Mittwoch, 8. November 2017

Die "bürgerliche Mitte": Von Ratten und Menschen


In der jüngsten Ausgabe der Satiresendung "Die Anstalt" haben die Kabarettisten Max Uthoff, Claus von Wagner und ihre Mitstreiterinnen sehr hübsch herausgearbeitet, wie der neoliberale Umbau der Welt seit 1947 gezielt und geplant von diversen LobbyistInnen und entsprechenden, für diesen Zweck gegründeten und miteinander vernetzten "Think Tanks" durchgezogen wurde. Leider wird auch dort das Wort "Kapitalismus" strikt vermieden, so dass wieder einmal die – möglicherweise gar nicht beabsichtigte – Illusion kolportiert wird, es könne im Gegensatz zum bösen, neoliberalen Kapitalismus auch einen "guten" Kapitalismus geben. Das ist freilich absurder Blödsinn.

Was diese schäbige, zerstörerische und zutiefst infantile Ideologie, die längst religiöse, fundamentalistische Züge angenommen hat, mit vielen Menschen anrichtet, ist indes allerorten zu beobachten. Ein weiteres von so vielen Beispielen las ich kürzlich in einer Kolumne von Mely Kiyak bei Zeit Online. Dort heißt es zum Thema Obdachlosigkeit in Berlin unter anderem:

Der grüne Berlin-Mitte-Bürgermeister Stephan von Dassel ließ mit großem Tamtam und flankiert von Interviews verlauten, dass "50 besonders aggressive" osteuropäische Obdachlose den Tiergarten verdrecken würden. Er forderte Abschiebungen nach Polen. (...) / "Die Ratten kann man nur bekämpfen, wenn die Menschen weg sind", sagte die Pressesprecherin des Bezirks Friedrichshain-Kreuzberg. Sie ließ eine "Räumung aus hygienischen Gründen" anordnen. (...) / Gern wäre man dabei gewesen, wenn zwei Sozialarbeiter die Menschen darauf hinwiesen, dass sie sich in einem Wärmebus einen Becher Tee abholen dürfen, derweil ihre Zelte und Matratzen und ihr letztes Hab und Gut vor ihren Augen auf den Müll wanderten. Worauf sie wohl in den kommenden Nächten schliefen? Auf nassem Laub?

So sind sie, die kapitalistisch verdorbenen Menschen – und dies ist exakt die perverse Welt, die sich Kapitalisten ("Neoliberale") herbeiträumen und die sie in weiten Teilen längst erreicht haben. Da fällt einem "Grünen" die abgrundtiefe Menschenfeindlichkeit, die er ausposaunt, gar nicht mehr auf; und für den angeschlossenen Partei- und Behördenapparat ist es offenbar eine Selbstverständlichkeit, eine wie auch immer postulierte "Rattenplage" mit – in diesem Fall etwa 50 – obdachlosen Menschen in Zusammenhang zu bringen, was an sich schon grotesk ist, und in der Folge nicht etwa diesen Menschen zu helfen, indem man ihnen beispielsweise schlicht Wohnraum anbietet, sondern sie stattdessen polizeilich vertreiben lässt.

Aus allen diesen Worten und Taten brüllt uns der Faschismus entgegen – und zwar unverhohlen und ganz ohne pseudodemokratische Maske. Man sieht: Die AfD wird gar nicht gebraucht – die Drecksarbeit der menschenfeindlichen Umsetzung der kapitalistischen Zerstörung erledigen die Parteien der "bürgerlichen Mitte" auch ganz ohne die Hilfe der offen Rechtsradikalen. Das obige Beispiel ist nur das Schneeflöckchen auf der Spitze des Eisberges.

Es führt wohl kein Weg daran vorbei endlich anzuerkennen, dass die "bürgerliche Mitte" Deutschlands mittlerweile wieder Hakenkreuzarmbinden trägt, auch wenn sie dies reflexartig sehr erbost von sich weist. Mir wird speiübel, wenn ich mir vorstelle, wohin das führen kann – bzw. zwangsläufig führen muss.

Kommentare:

jakebaby hat gesagt…

Die Franzosen hatten auch schon prima Ideen zur Entsorgung Obdachloser. https://jakester-express.blogspot.com/2008/03/gas-homeless-fuck-handicaped.html
Das wurde uA. von der State Secretary in charge of Foreign Affairs and Human Rights unterstuetzt. ... Bravo!

Nebenher .... dachte ich wirklich der Gerhard Mueller ist Satire, (Davon muss ich immer noch ausgehen) da ich mich ansonsten fragen muesste, wann man denn die geschlossenen Anstalten geschlossen hat. ;-)

Mein Bruder fluechtete vor ein paar Monaten nach Oesterreich ... wo Alles viel besser ist .. so wie auch bei mir in den Staaten. :-)

Gruss
Jake

Troptard hat gesagt…

Weil Jakebaby Frankreich angesprochen hat:

Diese Banlieues, diese anghäuften Ansammlungen von Sozialwohnungen, in denen nur arme Franzosen und Nordafrikaner noch Unterschlupf finden, also nach dem Verständnis der französischen Elite, dem Mittelstand und nicht zu vergessen des besser situierten französischen Proletariats, sind das genau die Brutstätten für Gewalt, die grosse Gefahr für die intakte bürgerliche Gesellschaft.

Und so der vorletzte Präsident der Republic Francaise auch folgerichtig: Man muss da mit dem Karcher reingehen und diesen ganzen Dreck wegspülen.

Ehrlich gesagt, habe ich aus einer gewissen intellektuellen Perspektive sogar Symphatie für solche Menschen, nicht weil ich sie für besonders intelligent halte, sondern für unheimlich berechnend und auch aus einem Minderwertigkeitskomplex heraus.

Ich würde die auch gerne mal mit einem Karcher wegspülen. Und immer wieder komme ich zu der Erkenntnis, dass den Kritikern des Kapitals stets genau das fehlt, was sie brauchen. Die finanziellen Mittel , die sie selbst nicht haben, und die Gewaltmittel, um Macht ausüben zu können, die physischen Gewaltmittel.

Frage: Ist es überhaupt eine intelligente Idee gegen die unendlichen Verwerfungen des Kapitals täglich neu und ohne Erfolg anzuschreiben? Oder sollte man sich einfach abschalten und warten, wie sich das System selbst zerstört?

jakebaby hat gesagt…

" Ist es überhaupt eine intelligente Idee gegen die unendlichen Verwerfungen des Kapitals täglich neu und ohne Erfolg anzuschreiben? Oder sollte man sich einfach abschalten und warten, wie sich das System selbst zerstört?"

Ist doch schon abgeschalten. Ein paar sagen noch was, andere schmeissen hin, ein paar Neue tauchen auf/verschwinden wieder, man wird von allen Seiten bekriegt/bekriegt sich untereinander, etc. ... und das System geht, wenn ueberhaupt, erst dann unter, wenn es Alles am Arsch hat.
Dagegen gibts weder politisch noch auf der Strasse eine Lobby.

Gruss
Jake

PS. Die Ueberlebenden des System. https://www.youtube.com/watch?v=h1BQPV-iCkU

Charlie hat gesagt…

@ Troptard: Ob es eine "intelligente" Idee ist, "gegen die unendlichen Verwerfungen des Kapitals täglich neu und ohne Erfolg anzuschreiben", will ich nicht beurteilen. Allerdings frage ich mich in der Tat in regelmäßigen Abständen immer wieder, ob das eine sinnvolle Tätigkeit ist - und meine Antwort darauf lautet ebenso regelmäßig: Nö.

Vielleicht kennst Du ja den kleinen, schon recht alten Film "- trotzdem!", in dem vom Windmühlenkampf des Dichters Émile Zola gegen den Antisemitismus seiner Zeit in der sogenannten Dreyfus-Affäre berichtet wird. Die Figur des gealterten Zola antwortet am Schluss dieses Spielfilmes auf die Frage eines Kindes, weshalb man einen aussichtslosen Kampf denn trotzdem weiterführen solle, mit eben jenem titelgebenden Wort: "Trotzdem!"

Liebe Grüße!

Charlie hat gesagt…

@ Jake: Der Ausschnitt aus "Wall-E" ist in der Tat mehr als passend. Dummerweise hat dieser Film aber - natürlich! - ein hanebüchenes Happy End, das es in unserer Welt - in welcher Form auch immer - schwerlich geben wird ... ;-)

Liebe Grüße!

Fluchtwagenfahrer hat gesagt…

Moin Männers,
Ob es eine "intelligente" Idee ist?
Scheiße ja! Immer einmal mehr!(würden die Scheiß Tassen sagen)
Alle Dummbügel hier und woanders werden schon seid Jahrzehnten durch ständiges Wiederholen von Lügengeschichten so mental verbogen das sie schon in ein Spiegelkabinett gehen müssen um mal wieder gerade aus zu sehen.
Wenn ich um mich herum schaue, wenn die sog. Mächtigen und deren Schreibhuren uns mal wieder die Welt erzählen, wenn das Glöckchen bimmelt und ihnen der Geifer aus der Fresse tropft, sage ich nur: Wiederstand!, sag es, schreib es, brüll es ihnen in ihre selbstgefälligen, zu dummen, zu faul zum selber denkenden, Hackfressen.
In diesem Sinne
brodelnde Grüße

Charlie hat gesagt…

@ Fluchtwagenfahrer. DANKE! Ich hätte es nicht brodelnder formulieren können!

Knieende Grüße! :-)

altautonomer hat gesagt…

Troptard, Jake, Fluchtwagenfahrer und Charlie:

Die Feministin Franziska Schutzbach schreibt zur Abwertung des Diskurses gegenüber der politischen Praxis einen interessanten Text. Auszug:

"Diskursive Interventionen und Auseinandersetzung – und damit verbunden Veränderungen im Denken – sind meines Erachtens entscheidend für die Herstellung von Gerechtigkeit, für gesellschaftspolitische Veränderungen. Oder anders gesagt: Veränderungen im Denken SIND bereits Teil der so genannten konkreten Veränderung. Ich wende mich entschieden dagegen, das Denken, Kritisieren oder Analysieren und das Konkrete überhaupt zu trennen. ‚Theorie‘ und ‚Praxis‘ können nicht getrennt werden. Solche Trennungen werden oft konstruiert, um das Denken, das Utopische, das Kritische abzuwürgen. Um dem ‚Konkreten‘, dem Praktischen einen Vorrang zu attestieren.

Es wird schnell gesagt: Das ist dieses elitäre Elfenbeinturmgetue. Dabei wird eben vergessen, dass (emanzipatorische) Praxis ganz entscheidend mit dem Erkennen und Benennen von Herrschaftsverhältnissen einhergeht. Vergessen geht auch, dass das Formulieren von Kritik ganz und gar nicht nur ein akademisches Projekt ist, sondern im Gegenteil, oft ‚von unten‘ kommt. Es sind ja nicht selten marginalisierte Menschen, die ihre Erfahrungen Jahrzehnte lang artikulieren, die ein kritisches Wissen aufbauen und ins Bewusstsein der Gesellschaft bringen, ein Wissen, auf das sich konkrete Gesetze oder Handlungsweisen eben dann beziehen, das diese überhaupt möglich macht.

Ich finde es teilweise wirklich beschämend, wie sehr die „Taten“ den „Worten“ hierarchisch gegenüber gestellt werden."

https://franziskaschutzbach.wordpress.com/2017/10/02/worte-statt-taten/

Troptard hat gesagt…

Hallo Altautonomer,

vielen Dank für Deinen Hinweis!

Franziska Schutzbach ist Professorin an der Uni in Basel, dies als Ergänzung. Der akademische Betrieb musste sich schon immer dem Vorwurf aussetzen, dass er in einem Elfenbeinturm lebt und keine Erkenntnise abliefert, die für die Umsetzung in der Praxis tauglich sind.

Wer solch einen Anspruch ausserhalb des akademischen Betriebes vertritt, sollte sich zumindest darüber bewusst werden, dass die akademische Forschung und dessen Lehrbetrieb eigenen Regeln und Anforderungen unterliegen.
Eine Universität bleibt auch dann noch eine bürgerliche Einrichtung, wenn es dort noch vereinzelt kritische Studiengänge geben sollte. So ist deren Anspruch, heute sicherlich noch viel weniger als zu meiner Zeit geeignet, "Anleitungen" oder ein "Bewusstsein" für die praktische Umsetzung bzw. Veränderung zu liefern.

Um das aus meiner Sicht etwas anschaulich zu machen: Sofern die " Kritik der politischen Ökonomie " noch gelehrt wird, so macht es einen Unterschied, ob ich wissenschaftlich methodisch das Thema angehe, von Ricardo über Adam Smith bis zu Karl Marx, die Differenzen in der Betrachtung der Schaffung des Werts betrachte, oder ob ich die " Kritik der politischen Ökonomie" philosophisch angehe und den Schwerpunkt auf das gesellschatsverändernde Potential lege.

Ich kann Studenten auch einige Semester damit beschäftigen, ob der Wert bereits in der einzelnen Ware steckt oder erst in der Zirkulation entsteht.

Für mich sind da sog. Theorieansätze ausserhalb der Universität bedeutend anregender.

Davon wiederum abgesehen, habe ich da eine Vorstellung vom Menschen, dass der durchaus fähig ist, verschiedene Denkangebote anzunehmen und zu verarbeiten und es nicht daran liegt, dass man ihm nicht lange genug einen Trichter auf's Gehirn gesetzt hat.

Ich finde es nicht fehlerhaft auch daran zu denken, dass eine linke Alternative zur Zeit wenig attraktiv ist.

Und noch etwas ohne belehrend rüber zu kommen: Aus seiner Linken Einstellung sollte man keinen Beruf machen, aus seiner humanistischen schon und die sollte nicht nur für den Menschen gültig sein.

LG





Charlie hat gesagt…

@ Troptard: Vielleicht habe ich Dich falsch verstanden - aber könntest Du kurz umreißen, was Du damit meinst, dass der Humanismus "nicht nur für den Menschen gültig sein" solle? Ich habe einige Zeit über diese Formulierung nachgedacht, komme aber zu keiner sinnvollen Schlussfolgerung, ohne die Worte zu verbiegen. Vielen Dank!

Liebe Grüße!

Troptard hat gesagt…

@ Charlie,

ich muss zugeben, dass ich mich häufig so ausdrücke, als wären auch meine Gedanken lesbar. Was mich täglich bedrückt sind die Nachrichten über die Misshandlung, Quälerei und Abschlachtung von Tieren.

Zur Zeit werden in Frankreich vermehrt die Kadaver von Hirschen ohne Kopf gefunden, mal eine Katze mit abgeschnitten Füssen, eine andere am Schwanz aufgehängt, bis sie Tod war, ein kranker Hund in einen Graben geworfen und der Abscheulichkeiten mehr.

Ich frage mich da ernsthaft, wie man mit "diesem" Menschen eine bessere Welt erreichen will, wenn man nicht nur den Kapitalismus als einzige deformierende Quelle dafür als Erklärung akzeptiert, für dieses destruktives Verhalten und dies auch seiner eigenen Spezies gegenüber.

Also schleicht sich bei mir immer mehr ein tiefes Misstrauen gegenüber dieser "Spezies" ein und ihrem ungebrochenen Fortschrittsglauben.

Charlie hat gesagt…

@ Troptard: Vielen Dank für die Klarstellung, der ich mich einschränkungslos anschließe. Ich würde dafür zwar nicht den Begriff "Humanismus" benutzen, aber das sind in der Tat Wortklaubereien, die hier ohne Belang sind.

Aber was will man von einem System, dem die Menschenwürde am After vorbeigeht, schon erwarten, wenn es um den Tierschutz oder gar die Tierrechte geht? Da bleibt bloß noch die Frage offen, ob Menschen auch ohne den kapitalistischen Profitzwang dazu fähig gewesen wären, Hühner-, Schweine- und Rindersorten zu züchten, die einzig auf Fleisch- bzw. Milch- oder Eiermaximierung ausgerichtet und die außerhalb der Qualzucht gar nicht mehr überlebensfähig sind?

Meinen ehemals "guten Glauben" an das Potenzial der Menschheit habe ich persönlich jedenfalls längst verloren.

Liebe Grüße!