Donnerstag, 4. Januar 2018

Realitätsflucht (40): Vendetta


Zu dem Spiel, das ich heute vorstellen möchte, sind einige Vorbemerkung nötig. Ursprünglich wurde das Rollenspiel "Raven's Cry" bereits 2013 veröffentlicht – damals allerdings in einer völlig unspielbaren, verbuggten und unfertigen Version, so dass es in nahezu allen Testberichten – völlig zu recht – verrissen und sogar zum "schlechtesten RPG" der Computerspielegeschichte gekürt wurde. Der polnische Entwickler Reality Pump, der u.a. das grandiose Werk "Two Worlds II" zu verantworten hat, gönnte sich daher zwei Jahre Zeit und überarbeitete das Spiel komplett, so dass es in der neuen Fassung unter dem Titel "Vendetta – Curse of Raven's Cry" im Jahr 2015 neu erscheinen konnte. Auf diese Version – genauer gesagt, auf die sogenannte "Steelbook"- bzw. "Deluxe"-Edition – bezieht sich dieser Bericht.



Ich habe das Spiel, das auch nach über zwei (bzw. fünf) Jahren noch immer sehr teuer ist, vor einigen Monaten geschenkt bekommen. Ich kannte die Vorgeschichte und bin entsprechend skeptisch an die Sache herangetreten – wer nicht viel erwartet, kann auch nicht sonderlich enttäuscht, dafür aber umso überschwänglicher überrascht werden. Aber der Reihe nach:

In "Vendetta" schlüpft der Spieler in die Rolle des unsympathischen Piratenkapitäns Christopher Raven, der mit seinen Mannen die Karibik des späten 17. bzw. frühen 18. Jahrhunderts unsicher macht. Der unwirsche Zeitgenosse befindet sich auf der Suche nach den Schurken, die seine Familie einige Jahrzehnte zuvor gemeuchelt und ihn zum einhändigen, nunmehr mit einem obligatorischen Eisenhaken statt der linken Hand ausgestatteten Waisenknaben gemacht haben, um schnöde Rache zu üben. Damit ist zur Geschichte auch schon das Nötigste gesagt – was die Entwickler jedoch daraus gemacht haben, hat mich – und das schreibe ich gewiss nicht leichtfertig – regelrecht umgehauen.

Es gibt in der frei zugänglichen Spielwelt eine Vielzahl von Orten und Inseln zu entdecken, an denen unzählige Quests und Aufgaben auf den Spieler warten – und keine einzige davon besteht aus dem in diesem Genre sonst so üblichen "Suche 10 X und bringe sie zu Y": Immer ist eine Geschichte mit den Aufgaben verknüpft, die oft sehr witzig, manches Mal aber auch sehr dramatisch ist. Der Piratenkapitän kämpft dabei wie gewohnt mit dem Schwert und der Pistole, kann sich aber auch an Gegner heranschleichen und sie still meucheln oder aus der Ferne mit Wurfmessern ins Jenseits befördern.



Glücklicherweise fehlt diesem Spiel jedwede Anbiederung an das Fantasy-Genre: Es gibt in "Vendetta" weder Magie noch irgendwelche Monster, Zombies, Skelette oder sonstiges Übernatürliches – man hat es stets mit der lokalen Tierwelt, meist aber mit menschlichen Gegnern unterschiedlichster Art zu tun. Dabei gibt es oft verschiedene Möglichkeiten, eine Aufgabe bzw. einen Konflikt zu lösen – nicht immer ist Gewalt vonnöten, und jede Entscheidung, die der Spieler trifft, hat Konsequenzen für den weiteren Verlauf des Spieles; mal sind es nur marginale Feinheiten, manchmal aber auch weitreichende, nicht mehr änderbare Folgen.

Eine zweite Ebene stellt die Schifffahrt in diesem Spiel dar. Wie es sich für einen Piratenkapitän gehört, hat Christopher Raven natürlich ein Schiff – und sticht damit regelmäßig in See. Allerdings benutzt er es nicht nur, um von der einen zur nächsten Insel zu gelangen, sondern es geht – wie sollte es auch anders sein – um Kaperfahrten und Seeschlachten. Dieser Aspekt, den ich aus keinem anderen Spiel in dieser Form kenne, hebt "Vendetta" in den Olymp der Spiele dieses Genres, auch wenn die Seeschlachten, die aus Kanonenkämpfen mit verschiedener Munition (Kanonenkugeln zur Beschädigung des Rumpfes, Ketten zur Zerstörung der Segel und Schrot zur Bekämpfung der gegnerischen Mannschaft) sowie dem optionalen Entern und Ausrauben des gegnerischen Schiffes bestehen, unglaublich schwierig sind. Zu Beginn, wenn man nur ein kleines, spärlich ausgerüstetes Schifflein hat, sollte man jedes Seegefecht tunlichst meiden, da der eigene Kahn sowieso unweigerlich schnellstens versenkt wird und man beim letzten Speicherpunkt wieder neu beginnen darf. Natürlich kann man das Schiff aber für entsprechend viel Gold, das man sich erst erarbeiten muss, aufrüsten – und wenn man durch die Lösung von Quests, durch Diebstähle, durch Kaperfahrten und/oder Handel genug Kohle erwirtschaftet hat, kann man sich auch bessere Schiffe leisten, von denen es insgesamt fünf gibt. Aber wie gesagt: diese Kämpfe sind schwierig, zumal man auch stets im Auge behalten muss, dass die Munition sowie der Proviant für die Besatzung ausreichend vorhanden sein müssen – schließlich tritt man meist allein gegen drei, vier oder sogar fünf gegnerische Schiffe an, und eine "unzufriedene" bzw. "unversorgte" Mannschaft wird meutern.



Selbstverständlich gibt es auch in "Vendetta" ein Minigame, das man in den vielen Tavernen der verschiedenen Orte spielen kann. Hier waren die Entwickler leider weniger kreativ und bieten nur Würfelpoker an, das allerdings auch einigen Spaß bereiten kann, wenn man sich darauf einlässt.

Insgesamt ist das Spiel – verglichen mit den beiden letzten "Risen"-Teilen, "Skyrim" oder "The Witcher 3" – ziemlich schwierig. Dazu sei nur am Rande erwähnt, dass ich es tatsächlich geschafft habe, von den vielen "Erfolgen", die man im Verlauf des Spieles freischalten kann, bereits im Tutorial, also ganz zu Beginn, den ersten errungen habe, nämlich: "Sprenge dich selbst in Luft!". :-) Das schaffe eben nur ich, der Grobmotoriker. – Aber das Tutorial: Was so heißt, ist in Wahrheit gar keines, denn das Spiel stürzt den Spieler zu Beginn in ein völliges Chaos, in dem er weder weiß, was er tun, noch wohin er gehen soll. Erklärt wird hier fast nichts – man muss blind und von schießwütigen Feinden umgeben herumirren und hoffen, auf dem richtigen Weg zu sein – und stirbt dabei oft (jedenfalls war das bei mir so). Da gibt es keinen netten Onkel, der den Spieler an die Hand nimmt und leitet. So, genau so soll es sein!



Aus technischer Sicht ist an dem Spiel nichts auszusetzen: Die Grafik ist fantastisch – in irgendeinem Bericht las ich, sie sei gar mit "The Witcher 3" vergleichbar, was nicht ganz stimmt, aber auch nicht völlig aus der Luft gegriffen ist. Auf meinem Win7/64-System läuft das Spiel problemlos und ohne jeden Absturz. Steam oder irgendein anderer Krake ist zum Glück nicht erforderlich. Völlig bugfrei ist es dennoch nicht, allerdings betrifft das eher Kleinigkeiten, die nicht weiter erwähnenswert sind. Die vielen Dialoge sind professionell vertont, die Musik ist – mit einer Ausnahme – sehr passend: Natürlich gibt es in diesem Spiel eine Menge Seemannslieder zu hören, die in Kneipen oder auf der Straße geschmettert werden; allerdings gehören dazu auch einige karibische Gassenhauer, für die ausgerechnet Roberto Blanco angeheuert wurde. Deshalb gilt: Wenn du durch eine Stadt auf einer karibischen Insel schlenderst und aus der Ferne des Robertos Geheule an dein Trommelfell dringt, nimm flugs die Beine in die Hand und renne um die nächste Ecke, dann hast du es zum Glück wieder nur mit Besoffenen, Kotzenden, Dieben, Mördern, Huren und an die Häuserwände Pissenden zu tun. Wahlweise kannst du dem Sänger natürlich auch einfach den Säbel in den Hals stechen und die entsprechenden Konsequenzen tragen.



Fazit: "Vendetta" ist das Spiel, das "Risen 2" bzw. "Risen 3" hätte werden sollen und wischt mit beiden locker den Boden auf: Wer dieses Spiel gespielt hat, kann nie wieder die Biene-Maja-Welt der beiden Piranha-Bytes-Titel betreten. Ich habe mich selten zuvor so sehr in einem "politisch gänzlich inkorrekten" Spiel verloren und köstlich amüsiert. Nach der völlig verkackten Veröffentlichungsgeschichte ist es ein Jammer und ein großes Drama, dass dieses nunmehr endlich fertige und fantastische Spiel dennoch kaum Resonanz erfahren hat und weitgehend unbekannt bzw. unbeachtet geblieben ist: "Vendetta" ist das subversive "Gothic" von 2015.


Kommentare:

Eike Brünig hat gesagt…

Ich werde mir wegen den Spielen immer noch keine DRM-Portale installieren.

Charlie hat gesagt…

@ Eike: Du hast nicht richtig gelesen: Für dieses Spiel ist gerade kein Steam- oder sonstiger Account nötig. So etwas Altertümliches stirbt allerdings aus, das ist wahr.

Liebe Grüße!

Eike Brünig hat gesagt…

Ich bin davon ausgegangen, da ich unter http://www.vendetta-game.com/de/ nur die Musik von Roberto Blanco fand und Kaufen, Laden und Testen m. E. nur via http://store.steampowered.com/app/386280/Vendetta__Curse_of_Ravens_Cry/möglich ist.
Wer hätte es gedacht, dass der Schlager auch die Spielewelt erobert. :D Freuen wir uns auf Quake 8k bzw. Dooom 9 mit Florian Silbereisen unter Anmoderation von Carmen vernebelt dir das Hirn.

Charlie hat gesagt…

@ Eike: Jep, Du kannst das Spiel über Steam beziehen und laufen lassen, musst es aber nicht. Ich habe die DVD-Version, die mich bei der Installation nicht einmal gefragt hat, ob ich Steam benutzen will.

Zu Roberto Blanco habe ich ja schon alles wesentliche gesagt. :D Allerdings singt der alte Mann hier keine Schlager, sondern, wie erwähnt, karibische Gassenhauer wie beispielsweise "La cucaracha" oder "La bamba" - auf gehirntötende Weisen wie "Ein bisschen Spaß muss sein" etc. muss man sich also nicht einstellen. ;-)

Für mich ist "Vendetta" das beste RPG seit den lange vergangenen Zeiten von "Risen" (Teil 1) und "Gothic" (Teile 1 bis 3), und das eben in einem angemessen "zeitgenössischen" (grafischen und spieltechnischen) Rahmen. Da verschmerze ich sogar einen albernen Roberto Blanco, der gelegentlich beim Vorbeigehen für einige Sekunden meine Hörnerven malträtiert. ;-)

Liebe Grüße!