Mittwoch, 22. März 2017

Armut im Paradies


Es geht wieder einmal um das Thema Armut. Im goldenen, kapitalistischen Westen, der von allen politischen und medialen Seiten als das "Ende der Geschichte" bzw. das erreichte Paradies bejubelt wird, steigt die Armut unaufhaltsam weiter an. So hieß es vorgestern beim WDR exemplarisch:

Millionen Kinder "sozial abgehängt" / Rund 3,7 Millionen Jugendliche unter 18 Jahren sind bundesweit die Verlierer der jungen Generation. In NRW soll die "soziale Spreizung" besonders groß sein.

Ganz abgesehen von dem Umstand, dass der Fokus hier einmal mehr auf "die Kinder" gelegt wird – so als seien Erwachsene oder Alte hier nicht weiter relevant –, bleibt natürlich auch dieser Bericht des WDR ein heilloses, fast schon Lapuente'sches Geschwurbel, das weder mit der tatsächlichen Realität, noch mit den Hintergründen der grassierenden Armut etwas zu tun hat. Insbesondere die politischen "Forderungen", die hier bemüht werden, um dem unschönen Thema, das der kapitalistischen Erzählung im Wege steht, zu begegnen, regen doch eher zu sarkastischer Heiterkeit an, sofern man einen tiefschwarzen Humor besitzt.

Gleichzeitig wird hier einmal mehr das obszöne Märchen von der "Bildungsferne" nacherzählt, in dem es heißt, dass vornehmlich Menschen "ohne Berufsausbildung" zu den heutigen Armen gehören, die zudem oft "psychisch geschädigt" und "alkoholabhängig" seien und deshalb ihre Kinder nur mit einem "Trockentoast" statt einer "richtigen Stulle" in die Schule schickten. Da ist das Gehirn schon zu Gelee geworden. Ganz am Rande frage ich mich jedoch, was bitte ein "Trockentoast" sein soll? Gibt es auch "feuchte" Toasts und sind die irgendwie "nahrhafter"?

Auch die übliche Forderung nach "mehr Kita-Plätzen" ist hier selbstverständlich dabei. Ich stelle nach wie vor die Frage, ob es tatsächlich sinnvoll ist, Kinder im Vorschulalter in solchen Einrichtungen zu parken, damit die Eltern weiterhin der Ausbeutungsmaschinerie des Kapitalismus zur Verfügung stehen können. Ich weiß, das ist kein tragendes Argument, aber dennoch möchte ich feststellen, dass ich meine Kindheit vor der unweigerlich folgenden Schule ganz ohne irgendwelche Kindergärten verbracht und die Welt viel lieber auf eigene Faust – und ohne "pädagogische Anleitung" – entdeckt habe. Das war abenteuerlich – aber das nur am Rande.

Gestern gab es zu diesem Thema bei Zeit Online einen Beitrag, den ich hier auch verlinken möchte. Es handelt sich dabei um einen Auszug aus dem Buch "Das gespaltene Land. Wie Ungleichheit unsere Gesellschaft zerstört – und was die Politik ändern muss" von Alexander Hagelüken. Ich habe das Buch nicht gelesen – die hier veröffentlichten Passagen reichen allerdings aus, um mir jede Lust an der Lektüre nachhaltig zu nehmen. Ich zitiere:

Ein Auto. Mehrmals im Jahr in den Urlaub fahren. Ein Haus im Grünen. Die Kinder studieren lassen. Es sind Ziele wie diese, die den Lebensplan vieler Millionen Deutscher charakterisieren. Alle diese Ziele lassen sich unter einem Dach zusammenfassen: Die Menschen wollen einen Platz in der Mittelschicht. Zur Mittelschicht zu gehören war in der Bundesrepublik stets der Wunsch der Mehrheit. Und damit zugleich der Kitt, der die Gesellschaft zusammenhielt. Es gab ja einen Plan, dem die schlecht bezahlte Lehrzeit unter dem autoritären Chef folgte, die unübersichtlichen Unijahre, das Zurechtfinden in der Berufswelt: ein Platz in der Mittelschicht mit anständigem Einkommen. Für das Auto, den Urlaub, das Haus und die Kinder. Ohne bei kleineren Ausgaben ständig aufs Konto gucken zu müssen. Dafür lohnten sich die Mühen, der Einsatz im Beruf.

Das schmerzt, da schreit der Intellekt, da geifert die Hirnrinde in schwefeligen Fasern. Es geht in diesem Text selbstverständlich nur um nationale Befindlichkeiten, die zudem so dermaßen infantil aufbereitet werden, dass selbst ein BLÖD-"Zeitungs"-Leser ins Stocken geraten müsste. Wer heute immer noch glaubt, dass die rot-grün-schwarz-gelbe Bande den Sozialstaat "nur aus Versehen" kastriert hat und dass dieselbe Bande das nun auch wieder rückgängig machen könne, gehört – und das meine ich völlig ernst – in die Psychiatrie. – Aber lesen wir weiter:

Angesichts dieser vielen Ursachen überrascht es nicht mehr, dass die Mittelschicht schrumpft. Es überrascht nur, dass die Politik dabei zusieht.

Nun fragt sich der geneigte Leser, der keine tatsächlichen Ursachen im Text gefunden hat, die dort auch nicht zu finden sind, wieso der Autor nun ausgerechnet davon überrascht ist, dass die Politik, die eben diese Zustände ja ganz bewusst herbeigeführt hat, nichts dagegen unternimmt. So könnte auch ein Tierpfleger im Zoo entsetzt fragen, wieso nicht endlich jemand etwas dagegen unternimmt, dass die Löwen ständig kiloweise Fleisch fressen. – Aber es geht noch weiter, denn der Autor hat selbstredend auch Lösungsvorschläge aus dem Kindergarten parat:

Es gäbe eine ganze Menge Antworten: von mehr Chancen durch Bildung über eine Entlastung von Steuern und Sozialabgaben über bessere Löhne bis zu mehr Unterstützung für Familien.

An dieser Stelle überfiel mich ätzendes Sodbrennen und ich musste eine Tablette schlucken, um mich nicht zu übergeben. Natürlich verwundert es mich längst nicht mehr, dass in den kapitalistischen Medien niemand mehr die Systemfrage stellt oder die völlig grotesken, unablässig zunehmenden Reichtümer der "Elite" antasten will, um zunächst die schlimmsten Deformierungen für die Ärmsten zu bereinigen – aber in dieser ekeligen Konzentration ist die kapitalistische Propaganda selbst bei Zeit Online (noch) nicht ganz so oft zu lesen.

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Der Gerichtsvollzieher


"Der Grund soll Ihnen vorläufig zur Nutzung überlassen bleiben. Den Ertrag aber müssen Sie abliefern, und den Spaten muss ich gleich mitnehmen!"

(Zeichnung von Max Radler [1904-1971], in: "Der Simpl", Nr. 6 vom April 1947)

Kommentare:

Arbo hat gesagt…

Charlie, ganz ehrlich, mit der Systemfrage hängt die Messlatte viel zu hoch. Ich würd' schon einen Korken vom Gänsewein knallen lassen, wenn die bestehenden Widersprüche mal als solche wahrgenommen werden. Zwei Beispiele.

1) Der Autor, den Du zitierst, schreibt: "Die Menschen wollen einen Platz in der Mittelschicht. Zur Mittelschicht zu gehören war in der Bundesrepublik stets der Wunsch der Mehrheit."

Das, was der beschreibt, das ist doch schlicht der Wunsch nach einem normalen auskömmlichen Leben. Das soll - wie ganz normal - ein Privileg der Mittelschicht sein? Und was ist jenseits der Mitte? Klar, nach oben ist immer Luft. Aber wenn's eine Mittelschicht gibt, wo oben die fette Sahne draufliegt, da muss ja wohl unten auch noch etwas sein. Hm... Ist es da unbotmäßig, sich mal ein auskömmliches Leben zu wünschen? Sollen die da unten einfach unwürdig im Dreck liegen, weil's ja das ist, was "unten" bedeutet?... Daran zerberstet mE die gesamte Argumentation und der Autor bekommt's offenbar noch nicht mal mit.

2) Bildung: Da muss ich ganz herzlich lachen. Nicht nur, weil ich als dottore gerade selbst mal wieder in der Luft hänge, sondern auch, weil ich diesen Bildungs-Quatsch lange genug mitgemacht habe und weiß, wie mies Bildungsarbeit bezahlt wird. Logisch ist da auch ein Knacks drin - wenn sich jeder bildet, haben wir halt gebildete Arbeitslose und Schlechtverdiender. Aber steigende Chancen? Mensch, mensch ... Zudem wird offenbar auch noch ein mieses klassizistisches Zerrbild verfestigt. Denn wer sagt, dass jemand ohne Abi und Studium "ungebildet" sei? Was der Autor macht, ist letztlich das Hamsterrad der Selbstoptimierung und -verantwortung weiter zu drehen. Haste keinen Job, haste Dich wohl nicht gebildet, biste selber schuld - biste ein schlechter Mensch, der den anderen (Gebildeten) auf der Tasche liegt. ... Das sind Sachen, die eigentlich offensichtlich sind. Wer sehen kann, der könnte es auch sehen. ... ach, ich hör' mal lieber auf.

Kleiner Seitenhieb am Rande: Auch in der DDR gab's Kindergärten, nur dass da the Mamas & the Papas fleißig für den Anti-Kapitalismus gebuckelt haben. ;-)

LG
Arbo

Charlie hat gesagt…

@ Arbo: Du würdest Dich wundern, auf welchem niedrigen Niveau auch bei mir bereits die Sektkorken knallten und ich in unbändige Freudentänze jenseits des für Zuschauer Zumutbaren ausbräche. ;-)

Bezüglich der Situation der Kitas in der DDR gehe ich einfach mal davon aus, dass Du das satirisch gemeint hast. :-) Die AntikapitalistInnen beispielsweise in Dresden oder Freital können wir ja heute sehr ausführlich bestaunen. :-)

Liebe Grüße!

Troptard hat gesagt…

Was Buchautoren wie Alexander Hagelüken umtreibt

"Das gespaltene Land. Wie Ungleichheit unsere Gesellschaft zerstört und was die Politik ändern muss"
oder Clemnes Wemhoff "Wer arbeitet ist der Dumme: Die Ausbeutung der Mittelschicht" ist eine begründete Angst, in das sog. Prekariat abzurutschen und eine unbegründete, Hoffnung, dass ihr Staat, den sie da anrufen oder für diese Entwicklung verantwortlich machen, daran etwas ändern will oder kann.

Weil in warenproduzierenden Gesellschaften sich alles in Rechenheiten veranschaulichen lassen muss, also in Geld, um einen Alleinstehenden ab 1.500 Euro bereits in die Mittelschicht einzusortieren, deshalb liesse sich der ganze Quark, der da immer wieder ausgeschwitzt wird ziemlich locker ignorieren, wenn daraus nicht immer wieder die falschen Schlüsse gezogen würden.

Der Staat ist nicht Unternehmer sondern Konsument, der seine Konsumtionsfähigkeit einer gelingenden Kapitalverwertung verdankt und alles daran setzt, damit diese erhalten bleibt und seine Wirtschaft in der europäischen und internationalen Konkurrenz erfolgreich bleibt.

Deshalb HartzIV, um den Druck in der Konkurrenz unter den Lohnarbeitern und die Angst vor dem sozialen Abstieg, der mit Hartz IV fast unausweichlich ist, gesellschaftlich zu verallgemeinern.
Und dieser Druck auf die Lohnarbeit, ihr weitere Opfer abzuverlangen, wird nicht abnehmen, sondern sich verstärken.

Es gibt genug Indizien dafür, dass es jetzt erst richtig ans Eingemachte geht. Hier nur ein paar Wenige: Wiedereinführung der allgemeinen Wehrpflicht in Schweden und von Macron in Frankreich gefordert, Aufstockung der Ausgaben für die militärische
Aufrüstung, protektionistische Massnahmen gegen Warenimporte, Sozialpolitik nur noch für diejenigen, die sich bedingungslos der Kapitallogik unterwerfen und dem nationalen Patriotismus unterwerfen: hart arbeiten und national kaufen.

Und, ich mag es kaum äussern, es wird wieder einmal die parlamentarische Linke sein, die das umsetzen wird? Entschuldigung, wenn ich mich da zu weit aus dem Fenter gelehnt habe.



Troptard hat gesagt…

Hab ich doch glatt vergessen anzufügen:

Deshalb ist die soziale Marktwirtschaft, wie wir es in Deutschland nennen, um das uns weite Teile der Welt beneiden, ein Erfolgsmodell (Regierungserklärung von Angela Merkel,9.3.2017).

Und darin wieder dieser Grössenwahn deutscher Politik oder der Wirtschaftseliten enthalten, die einfach zu feige sind beim Namen zu nennen , worauf es ihnen ankommt, möglichst viel Profit zu machen, sondern sie müssen das immer wieder in soziale Verantwortung einkleiden, welche sie angeblich umtreibt und eingebunden wird in Sozialpläne, Beschäftigungsgarantien und Standortschutz.

Wenn ich das richtig gelesen habe, dürfen sich deutsche Lohnarbeiter in diesem Jahr auf eine enorme Entlassungswelle vorbereiten.

Charlie hat gesagt…

@ Troptard: Ich befürchte, dass Du dich nicht zu weit, sondern eher zu wenig aus dem Fenster lehnst, wenn Du die kommenden Grausamkeiten durch die "parlamentarische Linke" exekutiert siehst. Es ist ja nun allseits bekannt, dass nur SPD und Grüne ein faschistoides System wie den Hartz-Terror etablieren konnten, ohne dass selbst in Deutschland ein Rebellion losgebrochen wäre.

Ich pflichte Dir ebenfalls bei, dass diese degenerierende Entwicklung munter weitergehen wird - der notwendige Schulzkasper (ob nun als Kanzler - *I'm just kidding* - oder als ebenso kleiner Wicht in einer erneuten großkapitalistischen Koalition mit den Widerlingen von der Union) steht ja in den Startlöchern und haut eine widerwärtige, gewaltige Lüge nach der anderen heraus - hinter Trump muss sich der Mann wahrlich nicht verstecken.

Das Heulen und Zähneklappern der Bevölkerung ist in jedem Falle vorprogrammiert und natürlich genauso geplant.

Vielleicht sehe ich das zu fatalistisch - aber nach meiner Einschätzung tritt die verkommene Demokratiesimulation der kapitalistischen Hölle damit in ihre finale Phase ein. In der Folge ist es leider sehr wahrscheinlich, dass diese Hölle in Beton gegossen wird, anstatt endlich die Auflösung in der Revolution zu suchen.

"The same procedure as every year, James!"

Liebe Grüße!

promenadenmischung hat gesagt…

Da ist das Gehirn schon zu Gelee geworden.

Ja, aber das / die …e des/ der Script-Ersteller. Oder hat sich in einen feuchten Keks
verwandelt …

P.S.: Die historische Karikatur bringt den heutigen Missbrauch des Eigenverantwortungsbegriffs brillant auf den Punkt: das System entzieht
gerade denen sämtliche existenziellen Grundlagen, von denen es eben genannte E.
geradezu penetrant einfordert. Weiß ja jeder: ein Bäcker ist dann am Produktivsten,
wenn man ihn aller Teigzutaten beraubt ;-)

Charlie hat gesagt…

@ Promenadenmischung: Der Kapitalismus geht noch einen Schritt weiter - denn in dieser perfiden Weltsicht ist der um alle Teigzutaten beraubte Bäcker schließlich selbst schuld an seiner Misere und darf daher getrost in die Gosse getreten werden.

Dieses abstruse Denken ist keineswegs "elitären" Kreisen oder solchen, die sich dafür halten, vorbehalten, sondern gelebte Realität in der untergehenden Mittelschicht Kapitalistans.

Liebe Grüße!

jakebaby hat gesagt…

... ätzendes Sodbrennen in 03:56 http://www.sueddeutsche.de/wirtschaft/summa-summarum-die-reichen-sollen-reich-sein-duerfen-1.3432382

Und das Budget aus LaLaLand "White House Budget Director Mick Mulvaney said Thursday that cutting funding to several anti-poverty programs is “one of the most compassionate things we can do.”"
Mit several meint er natuerlich Alle.

"Mulvaney specifically cited Head Start, which runs early-childhood programs including free breakfasts for children from low-income families, as an example of an unjustified expenditure, arguing that there was no proof that children performed better in school when they weren’t hungry."

-Meals on Wheels- was Millionen Arme,Alte,Junge,Behinderte, etc. fuettert, taugt natuerlich auch nix.
https://www.yahoo.com/news/cuts-to-poverty-programs-are-as-compassionate-as-you-can-get-trump-budget-chief-says-211630818.html

Umwelt/Forschung Tschuess https://www.yahoo.com/news/trump-budget-cripples-environment-science-critics-170507438.html

Ein grober Ueberblick "The Environmental Protection Agency is slated for a $2.6 billion cut, or 31% of its 2017 budget. “You can expect reductions in parts of the EPA that don’t line up with the president’s views on things like global warming and alternative energies,” Mulvaney said. Trump would slash $5.8 billion from the National Institutes of Health, an 18% cut, and $6.2 billion from Housing and Urban Development, a 13% decline. Here’s a breakdown of Trump’s budget by agency, with 3 agencies that would get more funding highlighted in green and 15 agencies that would lose money highlighted in yellow:"
.... und unter diesem Absatz eine etwas detailier'terte Grafick http://finance.yahoo.com/news/trumps-budget-to-slash-foreign-aid-and-green-energy-funding-040132503.html

Healthmaessig kostet "Es ein Paar Dutzend Millionen ihre ver'Sicherung und viele Millionen mehr aehnlichen Arger.

Bildung muss wesentlich mieser werden denn schon ist. ..

Und nach der Deregulierungs/Steuerreform muessen unbedingt alle Reiche/...etc.? so fuerchterlich unreguliert reicher werden, dass man die kuerzlich letzte Krise der finanz/wirtschaftlich deregulierten Reichen unbedingt als Wirtschaftswunder
bezeichnen muss. ...

Natuerlich ist dieses extreme Chaos intentional. Dazu werden total Verdummte von noch wesentlich verbloedeteren Arschloechern "gelenkt"??

Sonst nix. ....

Charlie hat gesagt…

@ Jake: Deine Zitate und Links versauen mir, wie immer, den Tag. Danke für diese kleine Zusammenstellung aus dem Horrorkabinett!

Liebe Grüße!