Donnerstag, 16. März 2017

Star Trek: Erinnerungen an "Deep Space Nine"


Science Fiction entwirft keineswegs Zukunft, sondern Alternative; sie springt in die andere Wirklichkeit und meint nicht die Zukunft, sondern die Gegenwart.

(aus: Dieter Wuckel: "Science Fiction. Eine illustrierte Literaturgeschichte", 1986)

Kürzlich habe ich mir – nach langer Zeit – mal wieder sämtliche Folgen der Star-Trek-Serie "Deep Space Nine" (DS9) angeschaut. Ich habe diesen Teil des Star-Trek-Universums lange gescheut und erst relativ spät damit angefangen, mich damit auseinanderzusetzen – umso erhellender war nun die erneute Sichtung.

Ich weiß, dass es sehr konträre Meinungen zu dieser Serie gibt. Auch ich gehöre zu denjenigen, die diesem dritten Ableger nach der Originalserie aus den 60er Jahren und der Neubelebung mit dem unvergesslichen Captain Picard aus den 80er und 90er Jahren ("The Next Generation") sehr skeptisch gegenüberstehen. Seinerzeit habe ich diese Serie "übersprungen", also nicht angeschaut, da ich sie nach den ersten Folgen schlichtweg schlecht und langweilig fand. Später habe ich das aber nachgeholt.

Aus heutiger Sicht muss ich mein damaliges Urteil relativieren. Die Serie ist nicht so übel, wie ich damals vermutet habe. Es gibt hier eine Menge zu entdecken, auch wenn die Charaktere trotz allem allzu platt und eindimensional wirken. Insbesondere bietet DS9 einige der besten, teilweise auch witzigsten Folgen zum Ferengi-Thema (also der Star-Trek-Allegorie zum Kapitalismus). Es ist eine wahre Lust, dem Ferengi Quark und seinen Spießgesellen immer wieder dabei zuzuschauen, wie sie auf der Suche nach immer neuen, völlig sinnlosen Profiten die wunderlichsten, lächerlichsten und auch gefährlichsten Dinge anstellen – in dieser Hinsicht "funktioniert" DS9 tadellos.


(Quark und sein geliebtes "goldgepresstes Latinum")

Überhaupt kommt der Humor hier nicht zu kurz. Es gibt haufenweise Szenen, die zum brüllenden Lachen oder auch leisen Schmunzeln anregen - und für Star-Trek-Kenner gibt es gleich reihenweise "Insider"-Witze, die ich hier nicht näher erklären mag. Erinnern möchte ich lediglich an die Folge mit den "Tribbles", die auf eine der lustigsten Episoden der Originalserie zurückgeht und hier nicht minder herzerfrischend ist.

Gleichwohl bleiben einige Kritikpunkte bestehen, die ich schon damals unausstehlich fand. Dazu gehören in erster Linie die allzu kriegerische Ausrichtung dieser Serie, die ich nach wie vor ekelhaft finde, sowie die völlig hanebüchene esoterische Komponente. Es "passt" nicht ins Star-Trek-Universum, dass sich die Sternenflotte verhält wie die US-Regierung, welche die infantile Fabel vom "von außen aufgezwungenen Krieg" erzählt. Das ist dusseliger Bullshit – hier artet das Szenario in dumpfe Propaganda aus, die gewiss mit der US-amerikanischen, imperialistischen Realität jener Zeit etwas zu tun hatte, gewiss aber nichts mit "Star Trek", wie Gene Roddenberry es gedacht hatte. All die Folgen, die sich mit dem "Krieg gegen das Dominion" sowie der "Taktik", wie diesem "Feind" zu begegnen sei, befassen, kann man also getrost auslassen oder sich gleich entsprechende Kriegsfilme aus Hollywood ansehen.

Dasselbe gilt für sämtliche Folgen, die sich mit dem unsäglichen Thema der Esoterik beschäftigen. Es ist auch aus heutiger Sicht geradezu eine Peinlichkeit, dass ausgerechnet ein Vertreter der "Föderation der Vereinten Planeten" als religiöser "Prophet" etabliert wird – es fehlt eigentlich nur noch, dass der Mann damit beginnt, Tarotkarten zu legen oder weinende Madonnenfiguren anzubeten. Die Folgen, die mit diesem unsäglichen Thema zu tun haben, sollte man unbedingt in den Faulfuß'schen Abort werfen und sich nicht ansehen: Sobald es um "Drehkörper" und ähnliche Spinnereien geht, ist es an der Zeit, schreiend davonzulaufen.

Ein weiterer Kritikpunkt ist die überaus offensichtliche Fixierung auf die amerikanische "Kultur". Ein amerikanischer, gar grausiger Schnulzensänger (vergleichbar mit einer Helene Fischer hierzulande) ist dort nicht nur eine Randfigur, sondern ein immer wiederkehrendes Element, das nicht nur unsäglich nervt, sondern grobe musikalische Schmerzen verursacht – während sämtliche Figuren der Serie, vom Menschen über Ferengi bis zum Klingonen (sic!) dem süßlichen, ohrtötenden Gesäusel wohlgesonnen lauschen. Der widerwärtige Zausel – Vic Fontaine – sieht aus wie eine schmierige Karikatur aus dem US-TV, ist aber offensichtlich nicht so angelegt, sondern durchaus ernst gemeint. Noch schlimmer hätten die Macher der Serie gar nicht ins verunreinigte Klo greifen können.

Als Resümee bleibt mir nur: Die eine Hälfte dieser Serie ist geniale, witzige, kritische, bedenkenswerte Star-Trek-Kost – die andere Hälfte kann man getrost in die Tonne kloppen. Es ist immerhin erfreulich, dass die Themen Krieg und Esoterik in der nachfolgenden, um Längen sehenswerteren Serie "Voyager" eine ganz andere Beurteilung erfahren haben – aber dazu schreibe ich vielleicht ein anderes Mal etwas mehr.


Kommentare:

Fluchtwagenfahrer hat gesagt…

Moin Charles,
habe die o.a. Serie nur sporadisch geschaut, hatte mich aber nicht so begeistert.
Mein Favorit ist und bleibt Babylon 5 neben Star Trek natürlich.
CGI in den Anfängen allerdings spitzen Charaktere.
Versuchs mal und laß dich einfangen.
LG

Martin Däniken hat gesagt…

"Vic Fontaine " war mir auch zu "amerikanisch" aber aber als Nog unter dem Verlust seines Fusses litt ein Therapeutikum!Das Holodeck als eine idealisierte Möglichkeit dem kriegerischen Alltag zu entfliehen...
Ich hab eher die Djem hadar mit ihrer Ketracellzufuhr und ihren austauschbaren Herrn als Mischung von amerikanischer und chinesischer Kriegskultur gesehen... als eeine Zukunftsvision in der die chinesischen Herrn ihren amerikanischen Kriegern etwas Leine geben.
Und grade weil Sisko eher nichts mit Religion anfangen kann,ergeben sich deshalb mit dem hiesigen Klerus einige machtpolitische Fragen.
Was mir an DS9 ggefällt ist:
Wer hat die Macht
Wie lange hat derjenige die Macht
Wer glaubt die Macht zuhaben/sie verdient zuhaben
diese Fragen werden behandelt
und das im Rahmen einer Unterhaltungssendung!
Legitimität,Biowaffen,Sektion 31!!!
"Unter den Waffen schweigen die Gesetze"
Garak"
…ich lebe mit der Hoffnung, dass Sie eines Tages diese Universum so sehen werden,
wie es wirklich ist und nicht so, wie sie es sich wünschen,
Doktor"
Und alle Folgen wo Miles O`Brien Probleme bekommt! und meistens löst!!(nicht in Strafzyklen)

epikur hat gesagt…

Ich muss Fluchtwagenfahrer zustimmen. "Babylon 5" ist die weitaus bessere, da erwachsenere Serie. Die Charaktere sind besser ausgearbeitet, es gibt Diplomatie statt nur Krieg (sofern möglich), kaum SOAP-Zeug wie bei DS9 ständig und viel mehr Politik. Die ersten beiden Staffeln sind nicht ganz so gut, führt aber viel ein. Staffel 3 und 4 sind dann absolut top. Auch gibt es kaum Füller-Folgen, alles hat irgendwie mit allem zu tun. An den Effekten und der Kleidung sollte man sich nicht stören, die Serie hatte nur wenig Budget.

DS9 ist viel zu sauber und zu glatt. Sie sprechen zwar ständig von Millionen Toten im Dominion-Krieg, nur man sieht nie welche. Oder mal einen Sarg oder Leichenberge. ganz anders bei Babylon 5. So wirkt der Dominion-Krieg wie ein PC-Spiel. Auch abseits vom Haupt- und Nebencast sieht man kaum jemanden. Bei Babylon 5 wird man ständig mit den "normalen" Menschen konfrontiert, die die Suppe der Führung auslöffeln dürfen. Ich hätte auch einen ganzen Haufen an Zitaten, die ich aus Babylon 5 mitgenommen habe. Eine Serie, die im Gedächtnis bleibt.

"Fange niemals einen Streit an. Aber beende ihn immer."

Arbo hat gesagt…

Ui, ich bin jetzt nicht so Star Trek affin, dass ich mich als Fan oder so bezeichnen würde. Aber als Jugendlicher hat mich das natürlich auch geprägt. Vor allem natürlich "The Next Generation". Das war wohl auch der Grund, warum ich mit DS9 nicht so recht warm wurde - die Messlatte hängt da schon ziemlich hoch, denn ein Sisko ist halt kein Picard. Ich erwähne es trotzdem, weil DS9 ja Nachmittagsprogramm war und mensch selbst ohne viel Begeisterung zu entwickeln dort "am Ball" bleiben konnte.

In der Summe sehe ich es ähnlich wie Charlie. DS9 hatte irgendwie schon auch Unterhaltungswert, jedenfalls ist es das, was mir in nebulös-positiver Erinnerung geblieben ist. Negativ fand auch ich diese gesamte Propheten-Sache, die mir ins Esoterische abdriftete. Damit meine ich ausdrücklich nicht, dass Religion dort nichts zu suchen hat. Es hätte durchaus auch eine interessante Facette sein können. Aber so, wie sich das zum Ende hin entwickelte, war das für mich einfach nur unerträglicher Mist.

Fluchtwagenfahrer hatte ja hier schon auf Babylon 5 hingewiesen. Das fand' ich immer um ein paar Klassen besser, da gebrochene Charaktere - wie Garibaldi - usw. Aber so in der Rückblende - vielleicht irre ich mich da - habe ich den Eindruck, dass zum Ende hin - mit dem Krieg der Schatten - es dann komischerweise von der Atmosphäre ähnlich war bei DS9. Und auch Esoterik könnte eine gewisse Parallele zu DS9 sein, wenngleich ich meine, dass dies nochmal etwas anders wirkte - Babylon hatte ja immer auch so ein trashigen Sci-Fi-Fantasy-Touch.

Naja, aber nochmal DS9 aufgreifend. Es ist schon komisch, dass ich zwar bei DS9 durchaus das Gefühl habe, da auf etwas Bekanntes aus der Vergangenheit zu stoßen, aber trotzdem angestrengt nachdenken muss, was mir von DS9 in Erinnerung geblieben ist. Ich kann mich nur noch schemenhaft an die Meta-Geschichte der letzten Sachen erinnern. Konkrete Folgen: Fehlanzeige. Themen: Ja, die Sache mit dem Dominion, diese Cardassianer, Ferengi-Kapitalismus und diese Falten-Nasen-Esoterik. Aber da bekomme ich keine Zusammenhänge mehr hin. Und ProtagonistInnen? Da wären Quark, Sisko und - nach längerem Nachdenken - Odo mit diesem komisch toffee-farbenen Synthetikgewandt (die Geschichten sind mir zT noch als ziemlich moralin in neg. Erinnerung) ... dazu habe ich noch Bilder, aber dann hört's schon auf.

Deshalb will ich mal ganz unverblümt Dich, Charlie, fragen: Sind die Stories in der Summe eher unterdurchschnittlich, so dass es kein Wunder ist, wenn ich kaum mehr als plakative Erinnerungen an DS9 habe? Oder liegt's vielleicht daran, dass ich nicht mit "Herzblut" die Serie geschaut habe? Ich frage vor allem deshalb, weil ich selbst über mich irgendwie verwundert bin, da ich die Serie eigentlich regelmäßig geschaut - ok, eher: konsumiert - habe.

LG
Arbo

Charlie hat gesagt…

@ Martin Däniken: Die "Sektion 31" ist in der Tat ein interessanter Aspekt, der freilich in der Serie nicht einmal ansatzweise beleuchtet, sondern lediglich gestreift wurde. Was hätte man aus diesem Plot alles machen können! Stattdessen verläuft das einfach im Sande und ist damit ein schönes Beispiel für "investigativen" Journalismus, der in unserer schönen, neuen Welt längst auch nichts mehr bewirkt.

Liebe Grüße!

Charlie hat gesagt…

@ Arbo: Da fragst Du den Falschen, denn ich bin kein Drehbuchautor. :-) Meine Meinung zu dieser Serie habe ich ja kundgetan - darüber hinaus kann und will ich kein weiteres Urteil abgeben. Es ist davon auszugehen, dass auch damals schon das schnöde Profitstreben ("Wie machen wir Star Trek massentauglich und damit profitabler?") die treibende Motivation gewesen ist, die letztlich in so gruselige Sackgassen wie die vorzeitig eingestellte Serie "Enterprise" und die noch viel schaurigen Kinofilme nach Picards Abgang geführt haben. Wenn irgendein Schlips-Borg eine Blaupause dafür suchen sollte, wie ein lebendiger Mythos mit Schmackes zu Tode gefickt und entsorgt wird, dann muss er sich bloß im Star-Trek-Universum der vergangenen Jahre umsehen.

Nach DS9 war "Voyager" ein wirklicher Lichtblick, der aus Sicht der habgierigen, hirnlosen Marketingstrategen aber ebenfalls "nur" eine vergleichsweise kleine Zielgruppe - also nicht "die Masse" - angesprochen hat. Es ist nur konsequent, dass danach nur noch kalte Kotze kam, denn hier geht es schließlich um Geld und nicht um Kunst, Qualität oder Anspruch. Man kann das anhand der (in "guten" Serien ansonsten selbstverständlichen) ambivalenten Charakterentwicklung nachvollziehen: Während beispielsweise in "The Walking Dead" maßgebliche Figuren wie Rick oder Daryl fein und sauber herausgearbeitet werden, wobei niemals ganz klar ist, ob man sie nun für "gut" oder "böse" halten soll, ist das Schema in DS9 vollkommen starr und unbeweglich. Jede Figur hat ihre vorbestimmte Position und verlässt sie so gut wie nie. Das ähnelt, wie Epikur ganz richtig schrieb, den üblichen gehirnzersetzenden Soap Operas aus dem TV.

Man muss ja kein Literaturwissenschaftler sein um zu erkennen, dass die Charakterentwicklung in solchen Geschichten essenziell ist. Im massentauglichen Bullshit vom Fließband taucht diese allenfalls als "plötzliche Wendung" auf, wenn eine Person, der zuvor alle vetrauten, sich - oh Wunder! - als korrumpiertes Arschloch herausstellt. In guten Geschichten, Romanen, Filmen und auch Serien muss das freilich anders verlaufen. Gerade deswegen halte ich "The Walking Dead" für so ziemlich das beste, was der stinkende Moloch des Privatfernsehens hervorgebracht hat - es gleicht der Träne des letzten Einhorns in einer flächendeckenden Jauchegrube.

Es sind nicht die Geschichten, die eine gute Erzählung ausmachen.

Liebe Grüße!

Dirk hat gesagt…

Einer der interessantesten Aspekte von Star Trek war für mich von Anfang an der Umstand, dass die Förderation auf erzkommunistischen Prinzipien beruht und dennoch als DAS Erfolgsmodell des Universums dargestellt wird. Wenn man bedenkt, zu welcher Zeit Kirk und Co. erstmals über die Bildschirme und Kinoleinwände flimmerten, passte das überhaupt nicht zum damals im Westen herrschenden und propagierten Zeitgeist.

Charlie hat gesagt…

@ Dirk: Das ist einer der Gründe, weshalb ich so vieles an "Star Trek" mag - bzw. mochte, wenn man die letzten Filme sowie die bislang letzte Serie berücksichtigt. Heute passt dieses "alte" erzkommunistische Erfolgsmodell halt noch viel weniger in die Zeit, weshalb es ja auch in den Serien und Filmen peu à peu abgeschafft wurde.

Liebe Grüße!