Montag, 10. April 2017

Die verkleisterte Wirklichkeit: Bildung und ihre mediale Negation


Mein Lieblingskolumnist Stefan Gärtner hat wieder einmal in die Vollen gehauen und in seinem sonntäglichen Text zwei Dinge miteinander verbunden, die zunächst nicht sonderlich viel miteinander zu tun haben: Das ewige Krimi-Gedöns und die Ruinen der kapitalistischen Bildung.

Gärtner resümmiert:

Aber seit Wochen laden im örtlichen Kindergarten die Grundschulen per Aushang zu "Schnuppertagen" und "Hospitanzen", und zwar fürs Schuljahr 2018/19, mit Bio-Essen hier und Projekt-Tamtam da, und im "Tatort" heute abend geht es um Flüchtlinge. Also, nicht eigentlich um Flüchtlinge, denn "der Sonntagabendkrimi ist nun mal ein Unterhaltungsformat" (SZ). Und die Schule der Leistungsgesellschaft eben nicht.

Man lese den gesamten Text, um dem zugrundeliegenden Gedanken auf die Spur zu kommen.

Was hierzulande als "Bildung" verkauft [sic!] wird, ist letzten Endes nichts weiter als die schnöde Zurichtung junger Menschen auf die kapitalistische Ausbeutungsmaschine. Das war indes nie anders: Es ist sicher kein Zufall, dass gerade zur Jahrhundertwende vor 100 Jahren die Literatur geradezu überquoll, wenn es um die Darstellung der Schule ging. Das Schulkapitel aus Thomas Manns Roman "Buddenbrooks" ist dafür ebenso bezeichnend wie die Kurzgeschichte "Ein Verbummelter" von Stefan Zweig, der Roman "Unterm Rad" von Hermann Hesse oder das Drama "Frühlings Erwachen" von Frank Wedekind.

Der militärische Drill von damals ist heute einem nicht minder ekelhaften Leistungsgedanken gewichen. Die neoliberale Zerstörung der Hochschullandschaft in Deutschland ist ein beredtes Beispiel dafür. Heute gilt es, Kindern bereits im Kindergarten und in der Grundschule einzubläuen, dass "Konkurrenz" und das "Eigenwohl" die Ziele des Lebens seien, während Toleranz, Solidarität und ähnliche Verwerfungen unbedingt zu vermeiden sind. Es ist kaum zu fassen, aber Kapitalisten denken wirklich so. Im "goldenen Westen" ist diese Prämisse Gesetz.

Was hat das nun mit dem allgegenwärtigen Krimi-Gedöns zu tun? Gärtner reißt das Thema an:

Der Krimi, wie er Tag für Tag stumm wegkonsumiert wird, erklärt nichts; täte er's, würde er nicht als die Maschine zur Komplexitätsreduktion geliebt, die er ist. Er vereinfacht, was sich, ohne zu lügen, nicht vereinfachen lässt. Er verkleistert nicht nur die Wirklichkeit, er verkleistert noch die Fähigkeit, sie zu erkennen.

Der Unsinn lässt sich kaum treffender formulieren. Dennoch reicht der Irrsinn wesentlich tiefer, denn selbstverständlich lassen sich so nicht nur kapitalistisch motivierte Straftaten wunderbar instrumentalisieren, sondern auch staatliche Überwachungsfantasien vorzüglich kolportieren. Wer hat schon Angst vor einem Axel Prahl?

Während gesichtslose "Jobcenter-" und "Ausländerbehörden"-Schergen sowie andere "Beamte" hunderttausendfach Menschen ins Elend stürzen, verfolgt die Bevölkerung lieber die boulevardesken, realitätsfernen Geschichten aus dem "Tatort" oder anderen Krimi-Serien. Dazu gibt es nichts weiter zu sagen.

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Der neueste Lustmord


"Ein Bild aus dem Familienleben"

(Zeichnung von Thomas Theodor Heine [1867-1948], in "Simplicissimus", Heft 6 vom 11.05.1931)

Kommentare:

Frau Lehmann hat gesagt…

Was heutzutage als Bildung bezeichnet wird, verdient den Namen Bildung nicht mehr. Es ist Ausbildung zum verwertbaren Objekt. Wie soll es auch anders sein in einer Gesellschaft, in der der Mensch als Mensch mit seiner ureigenen Persönlichkeit nichts wert ist, sofern er nicht die geforderten verwertbaren Fähigkeiten nachweisen kann. Einen Nobelpreis verdient sich der, der ein Programm entwickelt, das für einen Arbeitgeber den "passenden" Arbeitnehmer berechnen kann.
Ja, und das beginnt bereits im Kindergarten.
Es gibt dazu einen interessanten Beitrag auf dem Blog "Rubikon", der folgendermaßen beginnt:
"Stellen Sie sich folgende Szene vor: Eines Tages beim Frühstück zückt Ihr Gatte ein Papier und stellt fest: 'Meine Liebe, ich habe Zweifel an deiner Eignung zur Ehefrau. Ich habe dich in den letzten Wochen systematisch beobachtet und mir Notizen gemacht. Ohne dass du es wusstest, habe ich dich getestet in relevanten Situationen. Ich befürchte, unsere Ehe ist nicht zukunftsfähig, wenn du nicht einige Kompetenzen entwickelst, die man einfach braucht, um erfolgreich eine Ehefrau zu sein. Und das ist jetzt nicht meine persönliche Meinung. Nein, dieser Test und diese Beobachtungsbögen – bitte sehr – sind wissenschaftlich belegt und absolut objektiv'."
Absurd, oder?

Testeritis schon im Kindergarten

MT hat gesagt…

"Er verkleistert nicht nur die Wirklichkeit, er verkleistert noch die Fähigkeit, sie zu erkennen."

Ein sehr schöner Satz. Der Gärtner ist ein Großer.

(Mein Gott, diese Captchas werden immer schlimmer)

Charlie hat gesagt…

@ MT: An den "Captchas" kann ich leider nichts ändern, sorry.

Charlie hat gesagt…

@ Frau Lehmann: Vielen Dank für den Lesetipp. "Rubikon" beobachte ich momentan noch - ich kann das Blog noch nicht so richtig einordnen bzw. einschätzen. Der verlinkte Beitrag ist aber in der Tat äußerst lesenswert.

Liebe Grüße!