Donnerstag, 26. Oktober 2017

Pre-Crime: Wenn Science Fiction Realität wird


Vor zwei Wochen war bei spektrum.de ein interessanter Bericht zu lesen, in dem es um die staatliche Totalüberwachung und vor allem die Bereitschaft der hiesigen Bevölkerung ging, sich diesem grausigen Instrument freiwillig und willfährig auszuliefern. Unter dem Titel "Überwachung wird cool" heißt es dort:

GPS, Smartphones und Fitness-Tracker sind genuine Militärtechnologien. Warum haben Menschen trotzdem Spaß daran, sich mit smarten Geräten zu überwachen?

Ich empfehle dringend die komplette Lektüre dieses kleinen Textes, in dem auch der Soziologe und Kriminologe Nils Zurawski zitiert wird: "Die Überwachung ist so unmerklich in unseren digitalen Alltag eingebettet, dass wir die Mittel als Konsumartikel wahrnehmen und sie uns nur dort erscheinen, dass der Prozess der Überwachung, der Normierung, der Steuerung entweder nicht auffällt oder die dahinterstehenden Herrschaftsverhältnisse egal werden." – Diesen Satz sollte man dreimal, fünfmal lesen, um die Ungeheuerlichkeit zu erfassen.

Um den Datenschutz oder die Privatsphäre ist es in der heutigen Zeit ohnehin nicht gut bestellt – inzwischen ist es quasi eine Selbstverständlichkeit, ein Dumpf-Phone zu "besitzen" und es – ganz wichtig – auch niemals auszuschalten. Dies ist jedoch nur die eine Seite der schwarzbraunen Medaille, denn längst hat der Überwachungswahn ganz andere Dimensionen erreicht, die weit über die Wanzen, die sich die Bekloppten auch noch selber kaufen, hinausgeht. Darüber hat Matthias Heeder eine Dokumentation erstellt, die momentan in (sehr wenigen ausgewählten) Kinos zu sehen ist:



Das abstruse Konzept, das "Pre-Crime" genannt wird, geht davon aus, dass ein Computer anhand irgendwelcher intransparenter Algorithmen zuverlässig vorhersagen könne, wer zukünftig straffällig oder ein Opfer einer Straftat werden könne. Diese Technologie, die – zumindest heute – viel mehr mit Kaffeesatzleserei als mit Wissenschaft zu tun hat, kommt inzwischen dennoch zur Anwendung und hat entsprechend kafkaeske Auswirkungen, die im Film exemplarisch beleuchtet werden. Beim WDR ist zudem ein (leider gewohnt schlechtes) Interview mit dem Regisseur nachzulesen, in dem Heeder unter anderem sagt:

Robert McDaniel, mit dem wir in diesem Film gearbeitet haben, war auch auf dieser Liste gelandet. Er wurde in den letzten drei bis fünf Jahren zusammen mit einem Freund immer wieder mal wegen kleinerer Vergehen verhaftet. Das passiert in den USA sehr schnell – vor allem wenn man schwarz ist. Zum Beispiel wegen Würfelspielens oder Trinkens in der Öffentlichkeit – Marihuana rauchen, also diese Art von Vergehen. Und dann wurde sein Freund im Zusammenhang mit einer Gang-Auseinandersetzung ermordet. Robert rutschte dadurch automatisch auf die Punktzahl von 215 und bekam einige Tage später Besuch von der Polizei. Das ist die Realität, in der sich Menschen bewegen, die auf diesen Listen auftauchen. Heute sind es glaube ich inzwischen 4.500 Namen, die auf dieser Liste [die sich einzig auf die Stadt Chicago bezieht, Anm.d.Kap.] sind.

Es ist noch nicht so lange her, da war ein solches Szenario noch pure Science Fiction ("Minority Report"). Obwohl alle Beteiligten wissen, dass sie mit dieser Art der "Verbrechensbekämpfung" nichts erreichen, sondern stattdessen viele unbescholtene BürgerInnen "prä-kriminalisieren" und damit fälschlicherweise beschuldigen, wird der Unfug unbeirrt eingesetzt und durchgezogen. Auch in Deutschland, übrigens.

Mir kommt es immer mehr so vor, als nutzten die kapitalistischen "Eliten" gezielt die dystopischen Szenarien aus der Science Fiction ganz konsequent als Blaupause, um ihren Herrschaftsanspruch zu festigen – was aber natürlich nur eine wirre Verschwörungstheorie sein kann, denn letzten Endes wollen diese Herrschaften ja alle nur das Beste für die Menschheit. [*Gelächter vom Band*]

Ich möchte wirklich, wirklich nicht wissen, wie diese Welt in zwanzig Jahren aussieht. Wenn die Kapitalisten sie nicht in einem atomaren "Endkrieg" in die Steinzeit gebombt oder die Faschisten sie in ein globales Konzentrationslager verwandelt haben, werden wir uns dann wohl in einem kapitalistischen Überwachungsstaat befinden, gegen den Orwells Gruselwelt ein lustiges Disneyland der pinkfarbenen Luftballons und klammheimlichen Sehnsüchte nächtlicher Geheimträume seltener Dissidenten sein dürfte: Game over.


Kommentare:

altautonomer hat gesagt…

Die sich immer mehr ausbreitende Nutzung von überwachungsgeeigneter Technik in Privathand wie Smartphones, Tablets, Fitnesstracker und GPS-Technik in Pkws (Diebstahlschutz, Ortung bei Pannen) wird dazu führen, diejenigen, die sich diesem Trend hartnäckig verweigern, als fortschrittsfeindlicher gesellschaftlicher Restbestand entweder durch kostenlose Überlassung von Endgeräten korrumpiert oder in einer besonderen Datei leichter und weniger aufwändig erfasst wird.

Fazit: Wenn Du demnächst kein Smarty besitzt, bist Du ein höchst suspekter potenzieller Rebell. (Mir will man seit Wochen eins schenken.)

Anekdote: Ein junger Oberarzt kann von seinem Arbeitsplatz in der Klinik in X-Stadt mit seinem Smartphone von Boskop feststellen, ob jemand zu Hause in seinem Bad in Y-Stadt auf der elektr. Personenwaage gestanden hat. Er bekam Panik, als ihm ein Wert von 82 kg angezeigt wurde, denn er wußte, dass weder seine Ehefrau, noch die beiden schulpflichtigen Töchter so viel wiegen. Panik! Einbrecher? Hatte die Ehefrau einen Liebhaber zu Besuch? Nein, es war der Opa, der gelegentlich die beiden Enkeltöchter nach Schulschluss betreute und sich mal auf die Waage gestellt hatte.

epikur hat gesagt…

"inzwischen ist es quasi eine Selbstverständlichkeit, ein Dumpf-Phone zu "besitzen"

Nicht nur das, es ist schon ganz so, wie es der Altautonome formuliert hat: Du wirst schon gesellschaftlich und sozial ausgegrenzt, wenn Du keines besitzt. Besonders weil sich mittlerweile alle in irgendwelchen WhatsApp-Gruppen tümmeln. E-Mail schreiben ist ja soooo anstrengend.

Lieber Altautonome, lass Dir eines schenken und schmeiß anschließend die Sim-Karte weg. Habe ich auch so gemacht und benutze es nun als Foto-Kamera-Ersatz für den Blog. ;-)

schadensmeldung hat gesagt…

Bei meinen Einkäufen erlebe ich täglich, wie man seine Privatsphäre präsentiert, hörbar bis in's Detail. Wobei ich mich jedesmal frage, ob ich es mit Exhibitionisten oder Idioten zu tun habe. Ich wundere mich nicht mehr über die mehrheitliche Akzeptanz des Mithörens und Lesens, wundere mich allerdings, dass dies als Normalität betrachtet wird.
Gruß Volker

altautonomer hat gesagt…

In den USA will amazon jetzt Zweitschlüssel für Wohnungen, damit Pakete in Abwesenheit des Wohnungsinhabers direkt zugestellt werden können und nicht im Depot abgeholt werden müssen. Dieses Angebot zum legalen Tageseinbruch würde ich derzeit -falls in Deutschland eingeführt- mit 4,95 Euro auch noch bezahlen.

Quelle: https://tinyurl.com/z2cosmy