicht mitbekommt, dass hier mit Atomkanonen auf Witze, die aus den Schloten der Schussvorrichtungen der "etablierten" Parteien rauchen, geschossen wird.

Um die Propaganda des Herrn Konietzny in den richtigen Journaille-Kontext einzuordnen, füge ich hier einmal einen Screenshot aus dem Ressort "Politik" vom gestrigen Tage bei n-tv ein – und das ist, wohlgemerkt, nur ein einziges Medium von vielen an einem einzigen Tag kurz vor dem absurden Wahltheater. Die "freie Presse" sei gebenedeit und schwanzgelutscht.


(Screenshot n-tv vom 17.09.17)

Mir fällt angesichts der vielen Schmerzen dazu nur noch ein Aphorismus von Erich Kästner ein, der in der tiefbraunen "Kakao"-Zeit des Untergangs geschrieben hat:

Was auch immer geschieht:
Nie dürft ihr so tief sinken,
von dem Kakao, durch den man euch zieht,
auch noch zu trinken.

(Erich Kästner [1899-1974], in: "Gesang zwischen den Stühlen. Gedichte", Deutsche Verlags-Anstalt 1932)

Freitag, 15. September 2017

Realitätsflucht (38): Lost Horizon 2


Die heutige Flucht entführt uns ins Jahr 1956, wo wir ganz im Stile von "Indiana Jones" über den halben Globus reisen, um einem alten Artefakt, das die Geschicke der gesamten Menschheit beeinflussen kann, nachzujagen: Es geht um das Adventure-Spiel "Lost Horizon 2" des deutschen Entwicklerstudios Animation Arts aus dem Jahr 2015.



Es handelt sich um ein mehr oder weniger klassisches "Point & Click"-Spiel in einer dreidimensionalen Umgebung, das inhaltlich unmittelbar an den ersten Teil anknüpft – allerdings ist es nicht notwendig, diesen Vorgänger zu kennen, um das Spiel genießen zu können. Gleich vorweg sei angemerkt, dass das Spiel "unfertig" auf den "Markt" gebracht wurde – was, wie gewohnt, sicher rein kapitalistische Ursachen hatte. So ist aus einem Spiel, welches das Potenzial zu einem Highlight birgt, nur ein durchschnittliches, eben unfertiges Werk geworden.

Dabei beginnt die Geschichte gleich mit einem donnernden, dunklen Prolog: Der Spieler übernimmt den Charakter eines jüdischen Wissenschaftlers, der irgendwo in Deutschland im Jahre 1942 seine beiden Kinder vor den ins Haus einbrechenden SS-Schergen beschützen muss. Dieses bedrückende Szenario endet – man ahnt es – natürlich nicht gut. Danach startet die eigentliche Geschichte, in der man den Briten Fenton Paddock auf seiner Suche nach dem besagten Artefakt, die ihn von Europa über Asien und Afrika bis in die Einöde des isländischen Nordens führt, begleitet. Es ist nicht bloß eine Randnotiz, dass er sich dabei auch gleich auf die Suche nach seiner vom KGB entführten Tochter Gwen begibt und von einer ominösen Agentin des israelischen Geheimdienstes Mossad unterstützt wird. Viel mehr möchte ich zur teils hanebüchenen, stets aber spannenden und abwechslungsreichen Geschichte nicht spoilern.

Wie im Adventure-Genre üblich, nehmen auch in "Lost Horizon 2" die Rätsel einen breiten Raum ein. Diese fallen höchst unterschiedlich aus: Es gibt lächerliche Varianten, die selbst eine Hohlbirne aus der AfD mit etwas Glück oder Hilfe lösen könnte; gleichzeitig wird man aber auch mit einigen recht knackigen Aufgabenstellungen konfrontiert, die zudem nicht immer logisch sind – was die Lösungen natürlich nicht einfacher macht. Auch das ist allerdings ein bekanntes Merkmal dieses Spielegenres. Die Entwickler haben dem eventuell aufkommenden Frust aber vorgebeugt, indem sie eine stichwortartige Komplettlösung ins Spiel integriert haben, die man jederzeit per Mausklick aufrufen kann, wenn man an irgendeiner Stelle partout nicht mehr weiterkommt.



Grafisch ist das Spiel auf der Höhe der Zeit – die Schauplätze sind detailreich und atmosphärisch gestaltet: Wenn sich Fenton in einer herrschaftlichen Villa, einer Tempelruine, einer orientalischen Stadt oder im Lenin-Mausoleum in Moskau herumtreibt, sind die Umgebungen stets passend und angemessen. Einzig die Videosequenzen, die es zuhauf im Spiel gibt, geben Anlass zur Kritik, denn sie sehen teilweise so aus als stammten sie aus dem Jahr 2005. Auch einige eigentlich vielversprechende Features des Spieles, wie beispielsweise den im Inventar integrierten "Basteltisch" oder die beispielsweise aus "Amnesia" bekannte direkte Interaktionsmöglichkeit, mit der gedrückten Maustaste Türen oder Behältnisse zu öffnen, sind offenbar dem Zeitdruck zum Opfer gefallen und tauchen entsprechend nur sporadisch am Anfang des Spiels auf.

Auf meinem Win7/64-System läuft das Spiel problemlos und ohne Abstürze. Die vielen Dialoge sind professionell und angemessen vertont, die orchestrale Musik ist passend und unaufdringlich. Leider ist das Abenteuer viel zu kurz – nach nur 12 Stunden lief schon der Abspann. Der Vorgänger war doppelt so lang. Und das größte Ärgernis kommt tatsächlich zum Schluss: Die animierte Schlussszene des Spieles ist dermaßen dilettantisch umgesetzt worden, dass hier die Vermutung naheliegt, die Entwickler könnten das Video in der Nacht vor der Veröffentlichung noch schnell zusammengeschustert haben. Ein derartig zerstörtes Ende einer Geschichte habe ich zuvor noch nicht erlebt.

"Lost Horizon 2" hätte ein richtig gutes Spiel werden können – herausgekommen ist aber ein nur mäßig zu empfehlendes Durchschnittsspiel, das zwar Spaß macht, gleichzeitig aber auch verdeutlicht, dass die bescheuerte Gier nach Profit auch in kreativer Hinsicht stets zerstörerisch ist. Vermutlich sehen die Entwickler das ebenso – es ist sicher kein Zufall, dass dieses Spiel auf deren Internetseite gar nicht erwähnt wird und auch in der Liste der Spiele nicht auftaucht.


Donnerstag, 14. September 2017

12.000 Euro: Und der Eso, der hat Zähne ...


Meine liebsten Esoterikerfreunde von "Jenseits der Realität" werden nicht müde, um Geld zu betteln. Sie tun es mit Inbrunst und hören damit auch nicht wieder auf: Schon vor einem halben Jahr habe ich mich mit diesem unschönen Thema beschäftigt – und seitdem ist die Eso-Seite gleich geblieben.

Aktuell kopiert der Oberesoteriker Faulfuß mal wieder Textbausteine, die er schon mehrere Male zu diesem Zweck verwendet hat – es ist sicher zu aufwändig oder zu schwierig, einfach mal neue Formulierungen für die wiederkehrende Bettelei zu finden. Effizienz ist eben auch in Esoterikstan das oberste Gebot – auf dass die Kohle der blökenden Schafherde sprudele.

Eigentlich könnte ich meinen oben verlinkten Beitrag ebenfalls einfach kopieren und danach schlafen gehen – schließlich hat sich in den vergangenen sechs Monaten nichts verändert. Ich schreibe aber trotzdem lieber einen neuen Text, da ich andere Ansprüche an ein politisches Blog stelle als die Esoteriker. Dabei ist es äußerst amüsant, dass der Oberguru sein realitätsfernes Blog weiterhin und ohne jede Ironie als "Magazin" bezeichnet. Wäre er ein Soldat, könnte ich das noch verstehen – schließlich muss das Magazin immer gut gefüllt sein, wenn die Gesinnungsfreunde in die Schlacht ziehen, um die vielen "Feinde", zu denen unter vielen anderen auch ich gehöre, auszumerzen.

Doch in Faulfußens Text geht es ja in erster Linie um Geld, worum auch sonst. Er möchte nicht 50, nicht 100, nicht 500 und auch keine 1.000 Euro haben – ihm schwebt eine Summe von 12.000 Euro vor dem irren Auge, die er gerne jährlich einsacken möchte. Wofür dieses Geld verwendet werden soll, bleibt natürlich im nebulösen Wabern verborgen – es ändert sich ja nichts daran, dass das Betreiben jenes Blogs schlichtweg gar kein (!) Geld kostet. Trotzdem fabuliert der Mann: Wenn nach Abzug aller ominösen "Kosten" noch etwas übrigbliebe, solle vielleicht auch irgendwann mal ein "Honorar" für AutorInnen gezahlt werden – wobei sich da sofort die Frage stellt, welche AutorInnen damit wohl gemeint sein sollen, da in diesem Katastrophenblog ja fast ausnahmslos Beiträge veröffentlicht bzw. verlinkt werden, die anderswo bereits zuvor erschienen sind.

Das soll 12.000 Euro pro Jahr "im Normalbetrieb" (*glucks*) kosten, meint der Faulfuß – und erntet schallendes Gelächter. Vielleicht sollte ich endlich damit beginnen, mir solche kapitalistischen Ziele auch zu setzen. Mich kostet das Bloggen zwar ebenfalls keinen läppischen Cent, wenn ich die DSL-Gebühren, die ich aber ohnehin hätte, mal ausklammere – aber 12.000 Euro im Jahr könnte auch ich wahrlich gut gebrauchen! Es ist ein wahrer Jammer, dass ich kein Eso-Spinner, sondern bloß ein doofer Kommunist bin.

Ich prostituiere mich aber herzlich gerne und kopiere die Faulfuß'sche Behauptung zur Legitimation dieser habgierigen Aktion deshalb frank und frei:

Mystik, undogmatische Spiritualität, die das Innerste im Menschen berührt, macht die Verbundenheit allen Lebens erfahrbar. Sie erinnert an nicht-materielle Werte und hilft dem Einzelnen, sich durch Selbst-Besinnung destruktiven Zwängen und Manipulationen zu entziehen.

Das tut sehr, sehr weh. An "nicht-materiellen Werten" ist Faulfuß offenkundig gar nicht interessiert – die "sehr-materiellen" Werte sind dagegen wesentlich interessanter. Mir ist übel, das Gehirn schmerzt und ich fühle mich schmutzig. Ich habe die Rechtschreibung, das logische Denken und die kritische Distanz nunmehr verlernt und zusätzlich meinen Intellekt in den nächstbesten Gulli am Marktplatz jenseits der Realität geschmissen – also müsst ihr mir jetzt mindestens 12.000 Euro jährlich spenden! – Ja, wie – niemand hat Bock darauf? Was seid ihr denn bloß für ekelige, unsolidarische Arschlöcher!?! Ihr werdet alle in der Hölle schmoren – das hat sogar Faulfuß bestätigt!

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Bestrafte Ketzerei


"Die glaubten nicht an Darwin."

(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 28 vom 12.10.1925)